6. Barock (ca. 1600-1720)

1.) Das Zeitalter des Barock (von port. "barocco" = schiefrunde Perle) ist die erste Epoche, in der die deutsche Sprache im europäischen Rahmen gleichrangig dasteht und nach dem stofflichen und stilistischen Durcheinander des 16. Jhdts. wieder ein relativ geschlossener Kunststil vorhanden ist. Der entscheidende Schritt zur Überwindung der "lateinischen Tradition", auf der die kulturelle Einheit des christlichen mittelalterlichen Abendlandes beruht hatte, ist getan.
Das (oder "der") Barock liegt damit als ästhetisch bestimmte Einheit zwischen dem weltanschaulich bestimmten Reformationszeitalter und der vom Philosophischen ausgehenden Aufklärungsepoche.
2.) Der Bedeutung des Wechsels von der lateinischen Gelehrtensprache zur deutschen Muttersprache entspricht die große Rolle, die die Sprachpflege spielt. Es wurden allerorten Sprachgesellschaften gebildet, die der Reinerhaltung der eigenen Sprache und der Entwicklung einer eigenen Poetik (Dichtungslehre) dienen sollten.
Wichtigster Vertreter ist Martin Opitz mit seinem "Buch von der deutschen Poeterey" (1624), einer ersten systematischen Darstellung mit vielen normbildenden Beispielen.
3.) Den politischen Hintergrund bildet der aufkommende und sich durchsetzende fürstliche Absolutismus, in dem der Adel entmachtet und ein bürgerlicher Beamtenstand aufstieg, der die soziale Basis für die Literatur bildete, wenngleich er seine Themen und Normen noch aus der alten ständischen Welt bezog.
Der Schriftsteller des 17. Jhdts. brauchte die Stütze des fürstlichen Mäzenatentums, verlor aber dadurch einen Teil seiner geistigen Freiheit und objektiven Sicht. Der Auftraggeber wurde weltanschaulich bestimmend. Dem Dienstwechsel entsprach häufig ein Gesinnungswechsel. Vielfach waren die Höfe jedoch echte künstlerische Zentren und boten den Künstlern oft bessere Entfaltungsmöglichkeiten als die bürgerlichen Städte. Mittelpunkte dieser Hofkunst waren Wien, Dresden, München, Stuttgart, aber auch viele kleinere Hauptstädte. Insgesamt erhielt die Dichtung einen öffentlichen, repräsentativen Charakter. Dadurch ergab sich auch, dass die Literatur immer noch auf eine kleine gebildete Schicht beschränkt war. Gelehrsamkeit war unbedingte Voraussetzung für den Dichterberuf. Kunst wurde vor allem handwerklich begriffen. Intuition spielte keine wesentliche Rolle (vgl. später noch Gottscheds Anleitung zur Herstellung eines Trauerspiels!).
4.) Zu dem politischen Hintergrund gehört aber auch der 30-jährige Krieg (1618-1648) mit seinen ungeheuren menschlichen und materiellen Opfern, der ein allgemeines Gefühl des Pessimismus und der Todesangst hervorbrachte. Im Gegensatz zu der ebenfalls vom "Memento mori! („Gedenke des Todes“) bestimmten Literatur des 11.Jhdts standen jetzt Vergänglichkeitsgefühl und Lebenshunger in einer antithetischen Spannung, die bis in die künstlerischen Mittel durchschlug.
5.) Neben dem Vergänglichkeitsgefühl ist für die Barockliteratur das Artistische, das handwerkliche Können („Kunst“) kennzeichnend. Zum Teil kam es zu einer Überbetonung der Form. Man häufte, türmte, variierte die antiken Kunstformen und Bilder, man liebte das Gesuchte, Weithergeholte, Manirierte. Typisch sind die Allegorie und die Emblematik, eine auf der Kenntnis eines traditionsreichen Systems von Beziehungen und Bedeutungen beruhende Kunst der Anspielung und Verweisung.
("Emblem" = eigentlich eingelegte Goldschmiede - Arbeit, dann Kennzeichen, Abzeichen, Sinnbild, so noch im heutigen Sprachgebrauch, z.B. für Zunftsymbole des Handwerks; im Barock Verbindung von bildender Kunst und Dichtkunst ("Gemälpoesy") durch Kombination von Motto, gemaltem Bild und Epigramm).
6.) Dem öffentlichen Charakter der Barockliteratur kam am meisten das Theater entgegen. Es war in erster Linie Schau. Schauspieler und Inszenierung traten in den Vordergrund, gestützt von den technischen Möglichkeiten der sich durchsetzenden Illusionsbühne. Besonders die Oper repräsentierte barocke Prachtentfaltung und die Verschmelzung der Künste.
Neben den deutschen Dramen standen die besonders im Süden verbreiteten lateinischen Jesuitendramen, die vor allem der Gegenreformation dienten.
7.) In der Epik verschwanden die kürzeren Gattungen fast völlig. Der umfangreiche, vielsträngige heroisch - galante Roman mit seinen Exempla schrecklicher Ereignisse stand im Vordergrund.
Im Gegensatz dazu stand der aus Spanien stammende Schelmenroman, der in Grimmelhausens "Simplicissimus" seinen deutschen Höhepunkt fand. Grimmelshausen erlebte den Krieg und die Plünderungen in seinen ersten 25 Lebensjahren. Der „Simplicissimus“ trägt starke autobiografische Züge, die die Elemente der Ironie und vor allem der Satire beinhalten. Satire heißt: durch Übertreibung, Ironie und Spott Kritik an Personen und Ereignissen üben. Der Schelmenroman verdeutlicht das typische antithetische barocke Lebensgefühl.
In seinem Hauptwerk, dem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus“, schildert er den Überfall von Soldaten auf einen Bauernhof:

Das erste, das diese Reuter taten, war, dass sie ihre Pferd einstellten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, denn obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, dass es sah, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben (...); andere machten von Tuch, Kleidungen und allerlei Hausrat große Päck zusammen, als ob sie irgends ein Krempelmarkt anrichten wollten, was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, wurde zerschlagen, etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht Schaf und Schwein genug zu stechen gehabt hatten, etliche schütteten die Federn aus den Betten, und fülleten hingegen Speck, andere dürr Fleisch und sonst Gerät hinein, als ob alsdann besser darauf zu schlafen gewesen wäre. Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam als hätten sie ein ewigen Sommer zu verkündigen (...)‚ Hafen und Schüsseln musste endlich alles entzwei, entweder weil sie lieber Gebraten aßen, oder weil sie bedacht waren, nur ein einzige Mahlzeit allda zu halten; unser Magd ward im Stall dermaßen traktiert, dass sie nicht mehr daraus gehen konnte, (...) den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, stecketen ihm ein Sperrholz ins Maul, und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in Leib, das nenneten sie ein Schwedischen Trunk, (...) einem andern machten sie ein Seil um den Kopf und drehten es mit einem Bengel zusammen, dass ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren heraus sprang. In Summa, es harte jeder seine eigene Invention, die Bauren zu peinigen, und also auch jeder Bauer seine sonderbare Marter.
8.) Die Lyrik hatte nicht das Gewicht von Dramatik und Epik, weil ihr das repräsentative Moment fehlte. Sie hatte einen eher unterhaltenden Charakter, war Gesellschafts- nicht Erlebnislyrik. Wichtige Spielarten waren das Epigramm und das sorgfältig "gemachte" Sonett. In diesem Zusammenhang ernster zu nehmen sind die stark "weltanschaulichen" Gedichte von Andreas Gryphius (z.B. "Es ist alles eitel").
9.) Abgelöst wurde der Barock von einer Doppelströmung: der individualistisch - pietistischen Frömmigkeit der sog. Empfindsamkeit und den demokratisch - pädagogischen Gedanken der Aufklärung.

Beispiel: Andreas Gryphius, Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden:
Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles dies, was wir vor köstlich achten
Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesen-Blum, die man nicht wiederfindt.
Noch will, was Ewig ist, kein einig Mensch betrachten!

Zusammenfassung: Die barocke Dichtung zeichnet sich durch zahlreiche sprachliche Bilder (Metaphern) und Vergleiche aus. Das Zeitalter des Barock war durch Pestepidemien und den Dreißigjährigen Krieg geprägt. Dies zeigte den Menschen die Vergänglichkeit alles Irdischen und führte entweder zu einer stark pessimistischen Lebenseinstellung oder auf der anderen Seite zu Genusssucht und Lebensgier, um sich der wenigen zur Verfügung stehenden Jahre zu erfreuen. Diese verschiedenen Haltungen bezeichnet man als barocke Antithetik. Im „Abenteurlichen Simplicissimus“ finden wir beide Elemente vereinigt: Nach zahlreichen wechselvollen Schicksalsschlägen wendet sich Simplicissimus als Einsiedler von der Welt ab.

Aufgaben:
Die Lebensumstände können die Dichtung eines Schriftstellers beeinflussen und prägen. Erläutere dies am Beispiel von Grimmelshausen.
Was ist mit dem Begriff „barocke Antithetik“ gemeint? Erläutere dies an dem Titelbild dieses Kapitels.
Zeige am Quellentext „Überfall auf einen Bauernhof“ satirisch-ironische Elemente auf.