Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort und Einleitung: Der Monotheismus und die Trinität
  • Die geschichtliche Entwicklung des Dogmas der Trinität
  • Der Rahmen für das christliche Verständnis von Gott


  • Der Schöpfergott
  • Der Allmächtige
  • Der Unendliche
  • Der Gute

       5. Der Kerngedanke der Trinität und das „Wort Gottes“
       6. Jesus, der Sohn Gottes – fundamentaltheologisches Verständnis
       7. Glaube und Vernunft


Vorwort und Einleitung: Der Monotheismus und die Religion

Die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes gehört unverzichtbar zur christlichen Religion. Sie ist – neben dem Glaubensereignis der Auferweckung Jesu – das Fundament des Christentums. Um so erstaunlicher ist es, dass anscheinend die Mehrheit der Christen das Bekenntnis zu Gott – Vater/Sohn/Heiliger Geist – im  Glaubensbekenntnis mitbetet, es aber nicht erläutern kann. Auch bei Begegnungen zwischen Theologen herrscht, wie ich erst kürzlich bei einem regionalen Religionslehrertreffen feststellen konnte/musste, weitgehend Sprachlosigkeit bei diesem Thema. Jeder versucht im Rahmen seiner individuellen Glaubensvorstellung Symbole zu bemühen, um sein persönliches Verständnis anzudeuten. Symptomatisch für die verfahrene Situation sind dann Aussagen wie: „Das kannst du nie verstehen, denn das ist ja ein Glaubensgeheimnis.“ Solche Aussagen bringen die inhaltliche Auseinandersetzung nicht voran und erscheinen eher als Flucht vor der Verantwortung, über umstrittene oder schwer verständliche Formulierungen nachzudenken. Denn ein Glaubensgeheimnis ist essenziell etwas Anderes als ein Rätsel. Um so ärgerlicher, wenn solche Vernebelungstaktiken von Theologen verwendet werden. Zudem wirft jede Oberflächlichkeit bzw. Unfähigkeit der Erklärung die Frage auf, wie zu einem Nicht- oder Andersgläubigen überhaupt von den Grundlagen des christlichen Glaubens gesprochen werden kann. Die interessierte Nachfrage eines Muslim z.B., warum Christen von der Existenz von drei Göttern ausgehen, kann ich nicht einfach ignorieren oder nach dem Motto beantworten: „Glaub es oder lass es sein!“ Ich erwarte ja auch bei der Beschäftigung mit anderen Religionen, dass ich Informationen und Erläuterungen darüber erhalte, worum es eigentlich geht. Ein kritischer interreligiöser Dialog ist ausschließlich auf der Grundlage möglich, dass ich im Diskurs Unterschiede vergleiche und Gemeinsamkeiten suche. Das Ergebnis kann dann aber nicht sein, dass sich alle auf einen konturlosen Kompromiss als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, sondern dass man sich gegenseitig profiliert, sich Profil gibt, indem man eigene Inhalte und Konturen verdeutlicht (ganz im Sinne von Lessings Nathan). Das geht aber ausschließlich über den Verstand und nachvollziehbare Argumente.

Um den Rahmen aufzuzeigen, wie sich die „Trinität“ überhaupt in Geschichte und Religion entwickelt hat, werde ich am Anfang kurz, denn sonst würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf die historische Entwicklung eingehen und die wichtigsten Konzilien und Konzilsbeschlüsse benennen.  Diese historische Dimension ist keineswegs unwichtig oder gering zu achten, sie soll aber nicht Schwerpunkt dieser Arbeit sein. Dass diese historische Seite im Rahmen der Arbeit lediglich skizziert wird, wird im Folgenden begründet.

In den vorliegenden Ausarbeitungen soll der Frage nach der Rede von „Gott in drei Personen“ in dem Sinne nachgegangen werden, dass sich religiöser Glaube immer auch vor der Vernunft rechtfertigen muss. – In dieser Grundvoraussetzung – Verantwortung des Glaubens vor der Vernunft – liegt auch schon eine der Hauptursachen für die Rede von der Trinität.
Bei den meisten Interpretationen, die veröffentlicht wurden und die in geringem Maße auch in diese Arbeit einfließen werden, sind die Autoren bemüht, das Dogma von der Trinität Gottes gleichsam von außen zu interpretieren. Die Vorgehensweise ist im Kern immer die gleiche: Konzilstexte werden zitiert, die geschichtlichen und kirchlichen Hintergründe erläutert und dann werden die einzelnen Begriffe übersetzt und philosophisch-theologisch interpretiert.
Meistens steht dabei anscheinend das Bemühen im Vordergrund, den historischen Jesus als Sohn Gottes auf die Ebene des Schöpfergottes zu erheben und im weiteren Verlauf dann noch den Heiligen Geist dazuzuordnen.
Die entscheidende Frage aber, warum denn überhaupt von einer dreifaltigen Wirklichkeit Gottes die Rede ist, bleibt in der Regel unbeantwortet. Es erscheint so, dass in irgendeiner Weise der christologische Anspruch Jesu verteidigt werden müsse und dass dies über die Dreifaltigkeit geschehen solle.
Das ist aber ein grundsätzlich und inhaltlich falscher Ansatz, weil er die grundlegende Bedeutung der Frage nach dem Gottesbild, losgelöst von Jesus, und die inhaltlichen Zusammenhänge, die sich grundsätzlich bei der Rede von „Gott“ ergeben,  nicht im Blick hat.
Daher muss ein anderer Zugang gewählt werden: 
Zunächst muss deutlich gemacht werden, was im Christentum überhaupt und grundsätzlich unter „Gott“ verstanden wird. Dieses „überhaupt“ und „grundsätzlich“ muss sich gebunden fühlen an die Überlieferungen der Bibel und es müssen deutliche „Eckdaten“ erkennbar sein, in deren Rahmen die christliche Rede von einem Gott möglich ist.
In diesem ersten Schritt müssen die Formulierungen daher so vorsichtig gewählt werden, weil es wichtig ist, der Tatsache, dass es nicht das eine und überall verbindliche christliche Gottesbild gibt, gerecht zu werden. Im Christentum gibt es viele verschiedene Vorstellungen von Gott, die sich aber auf gemeinsame Grundlagen zurückführen lassen müssen, um sich „christlich“ nennen zu können. Die Christen haben sich – überkonfessionell – auf das apostolische Glaubensbekenntnis als gemeinsames Fundament geeinigt – und zentrale Aspekte dieses Bekenntnisses sind die Auferweckung Jesu – und die Dreifaltigkeit.

Im zweiten Schritt muss dann aufgezeigt werden, warum es logisch zwingend ist, von Gott – Vater – Sohn – Heiliger Geist als einer Wirklichkeit in unterschiedlichen Wirkweisen zu sprechen, um einem logischen Widerspruch zu entgehen.
Logisch widersprüchliche Aussagen hätten zur Konsequenz, dass jedes Reden und Verstehen beliebig wäre und dass jede Wirklichkeit unwirklich und jede Existenz gar nicht existent wäre. Diese Einheit von Widersprüchen würde Welterkenntnis und Kommunikation gleicher- maßen unmöglich machen.

Daher muss dann im letzten Schritt der Frage nach dem Verhältnis von  Glaube und  Vernunft nachgegangen werden: Inwieweit kann ich überhaupt verlässliche Glaubensaussagen treffen, die nicht im Bereich der Vernunft verbleiben und die auch naturgesetzlichen und vernünftigen Erkenntnissen nicht widersprechen. Letztlich grenzt sich dadurch Glaube von Aberglaube ab, indem Glaube in den Grundzügen aussagbar, verständlich und vernünftig erscheint.

Die Struktur der folgenden Erarbeitung mag ungewohnt sein, weil das Kapitel „Trinität“, das ja Thema der Hausarbeit ist, lediglich ein Kapitel unter mehreren ausmacht. Der hier gewählte und vertretene Ansatz will aber zeigen, dass jedes vernünftige Reden von Gott auf ein trinitarisches Verständnis hinausläuft und so z.B. der Rahmen für das christliche Verständnis von Gott fundamentaltheologisch von der Trinität redet bzw. ihre Notwendigkeit vorbereitet, ohne dass sie ausdrücklich beim Namen genannt wird.


Die geschichtliche Entwicklung des Dogmas der Trinität

Religiöse Grundfrage ist, wie Menschen verständlich von einer transzendenten Macht sprechen können, die die Christen „Gott“ nennen. Wie erfährt man „Gott“, wenn er doch jenseitig ist, der objektiven menschlichen Erfahrung verschlossen?
Im kirchenhistorischen Kontext beginnt diese Reflexion schon zu Lebzeiten Jesu, nämlich mit seiner Frage: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“  (Mt 16,13). Jesus stellt die Frage seinen Freunden, die bereits seit einiger Zeit mit ihm reisen und die sein öffentliches Wirken durchaus kritisch begleiten. Jesus scheint hier eine rhetorische Frage zu stellen, denn im nachösterlichen Kontext ist die Antwort sehr nahe liegend. Vielleicht möchte er aber tatsächlich auch eine Rückmeldung von seinen Leuten haben. Wie so oft, wenn Jesus „die Jünger“ fragte, antwortet Petrus, der eine Art Sprecherrolle übernommen hat. Das Gespräch, das mit einer scheinbar harmlos-interessierten Frage begonnen hat und auf das sich ja immerhin die römisch-katholische Kirche beruft, wenn sie den Primat des Bischofs von Rom begründen will, verläuft aber keineswegs klar und gradlinig. Auf das begeisterte Bekenntnis des Petrus hin: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.“ (Mt 16,16) scheint sich Jesus zunächst erkannt zu fühlen: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18). Doch plötzlich und überraschend, gleich anschließend, kommt ein Umschwung und Jesus beschimpft seinen Vertrauten: „Weg mit dir Satan ... du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was Menschen wollen.“ (Mt 16, 23)
Was war geschehen? Offensichtlich prallen hier unterschiedliche Verstehensweisen des Begriffes „Messias“ aufeinander, die letztlich in einem unterschiedlichen Gottesbild gründen. Jesus hat zunächst den Eindruck, dass Petrus ihn verstanden hat, dass er einen Vertrauten gefunden hat, der seinen Ansatz mitträgt.
Der „Messias“ ist für Jesus offenbar nicht der Kriegsherr Gottes, der mit Waffengewalt die Gottesherrschaft auf Erden errichten wird. Diese Vorstellung war aber beim jüdischen Volk verbreitet und  auch Petrus hat dieses Verständnis. Daher will er Jesus beschützen, notfalls auch mit Waffengewalt. Als Jesus diese Grundhaltung erkennt, merkt er, dass auch Petrus immer noch nicht verstanden hat, was seine Gottesbotschaft ist: Die Gewalt ist vorbei, Gott schenkt euch seine Liebe und seine Gemeinschaft. Dafür stehe ich, Jesus, ein.
Auch Petrus und Jesus haben also unterschiedliche Ansichten darüber, wie Gott sich offenbart und wie er in der Welt wirkt.

Das Ringen um Antworten auf diese Frage hat sich bis heute fortgesetzt und auch die Verantwortlichen der alten Kirche suchten und stritten darüber, wie sich Gott im Laufe der Menschheitsgeschichte offenbart – allerdings mit dem neuen Ansatz, dass sie Jesus als Sohn Gottes verstanden und auch den Heiligen Geist als göttlich ansahen.
Grundlage dafür waren verschiedene überlieferte Aussagen Jesu, z.B. in Mt, 28,19: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ...“ oder Joh 14, 26: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird ...“ oder der Abschluss des zweiten Korintherbriefes des Paulus, der auch heute noch als Segensgruß verwendet wird: „Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2 Kor 13, 13). In der praktischen Tradition ist zudem seit dem 2. Jh. das Kreuzzeichen als Ritus bekannt, zu dem bis heute die Dreifaltigkeit benannt wird: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Nun stellte sich den Apologeten aber das Problem, dass sie dieses Bekenntnis verständlich  machen mussten, ohne den strengen Monotheismus aufzulösen, der immer noch Grundlage des religiösen Denkens war. Denn da war man sich mit der jüdischen Überlieferung immer noch einig: „Der Herr, unser Gott, ist der Eine.“

Um den anscheinenden Widerspruch zwischen Monotheismus und trinitarischem Denken aufzulösen, hatte schon im Jahre 317 n. Chr. – die Christenverfolgung war erst seit vier Jahren unter Kaiser Konstantin eingestellt worden – ein Gemeindeleiter aus Alexandrien namens Arius die Göttlichkeit Jesu in Frage gestellt: Jesus sei nicht Gott gleichgestellt, sondern ihm ganz klar untergeordnet, subordiniert. Diese so genannte Subordinationslehre wurde von führenden Theologen vehement abgelehnt, allen voran vom Bischof von Alexandria, Alexander, der von den Gedanken seines alexandrinischen Theologen wenig angetan war und zu seinem erbittertsten Gegner wurde.

Kaiser Konstantin, dem solche Streitigkeiten nicht in sein politisches Konzept passten, da er die neue Religion als staatstragend sehen wollte, berief das erste Konzil nach Nicäa ein. Auf diesem Konzil wurde dem Arianismus eine Absage erteilt und mit der Formulierung: „... gezeugt, nicht geschaffen. Eines Wesens mit dem Vater ...“ sollte deutlich gemacht werden, dass Jesus eben nicht das erste Geschöpf Gottes (so Arius), sondern dass er wesensgleich und somit selbst ganz göttlich gewesen sei. Damit hatte man zunächst eine inhaltliche Übereinkunft getroffen, die aber die Position des Heiligen Geistes noch nicht eindeutig klärte. Die später so genannten „drei großen Kappadozier“, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa und Basilius von Cäsarea erarbeiteten die Kompromissformel, die dann im Jahre 381 n. Chr. auf dem Konzil von Konstantinopel verabschiedet wurde: Gott sei ein Wesen in drei „Hypostasen“, wobei dieser Begriff mehrdeutig ist und sowohl Substanz, Wesen oder auch Person bedeuten kann. Mit dem Konzil von Konstantinopel wurde dieser Streit um das Verständnis der Trinität abgeschlossen und im gesamtkirchlichen nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis formuliert, das bis heute bei großen kirchlichen Festen gebetet wird.
Dass mit diesen Formulierungen nicht jeder einverstanden war und dass sie auch nicht jeder verstand, ergibt sich von selbst. So gibt es bis heute Gemeinschaften, die sich als christlich verstehen, die das kirchliche Dogma von der Dreifaltigkeit ablehnen, so z.B. die Unitaristen, die Mormonen, die Zeugen Jehovas, Christian Science, die Adventisten.


Der Rahmen für das christliche Verständnis von Gott

Eine relativ neue Fragestellung, die ihre Wurzeln in der Zeit der Aufklärung hat, ist die, ob es überhaupt einen Gott gibt. Waren die Menschen bis dahin bemüht, sich über die Beweisbarkeit Gottes oder seine Existenzweise auseinander zu setzen, so ist nun die radikale Infragestellung ein gesellschaftliches Phänomen.

Für beide Positionen, für die des Bestreiters und die des Befürworters, gibt es bedenkenswerte Argumente. Man kann sich darauf einigen, dass zumindest die erfahrbare Welt einen gewissen Stellenwert beansprucht und, bei aller Subjektivität der Wahrnehmung, dass der Welt eine gewisse Form des Seins zukommt. Über das, was danach, nämlich nach dem definitiven Ende der irdischen Existenz, eventuell noch sein könnte, lässt sich keine unbestreitbare, im naturwissenschaftlichen Sinn beweisbare Aussage treffen.
Dennoch lässt sich ein Minimalkonsens in aller Verschiedenheit finden: Ein religiöser Glaube muss ein lebensbejahender Glaube sein, der dem Gläubigen eine Lebenshilfe ist. Jegliche Form von Vertröstung, Erstarrung, Verfügbar-Machung, Verängstigung ... muss hier als Lebensbehinderung erkannt und zu Recht kritisiert werden. Mit den Worten von Wolf Biermann: „Von mir aus kann einer an eine Kirschtorte glauben, wenn ihm das hilft, sich für die Gerechtigkeit einzusetzen.“ Diese lebenspraktische Relevanz ist uneingeschränkt zu bejahen und sie wird auch von der Essenz der biblischen Botschaft unterstützt. In zwei Sätzen zusammen gefasst, lässt sich der Kern der christlichen Religion so ausdrücken:

Die christliche Religion beansprucht, in ihrem Vollzug eine Lebenshilfe zu sein. Sie verkündet dem Menschen eine Gemeinschaft mit Gott, die Leben und Tod überdauert.

Diese theologischen Grundaussagen bilden den Rahmen für das christliche Gottesbild, das sich durch die Aussagbarkeit und Nachvollziehbarkeit von reinem Aberglauben unterscheiden will. Die Verlässlichkeit dieser Aussagen gründet sich im Leben, dem Tod und der Auferweckung Jesu, der als der „Sohn Gottes“ bekannt wird.
Damit ist der Kerngedanke der christlichen Religion umrissen. Um mehr geht es dabei nicht.
Um weniger aber auch nicht.

Der katholische Theologe Peter Knauer verdeutlicht die grundlegende und absolute Bedeutung dieses Gemeinschaftsgedanken an einem einfachen Beispiel:
Ein kleiner Junge stellt vor einer schwierigen Operation mit ungewissem Ausgang gegenüber seiner Mutter fest: „Du, Mutti, der liebe Gott ist doch immer bei mir.“
In diesen einfachen Worten liegt eine zutreffende Deutung und Umsetzung der Paulusworte vor: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“ (Röm 8,31) Diese Einfachheit und die Klarheit sind es, die den christlichen Glauben, wenn man ihn fundamental versteht und nicht an der Oberfläche bleibt, zu einer Religion mit ungeheurer sozialer Brisanz macht: Die menschliche Grunderfahrung ist, dass Menschen immer wieder unmenschlich handeln. Wenn man den Motiven dafür auf den Grund geht, dann stößt man darauf, dass der Mensch in seiner Vergänglichkeit immer wieder von der Angst um sich selber angetrieben wird. Diese Angst ist es, die ihn zu egozentrischem Handeln antreibt und auch erpressbar macht. Denn wenn er im letzten Grund seines Handelns auf andere angewiesen ist, auf deren Wohlwollen vertrauen muss, dann muss er sich davor fürchten, dass ihm dieses Wohlwollen entzogen wird. 
Wer sich aber auf den Glauben an den liebenden Gott einlässt, dessen Gemeinschaft nicht verdient werden kann, sondern die vorbehaltlos geschenkt ist, der ist letztlich nicht mehr erpressbar, der weiß sich im Letzten seiner Existenz geborgen und ist nicht darauf angewiesen, die Vergänglichkeit als letztes Maß aller Dinge zu akzeptieren. Dessen Handeln wird in der letzten Konsequenz nicht mehr von der Angst um sich selbst bestimmt. Diese Angst ist entmachtet. Das bedeutet: Er ist frei, sich seiner sozialen Verantwortung zu stellen, seinen Weg in dieser Welt zu suchen, sich nicht mit Vorläufigem zufrieden zu geben, sich nicht vertrösten oder ablenken zu lassen.
Wer den christlichen Glauben auf eine andere Art missverstehen würde („Ich brauche ja nichts zu tun, wenn sowieso alles gut wird.“), der hätte nicht realisiert, worum es eigentlich geht. Das Lebensmotto wäre dann immer noch bestimmt von der Angst um sich selbst, von der Suche nach dem, was das Leben sinnvoll macht – die Gemeinschaft mit Gott wäre dann höchstens noch eine zynisch verstandene Zugabe, falls alles andere unbefriedigend bleibt.
Das Christentum jedoch hat  einen ganz anderen Grund: Gott hat alles erschaffen und wir Menschen haben Anteil an dieser Schöpfung, weil wir nie aus der Liebe Gottes herausfallen können. Das ist der Ausgangspunkt, der alles Verständnis von Wirklichkeit durchdringt. Letztlich kann diese Gewissheit das Handeln befreien, auch in schwierigen Situationen, weil sich der Glaubende im Respekt vor der Verantwortung für sein Handeln sich immer wieder – nicht leichtfertig – darauf verlassen könnte, dass in Gott der letzte Grund der Existenz liegt und dass er nie in ein unbestimmtes Nichts durchfallen würde. Paulus formuliert das im Römerbrief so: „Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,38 f.)
Diese Reflexion schrieb Paulus nicht in sicherer Distanz zu Not und Elend, sondern direkt aus der eigenen Bedrängnis heraus, eine unsichere Zukunft vor Augen. Wie auch im Gedicht von Dietrich Bonhoeffer „Von guten Mächten wunderbar geborgen ...“ die Erkenntnis zum Tragen kommt, dass alles, was wir erfahren haben und ertragen mussten oder erleben durften, dass alles in Gott geborgen ist und gut wird, weil sich letztlich alles in seiner Existenz und seinem Gut-Sein wandelt.
Gerade angesichts solcher Katastrophen wie der jetzigen in Südostasien stellt sich ja die Frage nach dem Sinn solcher Ereignisse. Die – kurz gefasste – Antwort des Christentums ist: Wir sind in dieser Welt, wir sind verletzlich und Glück und Leid ausgesetzt. Aber nicht die Vergänglichkeit spricht das letzte Wort, nicht die Verzweiflung über das Unvermeidliche, sondern hinter allem Glück und auch hinter allem Leid steht Gott und die Zusage seiner Gemeinschaft – über den Tod hinaus. Daher bleibt die Zukunft nicht ungewiss, ob Glück oder Unglück über mich bestimmen. In Gott werden alle Erfahrungen zum Guten gewandelt. 
Peter Knauer formuliert das so: „Anstatt auf die spekulative Frage zu antworten, wie Gott das Leid zulassen kann, lehrt die christliche Botschaft also, wie man im Leid bestehen kann. Allein diese Frage ist heilsam. ... Der Glaube erkennt das, was für den Unglauben die Ohnmacht Gottes ist, als die Gegenwart seiner Allmacht.“
Dieses Verständnis ist nicht etwa die Vertröstung auf ein besseres Jenseits und es ist auch nicht die Beruhigung, die zur Passivität führt. Denn: Gemeinschaft mit Gott heißt nicht, die Hände in den Schoß zu legen und auf etwas Besseres zu warten. Es heißt: In allem, was ich tue, kann ich davon ausgehen, dass letztlich – in Gott – alles gut wird. Wie es der kleine Junge in dem oben genannten Beispiel sehr treffend formuliert hat. Und deshalb ist der, der dieser Botschaft vertraut, in seinem Engagement für eine gerechte und lebenswerte Welt frei und nicht mehr erpressbar, denn sein Handlungsgrund ist nicht abhängig von weltlichen, vergänglichen und veränderbaren Bedingungen.
Es ist nachvollziehbar, dass eine solche Sichtweise für einen kritischen Begleiter wieder neue Fragen aufwirft, die beantwortet werden wollen. Letztlich ist es auch nicht notwendig, wenn es um die Rechtfertigung des Glaubens vor der Vernunft geht, ÜÜberzeugungsarbeit zu leisten. Es reicht der Nachweis aus, dass es nicht unvernünftig ist, sich auf den Glauben einzulassen.
Es erscheint für das Verständnis einer trinitarischen Gottesvorstellung nun im ersten Schritt notwenig zu sein, den Rahmen des christlichen Gottesbildes abzustecken und ihn zu erläutern. Zum Einen muss deutlich werden, worum es eigentlich geht, zum Anderen muss verhindert werden, dass der Blick auf eine jenseitige Wirklichkeit verengt wird und nur noch ein sehr beschränktes Gottesbild möglich ist.
In diesem Rahmen des Grundsätzlichen entwickeln sich viele unterschiedliche Gottesvorstellungen, die sich aber im Konsens und zu Recht auf die christlichen Grundlagen berufen. Das Christentum ist nichts Beliebiges, das alles zulässt und nichts ausschließt. Es geht um letzte Wahrheiten, um absolute Ansprüche und um Verbindlichkeiten.
Nun muss man aber bei der Entfaltung von christlichen Inhalten darauf achten, dass diese – berechtigten – Ansprüche nicht so totalitär und aggressiv interpretiert werden, wie es leider oft in der Vergangenheit geschehen ist und auch heute noch geschieht (z.B. bei der Auseinandersetzung um Eugen Drewermann, Hans Küng, Leonardo Boff, Dom Helder Camara, Oskar Romero etc.). Das wäre ein Missverständnis. Andererseits gilt es aber auch, Inhalte verständlich und verbindlich zu formulieren, so dass ein inhaltlicher Orientierungsrahmen entsteht. Der interessierte Sucher muss ja wissen, worauf er sich evtl. einlässt, wenn er sich zum Christentum bekennt. Dieser Orientierungsrahmen ist auf der einen Seite flexibel und veränderbar, auf der anderen Seite schreibt er unverzichtbare Inhalte fest, entfaltet und verdeutlicht sie (siehe oben). 
Fundamentaltheologisch wird das Gottesbild durch vier grundlegende Eigenschaften umrissen:


Der Schöpfergott

Alle Weltreligionen sind sich einig, dass Gott der ist, der alles erschaffen hat. Diese Vorstellung vom Schöpfergott ist so grundlegend, dass sie unverzichtbar für den Monotheismus bleibt.
Alle anderen, z.B. naturreligiösen Anschauungen von einem in der Natur beheimateten „Gott“ oder einem direkt aus einer anderen Dimension eingreifenden „Gott“ oder einem „Gott“, der Bestandteil und nicht Ursache der Schöpfung ist ... solche Vorstellungen mögen ihre Berech-tigung haben und in Kultur und Tradition verwurzelt sein, sie können aber nicht den Anspruch erheben, die Frage nach dem absoluten „Woher?“ und „Wohin?“ beantworten zu können.
Denn wir müssen davon ausgehen, in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, dass alles, was existiert, auch Raum und Zeit, aus der Singularität hervorgegangen ist. Mit anderen Worten: Es gab einmal einen „Zustand“, in dem nichts existierte – ganz genau müssten wir sagen: noch nicht einmal nichts, denn das Nichts wäre ja schon wieder etwas. Alles, was heute existiert, ist geworden (religiös: geschaffen) und zumindest potenziell vergänglich. Allem Existierenden haftet die Eigenschaft des Vergänglichen an. Alles, was vergänglich ist, kann aber nicht zugleich der Grund und das Ziel des Seienden sein. Sollte es also einen Schöpfer-Gott geben, dann lässt er sich logisch widerspruchsfrei nur denken, wenn er nicht Teil des Geschaffenen, wenn er restlos verschieden vom Diesseits ist – wie schon Augustinus sagte: „Gott wohnt in unzugänglichem Licht“.
Gott ist also der, ohne den nichts ist. Er hat alles erschaffen. Nicht nur unsere Erde, sondern das ganze Universum (oder auch andere Universen, die gedacht werden können, s. Anmerkung 10) gehen auf ihn zurück. Alles, was geschaffen ist, alles, was potenziell wahrnehmbar ist, gehört zu unserem Diesseits, zu unserer geschaffenen Welt und hat seinen Grund in diesem Schöpfergott. Er ist der konstitutive Terminus der Schöpfung. Das heißt: Könnte ich die Welt wegstreichen, ausradieren, dann wäre Gott immer noch, denn er ist, unabhängig von seiner Schöpfung. Würde ich aber Gott verneinen, dann gäbe es auch keine Schöpfung, nichts mehr, denn er ist der Grund allen Seins.
Dieser Schöpfungsgedanke muss radikal gedacht werden, denn er ist  die Grundlage aller Religion. Die Frage nach dem absoluten „Woher?“ findet die Antwort darin, dass Gott der Urgrund ist, der alles erschaffen hat.
Wo die Wissenschaft notwendigerweise ihre Schranken findet – denn vernünftige Naturwissenschaft beschäftigt sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ausschließlich mit dem, was messbar und wägbar ist – da erhebt die Religion den Anspruch, eine lebensbejahende Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ geben zu können. Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Ansätze der Welterkenntnis: Man kann sich mit der naturwissenschaftlichen Weltsicht zufrieden geben und das „Wie?“ erforschen. Das bleibt im empirischen Rahmen des Überprüfbaren und Messbaren.  Man kann aber auch die Grund-Frage stellen nach dem „Warum“ und die Antwort ausgehend von der Vernunft im Glauben finden. In diesem Zusammenhang darf „Glauben“ natürlich  nicht im Sinne von „vermuten“ verwendet werden, sonst ergibt das keinen Sinn mehr. „Glauben“ heißt hier vielmehr, dass man auf eine der Vernunft zugängige Wirklichkeit vertraut.


Der Allmächtige
Dieser radikale Schöpfungsgedanke beinhaltet, dass der Schöpfer allmächtig ist. Nun heißt „Allmacht“ aber keineswegs, dass Gott alles machen könnte, wenn er nur wollte. Dieses will-kürliche Verständnis würde zu der Scherzfrage führen, ob Gott in der Lage wäre einen Stein zu erschaffen, der wiederum so schwer wäre, dass Gott ihn nicht mehr heben könnte. Auf dieser Gedankenebene: „Gott könnte alles machen, wenn er nur wollte.“ entlarvt sich dieses willkürliche Gottesbild als in sich unlogisch und nicht tragfähig.

Im christlichen Sinn ist „Allmacht“ aber wieder einmal viel grundsätzlicher und radikaler zu verstehen: Gott ist der, ohne den nichts ist, das heißt: Er hat alles geschaffen und ist in diesem Sinne auch in allem mächtig. Es ist schlechterdings unmöglich, sich etwas vorzustellen, was ohne Gott sein könnte. In diesem Sinne ist Gott jetzt unmittelbar hier genauso gegenwärtig am Werk wie auf dem fernsten Planet. Ein zutreffendes Bild für diese allmächtige Gegenwart Gottes ist das eines Aquariums: Wenn ein solches Behältnis bis oben hin mit Wasser gefüllt wird, dann gibt es nirgendwo mehr oder weniger Wasser, es ist überall.


Der Unendliche
Insofern dieser Gott also der Schöpfer ist, der in allem wirksam ist, insofern er alles erschaffen hat (s.o.), muss er unendlich sein. Wenn „Gott“ vergänglich, endlich wäre, dann wäre er selbst geschaffen und könnte nicht der Grund der Schöpfung selbst sein. Gott ist also restlos verschieden von der Welt, insofern er unvergänglich ist, die Welt ist aber andererseits auch restlos auf Gott bezogen, insofern der Schöpfer konstitutiver Terminus seiner Schöpfung ist (s.o.). Ein punktuelles und direktes Eingreifen Gottes in die geschaffene Welt, in dem z.B. Naturgesetze aufgehoben würden und sich so die „Macht“ Gottes zeigen würde, wäre also nicht vorstellbar (s.o. zu dem Verständnis von „Allmacht“)
Es mag vielleicht Überwesen geben, die übermenschliche Kräfte haben und die vielleicht sogar zwischen verschiedenen Wirklichkeiten, Dimensionen wechseln können, darüber soll sich jeder seine eigene – vernünftige – Meinung bilden, aber auch diese „Übermenschen“ wären geschaffen, also vergänglich und würden als absoluter Grund ausscheiden. Diese anderen potenziell wahrnehmbaren Wirklichkeiten wären jedenfalls nicht das, was in den Religionen unter „Gott“ verstanden wird.
Die modernen Naturwissenschaften beschäftigen sich mit dem, was wahrnehmbar und messbar ist. So können sie zu nachvollziehbaren und überprüfbaren Ergebnissen kommen, die sich von bloßen Behauptungen unterscheiden. Auf diesem Weg der wissenschaftlichen Welterkenntnis lässt sich der Werdegang des Kosmos gut beschreiben. Wer dieses Fach seriös betreiben will, der wird bei seinen Forschungen bemüht sein, sich an die Bedingungen während des Urknalls anzunähern. Alles, was vor dem Urknall gedacht werden könnte, entzieht sich der wissenschaftlichen Forschung. Die Physiker haben dort eine Zäsur gemacht, einen Schlusspunkt gezogen und gehen davon aus, dass es ein „davor“ im eigentlichen Sinn gar nicht gab, denn auch die Zeit ist entstanden. Sie postulieren also für den „Zustand“ vor dem Urknall, dass es noch nichteinmal Nichts gab und bezeichnen das als „Singularität“.
Die Religion darf hier mit ihrem theologisch-philosophischen Ansatz weiter gehen: Sie setzt den Anfang hinter die erkennbare und empirische Welt und sagt, dass alles, was ist, geschaffen wurde von einem Schöpfer, der selbst keinen Anfang und kein Ende hat. Dieser Schöpfer ist das absolute „Woher“ und das absolute „Wohin“. Da er selbst aber nicht geschaffen ist, sonst wäre er endlich und nicht Ursprung, ist er nicht Teil seiner Schöpfung. Das Geschaffene ist gleichsam in ihn eingebettet, er umfängt es, ohne selbst zum direkten Gegenstand der Erkenntnis zu werden, denn sonst wäre er wieder der Vernunft untergeordnet und als solches vergänglich. Von diesem Gott lässt sich in menschlichem Wort also konsequenter Weise immer ausschließlich analog, d.h. hinweisend reden. Alles menschliche Reden von ihm ist auf ihn hingeordnet, es bezeichnet ihn oder beschreibt ihn aber nie direkt.
Wenn Gott also der Grund allen Seins, der Schöpfer, der in allem Mächtige, der Unendliche ist, worin liegt dann der Sinn der Schöpfung? Denn das ist ja der Anspruch der Religionen: Sie können keine endgültigen Antworten nach dem „Wie?“ geben – das erforschen die Naturwissenschaften gründlicher, aber sie wollen Lebenshilfe sein, indem sie nach dem „Warum?“ forschen.


Der Gute
In einem Fernsehbeitrag über das Leben der Eintagsfliegen ging der Reporter zum Schluss des Beitrags auf die Frage ein, ob denn, angesichts der kurzen Lebensspanne dieser Tiere, deren Leben überhaupt einen Sinn habe. Er sagte (sinngemäß), dass die Frage nach dem Sinn losgelöst von der Lebensdauer sei und dass wir Menschen bei der Suche nach dem Sinn des Lebens aufpassen müssten, nicht das Leben selbst zu verpassen. Im übrigen, so meinte er, könnten wir bei der Eintagsfliege lernen, denn sie würde das leben, was wir versuchen zu erkennen: dass der Sinn im Leben selbst liegt.
Im Grunde gibt die christliche Religion keine andere Antwort auf diese Frage mit dem Zusatz, dass dieses Leben aus der Gewissheit heraus gestaltet werden kann, dass letztlich alles gut wird, weil Gott hinter aller Wirklichkeit steht. Alles ist (letztlich) gut, weil es von Gott geschaffen, gewollt ist. Dieses „gewollt“ ist aber nicht in dem deterministischen Sinn von „gebunden“, „vorherbestimmt“ zu verstehen, sondern in dem oben beschriebenen Schöpfungssinn. Gott ist der unendlich Gute – nicht im moralisch-wertendem Sinn –  , weil er alles erschaffen hat und weil es in diesem Sinn gewollt, gut ist.

Weil diese Schöpfung nicht losgelöst vom Schöpfer ist, sondern weil Gott die Schöpfung in seiner Gemeinschaft belässt, weil diese Gemeinschaft geschenkt und nicht verdient ist und weil sie ewig ist, deshalb hat immer die Liebe Gottes das letzte Wort, er lässt niemanden durchfallen. („Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht.“ (Röm 8,33)
Dies wird deutlich ausformuliert in der ÜÜberzeugung, dass es ein „ewiges Leben“ gibt. Dieser Glaubensinhalt wird häufig auch übersetzt mit „Leben nach dem Tod“, was aber wieder zu vielen Missverständnissen führen kann. Die christliche Jenseitshoffnung besteht nämlich nicht aus der ÜÜberzeugung heraus, dass die Menschen ihr irdisches Dasein fristen müssen bis zum Moment des Todes und erst danach beginnt dann das ewige Leben, das Leben im Paradies, das Leben bei Gott. Christliche Lehre ist, dass diese Gemeinschaft das ganze Leben umfasst: Vom ersten Moment der Empfängnis bis zum letzten Atemzug wird der Mensch in seiner Persönlichkeit geprägt. Alles gehört zu seinem Sein dazu: Körper und Geist, Materie und Seele. Und in dieser Einheit zeigt sich die wahre Persönlichkeit eines jeden Menschen.
Der Glaube an die Gemeinschaft mit Gott besagt nun, dass all das auf ewig in Gott geborgen ist. Nichts, was zur Persönlichkeit des Menschen dazu gehört, geht jemals verloren. Die Konsequenz aus dieser Vorstellung ist, dass das „ewige Leben“ schon längst begonnen hat, der Tod ist lediglich ein Teil dieser Gesamtexistenz. Um diesen Glaubensinhalt deutlicher auszudrücken, sollte auch besser von der „Vollendung im Tod“ statt einem „Leben nach dem Tod“ gesprochen werden.
Der ganze Mensch in seiner geschichtlichen Persönlichkeit ist eingebunden in die Gemeinschaft mit Gott, die Leben und Tod überdauert. Auf diese Wirklichkeit der Gegenwart Gottes weist Jesus immer wieder hin, wenn er davon spricht, dass das Reich Gottes nah sei, z.B.: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch.“ (Lk 17, 20 f). Auch in dem Streitgespräch mit den Sadduzzäern über die Auferstehung wird das deutlich: „Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.“ (Lk 20,38)

Damit ist der Rahmen gesteckt für das Reden von Gott im christlichen Sinn. Hinter diese Grundaussagen gibt es, wenn man vom christlichen Gott sprechen will, kein Zurück.


Der Kerngedanke der Trinität und das „Wort Gottes“
Genau an diesem Punkt fangen jedoch die Schwierigkeit überhaupt erst an: Entsprechend den vorigen Ausführungen, dass Gott der Schöpfer ist, der nicht Teil seiner Schöpfung sein kann, wenn Gott also restlos von seiner Schöpfung verschieden ist, dann ist es keineswegs so selbstverständlich, wie es gemeinhin getan wird, überhaupt von einem „Gott“ zu sprechen. Denn dieser Gott ist ja zunächst einmal nicht zu fassen, nicht zu begreifen, nicht zu erfahren – eigentlich ist es ja gar nicht möglich, irgendetwas über ihn auszusagen – denn er ist ja nicht Teil unserer empirisch erfahrbaren Welt.
Gott – wenn es diese Wirklichkeit gibt – kann in keiner Form Anteil haben an der Vergänglichkeit, denn dann wäre er eine geschaffene Wirklichkeit und nicht Ursprung von allem. Wenn er aber nicht Ursprung wäre, dann wäre es völlig überflüssig, von ihm zu reden, denn dann mag es andere Dimensionen, Außerirdische oder Ähnliches geben (s.o.), aber alles bliebe im Rahmen des Gewordenen und potenziell Vergänglichen. Dann müsste über die mögliche Existenz einer jenseitigen Wirklichkeit nicht weiter nachgedacht werden.
Die Grundvoraussetzung bei der Behauptung, dass es einen Schöpfergott gibt, ist also, dass dieser Gott restlos verschieden von allem Geschaffenen ist.
Diese unumgängliche Feststellung wirft aber die oben skizzierte Frage umso deutlicher auf: Wenn das so ist, wie kann man denn dann überhaupt von einem solchen Gott sprechen, geschweige denn von einem guten Gott, der uns seine Gemeinschaft und Liebe vorbehaltlos geschenkt hat (Paulus/Luther)? Wie soll da von dem „Wort Gottes“ geredet, wie es erfahren werden?
Diese Überlegungen führen direkt zur Notwendigkeit und zum Verständnis der Trinität.

Der Kerngedanke der Trinität

Es geht also bei der Rede von der Trinität im Kern darum, widerspruchsfrei zu erläutern, wie es eine Wirklichkeit geben kann (Gott), die alles erschaffen hat (Schöpfer ist), die daher nicht Teil dieser Schöpfung sein kann (der Unendliche), sich aber dennoch in der Schöpfung offenbart (Allmacht), so dass wir von ihr sprechen und eine ewige Gemeinschaft behaupten können.
Um diesen Gedanken zu entfalten, müssen wir die Prämissen im Einzelnen bedenken und zusammenführen:
Gott ist der Ursprung von allem. Diese Wirklichkeit kann man auch eine erste Form des Seins, des Selbstbesitzes nennen. Ein Stein z.B. ist einfach, er existiert – ohne Bewusstsein, ohne Reflexion ohne weitere Möglichkeiten der Entfaltung. Aber auch diese Form des Existierens ist ja schon eine Seins-Form. Auf Gott bezogen lässt sich formulieren: Dieses ist die erste Person, die erste Form des Selbstbesitzes.

  •  Gott-Vater - Erster Selbstbesitz

Symbolisch dargestellt: Die Wirklichkeit Gottes ist wie ein Kreis, der keinen Anfang und kein Ende hat. Er ist der Ursprung, der in sich selbst geschlossen ist. Die Wirklichkeit, die hinter allem Geschaffenen steht, hat sich auch nicht selbst geschaffen. Sie war, ist und wird sein.
Selbstverständlich gilt auch hier wieder die Warnung: Symbole und Erklärungsversuche dürfen nicht mit dem Gemeinten gleichgesetzt werden. Es ist immer zu beachten, dass hier eine philosophisch-theologische Erklärung formuliert wird, wie das notwendige Getrenntsein von Schöpfung und Schöpfer in Einklang zu bringen ist mit der Rede von ihm und seiner Gemeinschaft mit dem Geschaffenen. Hierbei dient der Kreis als Symbol der Unendlichkeit. Er ist ohne Anfang und Ende, er verläuft in sich geschlossen ohne Veränderungen.
Das ist aber lediglich eine erste Existenzform: Das einfache Da-Sein (s. Beispiel Stein). Diese unterschiedlichen Daseinsformen kennt auch die Kommunikationsforschung: Grund-voraussetzung für jegliche zwischenmenschliche Kommunikation ist, dass es ein „Ich“ gibt. Das allein reicht aber noch nicht aus. Wenn ein Kommunikationspartner ausschließlich auf sich selbst bezogen ist, dann kann er sich nicht mitteilen. Erst mit einem Gegenüber, einem „Du“ beginnt der Austausch. Wenn „Ich“ und „Du“ in einem Prozess sind, dann ergibt sich automatisch das „Wir“, nicht als eigenständige und losgelöste Wirklichkeit, die entweder sein kann oder nicht. Auch dieses „Wir“ ist aus dem Geschehen nicht zu streichen. Würde das „Wir“ gestrichen, müsste automatisch auch eine der anderen Wirklichkeiten wegfallen.

Auch bei der christlichen Vorstellung von Gott gibt es noch eine zweite Form des Existierens: Gott ist sich selbst zugewandt, da er nicht bloß reine Existenz ist, sondern um sich weiß und auf sich bezogen ist. In dieser Form ist er der Ursprung, der vom Ursprung herkommt – die zweite Form des Selbstbesitzes, die zweite Person.


     Gott-Vater  - Gott-Sohn

Gottes zweiter Selbstbesitz ist nicht etwa eine neue Person, eine unabhängige und zweite Gottheit. Es ist die Bezogenheit auf sich selbst als zweite „Hypostase“, die aus dem Ursprung kommt und selbst Ursprung ist.

Dieses Sich-zugewandt-sein ist aber selbst schon wieder göttlich, also eine Beziehung zwischen den beiden ersten Selbstbesitzen: die dritte Person.
                 Gott-Heiliger Geist

 Auch die dritte Form des Selbstbesitzes (Hypostase) ist keine neue Existenzform. Sie ist real als Beziehung zwischen den ersten beiden Erscheinungsformen, so wie das „Wir“ aus dem „Ich“ und  „Du“ hervor geht.
            Gott-Vater Gott-Sohn

Wenn Gott so als der Ursprung verstanden wird, in den alle weltliche Wirklichkeit hineingeschaffen, eingebettet ist, dann wird verständlich, dass das Leben und alle erfahrbare Wirklichkeit in einer größeren und anderen Wirklichkeit aufgehen.


Insofern Gott der Schöpfer ist, ist er der Ursprung von allem. Es lässt sich noch nicht einmal nichts ohne ihn denken. Insofern etwas ist – und das ist das, was unserer empirischen Erfahrung zugänglich ist – ist es restlos eingebettet in die Wirklichkeit Gottes. Diese Wirklichkeit umfängt alles, nichts kann aus ihr herausfallen, denn dann wäre es ja nicht. Die Form des Seins kann aber keine existierende Wirklichkeit aufgeben. Um diese transzendente Wirklichkeit widerspruchsfrei in menschlichem Wort ausdrücken zu können, verwendet man die Rede von der Dreifaltigkeit, der alles umfassenden Wirklichkeit in drei verschiedenen Personen (zum Begriff „Person“ s.o.)

Peter Knauer formuliert das in seinem Buch sehr persönlich so:
„So gilt: Gott-Vater liebt seine Schöpfung mit einer Liebe, die nicht an uns und überhaupt nichts Geschaffenem ihr Maß hat. Sie ist vielmehr von Ewigkeit her die Liebe zu seinem eigenen göttlichen Gegenüber, dem Sohn. Dass wir in diese Liebe aufgenommen sind, kann uns nur durch die Menschwerdung des Sohnes offenbar werden und wir können es nur im Glauben als dem Erfülltsein vom Heiligen Geist erkennen.“

Bei der Frage nach Gott und seiner jenseitigen Wirklichkeit kommen wir mit unserem Verstand und der Sprache an die Grenze des Aussagbaren. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn unsere Sprache stammelt und stottert, um etwas Unaussagbares darzustellen. Daher gibt es viele Gleichnisse, Bilder und auch Grafiken, die Inhalte verdeutlichen sollen. Auch wenn Wiederholungen und verschiedene Anläufe der Erklärung nötig sind, sollte deutlich sein, dass es bei der Rede von der Trinität nicht um eine philosophische Gedankenspielerei handelt, die Jesus aus Nazareth zum Christus machen möchte. Der Ansatz ist, wie oben erwähnt, umgekehrt:
Bei der Reflexion über die Gegenwart Gottes muss erkannt werden, dass es anscheinend gar keine Gegenwart Gottes in der Vergänglichkeit geben kann, wenn man den Gesetzen der Logik folgt. Soll  dann aber immer noch vernünftig und verständlich von einem Gott geredet werden, dann muss erläutert werden, wie sich der scheinbare logische Widerspruch auflösen lässt.
Dieser Widerspruch kann aufgelöst werden, indem zwei unterschiedliche Hinsichten benannt werden, unter denen verschiedene Wirklichkeiten sein können, die sich selbst nicht wieder ausschließen.
Diese verschiedenen Hinsichten sind, dass wir restlos verschieden von Gott sind, insofern wir geschaffen und vergänglich sind. Zugleich sind wir aber auch restlos bezogen auf ihn, weil er der konstitutive Terminus schlechthin ist.
Wenn ich dann noch von der Gemeinschaft reden will, dann lässt sie sich nur widerspruchsfrei erklären, wenn ich erkenne, dass alle geschaffene Wirklichkeit von ihrem Anbeginn an in diese ewige Wirklichkeit des zweiten Selbstbesitzes aufgenommen ist: Gott ist sich von Ewigkeit her in einer Weise zugewandt, die selbst schon wieder göttlich ist.
So sagt die christliche Botschaft also aus, dass alle geschaffene Wirklichkeit in die Liebe Gottes aufgenommen ist – das heißt: Gemeinschaft mit Gott. Es ist also in höchstem Maße zutreffend, wenn am Fest des Heiligen Geistes zu Pfingsten, der Geist Gottes mit der Liebe Gottes gleichgesetzt wird.

Aus diesen Vorüberlegungen heraus lassen sich die Formulierungen der Konzilsväter zum Verständnis der Trinität recht gut verstehen.
Die Lehre der Katholischen Kirche in Bezug auf die Dreifaltigkeit wurde auf dem Konzil von Florenz (1351 n. Chr. ) wie folgt zusammengefasst:
„Alles, was der Vater ist oder hat, hat er nicht von einem anderen, sondern aus sich; und er ist Ursprung ohne Ursprung. Alles, was der Sohn ist oder hat, hat er vom Vater; und er ist Ursprung von einem Ursprung her. Alles, was der Heilige Geist ist oder hat, hat er zugleich vom Vater und vom Sohn; aber der Vater und der Sohn sind nicht zwei Ursprünge des Heiligen Geistes, sondern ein einziger Ursprung, so wie der Vater und der Sohn und der Heilige Geist nicht drei Ursprünge der Schöpfung sind, sondern ein einziger Ursprung.“

Damit sind die verschiedenen „Hypostasen“ deutlich beschrieben. Was aber bedeutet es dann, wenn die Christen von Jesus als dem „Sohn Gottes“ sprechen? „Sohn Gottes“ kann ja nicht heißen, dass der irdische Jesus aus Nazareth der zweite Selbstbesitz Gottes gewesen wäre, denn dann hätte der Mensch Jesus eine Präexistenz und das Jenseitige wäre Diesseitiges geworden.
Was also bedeutet dieses Verständnis für die Beziehung Jesu zu Gott? 


5. Jesus, der Sohn Gottes – fundamentaltheologisches Verständnis

Die gleiche Frage beschäftigt religiös denkende und suchende Menschen auch heute noch.
Im Christentum gibt es einen Antwortversuch auf diese Frage, der sich auf ein ganz spezielles Verständnis von Jesus als „Sohn Gottes“ bezieht:
„Indem wir den heiligen Vätern folgen, lehren wir übereinstimmend, unseren Herrn Jesus Christus als ein und denselben Sohn zu bekennen. Er ist derselbe, vollkommen in seinem Gottsein und vollkommen in seinem Menschsein, als derselbe wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch aus Vernunftseele und Leib, dem Vater wesensgleich im Gottsein und als derselbe uns wesensgleich im Menschsein, in allem uns gleich außer der Sünde ... Er ist also ein und derselbe Christus, Sohn, Herr und Einziggeborene in zwei Naturen zu verstehen, unvermischt, unverändert, ungetrennt, unauflöslich.“
Jesus ist, nach diesem Verständnis, also in allem uns gleich, außer der Sünde.
Bei der Entfaltung dieses Konzilstextes lässt sich also zunächst feststellen, dass Jesus in seiner irdischen Wirklichkeit ein ganz realer Mensch mit ganz irdischen Bedürfnissen war. Im Gegensatz zu dem religiösen Verständnis, das Jesus über alle Maßen glorifiziert und in unerreichbare Höhen erhebt, so dass er kaum mehr als Mensch erkennbar ist, wird hier deutlich das Menschsein Jesu unterstrichen.
Seine Gottessohnschaft macht sich also daran fest, dass er ohne Sünde war.
Sünde bedeutet: Der Mensch handelt immer wieder unmenschlich, weil er von der Angst um sich selbst angetrieben wird. Dieses unmenschliche Handeln trägt den Kern in sich, der eine soziale und gerechte Gemeinschaft verhindert. Letztlich führt dieses Angst um sich selbst zu kurzsichtigem und egozentrischem Verhalten, durch das Menschen versuchen, besser da zu stehen als die anderen.
Die Erlösung von der Sünde besteht darin, dass diese Grundangst entmachtet wird durch die Gewissheit, dass die Gemeinschaft mit Gott geschenkt ist und dass letztlich in ihm alles gut wird. Daher braucht man sich nicht mehr abzusichern, man braucht den Lebenssinn nicht in der Welt, im Vergänglichen zu suchen, denn wer sich auf die Botschaft einlässt, die durch Jesus weitergegeben und in ihm sichtbar wurde, der weiß, dass Gott bereits den ersten Schritt getan hat und dass alles andere lediglich der zweite Schritt sein kann, nämlich die Antwort auf das Geschenk der ewigen Gemeinschaft.
„Sohn Gottes“ heißt also, dass Jesus aus Nazareth von dem ersten Moment seiner irdischen Existenz an in einer ganz besonderen Weise um dieses Geschenk der Gemeinschaft gewusst  und dass ihn diese Sicherheit getragen hat und er niemals unmenschlich handeln musste, dass seinen Taten nie die Angst um sich selbst zu Grunde lag. Auch durch Drohungen und Gewalt ließ Jesus sich nicht von diesem Weg der Liebe und Gewaltfreiheit abbringen, er konnte seine Botschaft des unendlich liebenden Gottes vorleben und durchtragen, weil er sich in dieser ewigen Gemeinschaft wusste.
Darin liegt die Befreiung und die Erlösungstat Jesu: Dass er denen, die ihn kannten, einen anderen Weg aufzeigte, wie man mit Gewalt umgehen kann. Es geht nicht darum, die Spirale der Angst und der daraus resultierenden Gewalt weiter zu drehen, sondern sie zu durchbrechen und zu beenden, indem man dieses Spiel der Mächte verweigert und aus der Sicherheit des Glaubens heraus den sicheren Weg wählt.
Dass hierin das wahre Messiasverständnis liegt, haben die Jünger auch erst recht spät verstanden. Petrus wollte in Jesus ja zunächst den Krieger Gottes sehen (s.o.) und nach der Verhaftung fürchtete er sich so sehr davor, dass er das Schicksal seines Meisters teilen müsse, im übrigen war das eine sehr reale und begründete Furcht, dass er behauptete, er hätte ihn noch nie in seinem Leben gesehen. Erst nach den Erfahrungen, die in der Bibel als Ostererfahrungen beschrieben sind, schafft es Petrus und schaffen es auch die anderen, ihren Lebensweg zu wenden. Erst nach den Erfahrungen der Auferweckung verstehen sie, was Jesus ihnen vorgelebt hat.
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Jesus Jesus war von vornherein in den zweiten Selbstbesitz Gottes aufgenommen und hat aus dieser Erfahrung heraus gelebt und gehandelt. Darin besteht die reale Gottessohnschaft.
 
6. Glaube und Vernunft

Folgende kleine Erzählung verdeutlicht, welcher Stellenwert oft der Vernunft eingeräumt wird und zu welchen Missverständnissen das führen kann:

Einst ging Augustinus, so wird erzählt, am Meer spazieren und dachte über das Geheimnis der Dreifaltigkeit nach. Da bemerkte er ein Kind, das mit seinem Eimerchen Wasser aus dem Meer in einen kleinen, abgegrenzten Bereich schöpfte. „Was machst du da?“ „Ich möchte das Meer in meinen Teich schöpfen.“ Da lachte Augustinus: „Das wird dir nie gelingen!“ Da richtete sich das Kind auf und sagte: „Ich mache es genauso wie du: Du willst mit deinem kleinen Verstand das Geheimnis des dreieinigen Gottes verstehen!“

So nett diese Geschichte auch ist und so viel Wahrheit sie auch beinhaltet: Sie darf nicht dazu führen, dem Verstand und der Vernunft ihre grundlegende Bedeutung als Filterfunktion abzusprechen. Glaubenswahrheiten sind nicht mit dem Verstand zu erfassen, denn sonst wären sie nicht mehr Gegenstand des Glaubens. Aber selbstverständlich bleibt es bei der Grundanforderung, dass Glaubensaussagen nicht gegen die Logik und den Verstand verstoßen dürfen – wenn sie widerspruchsfrei und rational nachvollziehbar sein wollen. Der christliche Glaube verstößt nicht gegen die Vernunft und gegen den Verstand, er ist aber auch nicht damit zu erfassen. Der Glaube ist das umfassendere Wirklichkeitssystem, in das die vernünftige Erkenntnis eingebettet ist. So lässt sich auch die weit verbreitete Meinung nachvollziehen, dass es noch viele Wirklichkeiten gibt, die wir nicht oder noch nicht wahrnehmen können. Oft wird damit aber leider auch assoziiert, dass daraus folgt, dass alles möglich sein könnte. Das ist aber keineswegs die Konsequenz daraus. Es bleibt, auch nach dem Verständnis der modernen Naturwissenschaften dabei: An den vernünftigen Erkenntnissen und objektiv nachweisbaren Wirklichkeiten gibt es keinen Weg vorbei. Was in diesem Sinn naturwissenschaftlich bewiesen ist, beansprucht Gültigkeit zu haben.  Darüber hinaus erscheint es aber möglich und sogar wahrscheinlich, dass es noch andere Wirklichkeiten gibt, die wir heute aber noch nicht erkennen können. H. v. Dithfurt schließt daraus und so endet auch sein Vortrag: Es ist nicht so, dass die Welt in sich geschlossen ist. Sie ist in Wirklichkeit nach oben hin offen. „Offen auch für das Jenseits, von dem die Religionen sprechen.“
In diesem Sinn ergänzen sich also natürliche Welterkenntnis und Glaubenssysteme, ohne sich gegenseitig auszuschließen.
Es wird aber auch deutlich, dass es immer nötig sein wird, die Antwortversuche auf die letzten Dinge unserer Wirklichkeit ins menschliche Wort zu kleiden, um sich mitzuteilen. Der Versuch darf auch nicht daran scheitern, dass um Worte und das Verständnis gerungen wird und dass es auch Missverständnisse gibt. Religiöses Reden sollte diese Gegebenheiten akzeptieren und keinen künstlichen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Glaube provozieren. Andererseits muss die Vernunft akzeptieren, dass es noch Wirklichkeiten und Wahrheiten gibt, die über den gesetzten Vernunftrahmen hinausgehen.
Das trifft, wie dieses Arbeit aufzeigen wollte, in besonderem Maße auf die Rede von dem trinitarischen Gottesverständnis zu.

Abschlussarbeit des Studiums des Faches Ethik, vorgelegt von Günter Fischer