Hier folgt die Abschrift eines Radiobeitrages von Helmut Brackert, der in diesem Beitrag teils als Höraspiel, teils als Dokumentation auf hervorragende Weise die Hintergründe verdeutlicht, die zum Hexenwahmn in Europa beigetragen haben. Es ist ein ziemlich langer Text, aber einfach zu lesen und er enthält ale relevanten Aspekte - von gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen über die Rolle des Papstes, die Bedeutung des Werkes "Der Hexenhammer" und seinen Vorschriften zur "peinlichen Befragung" und die Gegenbewegungen - vor allem Friedrich von Spee und sein gegenbuch "Cautio Criminalis" - "Von den rechtlichen Bedenken".


UNGLÜCKLICHE, WAS HAST DU GEHOFFT?
 
 Trommelschlag scheuchte Katharina vom Lager.  Das kam unten vom Domhof her und näherte sich, unterbrochen von misstönendem Geschrei, dem Frankenturm.
Die Stimme eines Herolds wurde vernehmbar. Katharina stieg auf den Schemel und legte den Kopf an die vergitterte Luke. Sie verstand:
 
„Weil das abscheuliche Laster der Zauberei allenthalben in unseren  Landen wie auch in der uns geistlich gehorsamen Stadt Köln  überhand  genommen, sehen wir uns aus sonderlichem Anlaß und in Ansehung der  unverdienten Gnade  Gottes, welcher diesem Lande das Schicksal der sündhaften Städte Sodom und Gomorrah bislang noch ersparte, aufgerufen und genötigt,  unser im Jahre 1607 erstmals gegebenes Dekret zur Abwendung des erschrecklichen Lasters der Hexerei und Zauberei zu erneuern und zu bekräftigen ..."
 
Mit  jagendem  Puls,  mit Schweiß auf der Stirn ließ sich  Katharina aufs Lager  fallen. Warum die Erneuerung eines zwanzig Jahre alten Dekrets - gerade jetzt?  Warum die Ausrufung vor dem Turm, unmittelbar unter  ihrem Kerker?  Vor  ihrer  Verhaftung hatte sie sich so geborgen im  Stande  der Unschuld  gefühlt.  Was  konnte einer Unschuldigen schon  geschehen? Wer sollte ihr eine Untat, die sie nicht begangen hatte, nachweisen? Hätte sie ein Verbrechen begangen, sie hätte es wahrscheinlich erklären, hätte es in seinen Motiven  und  seinem Ablauf einem gerechten Richter  am Ende gar begreiflich  machen und seiner Nachsicht anheim stellen  können. Und  die Strafe, wie  sie auch ausfallen mochte, wäre ihr vielleicht als  zu hart,  aber doch  nicht als völlig ungerecht  erschienen. Sie aber  war schuldlos,  wußte nichts von Hexen und ihren Künsten. Und doch belasteten sie hochmögende,  feingebildete Herren. 
Eben daraus aber musste sie beängstigende Rückschlüsse auf die Urteilsfähigkeit ihrer Ankläger  ziehen:
Es war  ja nichts anderes denkbar, als dass diese entweder verblendet, also nicht im vollen Besitz ihrer Geisteskräfte waren, oder aber,  wohl schlimmer noch,  dass sie,  böswillig und bestechlich,  selbst im Dienste des  Satans standen.
An den Vormittagen war sie noch zuversichtlich.  Sie machte sich einiges zu tun,  hatte ihr Unterkleid zu waschen,  ihr Leibchen zu nähen. Auch ein  Gebetbuch  hatte  man ihr  endlich bewilligt. Wenn  aber  die Dämmerung einbrach, überfiel sie namenlose Angst.
 
Sie hat allen Grund,  sich zu fürchten.  Diese Frau, die zu Beginn des 17. Jh.  lebte, Katharina  Henot,  Postmeisterin von  Köln, deren  Schicksal Wolfgang Lohmeier in seinem Roman: „Die Hexe“ 1976 nach den Quellen beschrieben hat.
 Sie ist unschuldig. Aber was hilft es ihr? Man glaubt ihrnicht. Ihre Bekenntnisse, ihre Beteuerungen, ihre Schwüre, ihre Bitten und ihr Flehen, schließlich ihre Schreie der Verzweiflung - alles verhallt ungehört.  
Nicht  ganz.
Der  Verfasser stellt  der Frau einen Jesuitenpater an die Seite: Friedrich von Spee,  den Beichtvater der Hexen.  Er weiß, dass die Frau unschuldig ist.  Er versucht alles,  was in seiner Macht steht, die Gefangene  frei  zu bekommen.  Aber seine Bemühungen sind  fruchtlos. Im Gegenteil:  Die Frau wird gefoltert. Als sie auch hier die Anschuldigungen zurückweist, verlangt Spee in einem  Gespräch mit  dem Schöffen  Dr. Homeswinkel erneut ihre Freilassung:
 
„Die Folter ist beendet.  Frau Henot hat trotz der zugefügten Qualen nicht gestanden. Sie ist freizulassen.“
„Bitte - das Folterprotokoll,  lesen sie selbst.  Sie werden mir zugeben: alles nach Vorschrift.“
„Folterprotokoll. Peinliches Verhör der Katharina Henot, gewesene Postmeisterin allhier durch den Foltermeister Herrn Christopher Silberacker in Anwesenheit  der wohlwürdigen Schöffen des Hohen Kurfürstlichen  Gerichtes Herrn Dr. Gerwines Birkmann, Dr. Blanken-berg, Herrn Bössel und als Gast vom kölnischen Gewaltgericht Dr. Johannes Homeswinkel. Dazu zwei Gehilfen des Herrn Silberacker. Delinquentin entblößt. Von Dr. Homeswinkel mit Nadeln gestochen. Drei Punkte ausgemacht, aus welchen kein Blut geflossen. Delin-quentin befragt, ob ihr der Teufel geholfen.
Sie leugnet es.
Darauf von Dr. Birkmann befragt, ob sie die Mordtaten begangen.
Nein, habe sie nicht.
Ob sie wisse, dass sie darauf peinlichst befragt werde.
Sie wisse es.
Ob sie an Hexentänzen teilgenommen.
Sie habe nicht teilgenommen.
Ihr gesagt, dass sie auch darüber befragt werde.
Sie weiß es.
Darauf  der Silberacker sie im Folterhemd auf den Stuhl gesetzt, ihr  die zierlichen Instrumente gezeigt, sie belehrt,  wie sie zu gebrauchen.  Die Folterknechte   darob  nach  Gebühr  und altem Brauch rechtschaffend erschrocken getan.
Delinquentin  sodann die  Daumenschrauben  angelegt. Zugeschraubt.
Dr. Blankenberg sie befragt,  ob sie dem Schulmeister seiner Frau ein Kindlein totgemacht.
Nein, habe sie nicht.
Fester geschraubt.
Seufzt.
Ob sie Raupen gezeugt.
Will es nicht gewesen sein.
Der Silberacker ihr mit dem Hammer auf die Schrauben geklopft.
Schreit.
Ob sie den Pfarrer totgezaubert.
Habe sie nicht.
Ihr die Beinschrauben angelegt.
Ruft:  Soll ich  lügen?  Ich kann es nicht und wenn ihr mir  die Beine zerquetscht.
Die Schrauben angezogen.
Ob sie dem Veit Halfmann ein Kindlein umgebracht.
Nein, nicht.
Der Silberacker darauf die Schrauben heftiger angezogen, dass sich  Blut zeigt.
Schreit: Gott ist mein Zeuge, ich war es nicht.
So  fortgesetzt eine viertel Stunde.
Sie auch mit  schwefligen Hölzlein gespickt.
Nach anderen Untaten gefragt.
Sie darauf: Oh Jesus, ich bin unschuldig.
Sodann unterbrochen.
Die Instrumentlein abgesetzt und Delinquentin,  weil sie nicht mehr allein gehen konnte, in den Grevenkeller zurückgeführt.
 
Köln, 10. Mai, 1627
Theodor Hülsmann
Schreiber des Hohen Kurfürstlichen Gerichtes.“
 
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag:  Sie sollen Gelegenheit haben, sich durch den  Augenschein selbst zu überzeugen,  dass es bei uns sauber und  gerecht zugeht.  Morgen wird die Folter fortgesetzt. Seien Sie unser  Gast.  Die anderen Herren haben bestimmt nichts dagegen. Und da die Folter diesmal in die Mittagszeit fällt, können Sie auch gern am Foltermahl teilnehmen.“
„Sie  wiederholen die Folter??  Das ist verboten!  Die Karolina sagt ausdrücklich ...“
„Wer spricht von wiederholen ...?  Natürlich ist das verboten. Drückte ich mich missverständlich aus? Die Folter wird fortgesetzt - das ist etwas ganz anderes!“
 
Vor der „Fortsetzung“ der Folter versucht man erneut, die  Gefangene zum Geständnis  zu bewegen. Wieder weist sie, wie sie in  einem Brief an ihren Bruder, den Domprobsten  Hartger Henot,  schreibt, alle Anschuldigungen zurück:
 
„Zuletzt,  als die Schöffen weggehen wollten, hielten sie erst noch Rat in einer  anderen Kammer.  Dann kamen sie wieder zu mir.  Sie ließen mir  im Auftrage anzeigen,  dass sie mit der Gerechtigkeit fortfahren wollten, wenn ich  nicht  bekenne.  Ich  bat  sie, sie sollten  mich  auf  Bürgschaft freilassen.  Darauf wollten sie mir keine Antwort geben.  Dreimal bin ich vor ihnen auf die Knie gefallen, habe sie gebeten, dass ich mich gegen diese groben Lügen verteidigen darf,  aber der Homeswinkel hat mich  immer nur verspottet.   Ach, wär  ich  nur heraus! In allem, allem habe ich die Wahrheit bei meiner Seele Heil bekannt. Schick mir einen Doktor, ich bin sehr krank. Sieh zu, dass wir uns verteidigen können, damit ich nicht unschuldig umkomme.
Hiermit Gott befohlen.
In Eile
Köln, im Gefängnis
Katharina“
 
Ein Arzt wäre dringend nötig. Statt dessen aber : neue Folterung. Um die Gefangene in ihrer Verzweiflung  nicht allein zu lassen, nimmt Spee daran teil.
 
„Zögernd hatte sich Spee auf seinen Platz begeben.  Nun spielte sich  alles mit großer Schnelligkeit und Präzision ab.  Die Knechte rissen  Katharinas Arme nach hinten,  banden die Handgelenke zusammen und befestigten sie  an einem Strick, der über einer an der Decke befindlichen Rolle lief. Nachdem man ihr auch die Füße gebunden und mit einem Bleigewicht beschwert hatte, zogen  die Gehilfen den Strick an,  so dass sie sich aus dem Sitzen in  die Höhe  bewegte. Das musste augenblicklich einen maßlosen Schmerz  bewirken.
Sie schrie,  noch ehe die volle Last des Körpers, oder gar das Gewicht, zur Geltung kam.  Auf ein Zeichen Homeswinkels,  der hinter dem Tisch hervortrat,  um  seine Fragen zu stellen,  ließen die Knechte den Körper  wieder etwas  absinken. Ihr Wimmern ignorierend fragte nun  Homeswinkel, handelte sich aber für jede Frage nur ein „Nein“, ein Kopfschütteln, einen Seufzer, ein Stöhnen ein:
 
„Seit wann sie das hochverdammte Laster der Hexerei betreibe.
In welchen Gestalten der Teufel zu ihr gekommen sei.
Was er mit ihr verrichtet habe.
Was er ihr dafür versprochen habe.
Ob er ihr das Mal auf die Stirn gebrannt habe.
Mit welchen teuflischen Pulvern und Salben sie die Leute umgebracht habe.
Was sie der heiligen Hostie für Unehre angetan habe.
Was sie unserem lieben Herrn und der heiligen hochgelobten Jungfrau Maria für spöttische Namen gegeben habe."
 
Als die Delinquentin immer nur verneinte oder  ab-wehrte, unterbrach Homeswinkel die Verlesung des Katalogs und befahl dem Foltermeister, mit der Tortur zu beginnen.
Rücksichtslos zogen die Knechte an. Ein grässlicher Schrei traf Spee bis ins innerste Herz. Ihm  wurde schwarz vor den Augen, er hielt sich mit beiden Händen an der Tischkante fest. Unnatürlich verdreht hing Katharina Henot im Folterzug. Die Arme waren ihr aus den Schultergelenken gerissen, nachdem das ganze Gewicht des Bleiblocks wirksam geworden war.“
 
So  wie Katharina Henot  sind im Europa des sechzehnten, siebzehntenund noch  des achtzehnten  Jahrhunderts  hunderte, nein:   tausende, nein: hunderttausende von Frauen gefoltert worden. So wie  Katharina Henot saßen sie  in Gefängnissen,   in grausigen,  kalten Verliesen ohne Licht,  ohne jegliche Verbindung mit der Außenwelt.  Im Bewusstsein ihrer Unschuld, aber ausgesetzt den wüstesten Beschimpfungen und gröbsten Misshandlungen  durch die Kerkermeister,  immer wieder zu neuen Verhören aus ihren  Drecklöchern herausgeholt.  Immer wieder neuen Peinigungen unterworfen, werden sie sich eine Frage immer wieder gestellt haben:
„Wann kommen wir hier heraus?"
Und sicher  haben viele,  sonst  hätten sie die  Folter  nicht mit solcher Standhaftigkeit ertragen, bis zuletzt noch gehofft.
Aber: Gab es überhaupt Hoffnung?
Die Antwort, die wir heute aus der Rückschau geben können und müssen, ist finster. 
Bis auf wenige Ausnahmen sind die Frauen, die in die Maschinerie der Hexenjagd  hineingerieten,   nicht  wieder  entronnen. Eine   sehr spezifische gerichtliche Verfolgung mit raffiniert ersonnenen,  grauenhaft systematisierten Denunziations- Folter-, Verhör- und Hinrichtungspraktiken,  wie  wir heute sehen:  Resultate zwanghafter religiöser Zwangsvorstellungen, ließ die einmal Angeklagten nicht mehr entkommen. Fragt man,  wie denn die Voraussetzungen  für   solche  Auffassungen und die daraus   resultierende Verfolgungspraxis   geschaffen worden waren, wird  man vor  allem  jenes Werk   nennen  müssen, das, wie der aufgeklärte Pastor Johann Moritz Schwager in seinem Versuc der „Geschichte der Hexenprozesse“ von 1784 nicht ohne Empörung schreibt, von dem „Hexenmeister“ J. Sprenger und seinem Mitbüttel H. Institoris im Jahre 1486 zusammengeflickt und ausgebrütet und 1487 zum ersten Mal in den Druck gegeben wurde,  den „Maleus Maleficarum“ , oder zu deutsch: den „Hexenhammer“. Er erlebte im 15., 16. und 17. Jh. 29 Auflagen und gehört damit zu den meistgedruckten Werken der Frühzeit des Buchdrucks.
Ein Zeichen seiner, jedenfall für die damalige  Zeit, außer-ordentlichen Wirkung. 
Ein weiteres Indiz seiner lang anhaltenden Nachwirkung ist das genannte Buch Schwagers. Es verwendet über die Hälfte seines Umfanges darauf, den Hexenhammer zu referieren und mit  kritischen Anmerkungen zu versehen.  Immerhin:  dreihundert Jahre nach dessen  erstem Erscheinen.
Schwagers Empörung über den „Hexenhammer“ lebt aus einem aufklärerischen Impuls.  Er stellt  die  Geschichte der  Hexenverfolgung dar  als eine Geschichte  der Rasereien,  Torheiten und  Irrtümer,  von der er sich  und seine Leser geschieden weiß:
 
„Jeder einigermaßen gebildete Leser wird es fühlen,  dass  wir wenigstens jetzt  klüger sind, als es unsere Vorfahren vor hundert und mehr Jahren waren. Und wer nicht gar zu große Vorliebe für sein eigenes Zeitalter hat, wird es nicht leugnen,  dass unsere Nachkommen noch klüger sein werden, als wir sind.“
 
Und  man darf hinzufügen: noch klüger sein werden, weil und sofern  sie durch die Lehrmeisterin  Geschichte  sich belehren lassen können. 
Die großen Geschichtsschreiber des Hexenwesens, die alle in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wirkten,  stehen in solcher aufklärerischen Tradition. Ob sie nun vom Anfang des Rationalismus in Europa sprachen, von der Überwindung des mittelalterlichen Geistes oder von der Aufhebung  der schmachvollsten Verirrung des menschlichen Geistes überhaupt- immer gingen sie davon aus,  dass die Geschichte,  gerade dieses  Phänomens, d.h. die allmähliche  Überwindung des Hexenwahns in der  Neuzeit, mit besonderer Deutlichkeit   die  kontinuierliche  und  fortschreitende Entfaltung  der Vernunft,  der Toleranz und der Humanität dokumentiere und dass die zu-nehmende  Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens ihre Auswirkung gefunden habe in einem unbeirrbaren Fortschreiten liberaler Ideen.
Solchem Optimismus, wie er der bildungsbürgerlichen Liberalität des 19. und frühen  20. Jh noch eigen war, stehen wir  heute allerdings fremd gegenüber.
Nach über einem  halben Jahrhundert geschichtlicher Ereignisse, die sich dem Oberbegriff „Vernunft“ in der Regel nicht subsumieren lassen, sehen wir Geschichte  als einen Prozess, dessen Fortschritt allenfalls darin besteht, die Dialektik der Aufklärung zu entfalten.
Der  amerikanische  Historiker Lee,  der am  Ende  des  19.  Jh. wichtige
historische  Werke über  die Inquisition  und über  die  Hexenverfolgung verfasste,  kam dieser Einsicht schon recht nahe, als er das Kapitel „Zauberei und geheime Künste“ seiner Dar-stellung über die Inquisition mit den Worten begann:
 
„Es gibt wenige Dinge, die so unausrottbar sind wie der Aberglaube. Die geheiligten Riten eines entthronten Glaubens werden zur verbotenen Magie des neuen, der auf ihn folgt.“
 
Doch  solche Einsicht  diente ihm  lediglich als  Erklärungsansatz,  die mittelalterlichen und früh-neuzeitlichen Verhältnisse besser zu verstehen, nicht aber als ein zu verallgemeinernder Grundsatz,  dem auch  noch  die neuere Geschichte zu unterwerfen gewesen wäre.  Im Gegenteil: Diese wurde, fast ohne Selbstzweifel, dem Fortschrittsglauben unterstellt.
Und in  der Tat: Man möchte ihm Recht geben, wenn man solche Gegenwartsbestimmung misst am Hexenhammer,  also an jenem Werk, dem sich die Geschichtsschreiber des Hexenwesens samt und sonders nur mit dem Ausdruck des größten Abscheus und Ekels zuwendeten. Hören wir nur Josef Hansen, der im Jahre 1900 mit seinem wichtigen  Buch  über Zauberwahn,   Inquisition  und  Hexenprozesse   im Mittelalter schreibt:
 
„War  es aber  schon nicht möglich,  die bodenlose Verranntheit der  ihm vorausgehenden Literatur erschöpfend  zum Ausdruck zu bringen, so muss man gegenüber einem so unglaublichem Monstrum voll geistiger Sumpfluft, wie es dieser „Hexenhammer“ darstellt, vollends die Waffen strecken.“
 
Lässt man einige interessante und durchaus wichtige Vorläufer des Hexenhammers hier einmal außer Betracht, so lässt sich sagen,  dass dieses Werk gleichsam das Tor bildet, für jene breite literarische Tradition der Hexenbücher,  die im 16. und zumal im 17. Jh. breit anschwillt und erst im 18.  Jh.,  mit dem  allmählichen Zurücktreten  der   Hexenverfolgung  und Hexenprozesse, abklingt.
Um es gleich zu sagen:  Der Hexenhammer ist nicht nur seines Inhalts wegen ein   unangenehmes Buch.  Auch die Darstellung ist,  obwohl vordergründig den   klaren Prinzipien scholastischer Gedankenentwicklung  folgend,  eher irreführend   und zugleich naiv und tückisch. Schon Michelet,  einer der bedeutendsten französischen Historiker des 19. Jh., hat das Verfahren der beiden Autoren zutreffend, wenn auch etwas boshaft karikierend, beschrieben, wobei  er  noch, der alten Lehrmeinung folgend, Sprenger für den Hauptverfasser des Hexenhammers ansah:
 
„Er  weckt zunächst den gesunden Menschenverstand und vernichtet  ihn  dann durch die Autorität. Zufriedengestellt ruht er heiter und als Sieger  aus und  scheint zu sagen:> Nun, was sagt ihr jetzt dazu?  Wollt ihr wohl  noch verwegen genug sein, eure Vernunft zu gebrauchen?<“
 
Der Hexenhammer ist in drei Bücher eingeteilt:
·    Das erste zeigt,  was Zauberei ist und welche Rolle dem Teufel, den Hexen oder Hexern und Gott dabei zukommt;
·    der zweite Teil führt zunächst die verschiedenen Übeltaten, die Maleficien der Hexen vor, wobei die traditionellen Merkmale der Hexen wie Luftfahrt, Teufelsbund, Sabbatrituale eine vergleichsweise geringe Bedeutung erhalten. Im Mittelpunkt stehen die Übeltaten,  mit denen die Hexen ihre Mitmenschen quälen:
-Sie  hemmen die Zeugungskraft des Mannes,  indem sie seinen Penis weghexen;
-sie verwandeln Menschen in Tiere;
-sie hexen ihnen  Krankheiten an;
-sie  fügen den Haustieren  Schaden zu und verwüsten die Felder durch Hagel und Blitzschlag.
-Die Hexenhebammen töten Kinder oder übergeben  sie den Dämonen und es gibt, wie die Schlusskapitel des  zweiten Teiles ausführen, keine anderen Gegenmittel als den Exorzismus, die Beichte, das Abendmahl, den Besuch heiliger Stätten und die Exkommunikation des Bösen.
 
·    Im dritten Teil geht der Hexenhammer dann endgültig aus seiner pseudo -theoretischen Reserve heraus und entlarvt sein wahres Gesicht:
 
„Es folgt der dritte Teil des ganzen Werkes:  über die Arten der Ausrottung oder  wenigstens  Bestrafung durch die gebührende Gerechtigkeit  vor dem geistlichen oder weltlichen Gericht.“
 
Hexenverfolger aller Art,  Inquisitoren, geistliche wie weltliche Richter, Kerkermeister und Folterknechte sollen daraus  nicht nur die Arten der Untersuchung,  Urteilsfindung und  Hinrichtung ablesen können,  sie sollen  angehalten, ja  geradezu agitiert werden zu einer feindseligen Durchführung der  Verhöre,  Folterungen und Bestrafungen.  Im dritten Teil des Hexenhammers wird vor allem die Prozessführung beschrieben. Nicht ein traditioneller  Anklageprozess, sondern das bei Ketzern übliche Inquisitionsverfahren. Dieses kennt keinen Ankläger,  sondern nur einen Denunzianten,  der lediglich vor dem Inquisitor die Wahrheit seiner auf Indizien beruhenden Aussage zu beschwören, nicht aber vor Gericht persönlich auszusagen  braucht.  Es kennt keine  Zeugen  außer solchen, die die Angeklagten belasten.  Es kennt weder einen Verteidiger, noch räumt es dem Angeklagten eine Selbstverteidigung ein.  Aber es  lässt   alle Belastungszeugen   zu, ob  alt oder jung,  ob verwandt oder  nicht,  ob exkommuniziert,  berüchtigt, verbrecherisch,  meineidig, Hexe oder Hexer. Ausgenommen sind einzig erklärte Todfeinde. 
Das entscheidende wird darin gesehen,  die Angeklagte, mit welchen Mitteln auch immer, Folter, Versprechungen, Kreuzverhör, heuchlerischen Zureden,  vorgespiegelter Hoffnung auf Begnadigung, zum Geständnis zu bewegen, da sie  sonst nicht verurteilt werden kann. 
Durch nichts aber hat der Hexenhammer in der Folgezeit wohl so sehr gewirkt, wie durch seine erklärte und das gesamte Werk durchziehende Frauenfeindlichkeit und die geradezu wahnhaft propagierte Verfolgung von Frauen. Dabei steht es für die Ver-fasser von vornherein fest, es bedarf also keiner weiteren Unter-suchung oder Begründung, weshalb es denn mehr Hexen als Hexer gibt.
Im sechsten Kapitel des ersten Buches schreiben sie wörtlich:
 
von Hexen sic„Bezüglich  des ersten Punktes, warum in dem so gebrechlichen Geschlechte   der Weiber eine größere Menge findet als unter den  Männern, frommt  es nicht, Argumente  für  das Gegenteil herzuleiten,  da,  außer den  Zeugnissen der Schrift und  glaubwürdiger Männer, die Erfahrung selbst solches glaubwürdig macht.“
 
 Es ist nun interessant zu sehen,  dass in diesem Kapitel,  gegenüber allen anderen  Kapiteln des Werkes,  die Argumentationsweise geändert  ist. Die Verfasser stellen fest,  es sei überflüssig, Argumente für das  Gegenteil herzuleiten  und sie  berufen  sich auf die  Zeugnisse  der Schrift,  auf glaubwürdige Männer und auf ihre eigene Erfahrung. Mit anderen Worten:
Die Praxis  der Inquisitionsprozesse,  eine Verteidigung  für die Angeklagten nicht zuzulassen, setzt sich hier, auf theoretischer Ebene, fort. Ohne dass Gegengründe  aufgeführt   werden,   wird von einer  fast durchgängigen Verderbtheit  des  weiblichen Geschlechtes   ausgegangen, besonders  aber von  einer  ins Ungeheure gesteigerten sexuellen Triebhaftigkeit, für die, unter zahllosen anderen Zitaten, das Zeugnis der Sprüche Salomonis 30 herangezogen wird:
 
„Dreierlei ist  unersättlich  und das vierte, das  niemals  spricht: Es ist genug. - nämlich die weibliche Scheide.“
 
Solche sexuelle Unersättlichkeit ist nach den Vorstellungen der Verfasser nur zu stillen durch übermenschliche d.h. satanisch-dämonische Mächte. Nur der Teufel,  so meinen sie offenbar, kann solche Frauen noch befriedigen.
Selbst die Etymologie des lateinischen Wortes für Frau: "femina", muss  sich ihrem sexual- und frauenfeindlichem Eifer fügen, wenn sie frechen Ernstes behaupten:
 
„Das Wort „femina“ kommt von „fe“ und „minus“. „Fe“ ist gleich „fides“, „Glaube“; „minus“ ist gleich „weniger“; also „femina“ ist gleich: „Die weniger Glauben hat“: weil die Frau immer geringeren Glauben hat und bewahrt und zwar aus ihrer natürlichen Anlage zur Leichtgläubigkeit.“
 
Und sie ziehen daraus die Konsequenz:
 
„... also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt, auch schneller den Glauben ableugnet, was die Grundlage der Hexerei ist.“
 
Indem sie  sich  wissenschaftlich gibt, akzentuiert die  Etymologie  die besondere Gefährlichkeit der Frau.   Ging es den traditionellen männlichen Teufelsbündlern, wie sie  in  der Legende oder etwa in der  Geschichte von Dr. Faustus auftraten, um individuelle und daher an sich harmlosere Erkenntniserweiterung bzw. um die Erlangung spezieller zauberischer Fähigkeiten, so wird der Bund zwischen Satan und den Frauen, der auf der weiblichen sexuellen Unersättlichkeit basiert, für Sprenger und Institoris zu einer Gefahr für die gesamte Menschheit. Durch ein riesen Heer von Hexen, die ihm alle hörig sind, vermag der Teufel die natürliche und gesellschaftliche Ordnung der Welt empfindlich zu stören, wenn nicht gar von Grund auf zu vernichten. Sprenger und Institoris wollten ihren Zeitgenossen eine Gefahr zeigen, die, wie sie meinten, von nur  wenigen gesehen wurde. Um so heftiger ihr Appell, ihre Unduldsamkeit, ihr Fanatismus. 
Mit einer Papstbulle ausgerüstet, in der sie zu Inquisitoren von Deutschland ernannt worden waren, hatten sie nach 1484 zunächsteinmal die Diözese Konstanz zu säubern versucht und dort immerhin 48  Personen auf den Scheiterhaufen  gebracht.  Bis dahin waren ihre Aktionen also erfolgreich gewesen. Dann aber, als Institoris sein terroristisches Wirken auf Tirol und Salzburg ausdehnte, hatte er einen Sturm der Entrüstung im ganzen Land erregt. Der Bischof Geuser war seinem Verhör- und Folterwahn entgegengetreten und hatte ihn in höflichem, aber ent-schiedenem Ton aufgefordert, das Land zu verlassen. In einem Brief an einen Freund schreibt Geuser über Institoris:
 
„Mich verdrießt dieser Mönch.  Ich finde in derBulle des Papstes, dass er schon früher bei vielen Päpsten Inquisitor gewesen ist. Er scheint mir aber, als ich ihn hier in Brixen vor der Versammlung der Geistlichen gehört habe, wegen seines Alters schon ganz kindisch geworden zu sein."

Der Bischof wurde von den Landständen und dem Landtag unterstützt, die bei ihrem Landesherren, Erzherzog Siegmund, ihre Klage einbrachten ... Der Landesherr, selbst eigentlich den Hexenverfolgern gegenüber eher wohlwollend, beauftragte einen angesehenen Juristen,  den Prokurator  der bischöflichen Kurie in Konstanz, Ulrich Monitor, mit einem Rechtsgutachten, das etwa gleichzeitig mit dem Hexenhammer entstand. In der Form eines Gespräches zwischen drei Gesprächspartnern - der Landesfürst vertritt den kritischen Zweifler, der konstanzer Schultheiß den Sprecher der theologisch gelehrten  Tradition, der Autor die Stimme des differenziert stimmulierenden Moderators - werden hier die wichtigsten Probleme des Hexenwesens erörtert, vor allem auch die Frage nach den Maleficien, den Übeltaten  der Hexen, die im Hexenhammer eine so zentrale Bedeutung einnehmen.
Der Dialog ist so, dass im Rahmen des gültigen Teufelsglaubens eine ganz plausible und  rationale Erklärung gegeben wird:
 
„Denn wenn Gott dem Teufel einen Hagel zu erwecken verhängt, so nahet er seinen Unholden,  die sich  ihm ergeben und heißet  sie seine Zauberei anrichten und  dies oder jenes in ihrem Hagel-häfelein kochen und umschütten. Wenn dann der Hagel kommt, der ohnedies als Gottes Verhängnis kommen sollte,  so meinen dann diese armen verblendeten Hexen, sie haben ihn verursacht, so sie ihn doch Gott zuvor durch seine Schergen und Nachrichter den Teufel zugerichtet.“
 
Den Hexen erscheine also Trug als Wirklichkeit und Wirklichkeit als Trug, weil ihr Geist vom Teufel und den Dämonen verwirrt wird. So sei, wie Monitor meint, auch die nächtliche Ausfahrt eine Fiktion und entsprechend auch der Flug zum Hexensabbat. Allerdings: Auch Monitor ist fest davon überzeugt, dass diese Erklärung kein Freibrief für die Hexen sein kann. Trotz ihrer Wirkungslosigkeit und obwohl sie selbst getäuscht werden, müssen sie bestraft werden und zwar mit der Todesstrafe, denn ihrem Selbstverständnis nach sind sie Abtrünnige, haben Gott abgeschworen und sind mit dem Teufel einen Pakt eingegangen. 
          Freilich: Die Zukunft gehörte nicht dem aufgeklärteren Monitor, sondern den beiden kindischen Eiferern. 
Wie der eingangs zitierte Johann  Moritz Schwager bestätigt, reicht ihre Wirkung bis ans Ende des 18. Jh. Bis zum Ausgang des 17. Jh liegt der „Hexenhammer“ in fast allen europäischen Sprachen  vor, bis zu dieser Zeit erscheinen allein 29 Auflagen.
Und  Monitor?
Nun - man kann nicht sagen, dass er keine Wirkung gehabt habe. Nur ging sie in den meisten Fällen in die falsche Richtung. Seine wesentlich dünnere Schrift wurde nämlich dem „Hexenhammer“ beigebunden, weil man aus seinem Werk bald nur noch das herauslas, was allein wichtig schien: dass er den Tod der Hexen forderte. Und den forderten die kommenden Jahr-hunderte in einem Ausmaße, wie es vielleicht noch nicht einmal Institoris und Sprenger in ihren bösesten Träumen für  möglich gehalten haben.
Die interessante  Frage bleibt indessen, wie denn das Hexenschema, wie es im  Hexenhammer vorausgesetzt wird, also die Einheit von Teufelsbund und Maleficien, in massenhaft sektenmäßiger Verbreitung eine solche Wirkungskraft und Wirkungsdauer erhalten konnte; weshalb seit dem Anfang des 16. Jh. fast ausschließlich nur noch Frauen  verfolgt werden und weshalb die vereinzelten Prozesse der früheren Zeit jetzt auf mindestens zwei Jahrhunderte durch eine nicht mehr zur Ruhe kommende, gewaltige, Millionen von Opfern fordernde Vernichtungsmaschinerie abgelöst wird.
Hier wird man allerdings mit der Antwort zögern müssen.
Zwar können jetzt eine Reihe von Momenten aufgezählt werden, keineswegs aber lassen sich die Teilerklärungen bereits zu  einem ganzen Bild zusammenfügen.
Als ein wichtiges Teilmoment erweist sich die früh-neuzeitliche Abdrängung der  Frauen vom Berufsleben,  in das sie zur Zeit des hohen und  zunächst auch  noch des späten Mittelalters stärker integriert waren,  wenn  auch schon zu  dieser Zeit der zunehmende Frauenüberschuss zu beträchtlichen Versorgungsproblemen führte. Das   Zusammenleben von Frauen in Gemeinschaftshäusern, das der Kontrolle der Männer zu einem großen Teil entzogen war, sowie der offenbar starke Anschluss von Frauen an ketzerischeBewegungen, mag  Ängste  geweckt haben, die für die gesellschaftliche Ächtung der Frauen eine Basis boten. 
In diesem Zusammenhang wird man zu bedenken haben, dass die Hexenverfolgungen des 16. und 17. Jh. in wesentlichen Aspekten den Verfolgungen der Juden im 14. und 15. Jh. entsprechen. Beide Male handelt es sich um eine Aufrichtung von Feindbildern, die dazu dienten, Randgruppen der Gesellschaft die Schuld an ungelösten oder gar unlösbaren Problemen zuzuweisen.
Ein  weiteres Teilmoment ist die  traditionelle  Frauenfeindlichkeit  der Kleriker, die im Hexenhammer in fast absoluter Form erscheint. Die Psychopathologie dieser Frauenfeindlichkeit, wie sie in den theologischen Diskussionen, in den Predigten, in der Literatur des Mittelalters immer wieder auftritt und durch das Gegenbild der Verherrlichung der Frau  als Jungfrau nur bestätigt wird, ist, trotz einiger Ansätze, bis heute noch nicht geschehen. Die Literaturhistoriker werden hier auf die Mitarbeit von historisch interessierten und versierten Psychologen und Religionswissenschaftlern angewiesen sein,  wenn sie für den  erkennbaren Sexualwahn und für Phantasien,  wie sie den Hexenhammer beherrschen, eine Erklärung suchen.
Dass hinter solchen Hexenphobien Sexualängste stehen, scheint einleuchtend.
Wichtiger wäre allerdings, noch zu klären, weswegen diese Sexualängste gerade am Ende des Mittelalters, zu Beginn der Neuzeit, solche wahnhafte Formen annehmen und aus welchen Gründen sie offenbar als Verdrängungspotential auch bei Nichtgeistlichen mehr und mehr vorausgesetzt werden, daher auch mobilisiert werden konnten. Hier wird vor allem zu untersuchen sein, welche Folgen die Einengung der Moral auf die reine Sexualmoral, die zunehmende Sexualunterdrückung, wie sie sich zu Beginn der Neuzeit abzeichnet, auf die Ausbildung von Verdrängungs-mechanismen gehabt hat und wie  diese historisch  kontrolliert waren.
Ein  weiteres Motiv  für  die Ausbildung des  Hexenwahns wird in   der allgemeinen Krisensituation am Ausgang des Mittelalters zu suchen sein. In der (durch die Reformbewegungen) geschwächten Stellung derKirche; in der Zersetzung des Reichsverbandes durch fortschreitende Territorialisierung; in der mit beidem zusammenhängenden Auflösung eines, bei aller Disperatheit,  doch noch relativ geschlossenen Weltbildes, die eine Folge des sich wandelnden, stärker diesseitig orientierten Verhältnisses von Mensch und Natur, Mensch und Gesell-schaft, war.
Vor allem im Zuge der Gegenreformation versuchte die Kirche, ihre alte Macht wiederzuerlangen, allerdings in einer veränderten Zeit. Was früher durch die Orientierung an einem übergreifenden Weltbild gelungen war, konnte im Zeichen eines Individualismusses und Subjektivismusses, wie er sich im Zusammenhang einer nicht  mehr feudalen, sondern frühkapitalistischen Ordnung anbahnte, nicht mehr zurückgewonnen werden, es  sei denn mit Gewalt und systematischer  Einschüchterung. Und hier waren es offenbar die Frauen, die stellvertretend büßen mussten für den spürbaren Drang nach Emanzipation. Gerade die Tatsache, dass die christliche Kirche als organische, kollektive Wirklichkeit, als einzige und lebendige Gemeinschaft der Gläubigen, an innerem Gewicht verlor, dass der Klerus zerfiel und seine  Funktionen ungenügend oder  gar nicht mehr wahrnahm, mit einem Wort: die innere Zersetzung der alten Glaubensinstitution, hatte Auswirkungen:
·    Zum einen stärkte sich das allgemeine Bewusstsein, in  einer untergehenden, verworrenen, vom Teufel und dessen Gehilfen beherrschten Endzeit zu leben, ein Bewusstsein, das sich im Laufe des 16. Jh. noch verschärfte und  von Katholiken wie Protestanten geteilt wurde;
·    zum anderen wuchsen, vornehmlich in der Zeit der Gegenreformation und wiederum sowohl in der alten wie in der neu sich herausbildenden protestantischen Kirche, die energischen Bestrebungen, die verlorene Einheit durch äußere Mittel, durch gesellschaftliche Abkapselung, durch religiösen Fanatismus und Intoleranz, durch Freiheitsbeschränkung und kirchliche Verbote, mit einem Wort: durch kämpferische  Aktivitäten zu behaupten, bzw. wiederzugewinnen.
Dass gerade in der Zeit der Gegenreformation die Hexenprozesse ihre wahnhafte Steigerung erfuhren und zwar bei Katholiken, Lutheranern wie Calvinisten, steht in diesem Glaubenskampf, der sich selbst als Entscheidungskampf gegen die satanisch-dämonischen Mächte verstand, in innigem Zusammenhang. Es war ein verzweifelter Versuch, der zunehmenden Verweltlichung, der Diesseitsorientierung des menschlichen Lebens, den Gefahren der Sinnlichkeit dadurch zu begegnen, dass man gegen die Hexen, die durch und durch verworfenen, allen moralischen Anstrengungen durchkreuzenden Hörigen des Teufels, mit Feuer und Schwert zu Felde zog.
Ein weiterer Gesichtspunkt, der diese Zusammenhänge in einer anderen Brechung erscheinen lässt, kommt hinzu:
·    Mit der zunehmenden Verfügung über die Natur seit dem ausgehenden Mittelalter problematisiert sich das Verhältnis von Mensch  und  Natur, Subjekt und Objekt, Diesseits und Jenseits.
Die Defekte im göttlichen Weltplan, die man früher noch zu interpretieren wusste als „sinnvollen Heilsplan Gottes“ werden um so irritierender, je deutlicher die diesseitige Naturbeherrschung ins Zentrum des Interesses rückte. Die alten Erklärungsmöglichkeiten, die  dem Weltlauf ein endgerichtetes Erfüllungsziel zuschrieben, reichten nicht mehr aus, wurden nicht mehr  abgenommen. Analog der Tatsachen, dass vor allem die Natur-erkenntnis stärker praxis- und zweckbezogen, d.h. auf die konkreten Bedürfnisse  und  Ziele von Menschen ausgerichtet wurde und weniger, wie im Mittelalter, Suche nach ewigen, unveränderlichen Wahrheiten war, wurde auch die Suche  nach den Defekten der Weltkonstitution konkreter. Es genügte jetzt nicht mehr, ein allgemeines Prinzip wie den Teufel  für alles haftbar zu machen. Der Teufel musste irdisch konkretisiert werden, musste irdisch real erscheinen.  In dieser Situation wird in  der Gestalt der  Hexeein Feindbild entwickelt, das wesentliche Schwierigkeiten zu lösen schien. Die Schuld an der allgemeinen Krisensituation oder an speziellen Katastrophen, ließ sich personalisieren. Zudem wurde eine Gruppe betroffen, auf die sich traditionellerweise bereits Anti-Effekte richteten. Schließlich handelte es sich um eine Gruppe von Menschen, die als Heilkundige, Kräuterfrauen, Hebammen, Mütter zum als magisch empfundenen Naturbereich, seit alters eine größere Affinität besaßen als die Männer, mit denen sich daher die Vorstellung größerer Naturbeherrschung relativ leicht verbinden ließ. So wurde im tradierten Hexenschema eine Erklärung für die vielfältigen Störungen der Weltordnung angeboten: für Impotenz, Wetterschäden, Krankheitsfälle, Unfruchtbarkeit und manches andere. Der Teufel und seine irdischen Statthalter, die Hexen, mussten für das herhalten, was nicht mehr in einen göttlichen Heilsplan integriert und noch nicht  durch eine naturwissenschaftlich exakte Erklärung verstanden werden konnte. Gerade das letztgenannte Argument könnte auch erklären, weshalb die Hexenverfolgung nicht auf  die alte Kirche beschränkt blieb, sondern fast im gleichen Umfang und mit gleicher Grausamkeit in der protestantischen Welt betrieben wurde.
Der englische Historiker Trever Roper hat diesen Sachverhalt in seinem Buch über „Religion, Reformation und sozialer Umbruch“ von 1956 besonders herausgearbeitet.
Hatten die katholischen Prediger den Hexenwahn begründet, so sollten ihn die protestantischen rasch wiederbeleben und verbreiten.
Schon in den vierziger Jahren des 16. Jh. vernahm man Warnzeichen. 1540 wurden im Wittenberg Luthers vier Hexen verbrannt. Luther war in dieser Hinsicht  ebenso abergläubisch wie ein Dominikaner und mit zunehmendem Alter vergrößerte sich auch sein Aberglaube an succubi, incubi, Nachtfahrt und andere mehr.
Hexen, verkündete er, sollten auch dann verbrannt werden, wenn sie keinen Schaden anrichteten und zwar nur deswegen, weil sie mit dem Teufel paktierten. 
In Zürich  hielt sich Zwinglis Nachfolger nicht an dessen maßvolle Einstellung. In Genf führte Calvin die selbe Sprache wie Luther:
„Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen.“ 
Mit grimmigem Wohlbehagen sollte der protestantische Klerus, ob nun lutherisch, calvinistisch oder zwinglianisch die nächsten hundert Jahre über diese würzig formulierte Textstelle predigen. Wohin die Protestanten auch kamen: Sie brachten den Hexenwahn  mit sich. Auf der anderen Seite lässt sich, wie Trever Roper zeigt, die These  nicht halten, dass der Protestantismus zur Zeit des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jh. noch fanatischer gewirkt habe als die katholische Seite. Wenn die protes-tantischen Glaubenskrieger den Hexenwahn in die Länder trugen, die sie der Reformation gewannen, dann taten die katholischen das gleichermaßen mit den Gebieten, die sie Rom zurückeroberten. 
Einige der berühmtesten Jesuiten zeichneten sich auch durch die Verbreitung des Hexenwahns aus. Die katholische Wiedereroberung brachte den Hexenwahn in einer schrecklichen Form nach Bayern,  wo die Herzöge Wilhelm V.  und Maximilian der I., die als bedeutende Schirmherren der Jesuiten hervortraten,  dafür sorgten,  dass die Scheiterhaufen für die Hexen nicht erloschen. Die  Rückführung zum katholischen Glauben dezimierte in den neunziger Jahren das Rheinland, und hier standen Jesuiten  hinter den größten  Henkern,   nämlich dem  Erzbischof von Trier und seinem Weihbischof Biensfeld.  Trever Roper interpretiert, und sicher mit Recht, die Hexenverfolgung  des 16.  und 17. Jahrhunderts als Ergebnis  des zwischen den Konfessionen ausgetragenen Konfliktes, als die soziale Folge eines neu belebten ideologischen Kampfes und des daraus entstandenen Klimas der Angst.
Die  Hexenbücher der  Zeit bestätigen dies durch ihre Auswechselbarkeit. Gewiss, sie sind unterschiedlich in ihrer Argumentation, sie setzen auch die Akzente verschieden.  Im Allgemeinen aber kann man sie nicht  nach Konfessionen unterscheiden,  sondern nur nach ihrem Pro  oder Kontra und auch hier hat Trever Roper Recht, wenn er schreibt:
 
„So stimmten schließlich Katholiken und Protestanten in der Beurteilung der  Tatsachen  überein und standen  sich hinsichtlich der  Auffassung von Einzelheiten durchaus nahe...Protestanten und Katholiken verurteilten  in gleicher Weise jene infamen Skeptiker,  die ihnen ständig entgegenhielten, dass sogenannte Hexen nur als irregeleitete,  melancholische  alte  Weiber anzusehen  seien und dass die Bibel bei der Androhung der  Todesstrafe  für Hexen nicht an solche Personen gedacht habe.“
 
Ob Katholiken oder Protestanten - wenn sie in ihren Hexenbüchern die Verfolgung sanktionierten, sahen sie allemal gleich aus, waren sie allemal von gleicher Unerbittlichkeit. Sie waren sich sogar darin einig, dass sie mit fast gleicher Leidenschaft gegen die Hexen, gegen die Verteidiger der Hexen, ob Katholiken oder Protestanten,  Front zu machen hätten.
 
Der bereits genannte Friedrich von Spee, Jesuit und Beichtvater zahlloser Frauen, die als Hexen angeklagt waren, berichtet in seinem Hexenbuch von 1631, in dem er seine „Cautio Criminalis“, oder zu deutsch: seine „Rechtlichen Bedenken“ wegen der Hexenprozesse formuliert, von seinem Ordensbruder Adam Tanner, dem Verfasser eines besonnenen und die In-quisitoren zur Vorsicht mahnenden Hexenbuches:
 
„Damit nun der Leser nicht glaubt, ich übertriebe und käme aus bösem Willen wieder darauf zurück, so mag er hören, dass ein, nein sogar zwei Inquisitoren eines ge-wissen mächtigen Fürsten, nachdem sie kürzlich das kluge, gelehrte Buch des Tanner gelesen hatten, zu sagen gewagt haben, wenn sie diesen Menschen zu fassen bekämen, dann würden sie ihn, ohne langes Zögern, foltern lassen.“
 
Friedrich von Spee wusste,  warum er sein Hexenbuch von 1631 anonym und nur mit  einem  erklärenden Nachwort eines gleichfalls  ungenannten Herausgebers veröffentlichte. Eine Druckerlaubnis des Ordens lag nicht vor, sie wäre wohl auch kaum erteilt worden,  denn das Gericht,  das Spee hier über seine Kirche und ihre Inquisituionspraxis hält,  ist vernichtend, und, was sich  aus der praktischen Tätigkeit Spees als Beichtiger der Angeklagten ergab: Dieses  Buch ist bis an den Rand gefüllt mit lebendiger, eigener Erfahrung. Es  gibt  wohl kein Hexenbuch vorher oder nachher, das mit solcher leidenschaftlichen Parteilichkeit geschrieben wurde, während die Hexenbücher der Zeit den ganzen Problemzusammenhang  eher  theoretisch erörtern und oft aus einer Ferne  zur grausigen Praxis, die unerbittlichsten Konsequenzen fordern, weiß Spee, wovon er spricht, weiß es aus unmittelbarer Erfahrung, wenn es von Ver-hör, Folter und Hinrichtung handelt. Keiner vor ihm hat wohl mit solcher Schonungslosigkeit die Fratze dieser Prozessverfahren entlarvt.
 
„Damit es jedoch nicht den Anschein hat,  als ob der Prozess nur auf  dieses Gerücht  hin ohne weitere Indizien,  wie man  sagt, angestrengt  worden wäre, siehe: da ist gleich ein Indiz zur Hand, da man der Hexe aus allem einen Strick dreht. 
Ihr Lebenswandel war ja entweder schlecht und sündhaft  oder gut und rechtschaffend. 
War er schlecht, so sagt man,  das  sei ein starkes Indiz, denn von einer Schlechtigkeit darf man getrost auf die andere schließen. 
War ihr Lebenswandel indessen gut, so ist auch das kein geringes Indiz,  denn auf diese Weise, sagt man, pflegen die Hexen sich zu verstecken  und  wollen besonders tugendhaft  erscheinen. Es  wird  also angeordnet,  die Hexe  ins Gefängnis zu schleppen und seht:  Da  hat man abermals ein neues Indiz, da man ihr ja aus allem einen Strick zu  drehen weiß.
Sie zeigt dann entweder Furcht, oder sie tut es nicht. Zeigt sie Furcht, so ist das alsbald ein Indiz,  denn man sagt, sie habe ein schlechtes Gewissen. 
Zeigt sie keine Furcht, so ist auch das gleich  ein Indiz, denn das, sagt man, sei überhaupt eine besondere Eigentümlichkeit der Hexe, dass sie sich ganz unschuldig stelle und den Kopf nicht sinken lasse. Damit man aber immer noch mehr Indizien gegen sie habe, hat der Inquisitor seine Leute an der Hand, oft verworfene, übel beleumdete Burschen, die das ganze bisherige Leben der Hexen durchforschen müssen.
Da kann es nicht ausbleiben, dass man auf irgendein Wort oder eine Tat stößt, die eine abwegige, böswillige Auslegung mit Leichtigkeit  zu einem Schuldbeweis der Magie verdrehen und wenden könnte. Daraufhin  wird sie schleunigst zur Folter geschleppt, sofern sie nicht, wie es  häufig geschieht noch am gleichen Tage, an dem sie gefangen wurde, gefoltert worden ist. Es wird nämlich niemandem ein Advokat und eine unbeschränkte Verteidigung bewilligt, da man schreit, es sei ein Sonder-verbrechen und da jeder, der die Verteidigung über-nehmen und als Rechtsbeistand auftreten wollte, selbst des Verbrechens verdächtigt wird, so ist allen der Mund geschlossen und die Feder stumpf gemacht, auf dass sie nichts reden oder schreiben können. 
Meistens jedoch, damit es nicht aussieht, als ob die Verteidigung der Hexen nicht wenigstens irgendwie zugelassen worden wäre  wird sie vorerst zum Schein vor Gericht vorgeführt.
Wenn sie da all diese Indizien widerlegt und zu den einzelnen Punkten vollkommen befriedigende Aufklärungen gibt, so wird dies nicht beachtet, noch aufgeschrieben. Die Indizien behalten sämtlich ihre Kraft und Bedeutung, wie sehr sie auch in vorzüglicher Entgegnung entkräftet sein mögen.
Man befiehlt  lediglich, die Angeschuldigte in den Kerker zurückzuführen, damit sie sich besser überlege, ob sie verstockt bleiben wolle, denn schon jetzt ist sie, da sie sich rechtfertigt, verstockt. 
Ja, wenn sie sich vollkommen zu rechtfertigen weiß, dann ist da sogar ein neues Indiz, denn man sagt, wenn sie keine Hexe wäre, würde sie nicht so beredt sein.“
 
Man könnte,  nein: man müsste diesen quälenden  Text noch weiter, müsste ihn in seiner ganzen Länge zitieren. Es gibt keinen, der, so wie er, die Ausweglosigkeit der Situation beschreibt, in der diese Angeklagten waren.
Und so ruft er ihnen denn zu, der katholische Beichtiger ruft es den Opfern zu, ruft es voller Verzweiflung und Empörung: Sie sollen sich nicht erst quälen lassen, sondern von Anfang an lügen, den  Richtern die Unwahrheit kaltblütig ins Gesicht hineinsagen, um sich vor dem einzigen zu retten, vor dem sie sich in ihrer Lage noch retten können: den Qualen der  Folter.
 
„Wenn sie so umkommen muss, ob sie ein Geständnis abgelegt hat oder nicht, da möchte ich um der Liebe Gottes wissen, wie hier irgend jemand, er sei noch so un-schuldig, soll entrinnen können. 
Unglückliche,  was hast  du gehofft?
Warum hast du dich nicht gleich beim ersten Betreten des Kerkers für schuldig erkärt? Törichtes,  verblendetes Weib!  Warum willst du den Tod so viele Male erleiden,  wo du es nur einmal zu tun brauchtest? 
Nimm meinen Rat an:  Erkläre dich noch vor aller Marter für schuldig und  stirb - entrinnen wirst du nicht.“
 
Spee ist zutiefst davon überzeugt, dass unter der Folter jedermann zu jedem Geständnis  zu bewegen  ist  und sarkastisch geißelt  er  die eigenen Ordensbrüder,  die  in ihrer Unmenschlichkeit dies nicht sehen oder  sehen wollen:
 
„Was suchen wir so mühsam nach Zauberern? Hört auf mich, ihr Richter! Ich will euch gleich zeigen, wo sie stecken. Auf: greift Kappuziner und Jesuiten, alle Ordenspersonen, und foltert sie - sie werden gestehen. Leugnen welche, so foltert sie drei - vier Mal; sie werden schon bekennen.
Bleiben sie noch immer verstockt,  dann exorziert, schert ihnen die Haare vom Leib  sie schützen sich durch Zauberei, der Teufel macht sie gefühllos. Fahrt nur fort - sie werden sich doch endlich ergeben müssen. Wollt ihr dann noch mehr,  so packt Prälaten, Kanoniker, Kirchenlehrer - sie  werden gestehen,  denn wie sollen diese zarten,  feinen Herren  etwas aushalten können?“
 
Wir  gingen aus von der Folterung der Katharina Henot in Köln des  Jahres 1627.  Es klingt fast wie ein Kommentar der Geschichte,  zu der hier  von Spee gebrandmarkten  Unmenschlichkeit der Geistlichen,  wenn wir über  das Ende dieser Frau lesen:
 
„Die Unglückliche hatte einige Freunde, die auch in der äußersten Not nicht von ihr ließen, weshalb sie einen kaiserlichen Notar gewannen, der sich bereit erklärte, einen Prozess gegen das schreckliche Verfahren aufzusetzen. An einer Straßenkreuzung der Stadt, wo altem Herkommen gemäß der  Zug  nach dem Richtplatze zu halten  pflegte, standen  die Freunde, stand der Notar. 
Die Verwahrungsurkunde wurde aus dem Wagen gereicht  und der  Unglücklichen  eine  Feder in die Hand  gedrückt,  damit sie  unterzeichne. 
>Seht ihr,  Leute,< riefen alsbald die Jesuiten,  die den Karren zum Richtplatz  geleiteten zu dem Volke,  in dem  sich das  Gefühl  des Mitleids  zu regen begann,  >seht ihr,  dass sei eine Hexe  ist, denn sie schreibt  mit der linken Hand!<
Jetzt aber, als sie die Rechtsverwahrung in die  Hand des Notars zurückgegeben, riss sie mit der linken Hand den Verband  von der rechten, zeigte, wie diese in der Folter zu einer blutigen Masse ver-stümmelt war, brach in die Worte aus: >Ja, ich schreibe mit  der linken, weil die Henkersknechte mir die rechte zerschmetterten, um  mich  Unschuldige zum Geständnis zu zwingen.< 
Grausen und Entsetzen ergriff das Volk, Entrüstung zeigte sich in dem Volk, in dem bereits harte Worte gegen die Hexenrichter laut wurden. Da winkten die Jesuiten, stimmten einen Psalm an und geleiteten den Karren, der sich wiede in Bewegung setzte, durch die Stadt zum Scheiterhaufen.“
 
So wie Katharina Henot sind zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in Europa hunderte, tausende, nein hunderttausende von Frauen auf  die Scheiterhaufen gebracht worden. Die Schätzungen liegen zwischen zwei und zwanzig Millionen.
Sieht man einmal ab von Spee und einigen wenigen anderen, so wird man feststellen müssen, dass die reale Situation der gemordeten Frauen, wie sie uns in unzähligen Gerichts- und Folterprotokollen deutlich wird, in die Hexenbücher kaum eingegangen ist. Weder in die der Verfolger, deren irrationaler Rationalismus dem ganzen Phänomen zumeist mit kalter Systematik zu Leibe rückt, noch in die der Verteidiger, deren Interesse zumeist auch kein spezifisches, auf das Schicksal dieser Frauen gerichtetes Interesse war, sondern eher ein allgemein menschlich-humanistisches und im übrigen in der Regel sogar mit den Verfolgern die negativen Urteile über Frauen teilten.
Thomasius etwa, der große Aufklärer aus Halle, dem der Erfolg zugeschrieben wird, dieser religiös-politischen Verirrung ein Ende gesetzt zu haben, erblickte in dem ganzen Hexensyndrom primär ein allgemein theologisch-philosophiosches Problem, das er,  gestützt auf Descartes, zu lösen versuchte, indem er das Kernstück, den Teufelspakt, herausbrach:
 
„Ich aber glaube nicht allein, sondern verstehe auch einigermaßen, dass der Teufel, der Herr der Finsternis und der Fürst in der Luft, ein geistliches oder unsichtbares Wesen sei, welches  auf eine geistliche oder unsichtbare Weise vermittels der Luft oder auch wässriger oder erdener Körperchen in gottlosen Menschen seine Wirkung hat.“
 
Dass die Hexenverfolgung sehr viel mit dem Verhältnis der  Geschlechter, mit Sexualverdrängung, mit einer tiefen Angst des Mannes vor der Frau, vor der Natur, vor der Sinnlichkeit, zu tun hatte, dass der Sexualhass mittelalterlicher Askese sich hier mit der leistungsorientierten, aber genussabweisenden Leibfeindlichkeit der Reformation zu  einer  vielleicht heiligen, aber sicher nicht lebensfördernden Allianz verband und die Prozesse in einem Interesse am Leben hielt, deren wahre Gründe den Verfolgern  so unentdeckt blieben wie den Verteidigern - dies alles ließ sich so nicht lösen. Damit dass, wie Friedrich der Große schrieb, seit Thomasius' Auftreten das weibliche Geschlecht wieder in Frieden alt werden und sterben konnte, war das eigentliche Problem, das zutiefst und seit alters gestörte Verhältnis der Geschlechter nicht zu beheben. 
Damit, dass  man den Teufel vergeistigte und als  Paktpartner eliminierte, hatte man  die teuflischen Lebensverhältnisse noch nicht  verändert,  die Unerträglichkeiten  einer rein patriarchalischen Welt noch  nicht beseitigt.
Man  wird einwenden,  was auch die aufgeklärten Historiker des 19.  und beginnenden 20. Jh. eingewendet haben:
 
„Der Hexenprozess mit den abschreckenden  Absurditäten, welche seine Voraussetzungen  bilden, erscheint dem  modernen,  der mittelalterlichen Denkungsart entrückten Sinn, wie ein unheim-licher,  weit  zurückliegender Traum.“
 
Aber:  Liegt das alles wirklich in so traumhafter Ferne zurück?
Wird nicht auch heute noch,  zum Beispiel,  gefoltert? Man wird vielleicht entgegnen:
„Ja,  aber doch nur noch in Chile oder Afrika,  aber nicht bei uns.“ 
Es gibt  zu denken, dass ein prominenter Politiker einer politischen  Partei, die immerhin im Namen das Beiwort „christlich“ führt,  ein Politiker,  der noch dazu zu den gemäßigt-liberalen dieser Partei  gehört,  die  Freiheit vor  grausamer,  unmenschlicher Behandlung und insbesondere von Folter in seinem  neuesten  Buch unter die nicht absoluten Rechte  zählt und dies entgegen  der  europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte von 1952. 
Es  gibt zu denken,  dass er in seiner Reflexion über die Folter zu der Auffassung  gelangt, dass es sittlich  geboten sein  könnte,  Informationen durch Folter zu erzwingen,  sofern dies wirklich die  einzige Möglichkeit wäre,  ein namenloses Verbrechen zu verhindern.  Freilich, er fügt hinzu:
 
„Nach dem,  was gerade unsere Zeit an  Unmenschlichkeit erlebt hat,  fällt es schwer,  auch nur diese kleine Tür für Eingriffe in das zur  Erörterung stehende  Grundrecht zu öffnen.  Eine theoretische Analyse kann jedoch  zu keinem anderen Ergebnis gelangen.“
 
Und  die Hexenverfolger?  
Auch  sie wollten  nur  Schlimmeres von  der Menschheit  abwenden. An ihrer ehrlichen,  guten Motivation besteht  kein Zweifel.
Kein Zweifel bleibt aber auch daran, dass sie in ihrem Wahn ein nicht wieder gut zu machendes Unrecht begangen haben, das wir uns vielleicht ansatzweise erklären können.
Es ist aber niemals, auch nicht aus einer historischen Sicht, zu rechtfertigen.
Die Konsequenz aus der Geschichte für uns muss aber sein, dass wir ganz sorgsam darauf achten, dass nie wieder Minderheiten an den gesellschaftlichen Rand gedrückt und dann als Sündenböcke missbraucht werden.