Vom allmächtigen zum ohnmächtigen Gott


Wenn Menschen versuchen, ihr Verständnis von Gott zum Ausdruck zu bringen, sind sie auf Bilder und Vorstellungen angewiesen, die ihnen die menschliche Sprache anbietet. Das geschichtliche Denken hat uns den Blick dafür geschärft zu sehen, dass Gottesbilder entstehen und vergehen. Sie sind gebunden an die jeweilige Zeit, der sie entstammen. Sie sind Ausdruck geschichtlicher Erfahrungen und gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie spiegeln das Weltbild, aber auch das Lebensgefühl einer bestimmten Epoche wider. Viele Probleme bei der Behandlung der Gottesfrage entstehen dadurch, dass erledigte Vorstellungen krampfhaft verteidigt werden.
Das Evangelium von der Menschlichkeit Gottes fordert uns auf, überkommene Gottesbilder auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Im Religionsunterricht merkt man, dass traditionelle Gottesvorstellungen Glauben erschweren statt fördern. Das gilt insbesondere für die Vorstellung von einem übernatürlichen, außerweltlichen Gott, der von oben oder außen in den Lauf der Welt und in das Schicksal des einzelnen  eingreift. Dennoch ist das Bild eines himmlischen ‘Drahtziehers’, der alles lenkt und kontrolliert, eines ‘Supermannes’, der alles ‘im Griff’ hat, auch bei Schülern immer noch verbreitet.
Sie argumentieren:
‘Wenn Gott wirklich allmächtig ist, müsste man davon etwas merken: die Welt müsste anders aussehen.’ ‘Ein Gott, der angeblich Macht hat, Leid zu verhindern, und tut es nicht, an solch einen Gott kann man nicht glauben.’ Ich kann Schüler verstehen wenn sie sagen, dass sie nicht an einen Gott glauben können, der zwar die Macht hat einzugreifen, sich aber angesichts der Ermordung von sechs Millionen Juden neutral verhält.
Wo war der allmächtige Gott in Auschwitz? Wo ist er, wenn in Südafrika Kinder gefoltert werden? Wo bleibt er, wenn junge Menschen an Krebs sterben?
Kann oder will er das Leid rächt verhindern?
Kann er es nicht, dann ist er nicht allmächtig.
Will er es nicht, dann ist er nicht gütig. (frei nach Epikur – siehe Site „Thesen“)
Gott setzt sich dem Risiko aus
In Auschwitz griff Gott nicht ein. Er befreite das jüdische Volk und viele Leidensgenossen nicht mit ‘starker Hand und ausgestrecktem Arm’. In Auschwitz schwieg Gott. Warum?
Der jüdische Philosoph Hans Jonas:
‘Nicht weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte, griff er nicht ein’.
Vielleicht haben wir uns zu lange eine falsche Vorstellung von Gottes Wirken in der Geschichte gemacht. Ich glaube, dass sich unter der Last der Ereignisse unser Reden von Gott ändern muss. So können wir heute nicht mehr davon sprechen, dass Gott das Leid verhängt. Wir wissen vielmehr, dass Leiden auch von Menschen verursacht werden. Es stellt sich die Frage nach Gott und seiner Macht anders als früher.
Wir leben nach Auschwitz. Deshalb ist es heute schwer oder unmöglich, an einen allmächtigen Gott zu glauben. Die Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus tangiert auch den Glauben an Gott. Das unbeschreibliche Leid, das Menschen Menschen angetan haben, hat theologische Konsequenzen.
Wir leben nach der Aufklärung. Wir sind mündig geworden und damit verantwortlich.Wenn wir den Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung ernst nehmen, können wir Gott nicht mehr für alles verantwortlich machen, was in der Welt geschieht, indem wir ihm, wo es uns passt, die Schuld zuschieben. Die millionenfach gestellte Frage: Wie konnte Gott das zulassen? verschweigt die menschliche Verantwortung und verschiebt sie auf eine jenseitige Macht. Wer dagegen glaubt, dass Gott mit den Mitteln seiner Liebe in der Welt wirkt, kann nicht mehr so fragen. Denn Gott hat weder Auschwitz noch Hiroshima zugelassen. Er hat es erlitten. Wer glaubt, dass Gott Liebe ist, und versucht als mündiger und verantwortlicher Mensch zu leben, muss umgekehrt fragen: Wie konnte der M e n s c h das zulassen?
Wir müssen erkennen: Mit der Schöpfung hat sich Gott seiner Macht entäußert. Er überlässt es dem Menschen zu entscheiden, ob er verantwortlich tätig sein will. Damit setzt sich Gott dem Risiko aus, dass ihn die Welt im Stich lässt.
Der Gedanke, der von der Allmacht bis zur Ohnmacht trägt, ist viel fundamentaler: Gott ist nach christlichem Verständnis der Anfang ohne Ende, die Wirklichkeit, in der letztlich alles gut ist. In diesem Sinn ist Gott tatsächlich in allem mächtig (s. auch die Ausführungen zur Trinität) – unüberbietbar. Der Begriff der Allmacht, der Gott als übermenschliches Wesen projiziert, der alles könnte, wenn er nur wollte, greift zu  kurz, denn er propagiert nur einen scheinbar allmächtigen Gott. Gott ist unüberbietbare Wirklichkeit, immer und zu allen Zeiten. Darin besteht seine Allmacht und seine ständig fortschreitende Schöpfung.
Gott will uns als Partner
Nach biblischem Verständnis sind wir Menschen keine Marionetten, die ein allmächtiger Gott an unsichtbaren Fäden hält und lenkt, sondern mündige Partner Gottes. Diese Vorstellung vom Menschen schließt ein, dass Gottes Macht durch das Menschsein des Menschen begrenzt ist. Gott selbst hat seine Macht begrenzt, indem er seinen Geschöpfen nicht nur einen freien Willen, sondern auch die Fähigkeit zur Entscheidung und Selbstbestimmung gab. Er greift nicht von außen oder von oben in das Leben der Menschen ein, indem er zwingt oder überwältigt, sondern von innen  her, indem er einlädt und bittet.
Gott begrenzt seine Macht aber nicht nur durch das Menschsein des Menschen, sondern auch durch Naturgesetze. Gott hat der Welt eine eigene Entwicklungsmöglichkeit gegeben. Die Schöpfung ist die sich entwickelnde Welt. Gott greift ständig in die Werdewelt ein, indem nichts ohne ihn sein könnte, aber er greift nicht direkt und willkürlich ein, schon gar nicht gegen die Gesetze. Gott ist die Voraussetzung, ohne die der Prozess der Evolution, der Prozess des Schöpfungwerdens in der Zeit, nicht gedacht werden kann. Er treibt die Evolution ‘von innen’ voran, durch die Kräfte, die er in die Natur hineingelegt hat. Wenn man diese Sicht ernst nimmt, verliert der Widerspruch zwischen Gottes guter Schöpfung und der Unvollkommenheit der Welt an Schärfe.
In der Bibel stellen nicht nur Menschen die Warum-Frage, sondern auch Gott. Der biblische Gott ist verletzlich, er bittet, er klagt. Man denke an das Werben Jahwes um sein Volk, das nicht hören will. Wer diese Text aufmerksam liest, gewinnt den  Eindruck, dass hier nicht ein allmächtiger Gott spricht, sondern eher ein enttäuschter Liebhaber. Gott wirbt um Partnerschaft. Und er weiß, dass sie ihm nicht sicher ist. Welchen Sinn aber sollte es haben, an einen Gott zu glauben, der auch Böses tut? Vieles von dem, was in der Welt geschieht, geschieht nicht nach Gottes Willen. Deshalb ist der Satz ‘Gott tut auch Böses’ von Jesus her gesehen unmöglich. Der falsch verstandene Begriff von ‘Allmacht’ verhindert, eindeutig und unmissverständlich davon zu sprechen, dass Gott durch seine Liebe in der Welt wirkt. Ich glaube, dass der Schreiber des 1. Johannesbriefes Jesus richtig verstanden hat, wenn er formuliert: ‘Gott ist Liebe’. Für mich heißt das: Entweder ist Gott Liebe - dann ist er nicht im willkürlichen Sinn allmächtig. Oder er ist willkürlich - dann ist er nicht Liebe. Man kann nicht zugleich an einen unberechenbaren und einen liebenden Gott glauben. Das Bekenntnis, ‘Gott ist Liebe’, ist eine exklusive Aussage. Man kann sie nicht relativieren.
Gott begegnet uns im Leidenden
Den Todesstoß bekommt die Vorstellung eines willkürlich eingreifenden Gottes durch Jesus selbst. Wohl aber wird man dies sagen können, ja sagen müssen, dass mit dem Tod Jesu am Kreuz eine bestimmte Gottesvorstellung gestorben ist, nämlich der Wunsch nach einem starken Gott, der wie ein deus ex machina den Menschen aus allem Leid hilft und ihnen alle Wünsche erfüllt. Das Kreuz Jesu verdeutlicht: Gott selbst leidet. Dies ist eine fundamentale Erkenntnis. Auch für den französischen Dominikaner Jean Cordonell ist der leidende Gott ein zentraler Gesichtspunkt, wenn er schreibt: „Gott ist nicht Jäger, er ist das Wild“. Dietrich Bonhoeffer führt diesen Gedanken weiter: ‘Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns ... Nur der leidende Gott kann helfen’.
Kann ein leidender Gott helfen?
Das Mittel, mit dem Gott in dieser Welt wirkt, ist seine unbedingte Liebe, wie sie Jesus gelebt hat. Weil Gott mit den Mitteln seiner Liebe in dieser Welt wirkt, sieht es so aus, als sei er ohnmächtig. Aber die Geschichte zeigt: Ein ohnmächtiger Gott ist nicht wirkungslos. Wie kann das geschehen? Was den Christen gemeinsam ist, ist das Teilhaben am Leiden Gottes in Christus, das ist ihr Glaube. Darin wissen sie, dass Gott ohnmächtig ist und Hilfe braucht. Als die Zeit erfüllt war, hatte Gott lange genug etwas für uns getan. Er setzte sich selber aufs Spiel, machte sich abhängig von uns ... Es ist nunmehr an der Zeit, etwas für Gott zu tun’.
Ein Gott, der unsere Hilfe braucht, passt nicht in unsere traditionellen Vorstellungen. Dies aber hätte man wissen können: ‘Das Kind in der Krippe’, ‘der Gekreuzigte’, ‘das Lamm’ sind keine Symbole der Macht, sondern der Ohnmacht. An den leidenden Gott glauben heißt: erkennen, dass Gott niemals auf Seiten der Henker, sondern immer auf der der Leidenden steht. Das aber hat politische Konsequenzen: Gott leidet in den Menschen, die gefoltert, ausgebeutet, unterdrückt und ihrer Freiheit beraubt werden. Sie sind eine Herausforderung für uns, die Ungerechtigkeit in der Welt aufzudecken und zu bekämpfen. An den leidenden Gott glauben heißt, zu Widerstand und Ergebung bereit sein: So viel wie möglich aufhebbares Leid aus der Welt schaffen, unaufhebbares Leid annehmen und mittragen.
Wer angemessen von Gott redet, wird in dieser Welt nicht untätig sein können. Es ist an der Zeit, angemessen von Gott zu reden.


Nach einigen Grundgedanken von Roland Frauenstein