Inhaltsverzeichnis

 

1       Vorwort                                                           
2       Was ist eigentlich „Aberglaube“?                     
3       Die Scharlatane                                                
4       Pendeln, Gläserrücken und Ähnliches                
5       Geisterglaube – Diesseits und Jenseits           
6       Voodoo – Zauber und Naturreligionen           
7       Alte und neue „Hexen“                                 
8       Der Teufelsglaube in unserer Zeit                 
9       Der Teufel und das Christentum                  
10     Grundlagen des christlichen Glaubens         
11     Magische Strukturen im Christentum?         
12     Jesus – ein Zauberer?                                
13     Glaube – Mythos – Vernunft                     
14     Literaturverzeichnis                                   


Aberglaube und Christentum   -    Vorwort                  1


Seit 1986 unterrichte ich an einer beruflichen Schule mit sehr vielen verschiedenen Schulformen. In all diesen unterschiedlichen Schwerpunkten des Lehrens und des Lernens und bei allen Schüler/innen jeder Altersstufe hat es mich immer wieder erstaunt, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die sich an abergläubischen Praktiken beteiligen, wie auch immer diese aussehen mögen.
Um im Unterricht dann die Probleme ansprechen zu können, die Schüler/innen auch tatsächlich interessieren, habe ich in den Kursen stets ein Mitspracherecht bei der Themenwahl des Schuljahres eingeräumt. Ich war nicht wenig erstaunt, dass immer wieder gleiche Schwerpunkte auftauchten, gleiche Inhalte, die sich nach der Wahl der Schüler/innen gleichsam zu einer Art Themen-Hitliste zusammensetzten – und immer wieder war das Thema „Aberglaube“ darunter.
Notgedrungen musste ich mich also damit befassen und Informationsmaterial zusammentragen, Fernsehsendungen verfolgen, Bücher lesen etc. Dabei merkte ich, dass das Thema tatsächlich nicht ohne Reiz ist: Alte Kinderträume tauchten auf, Märchen, Vorstellungen von einer anderen Welt, in der es noch Königin und König gab, Phantasiewelten, in denen außerirdische Mächte durch die Macht eines Zauberers zu bändigen waren, Welten, in denen Ereignisse vorhersehbar waren, in denen jenseitige Mächte beeinflusst werden konnten, in denen Menschen mit den Göttern im Streit liegen und im Fall des Obsiegens Erlösung, ja sogar Unsterblichkeit erlangen konnten.
Noch heute bin ich ein begeisterter Leser von guten Fantasieromanen. Diese Möglichkeiten des Er- und Auslebens von unbewussten und bewussten Ängsten und Vorstellungen empfinde ich als hilfreich und lebensbejahend.
Was ich im Sumpfkreis des Aberglaubens entdecken, erleben und lesen musste, hat allerdings mit einer positiven oder lebensbejahenden Einstellung nichts mehr zu tun. Ängste werden da produziert, Abhängigkeiten in jeder Form ausgenutzt und die Neigung des Menschen für das Mystische wird ihm letztlich zum Fallstrick.
Meine Empörung steigerte sich noch, als ich dann erlebte, wie selbsternannte Gottesmänner und -frauen ihre Zaubertricks auf die Bühne brachten und behaupteten, der „Heilige Geist“ werde nun sie, diese „Auserwählten“ mit dem besonderen Draht zu Gott, als Medium benutzen und alle anwesenden Kranken heilen.
Aberglaube in Reinkultur!
Auch wenn auf diesen Veranstaltungen ständig der Begriff „Gott“ im Mund geführt  wird, wenn sich diese neuen Propheten auch noch so überzeugt als „die wahren“ Christen bezeichnen: Mit der christlichen Religion hat solcher Zauber absolut nichts zu tun.
Ich will noch nicht einmal behaupten, dass alle diese Heiler bewusst betrügen und sich auf Kosten eines allzu leichtgläubigen Publikums bereichern (obwohl es natürlich auch dafür genügend Beispiele gibt); es gibt sicherlich auch einige darunter, die von sich und ihrer Sendung fest überzeugt sind. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie den von ihnen abhängigen Gläubigen nicht zu einem selbstverantworteten und befreiten Leben verhelfen, sondern diese, die meistens Trost und Hilfe nach schweren persönlichen Schicksalsschlägen suchen, in neue Abhängigkeiten und letztendlich auch in scheinbar heile, aber um so gefährlichere Welten führen. Gefährlich deshalb, weil in all diesen Sekten (denn um solche handelt es sich ganz ohne Zweifel) mit einem sehr einfachen Dualismus gearbeitet wird, der die eine Hälfte der Welt in Gute und die andere in Schlechte einteilt. Dadurch wird es einfach, die Schuld für Ängste, Verlust, Versagen_._._. auf andere „Sündenböcke“ zu projizieren und die wirklichen und grundlegenden Probleme zu verdrängen.
Die Fragen nach den ersten und den letzten Dingen des Lebens, die man im allgemeinen mit dem Sammelbegriff „Religion“ bezeichnet, gehören zum Wesen und zur Kultur aller menschlichen Gesellschaften. Nach meiner Auffassung ist allein dadurch in der Geschichte der Menschheit nachgewiesen, dass „Religion“, wenn man sie nicht nur aus dem eigenen konfessionellen Blickwinkel sieht, sondern in einem weiten Sinn versteht, zum Wesen des Menschen gehört. Das Suchen nach dem Sinn des eigenen Lebens, das Bemühen, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren und auch sie als einen Teil der ganz persönlichen Existenz zu erkennen, sprengen die Möglichkeiten des rationalen Verstehens. Der Verstand muss hier an seine Grenze gelangen, denn es geht um Wahrheiten, die mit dem menschlichen Wort, der Sprache, nur höchst unvollkommen ausgedrückt werden können.
Genau an diesem Punkt unterscheiden sich dann auch die Religionen, die den Menschen spirituelle Erfahrungen ermöglichen, die Lebensperspektive erweitern und damit letztlich zu einer persönlichen Freiheit führen können, von jenen „Religionen“, die unter „Spiritualität“ magische Welten verstehen, in denen der oben beschriebene Kampf zwischen Göttern/Dämonen und uns Menschen stattfindet. Das letztere bezeichne ich als den Aberglauben, der Menschen unfrei macht.
Ich werde in diesem Buch versuchen, den Unterschied zwischen einer lebensbejahenden Religion und dem lebenszerstörenden Aberglauben – egal, in welcher Form oder Schattierung er auftritt – deutlich zu machen.
Dabei wird in der Konsequenz deutlich werden, dass es auch in den großen Religionen immer wieder Missverständnisse, aber auch Missbrauch von religiösen Inhalten gibt.
Es mag manchmal ein schmerzliches Umdenken erfordern, wenn plötzlich traditionelle Denkmuster durchbrochen und unreflektiert angenommene Inhalte hinterfragt werden. Meine Erfahrung dabei ist aber, dass sich letztendlich immer wieder neue Wege auftun, die es ermöglichen, zu der jeweils eigenen und ganz persönlichen Art von Glaube und Spiritualität zu finden.
Die Denkformen des Aberglaubens halten in Abhängigkeiten und führen in Sackgassen für die persönliche Lebensentwicklung. Die einzigen Profiteure sind die „Gurus“.
Damit ich selbst nicht unglaubwürdig werde und die Leser/innen die Argumente überprüfen können, werde ich meine Aussagen auf die Erkenntnisse der menschlichen Vernunft und den objektiv nachprüfbaren und somit bewiesenen Erkenntnissen der Naturwissenschaften aufbauen. Damit sind die Ergebnisse meiner Aussagen nachvollziehbar, und man kann ihnen zustimmen oder sie widerlegen.
Die Schwierigkeiten, die sich hierbei für die Ausarbeitungen ergeben, liegen auf der Hand: Einerseits betone ich die Bedeutung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Spiritualität, andererseits versuche ich nun mit Vernunft und Verstand, pseudomystische Praktiken gleichsam zu entkleiden.
Schüler/innen sagen am Ende solcher Einheiten häufig: „Das kann doch nicht alles sein. Ich kann doch nicht nur vom Verstand leben, ich brauche auch etwas für das Gefühl.“
Auch hier drückt sich schon wieder das menschliche Grundbedürfnis nach emotionaler Geborgenheit aus, das ich aber auf diesem Weg der Erkenntnis nicht befriedigen kann und will.
Wie ich oben schon geschrieben habe: Wenn durch die Erkenntnis der eigenen Spiritualität der angehäufte „Schutt“ von unreflektierten, aufgezwungenen und oftmals immer noch kindlichen Gottesbildern abgetragen ist, dann ist der Weg frei für die Suche nach einer persönlichen und verantwortbaren Religion und Spiritualität.
Die Vernunft und die Sprache stoßen sicherlich manchmal an Grenzen, hinter denen sich Wahrheiten verbergen, die ausschließlich dem Gefühl zugänglich sind. Wenn aber „Hexen“ und andere „Magier“ so tun, als gäbe es diese Logik, Vernunft, Naturgesetze_._._. überhaupt nicht, dann setzen sie auf die Leichtgläubigkeit der Menschen und nicht auf ihren „Glauben“.
In den folgenden Kapiteln werde ich einige Beispiele dafür anführen, wie Menschen in ihrer Not und manchmal auch Naivität mehr oder weniger skrupellos ausgenutzt werden. An diesem Punkt setzt auch meine grundlegende Kritik an: Die verschiedensten Formen des Okkultismus’ sprechen eben immer gerade die Menschen an, die sich in Lebenskrisen befinden. Sie meinen, dass dieser Weg, diese Gemeinschaft, dieser „Glaube“ eine Lösung für alle Probleme anbietet. Meistens ist es dann aber so, dass nicht etwa die alten Schwierigkeiten behoben werden, sondern dass neue hinzukommen.

Was ist eigentlich „Aberglaube“?             2
Häufig habe ich erlebt, dass sich ganze Diskussionsreihen immer wieder darum  drehen, wer denn nun recht hat – gehört dieses oder jenes in den Bereich des „Aberglaubens“ oder nicht?
Oder ist es vielleicht eher dem Bereich des „Okkulten“ zuzuordnen?
Oder befindet man sich unter Umständen vielleicht sogar schon im Reich des Bösen – des „Satanismus“?
Berühre ich eventuell gerade das Feld der „Esoterik“?
Des „New-Age“?
Der „Religion“?
Die Begriffsverwirrung ist sehr vielfältig und manchmal nicht mehr zu durchschauen. Dabei ist es meines Erachtens recht einfach, den Bereich des Aberglaubens abzugrenzen. Ich möchte daher gleich am Anfang eine Definition vorschlagen, auf die ich im weiteren Verlauf immer wieder zurückgreifen werde. Definitionen sollten ja die Eigenschaft haben, dass sie kurz und einfach, zudem noch praktikabel einen Wortinhalt darstellen:
Aberglaube
1.  Aberglaube ist Gegen-Glaube.
2.  Aberglaube verstößt gegen den Verstand und unterstellt, dass Naturgesetze aufgehoben werden können.
3.  Aberglaube hält es für möglich, sich jenseitige Mächte dienstbar zu machen.
4.  Aberglaube hält es für gegeben, dass diese Jenseitigen direkt und unmittelbar in das Diesseits eingreifen (können).
 
Diese Definition bedarf natürlich einiger Erläuterungen, um Missverständnissen vorzubeugen. Meiner Überzeugung nach haben wir aber mit dieser – leicht verständlichen – Definition ein Instrument an der Hand, mit dem es sehr klar, eindeutig und nachvollziehbar möglich ist, „Glauben“ vom „Aberglauben“ zu unterscheiden und einer ganzen Reihe von Scharlatanen ihr gefährliches Handwerk zu legen.
Zugleich lässt die Definition aber auch Raum für die Dinge, die sich unserer Wahrnehmung entziehen, dennoch aber erlebbare Realitäten sind.
Bevor diese Gedanken aber wieder zu abstrakt werden, gleich zu den Erläuterungen und zu konkreten Beispielen:
1.   Aberglaube ist Gegen-Glaube
Diese Aussage habe ich mit in die Definition einbezogen, um auf den Wortursprung hinzudeuten.
Aus dem Mittelhochdeutschen „Afterglaube“ (after = gegen) wurde im Hochdeutschen „Aberglaube“ und meint in dieser ursprünglichen Bedeutung „den gegen den richtigen Glauben gerichteten Glauben“.1
Was aber ist der „richtige“ Glaube?
Da gibt es natürlich viele verschiedene Möglichkeiten des Verständnisses. Man könnte zu der Auffassung gelangen, dass in unserem christlich-europäischen Raum jeder Glaube, jede Religion, die das Christentum ablehnt, ein Gegen-Glaube ist, also ein Glaube, der sich gegen das Christentum richtet.
Das hätte natürlich dann zur Konsequenz, dass das Christentum in (überwiegend) nicht-christlichen Ländern, z.B. im arabischen Raum, ebenfalls als Aberglaube betrachtet werden müsste. Zudem wäre das, was als Aberglaube betrachtet würde, immer von den jeweiligen Mehrheitsverhältnissen abhängig. Ja – in der Konsequenz hätte dieses Verständnis von Aberglaube sogar zur Folge, dass jeder, außer mir  selbst, abergläubisch ist. Denn der „richtige“ Glaube ist zunächst einmal immer mein eigener Glaube. Da aber jeder Mensch ein eigenes Glaubensverständnis und ein eigenes Gottesbild in sich trägt, das immer einmalig auf der Welt ist, ist jedes abweichende Glaubens- bzw. Gottesverständnis zunächst einmal Aberglaube.
Dieser etymologische Teil der Definition allein würde uns also nicht viel weiterbringen. Er kann uns aber im ersten Schritt die ursprüngliche Wortbedeutung vor Augen führen und zugleich deutlich machen, dass die Definition nur insgesamt einen Sinn ergibt.
2.   Aberglaube verstößt gegen den Verstand und unterstellt, dass Naturgesetze aufgehoben werden können.
Dieser Teil der Definition bringt uns im Verständnis des Aberglaubens schon ein wesentliches Stück weiter. Hier haben wir zwei sehr praktikable Merkmale vor uns, die sich gleichsam wie zwei Siebe übereinanderlegen lassen. Im konkreten Fall werden alle abergläubischen Vorstellungen wenn nicht im ersten, dann aber doch im zweiten Sieb hängenbleiben.
Was ist genau damit gemeint?
Der Verstand ist ein unverzichtbares und sehr wirksames Regulativ, welches unser Miteinander und die Wahrnehmung der Wirklichkeit ordnet. Zudem ist unsere Kommunikation nur möglich, weil wir uns ein auf dem menschlichen Verstand basierendes, mehr oder weniger logisch strukturiertes Kommunikationssystem geschaffen haben.
Bei Dingen, die gegen unseren Verstand verstoßen, neigen wir erst einmal dazu, sie unter der Kathegorie „Das gibt es nicht!“ einzuordnen. Manchmal sind wir mit diesen Schlüssen recht voreilig und müssen uns dann nachträglich korrigieren, weil wir Dinge, die wir uns nicht vorstellen können, bzw. die außerhalb unseres bisherigen Erfahrungsbereiches liegen, verwechseln mit angeblichen Ereignissen, die es tatsächlich nicht gibt oder geben kann.
Zum Beispiel ist manches, was im Zustand der Hypnose geschehen kann, so unglaublich, dass man dazu neigt, es als unmöglich abzutun. Mittlerweile lässt sich im Rahmen der Hypnoseforschung aber feststellen, dass die wissenschaftliche Methode der Hypnose nicht nur funktioniert, sondern dass man mit ihr auch großartige Heilerfolge erzielen kann.2
Allerdings halte ich es dennoch für sehr sinnvoll, solchen Erlebnissen, die gegen den Verstand verstoßen, generell skeptisch und aufmerksam gegenüberzustehen.
Das, was der Verstand noch nicht endgültig und beweiskräftig kann, lässt sich nun mit Hilfe des zweiten Siebes erreichen: nämlich eine Antwort auf die Frage zu finden, ob es sich um reale Geschehnisse, um Sinnestäuschung oder um Betrug handelt.
Hierbei helfen uns die Erkenntnisse und das Selbstverständnis der modernen Naturwissenschaften.
In den vergangenen Jahrhunderten meinte man noch, mit den Mitteln der „Naturwissenschaften“ z.B. Gold herstellen zu können. Wenn man sich heutzutage betrachtet, was da alles unter dem Oberbegriff „Naturwissenschaften“ zusammengefasst war, müssten wir eigentlich, nach dem Zeitalter der Aufklärung, den Kopf schütteln. Astrologie, Magie, Wurzelkunde: Alles galt als wissenschaftliche Disziplin.
Diese Begriffsinflation führte dann in der Gegenreaktion dazu, dass nur das als wissenschaftlich anerkannt wurde, was den menschlichen Sinnen zugänglich, also wahrnehmbar war.
Diese Bewegung nannte sich nun „Positivismus“ und hatte keinen geringeren Anspruch als den, die ganze existierende Wirklichkeit zu beschreiben. Das Motto war: „Was wir nicht erfassen, beschreiben und messen können, das gibt es nicht“.
In diesem Verständnis blieb natürlich ebenso wenig Raum für Spiritualität, Mystik und Religion sowie für Phänomene im Grenzgebiet der Wissenschaften.3
Aus dieser Geschichte haben die Vertreter der Naturwissenschaften gelernt und ein Selbstverständnis entwickelt, welches sie sowohl vor einem allzu großen und unüberschaubaren „Forschungsgebiet“ schützt, als auch die Einengung und Arroganz einer allwissenden Disziplin vermeidet.
Die moderne Naturwissenschaft versteht sich als ein Forschungsgebiet, auf dem nach wie vor nur beweisbare4 Fakten den Anspruch erheben dürfen, allgemeingültig sein zu können. Wirklichkeiten, die aus diesem beweisbaren Rahmen herausfallen, werden allerdings keineswegs bestritten, sie können aber auch – bis zu ihrer Beweisbarkeit – lediglich als Theorie gelten.
Für unseren Bereich und unser Verständnis bedeutet das, dass alle Handlungen und Vorstellungen, von denen behauptet wird, diesen kleinen Teil der beweisbaren Naturgesetze aufheben und durchbrechen zu können, in den Bereich des Aberglaubens gehören.
Darüber hinaus gibt es allerdings einen großen Bereich von Wahrnehmungen, Vorstellungen und Wirklichkeiten, der sich den Forschungs- und Erkenntnismöglichkeiten der Naturwissenschaften entzieht.
Auch dies ist eine Grundlage, die sich später noch als sehr tragfähig und mit weitreichenden Konsequenzen darstellen wird.
Ein Beispiel dazu:
Der berühmte Pathologe Virchow soll im vergangenen Jahrhundert nach der Untersuchung einer Leiche gesagt haben:
 
„Ich habe nun schon so viele Leichen seziert und habe noch nie eine Seele gefunden.“
 
Ebenso legendär ist der Satz des ersten (russischen) Kosmonauten im Weltraum:
 
„Jetzt sind wir hier oben, aber wir können nirgendwo einen Gott sehen.“
 
Sollten diese beiden berühmten Männer mit ihren Aussagen jeweils gemeint haben, dass es, weil sie es nicht wahrnehmen konnten, auch keinen Gott bzw. keine Seele geben könnte, dann sind sie einem weitverbreiteten, grundsätzlichen, logischen Irrtum erlegen: Die Feststellung, dass ich etwas nicht wahrnehmen kann, heißt natürlich noch lange nicht, dass es diese behaupteten Wirklichkeiten nicht geben könnte. Es sei denn, das Gegenteil sei beweisbar.5
Vor voreiligen Jubelschreien aus dem religiösen Lager sei dennoch gewarnt: Diese Feststellung der Naturwissenschaft bedeutet selbstverständlich nicht, dass man nun Gott oder die Seele als beweisbar voraussetzen könnte. Im Gegenteil: Diese klare Definition des Aberglaubens schafft der Religion zwar einerseits einen Freiraum, weil die Grenzen zum Aberglauben klar werden. Auf der anderen Seite werden aber auch Grenzen gesetzt, die deutlich machen können, dass manche religiöse Inhalte, wenn sie falsch verstanden werden, zu abergläubischen Praktiken pervertiert werden.
Dafür werde ich in dem entsprechenden Kapitel noch Beispiele aufzeigen  (s. Kapitel XI).
Der nächste Teil der Definition bezieht sich auf abergläubische Praktiken:
3./4.    Als abergläubisch (im weitesten Sinn, manchmal ist das auf den ersten Blick nicht sichtbar) ist jede Handlung zu bezeichnen, die auf das direkte Eingreifen jenseitiger Mächte in unsere diesseitige Welt abzielt.
Auch dieses „magische Weltbild“ (s. Grafik) geht grundsätzlich von einem dualistischen Weltbild aus, denn auch hier wird, wie in den Religionen, grundsätzlich von einem vergänglichen „Diesseits“ und einem unvergänglichen „Jenseits“ ausgegangen.
Die Grenze zwischen diesen beiden „Wirklichkeiten“ wird aber als durchlässig vorausgesetzt.
Hierbei wird behauptet, dass unsere diesseitige Welt förmlich von jenseitigen Mächten durchwoben ist. Diese „Jenseitigen“ – wie auch immer man sie bezeichnen will – greifen ständig und willkürlich in den Lauf der innerweltlichen Geschehnisse ein. Naturkatastrophen, Unfälle, plötzliche Krankheiten, Glück, Pech – alles kann mit dem unkalkulierbaren Eingreifen dieser Mächte zusammenhängen.
Nun haben aber bestimmte Menschen – so wird behauptet – die Fähigkeit, auf diese „Dämonen“ einzuwirken. Dazu bedarf es dann sogenannter „Rituale“. Diese Rituale können aus Gesängen, Gebeten, Tänzen, Meditationen ._._._bestehen – es bleiben immer magische Rituale, wenn sie darauf ausgerichtet sind, übermenschliche Mächte zum direkten und unmittelbaren Eingreifen in die hiesige Welt zu bewegen.

Wenn also diese „Medien“ dann den richtigen Zaubercode kennen und ihn richtig anwenden, dann werden ihnen die Jenseitigen in der Regel zu Willen sein.
Oder auch nicht.
Denn die letzte Entscheidung behalten sich immer diese „Jenseitigen“ vor.
Ich möchte noch einmal ausdrücklich betonen:
Immer dann, wenn diese Struktur
vorliegt, liegt auch ein magisches Denken vor.
Wenn wir uns genau beobachten, werden wir solche Verhaltensweisen auch bei uns feststellen können. Wer z.B. dreimal auf Holz klopft, um Unheil zu vermeiden, wer sich – mehr oder weniger – auf sein Horoskop verlässt, wer im Freitag dem 13. mehr als ein normales Wochendatum sieht, unterstellt, wenn auch unbewusst, dass „Übernatürliche“ eingreifen könnten, wenn man sie nicht durch „Zauberei“ daran hindert (z.B. indem man auf das Holz klopfe).
Natürlich sind viele dieser abergläubischen Handlungen heutzutage nicht mehr bewusst – es ist aber durchaus sinnvoll, sich die Geschichte und die Ursprünge dieses Denkens ins Bewusstsein zu rufen.
Bewusst oder unbewusst – die Auswirkungen dieses Denkens prägen die subjektive Wirklichkeit.
Jemand, der es für möglich hält, dass sein persönliches Lebensschicksal in den Händen von Kräften liegt, die sein Leben schon längst geplant haben, die ihn als Marionette benutzen, die willkürlich in seinen Alltag eingreifen können, steht in der Gefahr, seinen Lebensweg schicksalsergeben anzunehmen und sich bei Problemen und Lebenskrisen weniger auf die eigene Initiative zu verlassen, als vielmehr auf die zufällige Konstellation einiger Sterne.
Möglicherweise verändert sich sein Verhalten so weit, dass er selbst seine Probleme als nicht mehr lösbar, weil vorherbestimmt, unbewältigt hinnimmt. Bestenfalls sucht er noch Hilfe bei einem Wahrsager/einer Wahrsagerin, um sich auf kommende Schicksalsschläge einzustellen. Vielleicht meint er auch, dass ihm ein regelmäßiger Blick in die Kristallkugel, regelmäßig gelegte Tarotkarten, eine regelmäßige Lektüre des Horoskopes bei der Lösung seiner Probleme helfen.
Liebeskummer, zerstörte Freund- und Partnerschaften fordern dann nicht mehr persönlichen Einsatz und Bedenken des eigenen Verhaltens – sie sind durch den Gang zum Medium und einen kräftigen Liebeszauber zu retten.
Wer das für Extrembeispiele hält, sollte sich nur einmal in den zahlreichen Gazetten der Esoterik und Wahrsagerei kundig machen.
Die Gefahr des oben beschriebenen Verhaltens sehe ich darin, dass zwischen dem Menschen und den vermuteten jenseitigen Kräften ein sehr ungesundes und ambivalentes Verhältnis entsteht:
Der Mensch fühlt sich auf der einen Seite abhängig und ausgeliefert; dieses Gefühl trägt natürlich auch eine gehörige Portion Angst in sich. Auf der anderen Seite entsteht aber auch ein Gefühl der Macht, des Unbesiegbarseins – denn ich habe ja die Macht, mir die übermenschliche Kraft der Jenseitigen dienbar zu machen –Faszination.
Angst und Faszination – diese beiden lebensbestimmenden Faktoren führen in eine fast unlösbare Abhängigkeit und hierin liegt einer der Gründe, warum praktizierter Aberglaube ähnlich lebenszerstörerische Wirkung haben kann wie der Missbrauch von Drogen.6
Angst und Faszination – gefangen zwischen diesen beiden Gefühlen ist es unmöglich, eine reife Persönlichkeit auszubilden, die selbstverantwortet und selbständig Leben plant und Leben findet. Magie ist keineswegs und keinesfalls eine Form der Selbsterfahrung, wie manchmal leichtfertig und durchaus ernst gemeint behauptet wird. Magie, Aberglaube und alle Spielarten, die sich darauf zurückführen lassen, führen in ihrer Konsequenz zu einer Abhängigkeit und verhindern Selbsterfahrung.
Im Folgenden werde ich auf einige populäre „Magier“ und ihre Tricks eingehen, um deutlich zu machen, auf welchem Hintergrund magische Vorstellungen entstehen, welche Gefahren damit verbunden sind und wie man sie entlarven kann.

Die Scharlatane            3
Ich habe lange überlegt, ob ich an dieser Stelle überhaupt noch ausführlicher auf die sogenannten „Scharlatane“ eingehen soll. Dabei besteht nämlich auch immer die Gefahr, dass sie interessant werden und dass ich dann auf diese Art und Weise unfreiwillig Reklame für sie betreibe.
Ich tue es dennoch und zwar aus zwei Gründen:
Zum einen stelle ich fest, dass viele Menschen immer noch nicht gehört haben, dass hinter den populären „Zauberern“ Betrüger stecken und gegen solches Nichtwissen hilft am besten immer noch die Aufklärung; zum anderen lassen sich an diesen Beispielen grundlegende Verhaltens- und Wirkungsweisen sowohl der „Begnadeten“, „Medien“, „Auserwählten“ oder wie sie sich auch immer nennen mögen, als auch derjenigen, die an sie glauben (wollen), sehr deutlich machen.
Zum richtigen Verständnis:
Ich habe gar nichts gegen gute Varieté-Shows und Vorführungen. Im Gegenteil: Ich bewundere sie.
Die Vorführungen des Magiers David Copperfield z.B. gefallen mir ausgesprochen gut (wenn sie insgesamt auch etwas kitschig und übertrieben aufgemacht sind. Aber das gehört wohl dazu). Unvergessen sein „Durchmarsch“ durch die chinesische Mauer, seine „missglückten“ Entfesselungstricks, bei denen er, da er sich nicht rechtzeitig „entfesseln“ konnte, in zwei Stücke zersägt wurde, Oberteil und Unterteil sich getrennt voneinander bewegten und sich dann doch wieder zu einem unversehrten David zusammensetzten.
Solche Zauberer verblüffen ihr Publikum und entlassen es mit vielen Fragen auf den Heimweg.
Der Unterschied zu den Scharlatanen besteht aber darin, dass diese behaupten, sie hätten ihre Fähigkeiten von den jenseitigen Mächten und könnten Übermenschliches, Übersinnliches vollbringen, weil ihnen Götter, Dämonen zur Seite stünden.
Schon hier wird ein weiteres Grundmerkmal des Aberglaubens deutlich:
Er sucht nichts dringender und verzweifelter als die Nähe zur Religion.
Dadurch versucht er sich zu legitimieren und die Grenze zwischen einer lebensbejahenden Religion und der lebensfeindlichen „Magie“ zu verwischen.
Die ausgenutzte Leichtgläubigkeit - Uri Geller
Ein ganz übler Vertreter dieser Sorte von Scharlatanen ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens der Allround-Magier Uri Geller. Schon Anfang der siebziger Jahre machte er als sogenannter „Löffelverbieger“ auf sich aufmerksam. Seine besondere „Fähigkeit“ bestand darin, dass er, wie er behauptete, mit reiner Gedanken­energie feste Materie – hier: Kaffeelöffel o.ä. – verformen könne.
Den „Beweis“ hierzu trat er in mehreren Fernsehsendungen und Live-Shows an.
Aber nicht nur auf dieses Gebiet erstreckte sich sein besonderes „Können“:
Nach eigenen Angaben kann er auch hellsehen, heilen, Geister beschwören.
Nun – nach einiger erfolgreicher Zeit (in den oben erwähnten siebziger Jahren) wurde es wieder ruhig um ihn.
Verschiedene andere Magier hatten seine „Kunststücke“ aufgegriffen, und entweder traten sie selbst als „begnadete Medien“ auf oder sie entlarvten diese Tricks als das, was sie waren: Taschenspielertricks.7
Ich verlor damals Uri Geller aus den Augen und war dann nicht schlecht erstaunt, als ich, zehn Jahre später, bei der Beschäftigung mit dem Thema „Aberglaube und Okkultismus“ wieder auf jenen Uri Geller stieß, der doch schon so viele Jahre zuvor als Scharlatan entlarvt worden war. Mittlerweile waren seine Fähigkeiten offensichtlich aber noch erheblich gestiegen und er behauptete von sich, dass er auf unmittelbaren Befehl und mit Hilfe des Heiligen Geistes handle. Das war ihm in den Jahren davor offensichtlich noch nicht so richtig bewusst gewesen!
Natürlich könnten bei kritischen Beobachtern Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Handelns des Heiligen Geistes auftauchen, wenn dieser doch Uri Geller dazu befähigt, mittels seiner übernatürlichen Fähigkeiten die Uhr des BIG-BEN in London anzuhalten bzw. den Eiffelturm zu verbiegen.
Solche Einwände können aber das Riesenpublikum von (Leicht-) Gläubigen offenbar nicht erschüttern. Die Sensation scheint alles zu sein.
Uri Geller hatte wieder seine Schlagzeilen und niemand wollte sich daran erinnern, dass seine Tricks längst widerlegt waren.
Es würde hier zu weit führen und dem Scharlatan zu viel Platz einräumen, der ihm nicht gebührt, wenn ich seine Tricks im Einzelnen darstellen und widerlegen wollte. Wen das interessiert, der sei auf die einschlägigen Veröffentlichungen hingewiesen.
 Eine grundlegende Anmerkung möchte ich dennoch anfügen:
Wenn jemand von sich behauptet, Löffel verbiegen und Uhren anhalten zu können – gibt es da zunächst nicht erst noch andere, vernünftigere Erklärungsmodelle, statt als naheliegendste „Lösung“ übernatürliche Fähigkeiten oder das Eingreifen solcher Mächte anzunehmen? Ist es tatsächlich so abwegig, zunächst von einem einfachen Trick auszugehen?
Das sollte immer der erste Weg sein, um nach Lösungen zu suchen:
 
Zunächst das Naheliegende abwägen und nach Erklärungsmöglichkeiten suchen.
Sollte ich hierbei keine zufriedenstellende Lösung finden, kann ich noch andere Wissenschaften zur Hilfe nehmen (z.B. die Psychologie), um evtl. Erklärungsmodelle zu finden.
Sollte auch das nicht weiterbringen: Es muss nicht alles erklärt werden, schon gar nicht mit Hilfe von „Geistern“.
 
Im Bereich des Aberglaubens werden diese Zwischenstufen sträflich vernachlässigt. Trifft man auf ein Verhalten, einen Vorgang, der mit unserer vordergründigen Wahrnehmung nicht zu erklären ist oder sogar gegen sie verstößt, dann wird sofort „Übersinnliches“ dafür verantwortlich gemacht. Ist es denn, z.B. bei Uri Geller, wirklich naheliegender, das Wirken von Geistern als Ursache zu akzeptieren oder Tricks, die auf der Täuschung von Wahrnehmung basieren, anzunehmen?
 Die ausgenutzte Hilflosigkeit – Philippinische Geistheiler
Menschen, die sich die Leichtgläubigkeit anderer Menschen auf noch viel grausamere Art und Weise zu Nutzen gemacht haben, sind die sogenannten „Philippinischen Geistheiler“.
Wie der Name schon sagt, traten sie zunächst vornehmlich auf den Philippinen auf.
Sie behaupten von sich, dass sie, befähigt durch den Heiligen Geist (wie ähnlich das doch klingt ._._.), Operationen, auch schwierige, mit den bloßen Händen vornehmen könnten.
Nochmals, damit keine Missverständnisse aufkommen:
Die Philippinischen Geistheiler behaupten von sich, dass sie kranken Menschen mit den bloßen Händen in den Leib fahren, dass sie dazu kein Skalpell oder andere Hilfsmittel benötigen, dass sie krankes Gewebe aus dem Körper herausholen und die Patienten unmittelbar nach der Operation ohne Schmerzen und geheilt nach Hause gehen können.
Diese Kunde ging Ende der siebziger Jahre um die Welt. Auftrieb bekamen diese „Heiler“ durch einen großen Medienrummel, der zunächst ihre Angaben zu bestätigen schien. Zahlreiche kritische Journalisten und Kameraleute flogen auf die Philippinen, um die Angaben über die sogenannten „Wunderheilungen“ zu widerlegen.
Um so größer war das Erstaunen, als diese Kritiker mit ihren Berichten zurückkamen und die Angaben bestätigten: „Es stimmt. Wir haben alles mit eigenen Augen gesehen!“ Aber nicht nur das: Sie hatten auch Filmberichte mitgebracht und so konnte ein Millionenpublikum abends auf dem Bildschirm sehen und mitverfolgen, wie ein „Heiler“ eine solche Operation vornahm; wie er zunächst mit einer Bibel die Stelle auf dem Bauch segnete und Gottes Hilfe anrief; wie er mit den bloßen Fingern den Bauch „öffnete“; wie er dann mit der Hand im Leib verschwand, das Blut nach allen Seiten lief; wie er anschließend Gewebe aus der Öffnung zog und es in eine Operationsschale warf. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach.
Nachdem die Operation erfolgreich beendet war, wischte er die Eingriffsstelle mit einem Tuch ab – es blieb keine Narbe zurück. Auf Nachfragen der Beobachter bestätigte der Patient, dass er sich tatsächlich schon sehr viel besser fühle.
Mit der Kamera ohne vorsätzliche Tricks aufgenommen – von kritischen Beobachtern kontrolliert – Millionen von Menschen an den Bildschirmen dabei – was sollte daran schon verkehrt sein?
Die „Geistheiler“ konnten in der Folgezeit keinen Ruhetag mehr einlegen, so wurden sie berannt. Kunden waren vor allem Menschen, die von der Schulmedizin aufgegeben waren, für die keine Hoffnung mehr bestand, die sich aber nicht in ihr Schicksal fügen wollten. Diese Menschen suchten Trost und Heilung auf den Philippinen.
Übrigens: Die Behandlung war umsonst. Nach jeder Sitzung wurde allerdings eine „freiwillige“ Spende erwartet, die mindestens fünfzig Mark betrug, meistens aber mehrere hundert Mark erreichte. Die Höhe richtete sich nach der Art der Operation und wurde von den Assistenten der „Heiler“ festgesetzt. Hinzu kam, dass für eine „erfolgreiche“ Behandlung immer mehrere Sitzungen nötig waren. Es gibt genügend Patienten, Rentner, alte Menschen ohne Einkommen, Mittellose, die so ihre letzten Ersparnisse verloren oder die sich sogar hoch verschuldeten, so dass noch die Nachkommen an dieser Schuld zu tragen hatten.
Vieles davon hätte verhindert werden können, wenn diese „kritischen“ Berichterstatter nicht mit dem ersten Augenschein zufrieden gewesen bzw. wenn sie nicht ihrer eigenen Faszination erlegen wären.
Anhand dieses Beispieles möchte ich nochmals die Definition aus dem ersten Kapitel verdeutlichen:
Genau das müsste aber möglich sein, wenn eine Hand eine Bauchdecke durchdringt.
Ich müsste also schon von vornherein meine Einwände erheben und deutlich machen, dass eine solche Handlung schlechterdings unmöglich ist. Auch eine Live- oder Fernsehvorführung könnte mich in dieser Meinung nicht umstimmen. Schließlich sind ja auch viele Menschen immer wieder Zeuge, wenn ein Zauberer seine „Jungfrau“ auf der Bühne zersägt und anschließend wieder zusammensetzt. Niemand würde behaupten, dass hier eine Durchbrechung von Naturgesetzen vorliegt, jeder geht von einem nicht durchschaubaren, faszinierenden Trick aus.
Warum sollte es sich bei den philippinischen „Geistheilern“ um etwas anderes handeln?
Der Mensch will sich offenbar bei seiner Suche nach dem Mysterium betrügen lassen.
So blieb es auch in diesem Fall einem wirklich aufgeklärten Geist überlassen, die Vorgänge als das zu entlarven, was sie wirklich sind: nämlich Tricks.
Der schon erwähnte Hoimar von Dithfurt gab sich mit den voreiligen Schlüssen seiner Reporterkollegen nicht zufrieden und reiste mit einem eigenen Kamerateam auf die Philippinen, um die Phänomene wissenschaftlich zu untersuchen. Seine Ergebnisse veröffentlichte er schriftlich und zeigte sie auch im Fernsehen.
Deutlich und sichtbar wurde hierbei, dass es sich bei den Operationen keineswegs um übernatürliche Ereignisse handelte. Mit einem Spezialzoom konnte der Kameramann die „Operationsstelle“ ganz nahe ins Bild rücken. Mit einer Superzeitlupe wurde dann deutlich, woraus das „Blut“ bestand: Zunächst lief eine glasklare Flüssigkeit den Finger entlang und färbte sich erst dann langsam dunkel und rot.
Ergebnis: Um Blut konnte es sich auf keinen Fall handeln.
(Wie man aus zwei verschiedenen Flüssigkeiten eine rote Flüssigkeit herstellt, ist fast jedem Chemiebaukasten zu entnehmen. Die Tinktur kann man auch in jedem Zauber- und Scherzartikelladen kaufen.)
Hoimar von Dithfurt wollte dann etwas von dem Gewebe haben, welches der Heiler angeblich dem Bauch des Patienten entnommen hatte. Unter heftiger Gegenwehr und mit sehr fadenscheinigen „Argumenten“ wurde dieses Ansinnen abgelehnt.
In dem Durcheinander bemerkte allerdings niemand, dass H.v. Dithfurt heimlich eine Gewebeprobe verstecken konnte. Bei der Untersuchung ergab sich dann, dass das Gewebe nicht unbedingt menschliches Gewebe sein musste – es konnte auch tierischen Ursprungs sein. Deutlich wurde die Verfälschung aber bei der Untersuchung der Blutgruppe: Die Blutgruppe des Gewebes war eine andere als die des Patienten.
Mittlerweile haben auch andere Magier in vielen Vorführungen diese „Operationen“ durchgeführt und damit nachgewiesen, dass nicht etwa übernatürliche Fähigkeiten, sondern ungewöhnliche Fingerfertigkeiten im Spiel sind.
Zwei besondere Phänomene lassen sich anhand dieses Beispiels noch sehr gut verdeutlichen:
Der Aberwitz dieser Argumentation ist deutlich: Unlogische Handlungen werden unter Verweis auf die Logik erklärt (dass sich das Blut unter den gegebenen Umständen verändert, ist doch „logisch“).
Jede auf menschlicher Logik und Übereinkunft basierende Kommunikation muss an diesem Punkt die Waffen strecken – es gibt keine gemeinsame Kommunikationsebene mehr. Hier trifft dann tatsächlich der alte Spruch zu:
Wer daran glauben will, glaubt halt.
Zur Verdeutlichung:
Die Praktik des „Geistheilens“ hat auf den Philippinen in den christlich-charismatischen Basisgemeinden eine lange Tradition. Hierbei treten die oben geschilderten „Operationen“ aber nur sehr, sehr selten und dann auch in einer ganz anderen Form auf.
Tragender Bestandteil dieser „Heilungen“ ist die Gemeinschaft der Gläubigen. Der Patient wird in einem Gottesdienst in den Mittelpunkt gestellt, die Gemeinde wendet sich ihm zu, er wird, im wahren Sinn den Wortes, getragen, die Hände werden ihm aufgelegt.
Gleichgültig, wie man zu solchen Handlungen persönlich steht und ob man sie für sich oder den eigenen Kulturkreis akzeptieren kann: Hier liegen gewachsene Strukturen vor, die von einer Volks- und Glaubensgemeinschaft entwickelt und getragen werden, die einen Teil ihrer Religion und ihres Lebensgefühles ausmachen.8
Wer will ausschließen, dass in einer solchen Stimmung, die dem ganzen Menschen gilt, psychosomatische Krankheiten geheilt werden können?
Freilich sind berechtigte Zweifel angebracht, wenn man dann auch behauptet, Krebs oder Aids damit heilen zu können.
Solche Behauptungen sind aber dann nur bei den Geschäfte-machern zu finden, die aus der Verzweiflung und der Leichtgläubigkeit der Menschen ihren Profit ziehen wollen. So traurig es auch ist, den Fakten muss man ins Gesicht sehen: Bei seinen Nachforschungen hat Hoimar von Dithfurt nicht einen Überlebenden gefunden, obwohl sich viele von ihnen nach den angeblichen Operationen zunächst doch so viel besser gefühlt hatten. Die Überschrift zu diesem Kapitel lautet ganz allgemein „Die Scharlatane“. Damit ließen sich natürlich ganze Bücher füllen:
Hexen, Schamanen, Wahrsager, Heiler, Magier, Esoteriker, Vertreter des „neuen Zeitalters“ New Age u.s.w.
Aus naheliegenden Gründen werde ich darauf verzichten, diese im Einzelnen darzustellen.
Herausheben möchte ich aber nochmals die grundlegenden Gemeinsamkeiten:
Hierzu benutzen sie – nach eigenen Angaben – mitunter auch die Hilfe von „Geistwesen“. Festzustellen ist aber auch, dass diese selbst- oder fremdernannten „Medien“ einen Großteil ihres Lebensunterhaltes aus der Darstellung dieser angeblichen Fähigkeiten beziehen.9
Hypnotiseure und Wahrsager, die sich selbst nicht helfen können, aber anderen „helfen“ wollen, können dazu doch wohl kaum wirklich in der Lage sein. Man braucht sich bloß einmal vorzustellen, wie sich unsere Welt, unsere Gesellschaft, unser Leben verändern würde, wenn es diese Fähigkeiten wirklich gäbe:
Nein, das ist vielleicht etwas zu hochgegriffen und reines Wunschdenken.
Basieren dann nicht vielleicht auch die anderen magischen Vorstellungen auf menschlichem Wunschdenken?
Dass der Mensch sich die Geister/Götter untertan machen möchte, um nicht mehr abhängig zu sein?
Dass wir vielleicht auf diese Art und Weise unsere Angst vor der ungewissen Zukunft, vor dem Tod und dem, was eventuell dahinter liegt, besiegen wollen?
Was sagen dann unsere „Medien“, unsere „Magier“ ob solcher humanen Ansinnen, wenn sie denn an sie herangetragen werden:
Ach ja – man möchte wohl schon gern helfen, man könnte es auch, wenn da nicht dieser ewige Streit zwischen Gut und Böse, zwischen schwarzer und weißer Magie wäre. Wenn der eine Magier etwas Gutes versucht und es gelingt nicht, dann hatte bestimmt ein noch mächtigerer Gegenspieler seine Hand im Spiel, oder aber die angerufenen Geister verweigern schlichtweg ihre Gefolgschaft – denn sie sind keineswegs immer zuverlässig, sondern höchst launenhaft und unberechenbar.
Das, was ich jetzt zum Schluß etwas ironisch dargestellt habe, ist dennoch keineswegs überzeichnet. Diese „Argumente“ werden dann ernsthaft bemüht, wenn man das Gespräch sucht und um Aufklärung bittet.10 Wie ich oben schon geschrieben habe: Es gibt Punkte in einer Auseinandersetzung, an denen scheiden sich tatsächlich die Geister und jede Diskussion wird unmöglich ._._.

Pendeln, Gläserrücken und Ähnliches    4
Die unter Schüler/innen am weitesten verbreitete magische Praktik ist das Gläserrücken. Häufig nur als sogenannter „Party-Gag“ auf Geburtstagen oder Schullandaufenthalten praktiziert, findet das Gläserrücken aber auch häufig den Eingang als Nachmittagsbeschäftigung mit Freunden und Freundinnen bis hin zu regelmäßigen „Geheimsitzungen“.
Immer wieder höre ich: „Ja, das habe ich auch schon gemacht, aber das ist doch nur ein Spaß. Daran glauben tue ich jedenfalls nicht.“
Wenn man von der ganzen Prozedur aber unbeeinflußt bleibt, wenn man nicht mit der Möglichkeit rechnet, dass eventuell doch etwas dran sein könnte an den Botschaften aus der Geisterwelt, warum sollte man sich dann auf einen solchen „Spaß“ einlassen? Es muss doch mehr dran sein, als man sich selber eingestehen mag. (Die- ­selbe Vermutung habe ich auch bei den „Gelegenheitshoroskoplesern“, doch davon später mehr.)
Bedrückend und beeindruckend sind darüber hinaus noch die Schilderungen von Menschen, die an solchen Sitzungen teilgenommen haben, die dann aber, völlig glaubwürdig und überzeugend, erklären, dass die Beschwörung tatsächlich funktioniert hat. Überzeugend sind diese Berichte vor allem dann, wenn sie von Kritikern und Gegnern des Aberglaubens gegeben werden.
Stellvertretend hierfür möchte ich den Bericht eines Religionslehrers einer Berufsschule wiedergeben, wie er im SPIEGEL (Nr. 42/1987) abgedruckt war:
„._._. Religionslehrer Kurt Gaik kam pünktlich. Am Abend des 13. Juni, exakt um 18 Uhr, fuhr er mit seinem Wagen am Eingang des Bahnhofs Düsseldorf-Benrath vor. Plötzlich öffnete ein gepflegt gekleideter Mann, etwa 18 Jahre alt, die Beifahrertür. ,Es ist besser, wenn Sie wieder zurückfahren‘ ,sagte er zu Gaik ,so etwas ist kein Scherz und auch nichts für Neugierige.‘ . . . Nach etwa zehn Minuten Autofahrt wurde dem Studienrat im Keller eines Einfamilienhauses die Binde abgenommen. Ein weiterer Junge und drei Mädchen begrüßten ihn und führten ihn durch den Heizungskeller in einen fensterlosen Raum, dessen Wände mit dunkelblauem Samt ausgeschlagen waren . . . ,Wenn Sie mit Satan Kontakt haben wollen, müssen Sie sich ihm weihen‘ ,sagte ein Mädchen zum Neuling Gaik. Sie gab ihm ein kleines Messer, forderte ihn auf, den Mittelfinger der rechten Hand anzuritzen und mit dem Blut die vorgefertigte Erklärung zu unterschreiben: ,Hiermit übergebe ich meine Seele Satan.‘ Dann wurde der Zettel auf dem Tisch verbrannt, die Asche weggepustet. ,Ist jemand da, der mit uns sprechen will?‘, begann eines der Mädchen mit langsamer, erhobener Stimme. Dabei legte es den Zeigefinger der rechten Hand auf das umgestülpte Glas in der Mitte und wiederholte: ,Ist ein Geist hier? Möchte er mit uns sprechen?‘ Nach einer Weile gebannter Konzentration begann das Glas in die Richtung der ,Ja‘-Karte zu rutschen ._._. Um herauszufinden, ob der ,Geist‘ auch die Wahrheit sagt, wurde ihm als erstes eine sehr weltliche Frage gestellt: ,Wann beginnen in Nordrhein-Westfalen die großen Ferien?‘ ._._. Studienrat Gaik wollte wissen: ,Was war das Lieblingsgetränk meines verstorbenen Großvaters?‘ Geister-Antwort: ,Milich.‘ Tatsächlich war Milch das Lieblingsgetränk des alten Gaik und er sprach das Wort immer ,Milich‘ aus.“
Wenn man solchen Berichten, wie hier dem des Studienrates Gaik Glauben schenkt, dann kann es einem schon kalt den Rücken herunterlaufen. Zumindest wird man nicht mehr so einfach sagen können, dass an diesen Phänomenen nichts dran ist bzw. dass in jedem Fall reiner Betrug dahinter steckt.
Übers Ziel hinausgeschossen ist aber auch die Vermutung, dass hinter solchen Vorkommnissen tatsächlich die Jenseitigen, die Dämonen, die Zwischenwesen oder wie man es auch immer bezeichnen will, stecken, die sich auf diese Weise Gehör verschaffen wollen.11
Es gibt durchaus einleuchtende Erklärungsmöglichkeiten, die darlegen, warum Pendeln, Gläserrücken ._._. unter bestimmten Umständen zu richtigen und sehr verblüffenden Ergebnissen führt:12
Zunächst ist festzustellen, dass zwischen den an der Sitzung Beteiligten und dem materiellen Medium (Glas, Pendel ._._.) eine Verbindung besteht.13 Allein durch diese Gegebenheit liegt auf der Hand, dass das Glas/Pendel durch mechanische Krafteinwirkung fortbewegt wird. Sonst bräuchte man ja die Finger nicht an das Glas zu legen. Die Frage ist, warum das Glas manchmal (wenn auch selten, aber immerhin: manchmal) zutreffende Antworten buchstabiert, obwohl doch wirklich niemand, außer, wie in unserem oben dargestellten Beispiel der Fragesteller, die richtige Antwort wissen kann. Betrügerische Absichten scheinen hier also ausgeschlossen.
Aber eine wichtige Einschränkung ist schon gemacht worden:
„Niemand, außer mir ._._.“
Es gibt also jemanden am Tisch, der die richtige Antwort weiß. Der Erklärungsversuch der Psychologie ist recht einfach: Unter den gegeben Umständen – ich erinnere an die Bedingungen, unter denen die oben beschriebene Seance stattfand – ist es durchaus möglich, dass Menschen ihr Bewusstsein so weit ausschalten können, dass der Weg frei wird für unbewusste Botschaften.
Stellen Sie sich vor: In einem dunklen Zimmer, nur Kerzen brennen, Sphärenmusik, gesammelte Ernsthaftigkeit in der Erwartung, dass Satan selbst gleich angerufen und erscheinen wird ._._. Auch bei Menschen, die nicht an Geister o.ä. glauben, wird diese Atmosphäre in der Regel einen beschleunigten Herzschlag zur Folge haben. Menschen aber, die sich in diese Atmosphäre gleichsam hineinfallen lassen, können sich in eine Art von Trance versetzen.
In diesem Zustand sind Informationen, die zwar im Gehirn gespeichert, im Normalfall dem Bewusstsein aber verschlossen sind, abrufbar.14
Ein Psychologe erklärte in der ZDF-Sendung von 1990 „Die Geister, die ich rief ._._.“, dass das Glas bzw. das Pendel dann die Funktion eines „Steigrohres“ oder eines „Fahrstuhles“ haben kann, der die „verschüttete“ Information ohne bewusstes Zutun, nach „oben“, in das Bewusstsein, holt und dort, immer noch ohne eigenes Zutun, durch psychomotorische Mechanismen von den Muskeln der Hand übertragen wird.
Machen Sie den Versuch selbst:
Setzen Sie sich an einen Tisch, legen Sie den ausgestreckten Zeigefinger Ihrer Hand auf den Rand eines umgestülpten Glases, strecken Sie Ihren Arm aus und bleiben Sie eine halbe Stunde so sitzen – möglichst, ohne sich zu bewegen. Schon bei der Vorstellung einer solchen Körperhaltung ist zu vermuten, dass die Muskeln sich verkrampfen, hart werden, dass es zu unkontrollierbaren Muskelbewegungen kommt.
Der Rest ist dann Aufgabe der Psyche.
Diese sensomotorisch-psychologischen Erläuterungen sind meiner Meinung nach auch für Laien und Nichtpsychologen einleuchtend genug, um „paranormale“, „jenseitige“ Erläuterungen überflüssig zu machen.
Immer wieder mache ich aber die Erfahrung, dass Menschen lieber bei der Möglichkeit verharren, Geistern eine aktive Rolle bei diesen Beschwörungen zuzuweisen, als logische Erklärungsmuster anzunehmen.
Womit lässt sich das erklären?
Ich glaube, dass hierfür eine ganze Reihe von Ursachen herangezogen werden  müssen. Eine entscheidende Rolle messe ich aber auf jeden Fall dem menschlichen Bedürfnis nach Mystik, nach emotionaler Spannung, nach dem Ausleben nicht aussprechbarer Gefühle bei. Jeder von uns hat dieses Bedürfnis in sich – und lebt es aus. Jeder auf seine Weise und nach seinen Möglichkeiten.
Lange Zeit hatten die beiden großen christlichen Kirchen in unserem Kulturkreis ein Monopol auf diese Art der emotionalen Beheimatung. Seit einigen Jahren ist es allerdings offenbar so, dass die rituellen und kultischen Handlungen im Rahmen des Christentums die emotionalen Bedürfnisse einer immer größer werdenden Zahl von Menschen nicht mehr abdecken können. Die Symbolik der Got­tesdienste wird nicht mehr nur nicht verstanden, es ist viel mehr so, dass diese Symbole offenbar auch an den Gefühlen der Menschen vorbeigehen.
Ein jugendlicher Satanist antwortete auf die Frage, was er an der „schwarzen Messe“ so faszinierend findet:
„Der Satan antwortet sofort – Gott nie.“
Hierin sehe ich allerdings eine große Gefahr: Andere – im weitesten Sinne – kultische Handlungen werden als aufregend, als spannend empfunden, und um diesen Kitzel aufrecht zu erhalten, folgt man dann den unterschiedlichsten, selbsternannten „Medien“, die immer wieder neue Wege zum „wahren Ich“ versprechen.
Das führt dann manchmal auf sehr merkwürdige Wege, da mancher – wegen der „Unglaubwürdigkeit“ der biblischen Berichte und der christlichen Liturgie – der Kirche den Rücken zuwendet und sich schon im nächsten Moment in den Armen von Geisterbeschwörern wiederfindet.
In diesen Situationen helfen dann auch keine logischen Argumente mehr – wer glauben will, der glaubt daran.15

Geisterglaube – Diesseits und Jenseits        5
Die Frage nach den „Geistern“ ist eine Frage, die jeden Bereich des Okkultismus’ berührt. Geister sind „notwendig“, um Botschaften zu übermitteln, um in die Zukunft zu schauen, um Menschen übermenschliche Kräfte zu verleihen, um direkt in das Weltgeschehen einzugreifen. Diese Vorstellungen gehen also von der Grundlage aus, dass unsere Gesamtwelt in mehrere Teilwelten aufgeteilt ist. Diese Teilwelten wiederum sind miteinander verbunden, so dass ein gegenseitiger Austausch durchaus möglich ist. So können also Geister bzw. deren Botschaften aus dem sogenannten „Jenseits“ zu uns gelangen.
Ein Beispiel:
„Ohne Anlass rütteln da plötzlich Schränke in der Nacht. Oder in der kleinen, zum Haus gehörigen und von Brunhilde geführten Gastwirtschaft fangen die Gläser in der Jugendstilvitrine grundlos an zu klirren. Dann wieder läuft an der Salontür im Hochparterre auf einmal Blut herunter. ,Sie werden es nicht glauben, aber immer wieder taucht aus dem Nichts irgendwo im Haus ein grinsender Soldat der amerikanischen Armee aus der Besatzungszeit nach dem ersten Weltkrieg auf.‘ ._._. ,Von meinen Eltern weiß ich, dass während der Besatzungszeit im Jahr 1923 ein amerikanischer Soldat unten im Salon ermordet wurde.‘, fährt sie fort ._._. ,Einmal, als ich am Klavier komponierte‘, berichtete Maria Sehrig, ,griff neben meiner Hand plötzlich eine armlose Männerhand in die Tastatur, die meine Melodie im Bass mitspielte. Als ich nach ihr fasste, verschwand sie ins Nichts und es wurde empfindlich kalt im Zimmer ._._.‘“
Dieser Artikel erschien vor einigen Jahren in der Zeitschrift „Bunte“ im Rahmen einer ganzen Serie über okkulte „Phänomene“. Der Autor dieser Serie wird vorgestellt als:
„Johannes von Buttlar ._._. studierte Physik, Psychologie, Astronomie. International anerkannter Experte für Parapsychologie. Weltauflage seiner Bücher: 19 Millionen.“
Dieser Autor ist vielen Menschen selbstverständlich kein Unbekannter. Es gibt kaum einen Bereich des Okkultismus’, den er unkommentiert lässt. Allerdings hat er von wissenschaftlichen Forschungsmethoden, wenn er sie jemals kennengelernt hat, längst Abschied genommen. Seine Bücher und Artikel basieren im wesentlichen auf wilden Behauptungen und Spekulationen und zeigen wenig Sachkenntnis. Auch die Bezeichnung „internationaler Experte für Parapsychologie“ hält nicht das, was sie suggerieren will: Parapsychologie, so wie sie Herr v. Buttlar versteht und betreibt, ist keine Wissenschaft, ist kein geschützter Titel und wird von anerkannten Forschern abgelehnt. Immer wieder versuchen manche parapsychologischen Vertreter allerdings, sich möglichst nahe an wissenschaftliche Disziplinen heranzumogeln, um so den Anschein von Seriosität zu erwecken.
Allerdings ist festzustellen, dass es auch seriöse Forscher auf diesem Gebiet gibt, die sich tatsächlich methodisch mit unerklärlichen Phänomenen auseinandersetzen. Diese Forscher legen dann allerdings auch Wert darauf, dass Betrüger entlarvt werden und lehnen obskure und vorschnelle Erklärungen als Täuschungsversuche ab. Parapsychologen dieser Qualität haben auch dazu beigetragen, dass die oben dargestellten Philippinischen Geistheiler als Betrüger entlarvt wurden und sie haben auch neue Erklärungsmodelle für die Videoaufnahmen von „Geistern aus dem Jenseits“ erarbeitet. Auf diesen Bereich gehe ich an anderer Stelle noch ausführlicher ein.
Viele unserer Zeitgenossen, sogenannte „Autoren“ – und mit ihnen viele Zeitschriften – haben aber entdeckt, dass man mit möglichst phantastischen Geschichten die Auflage erheblich steigern kann.
Die Leser möchten sich gruseln.
So brachte auch die Bild -„Zeitung“ immer mal wieder Serien über Geistheiler, Wahrsager und Wunderheiler, so auch im September 1986 die Serie „Die 12 besten Wahrsager Frankfurts“.
Was ich besonders bedenklich finde ist, dass alle kommerziellen Zeitschriften, die sich besonders an Jugendliche wenden (Bravo, Girl u.s.w.) immer wieder Fortsetzungen bringen, die über Kontakte mit den Toten berichten.
Die Verantwortlichen dieser Serien schrecken auch nicht davor zurück, regelrechte Anleitungen zum „richtigen“ Umgang mit Pendel und Tarot zu veröffentlichen. Alles muss ja auch schön wissenschaftlich aussehen, so dass unter der Rubrik „Girl! Experiment“ der Artikel erscheint: „Tote sprechen aus dem Jenseits.“ Kein Fragezeichen, keine Warnung, nein, mit dem Begleittext werden Jugendliche neugierig gemacht und bloße Fantastereien als Tatsachen suggeriert:
„Kannst Du Dir vorstellen, Dich mit Deiner toten Großmutter per Tonband zu unterhalten?! Ein gruseliger Gedanke – aber drei junge Leute haben das Experiment zusammen mit der prominenten Hellseherin Elisabeth Kroll-Hermkes gewagt und Erstaunliches erlebt ._._.“
Eine genauere inhaltliche Analyse bzw. Beschäftigung mit solchen „Artikeln“ verbietet sich von selbst.
Dennoch muss ich feststellen, dass diese und ähnliche Veröffentlichungen – gerade in Jugendzeitschriften – nicht zu verantworten sind. Statt auf Aufklärung wird auf billige Schockeffekte und die Neugier der Jugendlichen gesetzt. Das trägt zur Verunsicherung bei und ist als Lebenshilfe wenig hilfreich. Skrupelloser Sensationsjournalismus macht sich hier eine Entwicklungsphase der Jugendlichen zunutze, in der kritisches Urteilsvermögen noch nicht, indifferente Urängste und die Suche nach Abenteuer noch sehr stark ausgeprägt sind. Artikel, wie der oben erwähnte, können, wie ich aus vielen Gesprächen erfahren musste, so auch zu starker Verunsicherung bis hin zu existentiellen Lebenskrisen führen.
Wer diese Feststellung für übertrieben hält, der sollte sich die oben schon erwähnte Reportage der Sendung „Kontakte“ aus dem Jahr 1990 anschauen. „Die Geister, die ich rief ._._.“ ist der Titel der Sendung und er beschreibt sehr genau den Gemütszustand, in dem gläserrückende und totenbefragende Jugendliche plötzlich aufwachen können: „Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los!“ Wie sollen Dreizehn-, Vierzehn-, Fünfzehnjährige damit umgehen, wenn sie, aufgrund der Anleitungen und Anregungen „ihrer“ Zeitung, Kontakt mit den Toten aufgenommen haben, und plötzlich stirbt ein naher Verwandter oder Freund? Was für ein Gefühl haben sie dann, wenn sie wieder beim Pendeln zusammensitzen? Haben sich diese „Journalisten“ Gedanken darüber gemacht, wie sich ihre Storys dann auf die Psyche und Entwicklung auswirken? Hier braucht es wirklich keine Geister, die ins Diesseits eingreifen. Das erledigen die Zeitschriften für sie.
Soweit meine grundlegende Kritik an solchen oberflächlichen Veröffentlichungen.
 
Was aber lässt sich vom Verstand und von der Vernunft über das Jenseits sagen?
Ich denke, dass sich schon einige grundlegende Feststellungen treffen lassen, die nicht spekulativ sind, sondern der Logik und dem rationalen Ermessen entsprechen.
Zunächst möchte ich, wie auch schon bei dem Begriff „Aberglaube“, mit einer Begriffsdefinition beginnen, denn nur so können Missverständnisse vermieden werden:
 
Das Diesseits umfasst alle potenziell wahrnehmbaren Wirklichkeiten.
Diese Wirklichkeiten haben als grundlegende Gemeinsamkeit, dass sie endlich, vergänglich sind.
Das Jenseits wird als eine vom Diesseits grundlegend verschiedene Wirklichkeit gedacht.
Das Jenseits ist unendlich und unvergänglich.
 
Die Rede von einem „Diesseits“ und „Jenseits“ kann nur dann sinnvoll sein, wenn die in der Definition beschriebenen Voraussetzungen gegeben sind.
Das bedeutet aber nicht, dass das Jenseits beweisbar sei – ganz im Gegenteil. Es ist lediglich festzustellen, dass, wenn es ein Jenseits geben sollte, dies nur möglich ist, wenn es restlos verschieden vom Diesseits existiert.

Zur Erläuterung:
Die Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, sind vergänglich. Sie waren einmal nicht existent und werden es einmal nicht mehr sein.16
Unsere Sprache und auch die Naturwissenschaften stoßen hier an ihre Grenzen.
Wir sagen:
Was aber ist das „Nichts“?
Machen Sie einmal einen Selbstversuch:
Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich einen Moment lang „Nichts“ vor. ._._.
Sie „sehen“: Das Nichts ist außerhalb unserer Vorstellungskraft. Wir stellen uns immer Etwas vor. Auch ein dunkler Raum, ein dunkles Zimmer, selbst die Dunkelheit ohne Begrenzung ist schon „Etwas“.
Wir haben in unserer Sprache also einen Begriff (und davon gibt es noch mehr), für den es keine Entsprechung in unserer Wahrnehmung gibt.
Die Naturwissenschaft hilft sich hier aus den Schwierigkeiten, indem sie einen neuen Begriff gebildet hat:
den Begriff der „Singularität“:
„Die meisten Kosmologen nehmen heute an, dass im Augenblick der Erschaffung der Welt Zeit und Raum unendlich verzerrt gewesen sind – ein Zustand, den man ,Singularität‘ nennt ._._. Viele Leute machen sich – was mehr als entschuldbar ist – vom Urknall eine falsche Vorstellung. Sie meinen, da wäre ein Klumpen extrem zusammengedrückter Materie gewesen, der seit Ewigkeiten existiert habe und zwar in einem winzigen Bereich innerhalb einer grenzenlosen Leere. Der professionelle Kosmologe sieht das völlig anders._         _Nimmt man den Zustand namens ,Singularität‘ ernst, dann ist ausgeschlossen, dass es eine ,Zeit vor dem Urknall‘ gegeben hat. Auch keinen leeren Raum hat es gegeben. Nein, beide kamen erst im Augenblick des Urknalls aus dem Nichts hervor – so schwer es uns fallen mag, das zu denken.“ (PM 1989)
Da ist es wieder: „aus dem Nichts entstanden“. Es fällt uns nicht nur schwer, das zu denken, es ist unmöglich. Es wird aber deutlich, dass aus wissenschaftlicher Sicht viel für die Annahme spricht, dass es einst einen „Zustand“ (auch dieser Begriff ist schon nicht mehr ganz zutreffend) gab, in dem weder Zeit noch Raum noch Materie existierte. Und vieles spricht dafür, dass es irgendwann wieder so sein wird.
Das, was wir aber wahrnehmen können, und sei es noch so weit entfernt, gehört zu unserem Diesseits. Das gilt in diesem Sinne selbstverständlich auch für die entfernten Galaxien, die wir, auf-grund unserer beschränkten Möglichkeiten im technischen Bereich, noch nicht sehen können. Mit ihnen verbindet uns das gemeinsame Merkmal der Vergänglichkeit. Auch sie werden, genauso wie wir, einmal nicht mehr sein.
Hiervon restlos und in allem unterschieden muss aber, sollte es denn existieren, das Jenseits sein; zumindest das „Jenseits“, von dem alle Religionen sprechen. Ausgehend von dem oben Dargestellten lässt sich diese Behauptung auch logisch nachweisen:
Wenn es möglich wäre, dass Teile des Jenseits ins Diesseits gelangen könnten, dann müssten diese Teile vergänglich sein. Damit wären sie aber kein Bestandteil des Jenseits mehr, denn sie wären vergänglich und endlich.
Umgekehrt gilt dasselbe: Könnte ein Teil aus dem Diesseits in das Jenseits gelangen, dann wäre es unvergänglich, unendlich, damit aber kein Bestandteil des Diesseits mehr.
Das lässt sich an einem Beispiel sehr schön verdeutlichen:
Der unterstellte Aufenthaltsort von „Geistern“, wenn es sie denn gibt, ist das Jenseits.
Ihre irdische Existenz ist bereits beendet und sie sind unsterblich und unendlich. Würden sie nun aber wieder im Diesseits erscheinen, wären sie unseren Sinnen zugänglich, wir könnten sie wahrnehmen – damit aber wären diese Geister wiederum sterblich und vergänglich – eine sich selbst und der Logik widersprechende Vorstellung.
Es gibt noch eine einfachere Möglichkeit, das behauptete Eingreifen von Geistern in diese Welt als unmöglich zu entlarven:
Geister, wenn es sie gibt, sind Geistwesen und sind als solche ohne Materie. Dadurch besitzen sie ja dann auch, so wird zumindest behauptet, die Möglichkeit, Materie zu durchdringen und zum Beispiel auch durch Wände und geschlossene Türen zu gehen.
Wenn ich von diesen Annahmen ausgehe, ist es aber schlechterdings unmöglich, dass diese materielosen „Wesen“ ihrerseits Materie bewegen.17
Ich denke, dass, wenn man die angeführten Argumente bedenkt und den Prinzipien der menschlichen Logik folgt, die oben dargestellten Aspekte verständlich sind und, ohne zu spekulieren, zu nachvollziehbaren Ergebnissen führen. Allerdings habe ich auch schon häufiger erlebt, dass sich überzeugte „Geistgläubige“ auch von solchen Argumenten nicht überzeugen lassen wollen. Auch hier gilt: Wer es glauben will ._._.
Aufgefallen ist mir auch, dass sich in solchen Diskussionen immer wieder ein Kreislauf im Denken entwickelt, der sich an einem bestimmten Punkt wiederholt.
Die Argumentation der überzeugten Anhänger von diesen Geistererscheinungen ist in sich geschlossen. Irgendwann ist dann im Gespräch auch der Punkt erreicht, an dem die Diskussion ihren Sinn verliert, weil keine neuen Argumente mehr angeführt werden können. Diese wiederkehrenden Argumente habe ich einmal exemplarisch aufgelistet und möchte dieses in sich geschlossene Denken im „Kreislauf des magischen Denkens“ deutlich machen:
 Geistererscheinungen im Radio, im Fernsehen und anderswo
Wie schon oben dargestellt, haben Erscheinungen von Geistern im Okkultismus eine lange Tradition. So setzte man sich früher noch gemeinsam zu einer Seance an den Tisch, um mittels eines Mediums die Geister zu rufen und sie durch dieses Medium sprechen zu lassen. Obwohl auch noch zum Teil heute praktiziert, erscheinen diese Methoden schon recht antiquiert.
Im Zeitalter der Medien stehen den Geistern offensichtlich auch ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung, um mit den Lebenden in Kontakt zu treten.
Tatsächlich kann man in der Geschichte der Geisterbeschwörung erkennen, dass auch die Toten mit der Zeit den technischen Fortschritt nutzten. Wurde ein neueres technisches Medium erfunden, dann waren schon recht bald danach auch die Geister mittels dieser neuen Möglichkeiten zu rufen. Kaum gab es z.B. die Fotografie, schon tauchten bald danach die ersten fotografischen „Beweise“ für die Existenz von Geistern auf. Aber das war noch längst nicht das Ende: Mit der Erfindung des Radios konnte man sogar die Stimmen der Toten akustisch wahrnehmen; natürlich war es dann später auch möglich, die Totenstimmen auf Tonkassetten aufzunehmen. Wieder eine Zeit später, Sie ahnen es bestimmt schon, konnte man sich dann das Jenseits, oder doch zumindest Bilder einzelner Verstorbener, mittels Fernsehen und Video ins Haus holen.
Geister lieben offenbar den Fortschritt.
Aber dennoch: Irgend etwas scheint dran zu sein, denn nicht alles ist Betrug und zu viele Menschen, die zunächst recht kritisch an die Sache herangingen, waren später davon überzeugt, dass sie Verstorbene gehört oder gesehen hatten.
Ein ähnliches Phänomen wie schon bei Pendeln und Gläserrücken?
Die mechanische Beeinflussung dieser neuen Medien scheidet ja aus – Technik lässt sich nicht manipulieren, es sei denn vorsätzlich. Schauen wir uns zunächst einmal einen Bericht über dieses Phänomen an:
„Es war im Juni 1959, unweit von Stockholm. Der Filmemacher Friedrich Jürgenson arbeitete an einem Dokumentarfilm über Vögel. Er nahm die Vogelstimmen auf Tonband auf. Beim Abhören der Bänder war Jürgenson aber mehr als verblüfft: Eine Männerstimme, seltsames Gestöhne und Gebrause war da zu hören – Geräusche, die Jürgenson bei der Tonbandaufnahme nicht gehört hatte. Was war das?  _Er versuchte zu vergessen, tat das Ganze als ,technischen Defekt‘ ab. Aber ein paar Wochen  später, bei einem Film über die russische Zarenfamilie, tauchten die unheimlichen Stimmen wieder auf. Als Jürgenson die Bänder mit den Interviews abhörte, sagte eine Stimme – so behauptete er es jedenfalls: ,Friedrich, versuche dann jeden Abend die Wahrheit zu lösen ._._.‘ Seither ließen ihn diese Stimmen nicht mehr los. Friedrich Jürgenson ist der Entdecker der ,Tonbandstimmen aus dem Jenseits‘ und nach ihm ist die ,Jürgensonwelle‘ benannt: Zwischen Radio Moskau ._._. und Radio Wien ._._. liegt ein Sender, in dessen Bereich ein eigentümliches Rumwirren und Summen zu hören ist. Nimmt man diese Geräusche auf Tonband auf und lässt sie später abspielen – sogar rückwärts oder mit verzerrter Geschwindigkeit – hört man angeblich Stimmen. Jürgenson beschäftigte sich jahrelang mit den Tonbandstimmen, als 1974 etwas äußerst Erstaunliches passierte: Am 16. Januar hatte seine Frau einen Autounfall, bei dem sie beinah ums Leben gekommen wäre. Und Tage davor, nämlich am 2. und 7. Januar, waren per Tonband präzise Daten über den Unfall zu hören, mit denen Jürgenson zum damaligen Zeitpunkt nichts anfangen konnte. Aber dann, nach dem schrecklichen Ereignis, war ihm plötzlich alles klar: Die Jenseitigen hatten ihn warnen wollen!“(Bunte 1988)
In Windeseile verbreitete sich die Nachricht von dieser neuen Möglichkeit, die Botschaften der Jenseitigen zu empfangen. Die Schar der Gläubigen wuchs von Jahr zu Jahr und die Berichte wurden immer umfangreicher, detaillierter und genauer.
Zeitungsberichte folgten:
„Tote senden uns Signale“ und
„Wir sehen die Geister der Toten auf Video“ (Bild) oder
„Romys Botschaft aus dem Jenseits“ (Stern)
waren und sind bis heute verkaufsfördernde Schlagzeilen. So „renommierte“ und „international anerkannte Parapsychologen“ wie Rainer Holbe heizten das Fieber noch an, indem über die privaten Fernsehsender von Amateuren aufgenommene Videobilder aus dem Reich der Toten gesendet wurden. Besonders erschütternd war der Bericht über eine Erscheinung von Romy Schneider, von der man ja bis dahin, nach ihrem Selbstmord, nichts mehr gehört hatte.
Hören konnte man sie nun auch noch nicht, aber sehen: Es war unzweifelhaft Romy Schneider, ganz deutlich im Profil zu erkennen, die von Video -Totenreichforschern auf Zelluloid gebannt worden war! Dieses Bild wurde immer wieder als Beweis für die Echtheit der Videobilder und der Tonbandstimmen aus dem Jenseits angeführt.
Ebenso bekannt wurde noch das Bild eines nackten Paares, das offensichtlich gerade zum Baden ins Meer schreitet.
Diese Bilder mag Herr Holbe im Kopf gehabt haben, als er in seinem Buch „Bilder aus dem Reich der Toten“ schreibt, dies sei möglicherweise „die Entdeckung des Jahrhunderts“.
Auch hier muss wieder die Frage aufgeworfen werden, warum Menschen, wenn sie mit etwas Ungewöhnlichem konfrontiert werden, schnell und zielsicher zu den unwahrscheinlichsten Erklärungsmodellen greifen und diese dann auch noch als die einzig möglichen und wahrscheinlichen anpreisen. Es gibt doch einige ganz natürliche Erklärungsmöglichkeiten, die mindestens ebenso wahrscheinlich sind:
 
Nochmals deutlich:
Das Bild der Romy Schneider stammt nicht aus dem Jenseits, sondern ist eine Sequenz aus dem Film „Das Mädchen und der Kommissar“ – was beweisbar (nicht lediglich zu vermuten) ist. Auffällig ist doch auch, dass für Videoaufnahmen bzw. Fernsehbilder Kellerräume besonders geeignet sind, die zudem noch mit Alufolie ausgeschlagen werden. Und ganz besonders häufig lassen sich solche Bilder dann auch in der Nähe von Staats- oder Ländergrenzen empfangen, an Stellen also, an denen sich mehrere Fernsehbilder ohnehin überlappen.
Mit diesen nachweisbaren Erläuterungen könnte man den ganzen Bereich also eigentlich beiseite legen und vernachlässigen. Wenn er nicht so gefährlich wäre und gerade Menschen trifft, die am wehrlosesten und für jede Art eines handfesten Trostes empfänglich sind: Trauernde nämlich, die gerade einen lieben Menschen verloren haben und mit ihrer Trauer nicht leben können oder wollen.
Mir selbst ist die Situation eines Vaters bekannt, der bei einem tragischen Unfall seine Kinder verlor. Über diesen Schmerz und diesen Verlust kam der Mann über mehrere Jahre nicht hinweg. Obwohl er sich als Christ bezeichnete und somit auch das Weiterleben nach dem Tod zu seiner Überzeugung gehörte, wollte er mehr Sicherheit, Beweise, dass seine Kinder nicht verloren sind und es ihnen gut geht. Wie der „Zufall“ in solchen Fällen spielt, kam er in dieser Situation mit überzeugten Anhängern dieser Video-Jenseits-Kultur zusammen. Eine Seance wurde verabredet und tatsächlich erschienen die Kinder auch auf dem Bildschirm. Er selbst konnte allerdings – nach eigener Aussage – kaum etwas erkennen, aber ein geübter „Schauer“ war anwesend, der ihm Konturen zeigte und ihn davon überzeugte, dass sich in dem Fernsehgeflimmere tatsächlich seine verstorbenen Kinder zeigten. Immerhin – für den Moment fühlte er sich getröstet. Aber: Die Trauer war ja nicht vorbei. Immer wieder zog es ihn in die entsprechenden Kreise, immer wieder versuchte er, den Kontakt zu den Toten herzustellen. Der Wunsch, mit den Verstorbenen zu kommunizieren, ging ja nicht vorbei. So verstrickte er sich teilweise immer mehr in die Gedankenwelt, in das magische Weltbild, seiner neuen „Glaubensfreunde“.
Genau diese fast unvermeidbare Reaktion ist es, die ich so gefährlich finde. Den Hinterbliebenen wird die Möglichkeit genommen, sich mit dem Tod ihrer Lieben auseinanderzusetzen, wirklich zu trauern. Der Schmerz, der damit verbunden ist, wird betäubt durch oberflächliches Fernsehtheater, aber er wird nicht tatsächlich bewältigt.
Es müsste mittlerweile zum allgemeinen Wissen gehören, dass jede Form von Verlust, ob Tod oder Scheidung oder Trennung von einem anderen lieben Menschen, eine Zeit der Trauer mit sich bringt. Diese Zeit ist schmerzhaft und geht oft bis an die Grenze des Erträglichen und bringt nicht selten schwere Existenzkrisen mit sich, in denen die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Lebens neu gestellt wird. Genau diese Frage aber und die Suche nach einer Antwort birgt die Chance nach Neuorientierung und nach einer Neugestaltung des Lebens in sich.
Nur so kann wirkliche Trauerarbeit geleistet werden, so schmerzhaft es in jedem einzelnen Fall auch sein mag. Nur eine solche Trauerarbeit eröffnet aber letzten Endes auch wieder eine neue Lebensperspektive.
Genau diese Lebensperspektive bleibt bei der primitiven Tröstung durch die Geistbilder aber verschlossen. Der Schmerz und die Trauer werden nicht als notwendige und zu der persönlichen Situation gehörende Gefühle erkannt, sondern die Gefühle werden verdrängt. Die oberflächlichen Antworten helfen nicht aus der Krise heraus, sie führen in neue Formen der Abhängigkeit. In solchen Situationen geschieht es dann, dass Menschen, die uns früher durch ihren scharfen Verstand, durch ihre Logik und Kritikfähigkeit bekannt waren, plötzlich auch die abstrusesten und unrealistischsten Phantastereien in ihr Weltbild integrieren und sich auf völlig unverständliche Art und Weise verändern.
Diese Reaktionen sind sicher auch Zeichen für den Rückfall in kindliche Verhaltensmuster. Das Kind kann mit seinen Verlustängsten teilweise auch nicht anders umgehen, als sich phantastische Welten aufzubauen, in denen die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden und Magie die Geschicke der Welt bestimmt. Die Überzeugung, Geister zeigten sich im Radio oder im Fernsehen, kann nur auf solchen kindlich-magischen Wunschvorstellungen gegründet sein.

Jenseitsberichte von klinisch „Toten“
Immer wieder werden die Berichte von den sogenannten „klinisch Toten“ als Beweise für ein Leben nach dem Tod angeführt. Diese Berichte wurden von Menschen gegeben, die nach schweren Unfällen im Koma lagen und im medizinischen Sinn als „tot“ angesehen werden mussten. Nur durch die medizinische Kunst konnten sie reanimiert, das heißt: wiederbelebt werden. Die Visionen, die jene Menschen hatten, traten in dieser Zwischenzeit des Herz- und Atemstillstandes auf.
Raymond A. Moody hat in seinem Buch „Leben nach dem Tod“18 ein „ideales bzw. vollständiges Erlebnis“ rekonstruiert:
„Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Mit einem mal nimmt er ein unangenehmes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen, und zugleich hat er das Gefühl, dass er sich sehr rasch durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt. Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers, jedoch in derselben Umgebung wie zuvor ._._. Bald kommt es zu neuen Ereignissen. Andere Wesen nähern sich dem Sterbenden, um ihn zu begrüßen und ihm zu helfen. Er erblickt die Geistwesen bereits verstorbener Verwandter oder Freunde und ._._. ein Lichtwesen erscheint vor ihm ._._. Es hilft ihm dabei, indem es das Panorama der wichtigsten Stationen seines Lebens in einer blitzschnellen Rückschau an ihm vorüberziehen lässt. Einmal scheint es dem Sterbenden, als ob er sich einer Schranke oder Grenze näherte, die offenbar die Scheidelinie zwischen dem irdischen und dem folgenden Leben darstellt. Doch wird ihm klar, dass er zur Erde zurückkehren muss, da der Zeitpunkt seines Todes noch nicht gekommen ist. Er sträubt sich dagegen, denn seine Erfahrungen mit dem jenseitigen Leben haben ihn so sehr gefangengenommen, dass er nun nicht mehr umkehren möchte ._._.“ (S.27 f.)
Berichte von Sterbenden, die der Struktur dieses zusammengefassten „Prototypen“ folgen, sind rund um den Erdball und über mehrere Jahrtausende verstreut zu finden. Diese überlieferten Erzählungen sind sich zu ähnlich, als dass man sie als erfunden abtun könnte, vor allem, weil diejenigen, die sie weitergaben, sich nicht absprechen konnten.
Schon bei den alten Ägyptern, in deren „Totenbüchern“, finden sich ähnliche Erfahrungsberichte.
Die Feststellung, dass es sich nun um subjektiv zutreffende Erfahrungen handelt, bedeutet natürlich längst noch nicht, dass sich die Geisterwelt nun doch ein Schlupfloch geschaffen hätte und nun mit unseren Sinnen wahrnehmbar wäre (das hätte ja die logische Konsequenz, dass auch diese Dimension vergänglich wäre, wie alles Wahrnehmbare ._._.).
Leider ist jedoch festzuhalten, dass sich viele Menschen genau auf diese Ebene begaben und nun den „Beweis“ für das Jenseits triumphierend in den Händen zu halten glaubten. Sogar solch renommierte und anerkannte Wissenschaftler wie Elisabeth Kübler- Ross19 verließen in diesem Bereich den Pfad der wissenschaftlichen Forschung und begaben sich auf die spekulative Ebene.
Ich befürchte, dass in diesem Bereich einmal mehr die Religion als Lückenbüßer missbraucht wurde: Zunächst unerklärliche Phänomene wurden mit Gott/Gottes Eingreifen/religiösen Legenden erklärt. Diese Erklärungen wurden dann so lange hartnäckig verteidigt, bis der endgültige wissenschaftliche Beweis des Gegenteiles vorlag. Erst dann trat man schamhaft und schweigsam den Rückzug an und suchte nach der nächsten wissenschaftlichen Lücke.20
Religion, christlicher Glaube und Gottesglaube kamen aus solchen Auseinandersetzungen immer mit einer gehörigen Portion an Verlust der Glaubwürdigkeit heraus. Daher sollte man sich generell vor diesen Schnellschüssen, durch die zunächst Unerklärliches für die eigene Ideologie oder Religion vereinnahmt werden soll, hüten. Gott als Lückenbüßer zu missbrauchen, ist auch eine Form der Gotteslästerung.
Zurück zu den vorliegenden Berichten. Was lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht zur Erhellung dieser Phänomene beitragen?
 
„Die bislang schlüssigste, wenn auch noch nicht lückenlose Erklärung für die geheimnisvollen Sterbeerfahrungen lieferte kürzlich der Psychologe Dr. Ronald Siegel von der University of California: ,Bei den Sterbeerlebnissen handelt es sich ausschließlich um Halluzinationen‘, so das Fazit seiner Untersuchung ._._. Der traumartige Zustand der Sterbenden wird, wie auch weitere Forschungen vermuten lassen, vornehmlich durch zwei Faktoren ausgelöst: Eine psychische Schutzschaltung des Gehirns verhindert, dass der Sterbende seine Lage als bedrohlich empfindet – das Bewusstsein fällt gleichsam in Ohnmacht und flieht aus der Realität ins Traumland. Zusätzlich rufen sogenannte ,Endorphine‘, vom Körper gebildete morphiumartige Substanzen, die bei Sterbenden häufig beobachteten euphorischen Gefühle hervor ._._. Dann unterteilte Siegel, ein Rückgriff auf die Methoden der Halluzinationsforschung, die Schilderung der Beinah -Toten in:
einfache Visionen - wie etwa das Licht-Tunnel-Syndrom und in
komplexe Visionen - wie Traumbegegnungen mit toten Verwandten oder die Loslösung vom eigenen Körper (Ich-Austritt).
Für die Einfach-Visionen fand Siegel eine Erklärung, die auch Hirnexperten für einleuchtend halten: Auf extreme Ausnahmezustände reagiert das Gehirn mit einem regelrechten Nervengewitter, das dem Sehzentrum eine starke Lichtreizung der Netzhaut vorgaukelt ._._. Die komplexen Visionen hingegen werden durch eine raffinierte Psychosicherung im Kopf ausgelöst: Das zentrale Nervensystem schaltet bei Super-Stressbelastung einfach Teile des Gehirns ab. Dabei schiebt sich gleichsam eine Jalousie zwischen Innen- und Außenwelt. Der Sterbende entgleitet in einen Bereich ohne Raum und Zeit, Vergangenheit und Zukunft ._._. Wird freilich, wie bei vielen Sterbenden, der Informationsstrom von außen vermindert oder gestoppt, produziert das Gehirn unablässig und ungehindert Bilder aus der Vergangenheit und Zukunft – ein Halluzinationsreigen aus Erlebtem und Erlerntem.“ (Spiegel, Nr. 8/1981)
Zum besseren Verständnis dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse möchte ich noch hinzufügen, dass unser Gehirn ja unablässig arbeitet (siehe oben). Wird nun in dem Prozess des intensiven Sterbens registriert, dass Lebensgefahr besteht, dann begegnet der Körper dieser Gefahr, um eine Panik zu vermeiden, mit seinen Schutzfunktionen.

Voodoo-Zauber und Naturreligionen    6
Bei der Beschäftigung mit dem Thema Okkultismus taucht häufig auch die Frage nach anderen Kulturen auf: Was ist z.B. mit der indianischen Religion? Mit dem Glauben an Manitou, der sich unter Umständen schon mal durch einen rituellen Tanz dazu bewegen ließ, Regen in vertrocknete Regionen zu schicken?
Ist das etwa kein direktes Eingreifen, hervorgerufen durch eine Beschwörung?
Oder wie verhält es sich mit den Schamanen der Naturvölker, die, unter Mithilfe der Geister, operieren und heilen?
Und was ist mit Voodoo? Jenem uralten Kult, durch den man Menschen nicht nur heilen, sondern auch töten kann?
Ich denke nicht, dass wir so vermessen sein dürfen, diese Kulte und Kulturen, die über Jahrhunderte hinweg auf einem ganz anderen Hintergrund als unsere Kultur entstanden sind, zu be- oder verurteilen. Gerade die indianische Kultur und die Religion der Naturvölker haben ja zu einem Miteinander und einem Verständnis zwischen Mensch und Natur geführt, von dem wir Bewohner der Industrieländer nur lernen können. Auch das ist ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung von Religion und religiösen Riten:
Sind sie lebensbejahend oder lebenszerstörend? Sind sie eine Lebenshilfe oder zerstören sie die inneren und äußeren Grundlagen des menschlichen Lebens?
Gerade der Voodoo-Kult ist wegen seiner „Andersartigkeit“ immer wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Ob in Filmen wie „Angel-Heart“ oder in James Bond „Leben und sterben lassen“ – Voodoo wird dargestellt als Magie, Zauberei, Teufelskult. Abartig und pervers. Und gerade dadurch immer wieder interessant. In die Reihe dieser sensationslüsternen Phantastereien gehört auch ein Artikel aus der Zeitschrift „QUICK“ mit der Überschrift „Insel der lebenden Toten“, einem Bericht über einen angeblichen Voodoo-Kult auf der Insel Haiti.
Hier einige Auszüge:
„Zombies – die gibts nicht nur im Horrorfilm. Quick-Reporter fanden sie in der Karibik. Auf einer Insel, wo Armut, Angst und Zauberpriester herrschen ._._._Voodoo ist die geheime Staatsreligion Haitis ._._._Die Angst vor den ,Untoten‘ sitzt tief im haitianischen Volk. Sie ist der unheimlichste Teil ihrer Religion_._._._Der Glaube an Zombies hat auf Haiti einen realen, erschreckenden Hintergrund.
Die Geschichten über lebende Tote kennen wir aus der phantastischen Literatur, aber auf Haiti sind sie bittere Wirklichkeit_._._. Marcel glaubt, dass er für uns einen Zombie schaffen soll ._._. Vor dem Altar sagt Marcel: ,Ich habe viele Zombies erschaffen. Es geht nur mit meinem Gift, sonst wird es sehr schwierig.‘_._._. ,Es gibt viele Zombies. Sie müssen hart arbeiten. Sie leben auf Pflanzungen, tief in den Bergen. Nachts werden sie mit Bananenbaumstricken gefesselt. Sie haben keinen Willen, tun alles, was man ihnen sagt. Sie können kaum sprechen und haben einen steifen Gang und tote Augen. Nur wenn man ihnen Salz zu essen gibt, wachen sie auf und werden Menschen.‘_“
Man sollte es eigentlich nicht glauben, wieviel Dummheit Zeitungslesern zugemutet wird. Dieser Artikel wäre wohl auch kaum des Zitierens wert, wenn er nicht auf extreme Art und Weise das Verhältnis von Europäern zu fremden Kulturen deutlich machen würde: Voodoo ist nur auf dieser sensationellen, unfaßbaren, schon teuflischen Ebene interessant.
Dass der reale Hintergrund dieses Artikels die grausamen Menschenrechtsverletzungen des ehemaligen Herrscherregimes Duvallier ist, das kann nur der aufmerksame und informierte Leser erkennen. Der in dem Artikel angedeutete Drogenmissbrauch, durch den Menschen getötet oder abhängig gemacht werden, wird verschleiert durch die primitive Einbettung in den reißerisch aufgemachten Artikel über die angeblich real existierenden „Zombies“ – ein Begriff, der in diesem Zusammenhang völlig fehl am Platz ist.
Eine nüchternere Analyse und Beschreibung des Voodoo-Kultes findet sich bei dem Wissenschaftler H. Ellenberger.21 In seinem Artikel und auch schon in seiner Überschrift: „Der Tod aus psychischen Ursachen...“ wird deutlich, dass es sich bei „Voodoo“ um eine gewachsene Kultur mit ganz eigenen und speziellen Ritualen handelt, die über Jahrtausende hinweg gewachsen sind. Für Menschen, die in diesem Kulturkreis, mit diesen Traditionen als lebensbestimmende Merkmale aufgewachsen sind, haben die Rituale der Zauberer eine lebenswichtige Funktion: Die Wirksamkeit der Zaubermittel und der Rituale wird von niemandem in Frage gestellt. Der Voodoo-Priester kann das, er hat die Macht. Das ist für die Menschen nicht nur eine Vermutung, sondern eine feste Überzeugung, die zur Lebenswirklichkeit der Naturvölker dazugehört. Auf diesem Hintergrund – und nur auf diesem Hintergrund – ist die Wirksamkeit des Voodoo-Zaubers zu verstehen. Und in diesem Sinn ist auch der folgende Bericht von H. Ellenberger über eine besondere Begebenheit völlig glaubwürdig:
„..._Auf der kleinen Insel Ara war bekannt geworden, dass ein Mann ein Tamatetique vorbereitet hatte, und er hatte bekanntgegeben, er würde damit seinen Feind an einem bald stattfindenden Fest erschießen. Aber er wollte vorher nicht sagen, wen er töten wolle, aus Furcht, ein Freund des Opfers könnte vom Zauberer die Zauberkraft zurückkaufen und das Präparat würde dann nicht mehr wirken. Um der unheimlichen Ladung Kraft beizufügen, fastete er so viele Tage vor dem Fest, dass er, als der Tag kam, zu schwach war, um gehen zu können. Als sich das Volk versammelt hatte, ließ er sich hinaustragen und setzte sich an den Rand des offenen Platzes, an dem der Tanz stattfinden sollte. Alle diese Männer wussten, dass es einer unter ihnen war, den er erschießen wollte, keiner wusste, ob er es selbst sei. So saß er da, während die Tänzer an ihm vorbeigingen, sich im Kreise drehend; eine erschreckende Gestalt, schwarz vor Schmutz, durch das Fasten bis zum Skelett abgemagert, er hielt sein Tamatetique in seinen verkrampften Fingern, hielt es mit seinem Daumen zu, seinen zitternden Arm ausgestreckt und mit seinen triefenden Augen nach seinem Feind ausschauend. Jedermann zitterte innerlich, wenn er an ihm vorbeitanzte, und die Aufmerksamkeit der ganzen Menge war auf ihn gerichtet. Da er durch seine eigene Schwäche, die schnellen Tänze und den Lärm verwirrt und benommen war, verwechselte er den Mann nach einer Weile. Er hob den Arm und ließ den Daumen los. Der Mann, auf welchen er zielte, fiel sofort auf den Boden, und die Tänzer hörten auf zu tanzen. Dann sah er, dass er sich geirrt hatte und dass der falsche Mann getroffen worden war. Seine Bestürzung war groß. Aber der Mann, der umgefallen war und der im Begriff war zu sterben, fasste den Mut, wieder zu leben, als ihm verständlich gemacht wurde, dass ihm kein Schaden hätte zugefügt werden sollen. Er erholte sich tatsächlich. Ohne Zweifel wäre er gestorben, wenn der Irrtum nicht bemerkt worden wäre.“
An dieser Begebenheit wird sehr deutlich, dass Zauber und Voodoo-Riten in ein ganzes Bündel von begleitenden Maßnahmen eingebettet sind: Anerkannte Zauberer verkaufen Zaubermittel, die ohne Zweifel wirken werden; die Benutzer bereiten sich rituell mit Gebet und Fasten auf deren Benutzung vor; das ganze Dorf ist in die Spannung des Augenblickes einbezogen, und jeder weiß, um was es geht. Ohne dieses Umfeld würde der Zauber nicht funktionieren. Es sind ja auch keineswegs die „Dämonen“ aus dem Jenseits, die hier eingreifen und sich menschlichen Befehlen unterwerfen, sondern es ist die Psyche der Menschen, die das vollbringt, was als subjektive Wirklichkeit und Wahrheit akzeptiert wird. Selbstverständlich hat es auch keinerlei Wirkung, wenn ein solches oder ähnliches Zeremoniell abgehalten wird und der, um den es geht, der betroffen werden soll, nichts von der Zauberei erfährt. Um wirken zu können, muss mindestens der, der zaubert, und der, der verzaubert werden soll, davon wissen.
Somit wird auch deutlich, dass alle sensationellen und auf Touristen abgezielten „Rituale“ nur Schauspiele sind. Und wenn ein gelernter Elektriker, wie Michael D. Eschner vom „Thelema­Orden“ (s.o. Kapitel 3), die Haarlocken seiner Untergebenen sammelt, um sie sich gefügig zu machen und zur menschenverachtenden Abhängigkeit zu zwingen, dann kann er damit nur bei sehr kindlich-ängstlichen Gemütern mit Erfolg rechnen. Eschner droht im Falle des Sektenaustrittes eines Mitgliedes mit „Tod durch Voodoo-Zauber“.
 Alte und neue „Hexen“        7
In früheren Zeiten war der Glaube an das Eingreifen jenseitiger Mächte ein fester Bestandteil des täglichen Lebens. Alle Zeichen der Natur, die dem menschlichen Begreifen entzogen waren, Regenbogen und Donner, Erdbeben und Sonnenfinsternis, wurden als Zeichen der „Götter“ gedeutet. Durch solche Ereignisse, so glaubten die Menschen, wurden Strafen geschickt oder auch Versöhnungsangebote gemacht. So galt z.B. der Regenbogen in der jüdisch-christlichen Tradition als Bundeszeichen zwischen den himmlischen Mächten und den irdischen Geschöpfen (vgl. Gen 1 ff).
Trotz dieser „Verbindung“ zwischen Erde und „Himmel“ kam es aber immer wieder zu heftigen Naturkatastrophen, die willkürlich, unvorhersehbar, mit aller Gewalt, über die Menschen hereinbrachen, ohne dass es einen Schutz dagegen gegeben hätte. Daher versuchte man, die Göttinnen und Götter durch Gaben und Opfer zu besänftigen. Dieser Kontakt mit den Göttern wurde schon bald eine spezielle und ehrenvolle Aufgabe für einige wenige Auserwählte.
Diese „Zauberer“, „Weisen“, „Mittler“, „Medien“ waren in den Augen der Menschen Auserwählte, und nur sie durften es überhaupt wagen, der Welt der Götter so nahe zu kommen und Einfluss auf den göttlichen Willen zu nehmen. Ihnen oblag es, die Zeichen zu deuten und die Launen der Jenseitigen zu erkennen und zu besänftigen.
Durch diese ihnen zugeschriebenen Fähigkeiten hatten sie einen sehr zwiespältigen Ruf: Auf der einen Seite konnten sie sich die übermenschlichen Fähigkeiten der höhergestellten Wesen dienstbar machen und die Menschen so vor ihrer Willkür schützen, auf der anderen Seite misstraute man ihnen eben aus demselben Grund. Sie waren unheimlich, denn niemand wusste, mit welchen Kräften sich diese Zauberer einließen. Im weiteren Verlauf der Geschichte führte diese Unsicherheit und die Angst zu einem generellen Verbot der Zauberei, so dass im Buch Mose formuliert ist: „Die Hexen sollst du nicht leben lassen.“ (2 Mos 22, 17)22
Dieses Verbot wurde zunächst auch im Christentum übernommen. Allerdings wieder in einem anderen Verständnis: Jahrhundertelang war Zauberei, ja sogar der Glaube an die Wirksamkeit der Zauberei, verboten. Ursache war natürlich auch die Abgrenzung von den alten „heidnischen“ Bräuchen, auf die sich die Christen nicht einlassen sollten. Im Mittelpunkt stand aber die Auffassung, dass Gott der in allem Mächtige sei, der Anfang und das Ende, und dass er nicht vom menschlichen Willen zu beeinflussen sei. Der Versuch, sich Gott dienstbar zu machen, ihn dem menschlichen Willen und seinen Wünschen zu unterwerfen, war eine dem christlichen Glauben fremde und entgegengestellte Auffassung. Bis in das zwölfte Jahrhundert hinein galt daher der kirchliche Lehrsatz, dass es keine Hexerei geben könne und dass der Glauben daran mit dem christlichen Glauben unvereinbar sei.
Wie kam es aber dann zu den grausamen und unbeschreiblichen Hexenverfolgungen, die ja gerade auch im Namen der Kirche mit einem eigenen kirchlichen Strafgericht, der Inquisition, durchgeführt wurden?23
Entwickelt hat sich die Verfolgung sogenannter „Hexen“ aus der Verfolgung einer anderen missliebigen Minderheit: den „Ketzern“.
Als Ketzer wurden die Menschen diffamiert, die in wichtigen Fragen des christlichen Glaubens eine andere Auffassung vertraten als die offizielle Amtskirche. Die entsprechenden päpstlichen Bullen hatten immer das gleiche Schema und waren ungefähr so formuliert: Wer dieses oder jenes glaubt und behauptet, der sei ausgeschlossen („anathema sit“).
Schon bald blieb es aber nicht mehr bei dem Ausschließen aus der Gemeinschaft der „Rechtgläubigen“; diejenigen, die eine andere Meinung vertraten, wurden als Gefahr, als Bedrohung der reinen Lehre angesehen und mussten, so meinte man, als Gotteslästerer vernichtet werden.
Im dreizehnten Jahrhundert verschärfte Papst Gregor IX. die Ketzerverfolgung und die Inquisition wurde zu einer unabhängigen Institution der Kirche, die direkt dem Papst unterstand.
Bald darauf brannten an vielen Orten die Feuer, in denen Menschen, nur weil sie eine andere Meinung vertraten, verbrannt wurden.
Im Jahre 1224 wurde unter Friedrich II. die Feuerstrafe, die Verbrennung der Ketzer, eingeführt.
Im weiteren Verlauf dieser Prozesse wurde dann auch die Folter als zulässiges Mittel beim Verhör erlaubt. Wohlgemerkt: Diese Prozesse richteten sich immer noch ausschließlich gegen Ketzer; der Glaube an Zauberei war immer noch verboten. Erst Mitte des 15. Jh. begann der Umschwung, gerieten tatsächliche oder vermeintliche magische Praktiken sogenannter „Hexen“ in das Blickfeld der Inquisition. Im Jahr 1484 erließ Papst Innozenz VIII. seine Bulle „Summis desiderantes“, die sich gegen den Abfall vom Glauben richtete und sich auf den Vorwurf des Schadenszaubers und auf die Verhinderung der Fruchtbarkeit bei Mensch, Tier und Pflanze konzentrierte.
Drei Jahre später wurde jenes unsägliche Machwerk verfasst, das in seiner Perversion über drei Jahrhunderte die Hexenverfolgung, die Folterung und Vernichtung von Hunderttausenden, wahrscheinlich sogar Millionen von Menschen – überwiegend Frauen –, mitbestimmte: der „Malleus maleficarum“, der „Hexenhammer“. In diesem Buch beschrieben zwei Dominikanermönche mit pseudo-wissenschaftlichen Formulierungen, wie mit den Frauen, die der Hexerei angeklagt sind, zu verfahren sei. Vorwürfe, Fragen, Folterungen – alles wurde minutiös beschrieben und geregelt. Wer sich tatsächlich einige Seiten aus diesem Buch zumutet, kommt unweigerlich zu der Erkenntnis, dass nur kranke und sadistische Köpfe diese Zeilen geschrieben haben können.
Was aber war das für eine Zeit, die so bereitwillig, gierig und skrupellos diese unmenschlichen Vorschriften übernahm und sie nur allzu bereitwillig umsetzte? Tatsächlich lässt sich dieses dunkle Kapitel der Menschheitsgeschichte nur betrachten – verstehen lässt es sich wohl auch mit allen Erklärungsversuchen nicht –, wenn man den unglaublichen Wandel im religiösen, politischen und wirtschaftlichen Umfeld der damaligen Zeit berücksichtigt:
In solchen Situationen neigen wir Menschen dazu – damals wie heute – Gründe zu suchen für so viel Ungemach, für so viel Unglück. Es müssen Erklärungen und Verantwortliche gefunden werden, die bestraft werden können. Kurz: Sündenböcke müssen her! Aus der Geschichte ist zu belegen, dass hierfür immer Minderheiten und die Schwächsten der Gesellschaft herhalten müssen, Menschen, die allein stehen und sich nicht wehren können: Juden waren und sind seit mehr als zweieinhalb Jahrtausenden solche Sündenböcke; „Ketzer“ mussten und müssen dafür herhalten; Anhänger anderer Religionen mussten und müssen immer noch ihr Leben lassen; Ausländer ._._.
._._. und in der Zeit zwischen dem 16. und 18. Jh., in der die Höhepunkte der Hexenverfolgung und -verbrennungen lagen, wurden die Frauen umgebracht.24
Die männliche Bevölkerung war durch Kriege, vor allem den 30jährigen, stark dezimiert, es gab einen „Frauenüberschuss“, so dass immer mehr Frauen ledig blieben. Dadurch wurde offensichtlich, dass Frauen auch selbständig ihr Leben organisieren konnten und keineswegs von den Männern abhängig waren. Frauen organisierten sich in Frauenwohngruppen, sie redeten in der Öffentlichkeit mit, halfen sich gegenseitig, auch bei Fragen der Empfängnisverhütung und der Abtreibung, und erhoben ihre Stimme, auch wenn sie nicht von Männern gefragt wurden. Kurz: Die Frauen wurden den Männern zu selbständig.25
Das Geflecht der Denunziation, der Verleumdung und der Anklage war so eng geflochten, dass kaum jemand den Mut hatte, für die Verfolgten einzutreten und sie zu verteidigen. Wer versuchte, den Unsinn und die Grausamkeit dieser Verfolgungen aufzudecken, wurde selbst als Hexe/Hexer angeklagt und verbrannt. Auch der Jesuitenpater Friedrich von Spee, der als Beichtvater der Hexen bekanntgeworden war, konnte seine Bestandsaufnahme der Grausamkeiten zunächst nur anonym veröffentlichen. Er hatte in unzähligen „Verhören“, bei denen er zugegen sein musste, das Elend der Verurteilten und die unmenschliche Behandlung, die eine Verteidigung ganz unmöglich machte, miterlebt und so musste er letztendlich formulieren:
„._._. so muss ich unter Eid gestehen, dass ich an verschiedenen Orten so manche Hexe zum Tode begleitet habe, an deren Unschuld ich noch jetzt nicht zweifle: Ich habe nichts finden können als Schuldlosigkeit allenthalben und ._._., so wird man sich leicht ausmalen können, mit was für Gefühlen ich solch bejammernswerten Tod mit angesehen habe ._._. Persönlich kann ich unter Eid bezeugen, dass ich, jedenfalls bis jetzt, noch keine verurteilte Hexe zum Scheiterhaufen geleitet habe, von der ich unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte aus Überzeugung hätte sagen können, sie sei wirklich schuldig gewesen ._._. Wenn die Hexe so umkommen muss, ob sie ein Geständnis ablegt oder nicht, dann möchte ich um der Liebe Gottes willen wissen, wie hier irgend jemand, er sei noch so unschuldig, soll entrinnen können.           _Unglückliche, was hast du gehofft? Warum hast du dich nicht gleich beim ersten Betreten des Kerkers für schuldig erklärt? Törichtes, verblendetes Weib, warum willst du den Tod so viele Male erleiden, wo du es nur einmal zu tun brauchtest? Nimm meinen Rat an, erkläre dich vor aller Macht schuldig und stirb. Entrinnen wirst du nicht. Das ist letzten Endes die unselige Folge des frommen Eifers Deutschlands.“
„Unglückliche, was hast du gehofft?“ Aus tiefer Erkenntnis, aus eigenem Erleben, kann von Spee den Frauen nur noch den Rat geben, im Falle einer Anklage sofort zu gestehen. Die Chance auf Freispruch war zu gering. Wer einmal in den Fängen der Inquisition war, der konnte nicht mehr heraus. Weigerte sich eine Frau auf der Folter standhaft, ihre „Schuld“ zuzugeben, dann hieß es, nur der Teufel könne ihr solche Kraft geben, trotz der Folter zu leugnen. Leugnen wurde also zum Beweis umgedeutet. Gestand die Frau aber, war sie ohnehin schuldig.
Was aber sollten die Frauen denn gestehen?
Im Prinzip waren es immer wieder die gleichen Dinge, die gefragt und beantwortet werden sollten – der „Hexenhammer“ gab ja mehrere detaillierte Fragenkataloge vor. Es lief immer wieder auf den Kontakt mit dem Satan, auf die Teilnahme an Hexen-Sabbatten und auf die detaillierten Fragen nach dem Geschlechtsverkehr mit dem Satan hinaus. Gerade die sexuellen Aspekte scheinen sehr bedeutsam gewesen zu sein, denn ihnen wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Bei nüchterner Betrachtung der Verhöre, der Fragen und der Folter wird schnell deutlich, dass eine nicht unerhebliche Triebfeder der ganzen Hexenverfolgungen auch die sexualpathologischen Vorstellungen der Männer waren, die in den Frauen willkommene und wehrlose Sexualobjekte sahen. Frauen, in meterdicken Steinverliesen gefangen, ohne Kontakt zur Außenwelt, wehr- und schutzlos einer Armee von Männern ausgeliefert, die niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig waren – die Vergewaltigung war vorprogrammiert.
Eine Vergewaltigung waren auch schon die vorgegebenen Fragen nach der Größe und dem Umfang des satanischen Geschlechtsteiles, nach Gefühlen und Empfindungen beim Geschlechtsverkehr mit dem Teufel und, ebenso pervers, die Unterstellung, die Frauen hätten die Geschlechtsteile von unschuldigen Männern weggezaubert. Einen „Beweis“ für diesen Vorwurf sah man darin, dass irgendwann irgendwo irgendjemand ein Vogelnest gefunden haben soll, in dem eine große Anzahl dieser weggezauberten Penisse gefunden worden seien.
Ohne Übertreibung: Die Fragen nach „Sexualität“ waren die tragenden Fragen der Folterungen und der Kern der Vorwürfe gegen angebliche Hexen.
Jedesmal, wenn ich mich mit diesem Thema beschäftige, stockt mir die Stimme, verschlägt es mir die Sprache, wenn ich mir diese unvorstellbaren Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten ins Bewusstsein rufe. Jeder Versuch, diese Ereignisse zu beschreiben, geschweige denn die Ursachen zu verstehen, erscheint mir schon wie eine unzulässige Entschuldigung. Nichts und niemand kann die Menschen von diesen Verbrechen je wieder freisprechen. Es wird auch höchste Zeit, dass sich die Kirchen zu ihrer Schuld bekennen und nicht den Mantel des Schweigens über ihr Versagen decken. In diesen Jahrhunderten des Hexenwahns wurde die Lehre der christlichen Botschaft, das Leben und das Vermächtnis des gewaltfreien Jesus’, in ihr Gegenteil verkehrt. Hierfür gibt es keine Entschuldigung.
Nur auf diesem Hintergrund kann man dann auch heute noch vom „modernen“ Hexenglauben sprechen.
Seit dem Ende der siebziger Jahre gibt es immer wieder Frauen, die bewusst und öffentlich von sich behaupten: „Ich bin eine Hexe.“26 Diese vermeintlich klare Aussage beinhaltet aber gleich wieder viele mögliche Missverständnisse, denn nicht alle Frauen, die das von sich behaupten, haben dasselbe Verständnis davon, was eine Hexe ist.
Die eine Gruppe der „modernen Hexen“ will mit diesem Bekenntnis ihre Solidarität mit den gefolterten und verbrannten Frauen des Hexenwahns bekennen und, im Zuge der Emanzipation, ein neues Bewusstsein gegen die Unterdrückung der Frau durch Männerherrschaft und -willkür schaffen. Frauen wollen so ihr eigenes Selbstverständnis dokumentieren. In Frauenkreisen und -zirkeln werden die historischen Hintergründe der Hexenverbrennungen diskutiert und die Unterdrückung der Frau durch die Männermacht in den Mittelpunkt gestellt. Nicht mehr die angeblich theologischen Fragen oder das Spekulieren über Sinn und Unsinn von angeblichen magischen Fähigkeiten stehen dabei im Mittelpunkt, sondern das Bild der „weisen Frau“, die mit ihren weiblichen empathischen Fähigkeiten dem männlichen Rationalismus und Machtdenken überlegen sei. Ein Motto dieser Frauenbewegung ist: „Wir erobern uns die Nacht zurück!“
In der Nacht zum ersten Mai, der „Walpurgisnacht“, ziehen verkleidete Frauen durch die Straßen, durch die Kneipen und demonstrieren so ihr Recht auf Selbstbestimmung. Sie wollen zeigen, dass Frauen immer noch der Männermacht unterworfen sind, dass sie immer noch ausgebeutet, ausgegrenzt und der sexuellen Gewalt durch die Männer unterworfen sind.
Anders: Frauen wie Judith Jannberg. Sie formuliert in dem oben erwähnten Buch:
„Was heißt dies nun für mich? Ich bekenne mich zu meiner religiösen Scheu und meinem im magischen Denken wurzelnden Glauben ._._. Ich bekenne mich zu diesem Glauben, um dessentwillen Millionen von Frauen ihr Leben lassen mussten ._._. Meine Heimat ist tagseits die Erde, das Diesseits, und nachtseits das Universum, das Jenseits. Meine Heimat ist da, wo sich hexische Frauen berühren . . . ,Die Hexen kommen wieder‘ heißt heute für mich mehr. Heute ist Tod und Wiedergeburt keine Glaubensfrage mehr für mich. Kommen und Gehen, Geborenwerden und Sterben, der Kreislauf der Natur ist für mich eine wahrnehmbare und überprüfbare Gewissheit. Wir alle kommen so oft und so lange wieder, bis wir unsere Wesenheit Mensch vollendet haben. Alles muss wirklich werden ._._. Und alle Frauen, die während der letzten Jahrhunderte wegen ihrer Religion gefangen, gefoltert und getötet wurden, alle Frauen, die wegen ihres magischen Glaubens, Denkens und Lebens ,das Zeitliche segneten‘, den ,Geist aufgaben‘, vorzeitig ,heimgehen‘ mussten, sie alle kommen wieder. Sie kommen wieder und sind zum Teil schon wieder da.27
Dieses magisch-feministische Denken geht also davon aus, dass die Vorwürfe gegen die Frauen zur Zeit der Hexenverbrennungen, Frauen würden zaubern, den Teufel beschwören, durch die Luft reiten ._._. nicht nur Hirngespinste waren und sind, sondern dass Frauen diese Fähigkeiten tatsächlich hatten und haben. So kann es dann auch zu solchen Interviews kommen, wie 1985 in der Zeitschrift „Cosmopolitan“ mit einer „Hexe Petra“, die da ihren Gegnern in der Überschrift „._._. von Herzen alles Böse“ wünschen darf. Im Text heißt es dann weiter:
„Ihr Metier ist die Schwarze Magie. Es heißt, sie könne Böses anhexen und Unheil anrichten. Aber sie nimmt keine Auftragsarbeiten an. Petra Singh macht von ihrem ,Handwerk‘ nur Gebrauch, wenn jemand ihre Kreise stört.“
Die Beurteilung dieser verschiedenen Einstellungen und Auffassungen bleibt den Leser/innen vorbehalten.
Der Teufelsglaube in unserer Zeit        8
Der Satanskult, die Frage nach dem Bösen, hat in unserer Zeit Hochkonjunktur. Keine Zeitschrift – schon gar keine Jugendzeitschrift, die sich dieses Themas nicht schon mehrfach angenommen hätte. Und immer sind die Berichte so richtig schön zum Gruseln.
Wie kommt es, dass ein Thema, das seine Hoch-Zeit schon hinter sich zu haben schien, plötzlich wieder aktuell erscheint? Es gibt ja mittlerweile ganze „Satanalogien“, die den grausamen Versucher in allen möglichen Schattierungen beschreiben. Und der Satans-_„Glaube“ zeigt Wirkung:
Im SPIEGEL schließlich erschien 1988 ein großer Bericht mit der Überschrift:
„Luzifer, Herr der Finsternis, höre uns!“ (SPIEGEL Nr.31/1988)
Dort werden „Satansjünger“ und schwarze Messen im Saarland beschrieben, bei denen auch schon mal Katzen oder Hühner geopfert werden, um den „König der Welt und des Universums“ gnädig zu stimmen.
Die BILD-„Zeitung“ schließlich hängte sich auch an den offenbar verkaufsfördernden Trend und formulierte gewohnt auffällig:
„Mutter musste zusehen – Kreuz ins Herz –    _Ihr Baby dem Satan geopfert“
Wenn auch bei einigen Publikationen statt des wenig fundierten Inhaltes mehr die sensationelle Aufmachung ins Auge sticht, so wird dennoch deutlich, dass der Satanskult in unserer heutigen Welt immer noch lebt. Auch bei uns in Deutschland. Warum, so müssen wir uns fragen, wenden sich immer mehr Jugendliche von den traditionellen Religionen und Kirchen ab und (nicht wenige von ihnen) finden dann in okkulten, abergläubischen und z.T. auch satanistischen Zirkeln ein neues Zuhause?
Eine verblüffend einfache Antwort gibt ein Jugendlicher, den die Stuttgarter Zeitung (Nr. 172) zitiert:
„Der Satan meldet sich, Gott aber nie.“
Tatsächlich ist es ja so, dass Jugendliche keineswegs ihre mystisch-sinnlichen Bedürfnisse verloren haben, nur weil sie den Kirchen den Rücken zuwenden. Es sieht allerdings so aus, als könnten die traditionellen Formen der religiösen Feiern diese menschlichen Grundbedürfnisse vieler jungen Leute nicht mehr befriedigen. Wenn sich Suchende aus den christlichen Gemeinschaften ausgeschlossen fühlen, ja, wenn sie diese Gemeinschaft noch nicht einmal mehr spüren können, dann bleibt eine emotionale Leere zurück, die aufgefüllt werden will. In solchen Situationen können Sekten, kleine Gruppen, spiritistische Zirkel, in denen die menschliche Gemeinschaft noch sehr zu spüren, fast mit den Händen zu greifen ist, zum Auffangbecken für Alleingelassene werden. In erster Linie geht es dabei nämlich nicht um die Inhalte, um die Praktiken, die dort vermittelt oder gelebt werden. Es geht um das Gefühl, um das emotionale Aufgefangenwerden, um Begegnungen auf der Gefühlsebene. Wenn dann noch dazukommt, dass mit Gläserrücken, Seancen oder Teufelsbeschwörungen verblüffende Erfolge erzielt werden können (die Hintergründe und Wirkweisen solcher Praktiken habe ich ja schon ausführlich in den ersten Kapiteln dargestellt), werden dann auf einmal auch die merkwürdigsten Erklärungen und die sogenannten „Antworten aus der Geisterwelt“ ernstgenommen.
Erstaunlich und phänomenal ist ja gerade, dass sich die kritischsten Köpfe, die ihre Fragen und ihre Kritik schonungslos in vermeintliche oder tatsächliche „offene Wunden“ der christlichen Überlieferung und, noch mehr, der Praxis der christlichen Kirchen legen, dass diese Jugendlichen plötzlich und völlig unkritisch einen Platz bei so merkwürdigen Vereinigungen wie der Bhagwhan-Bewegung, der Moon-Sekte und allen anderen möglichen esoterischen Zirkeln finden.31
Ein zur Zeit sehr populäres, aber auch häufig sehr heftig kritisiertes Buch, ist der autobiografisch aufgemachte Roman „Die Satanspriesterin“ von Ricarda S. (Eichborn Verlag). In diesem Buch wird die Geschichte eines jungen Mädchens erzählt, das sich mit fünfzehn Jahren, aus der glühenden Bewunderung für einen um einige Jahre älteren jungen Mann heraus, mit abergläubischen und auch satanistischen Praktiken beschäftigt. Immer weiter rutscht sie in die Kreise der Satanisten hinein, wird sexuell missbraucht und muss letztlich ihre Persönlichkeit opfern, um auch in den inneren Zirkel der Sekte aufgenommen zu werden. Nur unter großen Anstrengungen gelingt es ihr schließlich, sich von der Gruppe zu lösen. Ihre Angst bleibt aber so groß, dass sie ihren Bericht, das Buch, nur unter einem Pseudonym veröffentlicht und im Anhang darauf hinweist, dass, sollte ihr etwas zustoßen, alle Namen der Beteiligten bei einem Notar hinterlegt seien. Sie muss also auch nach der Loslösung noch um ihr Leben fürchten.
Vieles spricht dafür, dass dieses Buch, zumindest in einigen Bereichen, sehr ausgeschmückt ist. Nachdem ich mich bei den direkt Betroffenen erkundigt habe, muss ich aber feststellen, dass, entgegen einer verbreiteten Vermutung, die geschilderten Ereignisse im Kern und im wesentlichen mit den realen Erlebnissen übereinstimmen.32 Es werden typische Verhaltensmuster, Reaktionen und Abhängigkeiten aufgezeigt, die in sich geschlossen sind und insgesamt ein sehr zusammenhängendes Bild aufzeigen. Besonders bezeichnend ist die schnörkellose und brutale Darstellung der Pervertierung der Sexualität und die deutliche Zurückführung des Gefühls der Abhängigkeit von Menschen, aber auch von übermenschlichen Mächten (hier: Satan) auf die Grundangst des Menschen. Das Wort Angst sticht auf fast jeder Seite des Buches mehrmals ins Auge.
Angst ist meiner Meinung nach auch die Triebfeder in die Abhängigkeit. Aus der Angst heraus handelt der Mensch unmenschlich und aus der Angst heraus versucht er, andere Menschen in seine Abhängigkeit zu bringen.
Es ist in der Tat ein „Teufelskreis“:
„Lass die Finger davon!“ ist daher eine Warnung, die nicht aus Furcht vor den Gespenstern ausgesprochen werden muss. Nicht Geister und Jenseitige drohen, das Leben schwer zu machen – es ist unsere eigene Psyche, die uns unter Umständen im Wege steht. Ein Mitarbeiter einer psychologischen Beratungsstelle stellt im oben erwähnten Film „Die Geister, die ich rief . . .“ ein beeindruckendes Beispiel hierfür dar:
Ein Jugendlicher kam, um sich Rat zu holen. Er stand kurz vor der Abiturprüfung, als er plötzlich Prüfungsangst bekam, obwohl er in seinen Leistungen nicht schlecht beurteilt wurde. In dieser Situation geriet er an einen Kreis von Pendlern und Gläserrückern seiner Mitschülerinnen und Mitschülern. In dieser Runde wollte er sich Rat holen und beruhigen lassen, indem er sich seiner Zukunft vergewisserte. Nun sagte ihm das Glas aber voraus, dass er seine Abiturprüfung nicht bestehen würde. Diese Voraussage wiederum verstärkte seine Angst dermaßen, dass er kurz vor der schriftlichen Prüfung die Schule verließ und erst gar keinen Versuch unternahm, seinen Abschluss zu erreichen.
Nicht immer fällt die Selbstbeeinflussung so drastisch aus – zum Glück. Stets aber ist die Gefahr gegeben, dass neue Abhängigkeiten entstehen, die weg von einem selbstverantworteten Handeln und Leben führen.
Herbert Haag, ein katholischer Theologe, wurde von einem Kamerateam des ZDF als Teilnehmer in eine schwarze Messe eingeschleust. Anschließend nach seinem Eindruck befragt, sagte er:
„Ich habe hier keineswegs die Anwesenheit eines Teufels gespürt. Das ist ja auch nicht möglich, weil ich persönlich ja auch nicht an die Existenz eines Satans glaube_._._._Nun weiß ich allerdings nicht, ob das, was ich hier eben erlebt habe, den Menschen eine Lebenshilfe sein kann. Denn das ist es ja, was Jesus wollte: den Menschen eine Lebenshilfe geben.“
Ich denke, dass genau dies ein Kriterium sein kann, um andere Überzeugungen und auch Sekten einzuordnen und zu bewerten:
Können sie den Menschen eine Lebenshilfe bieten und zu einem selbständigen und gelungenen Leben beitragen?
Kann das der Satanismus?

Der Teufel und das Christentum  9
Wenn wir über Satanismus und Teufelsglauben reden, dann müssen wir zwangsläufig auch über das Christentum und das Judentum sprechen, denn diese Religionen sind mitverantwortlich für das Teufelsbild, so wie wir es kennen.
Zur Geschichte des Teufelsglaubens
Das Einzigartige an der jüdischen Religion war zu Beginn ihrer Geschichte der strenge und ausschließliche „Monotheismus“; das heißt, dass es nur einen Gott gab, der in allem mächtig war.
Für die „heidnische“ Umwelt war das geradezu lächerlich und doch auch eine enorme Herausforderung.
Lächerlich, weil in den anderen Religionen eine fast unüberschaubare Anzahl von Göttinnen und Göttern die Geschicke der Welt lenkten und somit jeweils nur ein Gott zuständig war für z.B. das Gelingen der Ernte, den Sieg beim Krieg, die gelungene Liebe_._._. Wie sollte da ein einzelner „Gott“, der sich um alles gleichzeitig kümmern musste, eine ernsthafte Gefahr sein?
Die Herausforderung lag dann aber selbstverständlich im naheliegenden Umkehrschluss, den die jüdischen Religionsführer und Priester auch laut und deutlich herausstellten (z.B. in den Schöpfungsberichten):
„Unser GOTT ist der EINE. ER hält alles in SEINER Hand. Wozu ihr anderen Völker euch eine Heerschar von Göttern einbilden müßt – unser EINER GOTT ist so mächtig wie eure Götter zusammen!“
Für die damalige Zeit eine ungeheure Aussage, deren Wirkung wir uns heute nur noch ansatzweise vorstellen können.
Dieser Glaube an den EINEN GOTT schloss aber auch ganz konsequent jede Vorstellung von anderen oder Nebengöttern aus. An Macht und Wirkung ist dieser GOTT einzigartig, durch IHN kommt alles und ER erhält alles. In dieser Vorstellung wurzelt auch die christliche Rede von der ALLMACHT Gottes (s.u.).
In diesem Bild bleibt für eine Gegenmacht zu der Macht Gottes kein Raum. Und so kennen die Urgeschichten auch keine wie auch immer benannte „böse“ Macht.
Erst später, in der Auseinandersetzung mit den anderen Religionen, musste auch das Böse in der Welt erklärt und personifiziert werden. Aus dieser theologisch-philosophischen Auseinandersetzung entstand die Rede von dem „bösen Satan“.
Ganz deutlich wird dies, wenn man zwei Bibelstellen des Alten Testaments miteinander vergleicht:33
Im 2. Buch Samuel, Vers 24 ff., wird von einer Volkszählung berichtet, die Israels König David durchführen ließ. Nach den religiösen Vorstellungen, die damals unter den Juden herrschten, war dies aber ein Verstoß gegen Gottes Gebot, gegen Gottes Zusage, dass ER SEINEN Segen über SEINEM Volk ruhen lässt. Die Volkszählung konnte nämlich als eine menschliche Kontrolle über Gottes Wirken interpretiert werden, ob ER sich denn tatsächlich an SEIN Wort hält und SEINEM Volk genügend Nachkommen schenkt. Eine ungeheure, sündhafte Handlung des Königs also, die dann später auch von Gott bestraft wird.
Im Text heißt es:
„Der Zorn des Herrn entbrannte noch einmal gegen Israel und er reizte David gegen das Volk auf und sagte: Geh, zähle Israel und Juda.“ (2 Sam 24,1 ff.)
In diesem alten Text ist es also Gott selbst, der David zu dieser Untat verführt, für das damalige Verständnis absolut einleuchtend, denn es gab ja nur diesen einen Gott, der alles erschaffen hat und alles erhält. Ein ganz strenger Monotheismus also.
Dass Gott der Verführer war, minderte allerdings nicht die Schuld, die David auf sich nehmen musste, weil er dieser Verführung dann erlag. Im Verständnis der Menschen damals war diese Verführung eine Probe Gottes, die David nicht bestand.
Nun, in einem Text, der sehr viel später entstand, wird der gleiche Vorgang – die gegen Gottes Gebote durchgeführte Volkszählung – dargestellt. Diese Autoren hatten das theologische Denken allerdings schon erheblich weitergeführt und sind bei ihren Überlegungen offenbar auf Probleme gestoßen, die der strenge Monotheismus mit sich brachte: Wenn Gott das Prinzip des Guten verkörpert, dann ist doch schwer vorstellbar, dass er die Menschen zu Sünden und Untaten aufstachelt – die letzte Verantwortung für das Böse würde dann ja Gott selber tragen. Dies wurde offenbar als ein so großer Widerspruch gesehen, dass man dafür eine theologisch-philosophische Lösung benötigte: Dem Prinzip des Guten wurde nun ein Prinzip des Bösen gegenübergestellt. Und daher liest sich der Vorgang der Volkszählung in dem jüngeren Text dann so:
„Der Satan trat gegen Israel auf und reizte David, Israel zu zählen.“(1 Chr 21,1)
Damit war das Problem zufriedenstellend gelöst, der Versucher war nun Satan und der schwache Mensch erlag seinen Verführungskünsten. An Gott blieb kein dunkler Makel haften.
Wir können also festhalten:
Der Glaube an ein Prinzip des Bösen entstammt dem Versuch, das Böse, die Ungerechtigkeiten in der Welt zu erklären.
Dieses Böse war nur als eine personifizierte Gegenmacht Gottes vorstellbar – so wurde aus dem Bösen der Böse.
 Allerdings war diese Konstruktion keinesfalls so leicht einleuchtend und nachvollziehbar, wie das vielleicht zunächst zu sein scheint. Denn eine Fülle von neuen Fragen tat sich auf, die geklärt werden mussten:
Und, über allem, das Problem des Monotheismus:
„Der Herr, unser Gott, ist der Eine!“
Das ist das unverrückbare jüdische Glaubensbekenntnis – der Satan konnte also in keinem Fall ein ebenbürtiger „Gegen-Gott“ sein.
Aus diesem Denken entstanden verschiedene Legenden, die das Auftauchen Satans zu erklären versuchen:
Satan heißt: „der Ankläger“, und als solcher hat er zunächst auch die Aufgabe, vor Gott die Anklage gegen die Sünder zu vertreten. Das ist also ein sehr ehrenwertes, wichtiges und für ein faires Verfahren unerlässliches Amt. Daher wird von Satan dann auch als einem „Lieblingsengel“ Gottes berichtet, der sich dann allerdings gegen Gott stellt und damit zum „gefallenen Engel“ wird. Als Ursache für den „Abfall“ gibt es verschiedene Erzählungen, von denen ich zwei beispielhaft darstellen möchte:
Das Ergebnis ist also in beiden Berichten das gleiche: Der „böse“ Engel muss sich aus der Nähe Gottes entfernen. Allerdings: Er hat als Engel einige Rechte und er stand Gott ja auch einmal ziemlich nahe, also bekommt er noch einige Privilegien und eine Teil-Macht, die selbstverständlich der All-Macht Gottes weit unterlegen ist. Die Macht des Teufels reicht allerdings noch so weit, dass er sich zum „Lord of the World“, zum eigentlichen „Herrn der Welt“ aufschwingen kann.
Nach dieser Vorstellung ist die Macht des Teufels und seiner Anhänger aber zeitlich beschränkt: So soll er einen Zeitraum von 1000 Jahren erhalten haben (der Zeitraum wird unterschiedlich angegeben, je nach der Art der Texte, aus denen diese Zeit errechnet wird) und am Ende dieser Zeit muss er sich dann letztlich doch dem Willen Gottes beugen und seine Macht abgeben.
Diese Berechnungen werden meistens abgeleitet aus den unterschiedlichen apokalyptischen Visionen und Berichten, die sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament festgehalten wurden.36
Auf die inhaltlichen Schwierigkeiten, die sich aus diesen Annahmen ergeben, werde ich gleich noch zu sprechen kommen.
Zunächst möchte ich aber die Gelegenheit ergreifen, um an einem Beispiel deutlich zu machen, wie Bibeltexte von sehr unverständigen „Forschern“ missbraucht und umgedeutet werden, um damit eine aufgestellte Hypothese zu „belegen“:
Ich habe ja eben aufgezeigt, dass Satanismus/Teufelsglaube und der jüdisch-christliche Glaube zumindest in der Entstehungsgeschichte eng zusammenhängen. Der Glaube an einen Teufel, so wie wir ihn kennen, wird also direkt aus der Bibel abgeleitet. Eine häufig dafür missbrauchte Textstelle findet sich in der Offenbarung des Johannes:
„Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren_._._. Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens. Hier braucht man Kenntnis. Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.“ (Offb 13,1; 13,17f.)
Ein Text also, der nicht einfach zu verstehen ist, der sehr rätselhaft erscheint und zu Spekulationen anregt. Vor allem aber: Hier taucht diese geheimnisvolle Zahl auf, die im Satanismus eine so große und entscheidende Rolle spielt: die 666. Sie gilt schlechthin als das Synonym für den Satan und seine Diener. In solchen Filmen wie z.B. „Das Omen“ tragen die Boten des Bösen die Zahlenreihe wie ein eintätowiertes Zeichen an irgendeiner Körperstelle: Bei der „Reinkarnation“ des Satans, einem kleinen Jungen, findet sich diese Zahl in Form von drei Muttermalen, nachdem man ihm die entsprechende Kopfpartie kahlgeschoren hat ._._. Bei allen „schwarzen Messen“ und satanologischen Anrufungen wird die „666“ auf den Boden in das Pentagramm gemalt, um so den Bösen zu benennen und zu rufen.
Was aber bedeutet diese Zahl eigentlich?
Nur sehr einfache oder aber böswillige Gemüter können doch aus dieser Textstelle den letzten Teil herausreißen und dann behaupten, dies sei das Synonym für den Teufel. Wer so handelt, der kümmert sich nicht um den Zusammenhang, der kümmert sich auch nicht um die wissenschaftliche Forschung und nicht um das vorhandene Wissen. Hier soll dann etwas auf Biegen und Brechen so verdreht werden, damit es in einen vorhergedachten Zusammenhang passt.
Wenn man aber den realen Hintergrund, den historischen Kontext nicht beachtet, in dem ein Text entsteht, dann kann unter Umständen ein unverständliches Kauderwelsch oder aber blühender Unsinn dabei herauskommen.
Ein solches Verständnis entspräche ungefähr dem eines Historikers in 2000 Jahren, der das Märchenbuch der Brüder Grimm liest und es als eine historische Schilderung der Zustände im 19. Jh. wörtlich versteht. In dem Gesellschaftsbild, das er dann aus seiner Lektüre erhalten würde, hätten dann im 19. Jh. in Deutschland alte Frauen in Kuchenhäusern gelebt und mit Genuß kleine Jungen verspeist ._._.
Zurück zu unserem Bibeltext: Was ist denn nun eigentlich damit gemeint?
Der Autor dieser „Offenbarung“ lebte im zweiten Jahrhundert, in einer Zeit also, in der sich das Christentum schon weit ausgebreitet hatte und in der auch schon die schlimmsten Christenverfolgungen durchgeführt wurden. Wer als Christ identifiziert wurde, musste damit rechnen, alles zu verlieren und zudem noch durch die grausamsten Folterungen umgebracht zu werden. Nero z.B. soll es sehr lustig gefunden haben, seine Gärten nachts durch lebendige Fackeln erhellen zu lassen. Dazu wurden Christen in Tierhäute genäht, mit Pech bestrichen und angezündet. Christen waren vogelfrei, jeder konnte mit ihnen machen, was ihm beliebte.
Hinzu kam, dass die Welt im Umbruch begriffen war: Die römischen Kaiser verloren an Macht und sie waren nicht mehr in der Lage, ihre Verantwortung zu tragen. Im Gegenteil: In Rom regierten Geisteskranke, die sich einen Spaß aus ihrer Stellung machten und alles andere verachteten. So ernannte ja Nero z.B. sein Lieblingspferd zum römischen Konsul.
In den Augen der Christen waren das die ersten Zeichen, die den nahen Weltuntergang ankündigten. Und diese Überzeugung wuchs, je schlimmer die Unterdrückung wurde. In Visionen und mit verschlüsselten Botschaften drückten sie ihren Glauben aus und gaben aus ihrer Sicht einen Zustandsbericht dieser verderbten Welt.
Um einen solchen Bericht, eine solche Vision, handelt es sich auch bei unserem Text. Der Autor dieser Vision beschreibt die politischen Zustände seiner Zeit, das alles überragende „Tier“ ROM, die abhängigen Vasallenstaaten und die Untaten. Auch von den Abhängigkeiten der Menschen wird berichtet, dass nämlich eine Überlebenschance nur derjenige hat, der auf der „richtigen“ Seite geboren wurde und nun auch auf der „richtigen“ Seite kämpft. Und auch die Verantwortlichen werden genannt, auch der Hauptverantwortliche, der angesichts seiner Untaten kein Mensch mehr sein kann, sondern nur noch ein Tier. Selbst der Name dieses Tieres wird weitergegeben: Es ist niemand anderes als der römische Kaiser selbst. Eine solche Ungeheuerlichkeit durfte natürlich niemand laut aussprechen – sein Schicksal wäre besiegelt gewesen, zumal es sich in diesem Fall bei dem „Untergrund-Autor“ auch noch um einen Angehörigen dieser jüdischen Sekte – der „Christen“ – handelte.
Hätte der Schreiber der Offenbarung in seinem Text den römischen Kaiser direkt angegriffen, so könnte man das etwa damit vergleichen, als wenn im Jahre 1942 ein jüdischer Zeitungsverleger aus dem Untergrund heraus einen Artikel gegen Hitler veröffentlicht und den Untergang der deutschen Wehrmacht als ein durchaus erfreuliches Ereignis gefeiert hätte.
So wird also in unserem Text ein ganz einfaches und wirkungsvolles Mittel angewendet: Die Vorwürfe, die Angriffe und die Namen der Angegriffenen werden chiffriert, man benutzt eine Geheimsprache:
 
„._._. Wer Verstand hat, der berechne den Zahlenwert des Tieres. Denn es ist die Zahl eines Menschennamens; seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.“
 
Wie kommt man auf diese „Zahl eines Menschennamens“? Das nachzuvollziehen, ist relativ einfach, ein Zahlenspiel, das bis heute viele Kinder machen:
Unser lateinisches Buchstabenalphabet hat 26 Buchstaben von A bis Z. Wenn ich diese Buchstaben durchnumeriere, erhält jeder einzelne einen bestimmten Zahlenwert. Wenn ich nun die Buchstaben meines Namens herausschreibe und zusammenrechne, erhalte ich eine Endsumme, die meinen Namen verschlüsselt darstellt. Die Zahl „666“ symbolisiert also den Namen des römischen Kaisers, wobei man sich heute nicht mehr sicher ist, welcher Kaiser gemeint ist. Die relativ hohe Zahl „666“ ergibt sich aus der Andersartigkeit des griechischen Alphabets. So ist also relativ leicht nachzuvollziehen, was sich hinter dieser endlos überhöhten und mythologisierten Zahl versteckt: eine politische Botschaft.
Für Menschen, die nun klar und logisch weiterdenken wollen, besteht keine Schwierigkeit, auch die anderen „satanistischen“ Überlieferungen zu überdenken und in ihren historischen Kontext zu stellen. Aber das würde ja heißen, dass man in diesem dunklen und verklebten Brei der Gefühle und des Wahr-Werden-Lassen-Wollens auch einmal mit dem Verstand arbeiten müsste. Damit würde aber sehr wahrscheinlich auch der Reiz des Unbekannten, des Verbotenen, des Dunklen ._._. verloren gehen. Und das wollen viele Anhänger dieser Satanologie wahrscheinlich gar nicht so gern . . .37
Ich habe diese exemplarischen Beispiele so ausführlich erläutert, um deutlich zu machen, dass so manche Satanologie, so manches Teufelsbild schlichtweg auf Missverständnisse zurückzuführen ist.
In den von mir angeführten, von Satanisten häufig zitierten Textstellen handelt es sich also eindeutig um Bekenntnisschreiben, in denen der Teufel als Symbol für unmenschliches Verhalten und für das Böse in der Welt verwendet wird.
Die Frage ist, ob das generell gilt. Ist in der Bibel gar nicht „der Böse“, sondern „das Böse“ gemeint? Ist evtl. gar nicht die Rede von einem personifizierten Gegenspieler Gottes?
Hierüber streiten die Theologen.
Der schon mehrfach zitierte F.-W. Haack schreibt in seinem Buch jedenfalls eindeutig:
 
„Wenn in der Bibel von Satan gesprochen wird, ist nicht die Summe aller ,menschlichen Bosheiten‘ gemeint, sondern ein Geistwesen.“ (a.a.O. S._28)
 
Also: doch ein Geistwesen als Gegenspieler Gottes?
Was ist denn nun die Position der offiziellen (katholischen) Kirche?
Ich denke, dass sie von Herbert Haag, einem anderen katholischen Theologen und Sektenexperten, gut zusammengefasst wurde: „Die Kirche, die offizielle Amtskirche, rechnet mit der Möglichkeit der Existenz eines Teufels. Aber: Sie hat ihren Gläubigen ans Herz gelegt, immer wieder ans Herz gelegt, sich nicht auf ihn einzulassen.“ (Zitiert aus dem Film: „Ich töte, wenn Satan befiehlt.“ ZDF, 1986)
Und an anderer Stelle schreibt Friedrich-Wilhelm Haack:
„Satan ist keine Person der Heilsgeschichte, er ist keine biblische Person.“(a.a.O. S. 28)
Das heißt: Für einen Christen ist es nicht entscheidend, ob der Teufel existiert oder nicht. Wer im Vertrauen auf die Liebe Gottes lebt, der weiß sich geborgen und für den ist der Teufel, wenn es ihn denn nun gäbe, keine Gefahr.
Dieser Streit darüber, ob man der Auffassung ist, dass ein Teufel, ein Satan ._._. existiert, wird manchmal mit mehr Vehemenz geführt als die Auseinandersetzung über grundlegende Glaubensfragen. Und nicht selten wird dann die Fragestellung auch ein bißchen, aber sehr entscheidend modifiziert: Auf einmal heißt die Frage nicht mehr:
Existiert der Teufel?
sondern:
Muss ein Christ an den Teufel glauben?
Diese zweite Frage aber ist ganz eindeutig und energisch zu beantworten:
Nein! Ein Christ muss nicht nur nicht an den Teufel glauben, sondern er darf es gar nicht!
Das Glaubensbekenntnis der Christen beginnt mit dem Satz:
„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen . . .“
Kein Christ kann in dieser Qualität an etwas anderes „glauben“, geschweige denn an den Teufel. In den Kursen, in denen ich diesen Gedanken entwickle und ausführe, kommt an dieser Stelle oft etwas Unbehagen auf. Da wird mir dann „Wortklauberei“ vorgeworfen, so sei es ja nun nicht gemeint gewesen und jeder wisse doch ._._._
An diesem Punkt muss man aber sehr genau sein, weil es sonst nur noch Missverständnisse gibt und man sich gegenseitig nicht mehr verstehen kann.
Das Grundübel besteht darin, dass es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, was das Wörtchen „glauben“ bedeutet.
Manche Sprecher unterliegen immer noch der irrigen Vorstellung,
 
„._._. glauben (oder etwa: Glauben?) heißt: nicht wissen.“
oder auch:
„._._._glauben (oder etwa: Glauben?) heißt nicht: wissen.“
 
So schnell entstehen Missverständnisse. Allein durch die Verschiebung des Doppelpunktes ergibt sich ein entscheidend anderer Sinn.
Manche meinen aber auch, „glauben“ heiße: vermuten, denken, annehmen,       schätzen ._._._
Ich will die Beispiele nicht ermüdend weitertreiben. Alle haben natürlich recht, denn es kommt auf den Zusammenhang an, in dem ich dieses Wort verwende. Erst dadurch wird die Aussage festgelegt. Dann kann „glauben“ sogar „wissen“ heißen, etwa wenn ich sage:
„Ich glaube, mir ist schlecht.“
Es kann aber auch „Vertrauen“ heißen, wenn ich etwa meinem Partner oder meiner Partnerin sage:
„Ich glaube dir“.
 
Grundlagen des christlichen Glaubens         10
Bevor ich in den nächsten beiden Kapiteln den christlichen Glauben und spezifische Formen des Aberglaubens unterscheiden möchte, will ich in einer kurzen Zusammenfassung einige Grundlagen des christlichen Glaubens darstellen.38
Im Prinzip lässt sich der Kern der christlichen Botschaft in einem Satz zusammenfassen:
Mit diesem einen Satz ist eigentlich schon alles gesagt. Um mehr geht es im Christentum nicht. Allerdings auch nicht um weniger.
Denn mit diesem Glaubenssatz wird ja nichts anderes ausgesagt, als dass jeder einzelne Mensch schon jetzt in eine Wirklichkeit eingebunden ist, die auch mit dem definitiven Ende unserer irdischen Existenz nicht endet.
Diese Gemeinschaft, in der letztlich alles gut wird, ist durch nichts und durch niemanden zu verhindern. Gott ist allen Menschen in seiner Liebe zugewandt, die an nichts ihr Maß hat und die auch durch keine noch so große Anstrengung verdient werden kann.
Sie ist ein Geschenk.

Daher ist jeder Schritt, den ein Mensch auf Gott hin machen kann, immer erst der zweite Schritt. Der erste Schritt kommt von Gott.39
Das heißt auch, dass das ewige Leben für jeden Gläubigen schon jetzt beginnt, nicht irgendwann später nach dem Tod. Das Kriterium ist, ob ich mich auf dieses Angebot einlassen kann, ob ich es annehmen kann.
Für den Glaubenden hat diese Vorstellung zur Folge, dass er sich in allem, was er tut, von einer guten Kraft – GOTT – getragen weiß, die über alle irdischen Grenzen hinausgeht.
Das bedeutet aber letztlich, dass ein solcher Mensch selbstlos im Einsatz für seine Mitmenschen handeln kann. Er ist durch nichts mehr zu erpressen. Keine Sanktionen und Drohungen können ihn dazu bringen, unmenschlich zu handeln. Die Angst bestimmt nicht mehr das Handeln.
Für diese Einstellung gibt es aus allen Jahrhunderten immer wieder eindrucksvolle Zeugen, Menschen, die für ihre Überzeugung, ihren Glauben in den Tod gingen. Auch die Freunde Jesu, die Apostel, sind diesen Weg gegangen. Sie waren keine Fanatiker, die für ihre vermeintlich gute Sache kämpften, indem sie anderen ihre Überzeugung aufzwangen. Sie wurden auch nicht zu Terroristen, wie viele andere ihrer jüdischen Landsleute, die davon überzeugt waren, dass sich das „Reich Gottes“ nur mit Waffengewalt auf der Erde errichten ließe. Aber es waren Widerständler, die mit ihrer Angst leben konnten. Sie waren um keinen Preis, auch nicht durch die Folter, zu unmenschlichem Verhalten zu bewegen. Sie lebten in und aus dieser Überzeugung, die später der große Mahatma Gandhi so beschrieb:
„Ich bin bereit, für meine Überzeugung zu sterben. Aber ich bin um keinen Preis dazu bereit, einen anderen Menschen zu töten.“
Kein Mensch kann in dieser Welt ohne Angst leben. Die Frage ist aber, wie wir damit umgehen.
Wir Menschen neigen dazu, unsere Angst zu verdrängen, zu unterdrücken oder die aus dieser Angst resultierenden Schuldgefühle auf einen „Sündenbock“ zu schieben. Als ein solcher Sündenbock scheint mir manchmal auch der Teufel verwendet zu werden: Ursächlich bin ich gar nicht selbst für meine „Missetaten“ verantwortlich, sondern es war ja „der Teufel“. Nicht wir Menschen sind verantwortlich für Hunger, Not und Kriege auf dieser Welt, es ist ja „der Teufel“, der diese Welt regiert. Wenn wir erst einmal „den Teufel“ besiegt haben, dann wird sich auch alles andere bessern. Deshalb jagen wir den Teufel, wo wir ihn auch bloß vermuten! Mit Weihrauch und Weihwasser, mit Exorzismen und mit Rosenkränzen!
Nur – wenn es bei dieser Einstellung bleibt, dann kümmert sich niemand mehr um die wirklichen, die realen Ursachen. Dann schlägt sich niemand mehr an die Brust und erkennt, dass unser eigener aufwendiger Lebensstil die Ungerechtigkeit verstärkt, und letztlich wird sich dann auch kaum jemand berufen fühlen, sich selbst zu hinterfragen.
So kann also die Vermutung, dass diese böse Macht personifiziert in den Gang der Dinge eingreift und Schlimmes verursacht, tatsächlich die Wirklichkeit zum Negativen hin beeinflussen – durch die Untätigkeit, die sich aus dieser Annahme heraus ergibt.
P. Knauer schreibt in seinem Buch (a. a. O.), dass unsere Welt uns zugleich ein Bild des Himmels, aber auch der Hölle sein kann.
Dass die Erde ein Bild der Hölle sein kann, gehört zu unseren Grunderfahrungen. Denn: Wo liegt letztlich der Sinn in unserer Existenz, wenn doch die Vergänglichkeit das letzte Wort hat? Worin liegt der Sinn unserer Bemühungen, unserer Anstrengungen, wenn letzten Endes doch alles vergeblich war? Eine solche Einstellung fördert direkt den Materialismus und den Egozentrismus:
Ich muss jetzt schauen, dass ich mein Leben genieße. Später ist es zu spät. Was ich jetzt nicht schaffe, schaffe ich nie mehr. Jeder muss sich selbst der Nächste sein; wer nicht genießen kann, hat halt Pech gehabt.
Genau diese Einstellung beschreibt aber ziemlich genau die Zustände, die eine wirkliche Hölle erst ausmachen. Das wird auch sehr schön in folgender Geschichte deutlich:
Ein Wanderer kommt zu einem weisen Einsiedler und will sich von ihm den Unterschied zwischen Himmel und Hölle erklären lassen. „Das kann ich wohl machen.“, erwidert der Weise. „Aber besser noch ist es, wenn du es dir selbst anschaust.“ „Ja, wenn das zu machen ist!“, freut sich der Wanderer und folgt dem Alten in einen    Berg. Nach einem erheblichen Fußmarsch kommen sie an eine erste Tür im Berg, hinter der ein großes Geschrei und Wehklagen zu hören ist._„Das ist also zunächst die Hölle.“, sagt der Weise und öffnet ein Guckloch für den Wanderer. Der schaut hindurch und sieht einen großen Raum, in dessen Mitte ein großer Topf mit einem sehr wohlriechenden Essen steht. Auf dem Boden des Raumes aber wälzen sich verhärmte und abgemagerte Gestalten, die sich vor Hunger krümmen und ihre Schmerzen laut hinausschreien. „Aber“, wundert sich der Wanderer, „warum gehen sie denn nicht an den Topf und essen das köstliche Essen?“ „Schau nur! Dort drüben versucht es  jemand.“ Und tatsächlich: Von der der Tür gegenüberliegenden Seite schleppt sich eine Gestalt mit letzter Kraft zum Topf. In der einen Hand schleift sie einen übergroßen Löffel neben sich her. Am Topf angelangt, taucht sie den Löffel hinein und holt sich eine duftende Portion heraus. Aber: Der Löffel ist viel zu lang, so dass diese arme Kreatur bei dem Versuch, sich das Essen in den Mund zu schieben, alles verschüttet und zum Schluss nichts übrigbleibt, um den Hunger zu stillen. „Das ist ja wirklich grausam.“, stellt der Beobachter erschüttert fest. „Und niemals wird sich etwas daran ändern.“, fügt der Weise hinzu. „Komm – ich will dir nun den Himmel zeigen.“ Er führt seinen Besucher zu einer weiteren Tür, die nicht weit entfernt auf der anderen Seite in den Berg eingelassen ist. Durch die Türöffnung ist aber wieder das gleiche Bild zu sehen: Ein großer Raum mit einem kochenden Kessel voller wohlschmeckender Speisen in der Mitte. Allerdings fehlt hier das Schreien und Wehklagen. Im Gegenteil: Gelächter und Unterhaltungen sind zu hören und die Menschen sehen zufrieden und glücklich aus. „Warum sind diese Menschen denn so anders? Alles sieht genauso aus, wie in der Hölle.“ „Sieh selbst.“, antwortet der Weise. „Dort versuchen wieder einige, sich aus dem Topf zu bedienen.“ Und tatsächlich: Aus verschiedenen Richtungen gehen einige Menschen mit ihren langen Löffeln zum Topf. „Jetzt wirst du gleich den alles entscheidenden Unterschied erkennen.“, sagt der Alte geheimnisvoll. Der erste hat den Topf erreicht, taucht mit diesem langen Besteck hinein und holt eine große Portion heraus und ._._. bietet seinen Löffel seinem Gegenüber an. Der hat keine großen Probleme, seinen Hunger zu stillen. Nachdem er genug gegessen hat, wiederholt sich das Schauspiel, diesmal andersherum.
In diesem Gleichnis wird doch genau unsere weltliche Erfahrung widergespiegelt: Wenn ich in meinem egozentrischen Denken gefangen bleibe, dass sich alles nur um mich dreht, dass ich der „Nabel der Welt“ bin, dann verliere ich alles andere aus dem Blick und trage selbst zur Ungerechtigkeit und Grausamkeit bei, die dann letztlich auch wieder auf mich zurückfällt. – Die Welt kann aus dieser Sicht heraus keine Hoffnung bieten, sie bietet lediglich Hoffnungslosigkeit an – das ist tatsächlich: „die Hölle“.
Andererseits ist aber auch erfahrbar, dass gemeinschaftliches Handeln und Solidarität zu Lebenslust und Lebensfreude führen kann. Angesichts des Wissens um unsere eigene Vergänglichkeit kann eine dauernde Nächstenliebe, die auch in existentiellen Krisen Bestand haben soll, sich nur im Glauben an einen Gott gründen, der an nichts Irdischem gemessen werden muss.
Diese Zusage ist der Kern der christlichen Botschaft.
Häufig wird an dieser Stelle eingewendet, dass, wenn es keine Hölle gäbe, kein himmlisches Gericht, wenn niemand zur Rechenschaft für seine Un-/Taten mehr gezogen würde, dass man dann ja tun und lassen könne, wozu man Lust habe. Eine Strafe gäbe es dann ja wohl nicht mehr.
Dieser Einwand wird häufig von Menschen gemacht, die sich selbst als Christen verstehen und die sich bemühen, nach den „Geboten Gottes“ zu leben.
Allerdings wird mit dieser Frage auch deutlich, dass sie sich durch ihren Glauben in ihrem Leben eingeschränkt fühlen. Eigentlich würden sie lieber anders leben, ihr Leben „genießen“, statt sich durch ihre religiöse Lebensgestaltung „einzuschränken“. Insofern drücken sie mit ihrer Frage sogar einen gehörigen Neid gegenüber den anderen aus, die sich diese Freiheiten nehmen, ohne Skrupel und ohne Bedenken.
Unter dem Strich bleibt dann, bei näherer Betrachtungsweise, nur noch stehen, dass man die „Sünde“ vermeidet, um „später“ nicht bestraft zu werden.
Das aber kann mit der befreienden christlichen Botschaft tatsächlich nicht gemeint sein. Ein Mensch, der die Botschaft Jesu annimmt und aus der Gemeinschaft mit Gott heraus lebt, der findet zu sich selbst und muss sich keine materiellen Wünsche – wonach eigentlich? – „verkneifen“. Denn dieses Streben nach immer mehr „Genuß“ ist eigentlich auch eine Handlung, die aus der Angst um sich selbst vorangetrieben wird. Der Angst nämlich, dass ich in diesem Leben zu kurz kommen könnte, nicht genug abbekomme ._._.
So will also diese von Jesus verkündete und vorgelebte Gemeinschaft mit Gott nicht neue Angst erzeugen, nicht neue Einschränkungen auferlegen, sondern sie will genau das Gegenteil: Sie will zu wahrer Menschlichkeit befreien. Niemand kann aus der Angst heraus etwas wirklich Gutes tun, denn letztlich wendet er sich doch mit Wut gegen den, der diese Angst erzeugt. Und diese Handlungen, die aus einer, wie auch immer gearteten Angst heraus geschehen, gelten im wesentlichen immer nur mir, auch wenn sie auf den ersten Blick den Anderen in den Mittelpunkt stellen. Denn eigentlich tue ich ja dann doch nur Gutes, um „ein paar Punkte im Himmel gutgeschrieben zu bekommen“.
Allerdings muss auch in die andere Richtung etwas klar gestellt werden: Sogenannte „Atheisten“, die sich nun in die Hände klatschen mögen, weil sie meinen, nun das Leben erst recht „skrupellos genießen zu können, denn falls es eventuell doch so einen Gott gibt, dann tut er mir ja sowieso nichts!“40, bauen diese Hoffnung auf Sand. Auch wenn ich als Christ aus dieser Überzeugung heraus leben darf und auch für alle anderen Menschen diese Hoffnung habe, so muss ich einen solchen Gesprächspartner doch darauf hinweisen, dass es dabei bleibt, dass es aus seiner Sicht nicht den Funken einer Hoffnung über die Vergänglichkeit der Welt hinaus gibt. Dass er somit ohne Hoffnung in diesem Welt-Bild der „Hölle“ gefangen bleibt.
Das ist auch der Grund, warum ich am Ende des letzten Kapitels geschrieben habe, dass ich persönlich die Rede von einem personifizierten Teufel für überflüssig halte, in dem Bild der „Hölle“ und des „Fegefeuers“ aber einen sehr sinnvollen und notwendigen Hinweis sehe.
Es bleibt dabei: Wir Menschen müssen uns der Verantwortung für diese Welt und unser Leben stellen, ohne Sündenböcke für unsere Fehler verantwortlich zu machen und ohne vor unserer Angst davonzulaufen. Hierzu bietet die christliche Religion eine, meiner Meinung nach, sehr sinnvolle und lohnende Lebenshilfe. Dazu dient auch die Rede von dem „Fegefeuer“, als einem Ort der „Läuterung“.
Es ist sicher überflüssig, genauer darauf einzugehen, dass mit diesem „Fegefeuer“ nicht das mittelalterliche Bild der „Vorhölle“ gemeint sein kann, das aus dem alten Weltbild entstand, in dem die Welt noch als eine Scheibe gedacht wurde, zwischen deren tragenden Säulen ein nie verlöschendes Feuer brennt. Hier sollte man sich bewusst machen, dass diese bildlichen Verfälschungen der Grund für das alttestamentliche Bilderverbot waren: Niemand sollte Visionen und Offenbarungen verbildlichen und damit das Missverständnis provozieren, diese Darstellungen seien die Wirklichkeit.
Das ist zu wenig.
Religiöse Bilder bleiben immer Symbole, die über sich hinausweisen. Sie bilden also die gemeinte Wirklichkeit nicht ab, sie weisen lediglich darauf hin.
Das wird häufig vergessen, wenn von Symbolen die Rede ist. Allzu leichtfertig kommt dann immer wieder die Reaktion auf: „Ach so. Das sind sowieso nur Symbole.“
In diesem Zusammenhang werden dann diese Bilder als reduzierte Wirklichkeit verstanden und es wird unterschlagen, dass sie, im Gegenteil, immer weit über sich hinausgreifen, also entscheidend mehr sind als die bloße Abbildung oder Darstellung. Eigentlich müsste es bei den reinen Tatsachenberichten heißen: „Das ist doch lediglich die Darstellung des Sichtbaren.“ Symbole bauen zwar auf der wahrnehmbaren Realität auf, sie wollen aber im wesentlichen auf eine andere, innere hinweisen. Das wird oft missverstanden, als seien Gleichnisse lediglich erfundene Geschichten und als gäbe es diese „inneren Wirklichkeiten“ nur als subjektive Überzeugungen, die man bejahen oder verneinen kann. Dass dies eine unzulässige Einschränkung ist, wird allein dadurch deutlich, dass die Liebe zwischen zwei einander zugetanen Menschen zwar nicht wahrnehmbar, aber dennoch eine nicht zu leugnende Realität ist.
Wenn wir in diesem Sinn das Bild vom „Fegefeuer“ verstehen, erschließen sich auf einmal ganz neue Betrachtungsweisen und Verstehensmöglichkeiten.
Wie ich oben schon ausgeführt habe, spielt der Glaube an die Gemeinschaft mit Gott, die Leben und Tod überdauert, die entscheidende Rolle im Christentum. Ohne diesen Glauben gäbe es diese Religion nicht.
Eine solche Auffassung setzt also voraus, dass alles, was ein Mensch tut, auf ewig weiterbesteht. Ja, sogar noch mehr: Die Persönlichkeit („Leiblichkeit“) des Menschen besteht aus allem, was er je gefühlt, gedacht, bewirkt hat. Diesem „Leib“, dieser „unsterblichen Seele“ gilt die Zusage der Auferweckung und des ewigen Lebens.
Das bedeutet aber auch, dass wir, im wahren Sinn des Wortes, im selbstverantwortlichen Handeln für das Gelingen unseres Lebens und das „Wohlergehen“ unserer Seele verantwortlich sind. Nichts von allem, was wir getan haben, wird gestrichen und nichts wird hinzugegeben.
Aber jeder von uns weiß auch, dass es Situationen gibt, in denen wir uns selbst gegenüber unehrlich sind, in denen wir an uns vorbeileben. Genau diese Situationen aber könnten es sein, die uns, jeden einzelnen von uns, am Ende unseres irdischen Lebens, angesichts unseres Todes, „mit einer brennenden Scham erfüllten“, wie es ein bekannter Theologe einmal formulierte. Es ist nicht auszuschließen, dass wir uns in diesem letzten Lebensmoment selbst Rechenschaft abgeben müssen, was wir, angesichts des Angebotes der Liebe Gottes, aus unserem Leben gemacht haben. Nichts kann mehr zurückgenommen oder verändert werden. Wir sind unter Umständen unsere eigenen „Richter“. Eine Situation, für die mir der Begriff „Fegefeuer“ in höchstem Maße zutreffend erscheint. Auch hier bleibt dann ausschließlich die Hoffnung, die für die Christen eine Gewissheit ist: Dass letztlich in der Gemeinschaft mit Gott alles erfüllt, alles zum Guten gewandelt wird.
Magische Strukturen im Christentum?  11
Nachdem wir nun zum besseren Verständnis Definitionen vorgenommen und Abgrenzungen aufgezeigt haben, können wir jetzt auch das Christentum selbst auf angebliche magische Strukturen hin untersuchen. Dabei muss selbstverständlich gelten, was ich schon im ersten Kapitel festgestellt habe: Die Definitionen, die logisch nachvollziehbar und von den naturgesetzlichen Bestimmungen her ableitbar sind, bleiben natürlich auch in Bezug auf die Religion bestehen. Manche Menschen denken ja, dass die Naturgesetze und die Logik im Alltag wohl ihre Gültigkeit haben, dass aber im Bezug auf Mystik und Religionen es schon möglich sein könnte, dass dann das eine oder andere Naturgesetz aufgehoben werde. Eine solche Unterscheidung ist allerdings aus den oben aufgezeigten Gründen  nicht möglich.
Das wiederum hat zur Folge, dass wir zunächst eine allgemeine These aufstellen können, die dann mittels einiger Beispiele belegt werden soll:
Die christliche Religion vermittelt keine abergläubischen (d.h. den Naturgesetzen widersprechenden) Inhalte.
Das ist eine unbedingte Notwendigkeit, da es sonst keinen Unterschied mehr zwischen Glauben und Aberglauben geben würde.
Inhalte, die als magische Handlungen missverstanden werden könnten (wie z.B. Wunder, Gebet ._._.), bedürfen einer Erläuterung, die den Bezug zwischen der religiösen Handlung bzw. der Überlieferung und der Gemeinschaft des Menschen mit Gott herstellt.
 
Den ausgewählten Beispielen, die nun folgen werden, möchte ich eine Bemerkung voranstellen: Ich kann natürlich nicht auf jede einzelne „wundersame“ Erzählung eingehen, die heutzutage kursiert und die der christlichen Religion angerechnet wird. Zur Verdeutlichung möchte ich einen Ausschnitt aus einem sehr „christlich“ gestalteten Faltblatt zitieren, das ich zudem in einer katholischen Kirche gefunden habe:
„._._. Die erschütternden Predigten der beiden Priester hatten zur Folge, dass alle Ortsbewohner, bis auf fünf Personen, die heiligen Sakramente empfingen. Als am letzten Tage der Mission – es war am Sonntag, den 30. März 1919, morgens – Pater Agatangelo die Schlusspredigt hielt, schrie ein in der Nähe des Hochaltars stehendes Mädchen laut auf: ,Der Christus bewegt sich, der Christus schaut auf mich!‘ Gleich nach einer Weile schrie ein zweites, dann ein drittes Kind laut auf. Schließlich stimmten gegen fünfzig andere Personen in der Kirche in die Rufe ein. Schließlich fielen alle Anwesenden erschüttert in die Knie. Die weiteren Worte des Predigers waren schon überflüssig, weil eigentlich der Heiland am Kreuze selbst zu predigen angefangen hatte. Seit jenem Tage tragen sich dort Wunderdinge zu. Nicht nur, dass die Christusfigur lebendig wird und bald die Augen, bald das mit der Dornenkrone bedeckte Haupt, bald wieder die Lippen bewegt; sogar auch der Gesichtsausdruck des Gekreuzigten verändert sich, ebenso die Gesichtsfarbe, die zuweilen dunkelblau, auch erdfahl bis leichenbLass wird, um dann wieder zur gewöhnlichen Farbe zurückzukehren. Dabei bedeckt sich der Christuskörper mit Totenschweiß, besonders an Hals und Brust. Zuweilen erscheinen helle Tränen in den Augen des Heilandes. Manchmal dringt hellrotes Blut aus den Wunden hervor, besonders aus den durch die Dornenkrone verursachten Wunden und tropft auf das Angesicht, auf die Schultern und Brust herab ._._.“
Diesen Text ließ ich im Unterricht bearbeiten. Die Schüler/innen sollten anhand dieser Vorlage entscheiden, ob es sich bei den geschilderten Vorgängen um Glaubensinhalte oder aber um Aberglauben handelt. Ein Schüler brachte mit seiner Reaktion das Problem auf den Punkt: „Eigentlich würde ich natürlich sagen, dass es sich hier um Aberglauben handelt.“, sagte er nachdenklich. „Aber da ist doch von einem Kreuz und einer Kirche die Rede. Dann kann es doch eigentlich kein Aberglaube sein.“
Egal, in welchem Zusammenhang das geschieht: Sobald von Jesus oder von christlichen Symbolen die Rede ist, ist für viele Menschen die Entscheidung gefallen, dass es sich immer um religiöse „Wundererzählungen“ handeln muss, die als wahr anzusehen sind.
Aber, wie gesagt: Das ist ein Missverständnis.
Auch der oben zitierte Ausschnitt des Faltblättchens (die ganze Geschichte ist noch wesentlich länger und zählt noch viel mehr solcher wundersamen Ereignisse auf) beschreibt natürlich weder ein reales Geschehen noch religiöse Glaubensinhalte.
Festzuhalten ist nämlich, dass diese obskuren Druckerzeugnisse selbstverständlich keine kirchliche Druckerlaubnis haben und in keiner Kirche propagiert werden dürfen. Vielmehr ist es so, dass es immer wieder kleine radikale und fundamentalistische Sekten gibt, die von solchem mirakulösen Eingreifen Gottes mittels eines z.B. Holzkruzifixes überzeugt sind und die dann in eigener Regie und auf eigene Verantwortung diese Blättchen herstellen und in Kirchen auslegen. Mein Bruder, der selbst Priester ist, kann mich regelmäßig mit solchen Heftchen versorgen, die er zwei- bis dreimal in der Woche in seiner Kirche einsammelt.
Diese Feststellungen in Bezug auf den Inhalt solcher „Erzählungen“ scheinen vielleicht allzu banal.
Sie helfen aber, und das zeigt die Praxis, einen ganz wesentlichen und zahlenmäßig erheblichen Teil solcher pseudoreligiösen Schriften auszusortieren.
Nun aber zu den wirklichen christlichen Erzählungen.

Die christlichen Wunderberichte
Beim ersten Blick scheinen einige Wunderberichte der Bibel nur schwer mit unseren Naturgesetzen im Einklang zu stehen.
Das ist aber tatsächlich nur auf den ersten Blick so.
In Wirklichkeit ist es lediglich eine Frage des rechten Verständnisses.
Auch hier möchte ich, um Missverständnisse zu vermeiden, gleich am Anfang einige Vorbemerkungen machen:
Wenn ich im Unterricht oder bei Vorträgen meine Erläuterungen so beginne, dann kommen natürlich gleich die Einwände: Wenn das „rechte Verstehen“ bedeuten soll, dass man die Bibel richtig interpretieren müsse, dann könne sich ja jeder „hineininterpretieren“, was er wolle. Zum Schluß blieben dann nur noch Symbole übrig, die kaum noch zu verstehen seien.
Diese Einwände sind wichtig und schwerwiegend.
Leider kann ich an dieser Stelle nicht allzu ausführlich auf die „Sprache der Bibel“ eingehen – das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.41 Ich hoffe aber, dass anhand der von mir ausgewählten Beispiele deutlich wird, dass es in keiner Weise um eine Verwässerung der Bibel oder der biblischen Inhalte geht, sondern genau im Gegenteil: Erst wenn man die verschiedenen Berichte auch angemessen würdigt, ergeben sich neue Perspektiven, die die Glaubensinhalte lebendig machen.
Ich persönlich bin im übrigen felsenfest davon überzeugt, dass alles, was in der Bibel steht, tatsächlich auch stimmt.
Man muss es aber auch richtig verstehen.
Um die Wundererzählungen der Bibel zu begreifen, muss man z.B. den Unterschied zwischen einem Tatsachenbericht und einem Glaubenszeugnis kennen. Diesen Unterschied kann man sehr schön an zwei verschiedenen Texten verdeutlichen. Zunächst ein Text, der (anscheinend) dem Alten Testament entnommen ist:
„._._._Es geschah aber zu jener Zeit, als Gott seinen übergroßen Zorn gegen sein Volk richtete. Er sandte seinen Propheten Samuel zu den Dörfern und Städten jenseits des Jordanufers und gab ihm folgende Worte in den Mund: ,Ich bin der HERR, dein Gott. Fürchte dich vor meiner Rache – Spruch des HERRN. Haltet ein mit eurem ruchlosen Tun und eurem Treuebruch gegen mich. Kehrt um und reinigt eure Herzen, denn der Tag meiner Rache ist nicht fern. Ich will euch eine Feuersbrunst senden, die alles dahinrafft: Vater und Mutter, Mann und Frau, Kinder und Vieh, Gesunde und Kranke.‘           _Die Herzen der Menschen von Sodom aber waren verstockt und ihre Gedanken von den Mächten der Finsternis beherrscht. Also entfachte der HERR ein mächtiges Feuer und blies mit seinem Odem von Osten her, so dass es sich der Stadt näherte und schon bald die Stadtgrenze erreichte._Als die Menschen es erblickten, erfüllte sie tiefe Furcht und sie fielen auf die Knie und flehten zum HERRN. Der HERR aber verschloß sich ihrem Gebet und entfachte das Feuer nur noch schlimmer. Die ersten Häuser fielen schon den Flammen zum Raub und der HERR sprach: ,So will ich alle strafen, die sich gegen mich empören. Ihre Reichtümer, ihr Hab und Gut, ja ihr Leben sollen sie mir im Feuer als lebendiges Brandopfer darbringen.‘          _Und das Feuer brannte empor und pries den Namen des HERRN.    _Eine Mutter aber fiel nieder vor dem Propheten Samuel und flehte ihn um Gnade an. ,Sieh, meine Kinder und meine ganze Familie sind vom Feuer eingeschlossen und werden verbrennen. Rufe du zum HERRN um sein Erbarmen, auf dass er uns verschone um seiner Barmherzigkeit willen.‘ Samuel aber hatte Mitleid mit der Frau und so trat er dem Feuer entgegen, streckte seine Hand aus und rief mit lauter Stimme: ,Die Ruchlosen und Treuelosen sollen von der Erde vertilgt werden – Spruch des HERRN. Wer sich aber in seiner Not an mich wendet und sich so dem HERRN unterwirft, der soll gerettet werden.‘         _Sogleich erloschen die Winde, die das Feuer vorwärts trieben und die Flammen erloschen. Das restliche Feuer aber zog an der Stadt vorbei und verschonte die  Häuser.      _Das Volk aber pries JHWEH und lobte seinen Namen.“
Dieser Text scheint aufgrund seiner Sprache, der in ihm handelnden Personen und seiner Inhalte ein biblischer Text zu sein.
Zum Vergleich nun folgender Zeitungsbericht:
 
MENSCHEN FLÜCHTETEN VOR WALDBRAND INS MEER
Feuer bedrohte griechischen Urlaubsort Loutraki – im letzten Moment drehte der Wind
ATHEN. Um Haaresbreite ist der griechische Ferienort Loutraki am Golf von Korinth, 85 Kilometer westlich Athens, einer vernichtenden Feuersbrunst entgangen: Ein am Sonntagmorgen in den Bergen westlich des Badeortes ausgebrochener Waldbrand näherte sich in der Nacht zum Montag bis auf wenige hundert Meter den Hotels, Villen und Mietshäusern von Loutraki, bevor der Wind drehte und das Feuer in eine andere Richtung trieb.          _Zuvor waren bereits mehrere außerhalb des Ortes gelegene Häuser und Ausflugslokale in Flammen aufgegangen. Ihre Bewohner suchten vor den, von stürmischen Winden angefachten Flammen Zuflucht im Meer, wo sie von Fischerbooten aufgenommen wurden. Zwölf Menschen, unter ihnen sechs Kleinkinder, konnten nur mit Hubschraubern aus vom Feuer umkreisten Häusern gerettet werden. Zwei ebenfalls in der Gefahrenzone gelegene Hotels mussten vorsorglich evakuiert werden. Die Touristen wurden mit Booten in Sicherheit gebracht. Mehr als tausend Feuerwehrleute, Soldaten und Anwohner kämpften, unterstützt von der griechischen Luftwaffe, gegen die Feuersbrunst, die den Himmel über Loutraki in ein gespenstisches Rotlicht tauchte. Hunderte verängstigter Einwohner von Loutraki packten ihre Koffer und flüchteten aus dem Ort. Während nach Auskunft der Feuerwehr seit dem frühen Montagmorgen keine unmittelbare Gefahr mehr für den Badeort bestand, wütete der Brand in den Bergen oberhalb der Küste weiter und konnte noch nicht unter Kontrolle gebracht werden. Die Löscharbeiten werden vor allem durch die starken Winde behindert, die das Feuer immer wieder anfachen.“ (HNA 4. August 1986)
Wenn man beide „Berichte“ vergleicht, wird man feststellen, dass sie im Prinzip von zwei ganz ähnlichen Ereignissen erzählen. Lediglich die Schwerpunkte, die die Berichterstatter setzen, unterscheiden sich. Im Zeitungsbericht z.B. versucht der Reporter möglichst objektiv von einer Gefahrensituation und der Rettung der Menschen zu berichten. Durch eine Naturkatastrophe sind eine ganze Region und auch Menschen in große Gefahr geraten. Zum Glück „drehte im letzten Moment der Wind“.
Genau an dieser Stelle unterscheiden sich die beiden Texte: Der „Bibelbericht“ geht weit über das eigentliche Geschehnis hinaus und sucht nach den Ursachen für die Katastrophe und nach Gründen für die wundersame Rettung. Nach der Auffassung des Autors hat offenbar dieses Geschehen mit dem Wirken Gottes zu tun und zwar sowohl in der Hinsicht, dass es zur Katastrophe kommt, als auch darin, dass die nicht mehr für möglich gehaltene Rettung eintritt. Mit diesem Schwerpunkt können wir diesen Bericht nun eindeutig als Glaubenszeugnis identifizieren, denn:
GLAUBENSZEUGNISSE gehen von einem Tatsachenbericht aus und verweisen auf Gott
während
TATSACHENBERICHTE versuchen, ein Ereignis möglichst objektiv darzustellen.
 
Also: Der Reporter wird sich hüten, seine eigene Auffassung über die einzelnen Ereignisse und Zusammenhänge in den Mittelpunkt seiner Reportage zu stellen. Er berichtet. Und der Autor des anderen Berichtes hat eigentlich gar kein Interesse an einer Darstellung der Situation. Er ist fest davon überzeugt, dass hinter allen Ereignissen auch immer Gottes Allmacht zu spüren ist, und das will er in seinem Bericht überliefern. Er bemüht sich auch, möglichst subjektiv zu bleiben und für seine Sicht der Dinge zu werben.
Unser Bericht hier von dem „großen Feuer“ ist allerdings noch nicht einmal ein Bibelbericht. Eigentlich ist er sogar noch jünger als der Zeitungsbericht. Denn erst der Zeitungsbericht hat mich vor einigen Jahren auf den Gedanken gebracht, dieses Ereignis in die Form eines Glaubenszeugnisses umzuformulieren.
Damit wird also nochmals deutlich: Beide Berichte erzählen tatsächlich vom gleichen Ereignis. Und wenn ich diesen „Glaubensbericht“ wieder zu einem „Zeitungsbericht“ umschreibe, d.h., wenn ich alle übernatürlichen Erklärungen wieder streiche, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen den beiden Berichten.
Ein Glaubenszeugnis verfälscht also keineswegs die Tatsachen, sondern es geht weit über sie hinaus und versucht, eine Überzeugung zu vermitteln.
Solche „Überzeugungen“ sind allerdings auf keinen Fall zu verwechseln mit „Vermutungen“ oder „Spekulationen“. Sie sind vielmehr subjektive Wirklichkeiten, die sich auf existentielle Erfahrungen gründen.
Was das heißt, möchte ich nun an der biblischen Wundererzählung von der „Speisung der 5000“ verdeutlichen.
Als ich vor einiger Zeit die Möglichkeit hatte, nach Israel zu reisen, besuchte ich auch die Stätte am See Genezareth, an der des „Brotwunders“ gedacht wird. Dort ist eine Kirche gebaut und vor der Kirche ist ein Schild in den Boden eingelassen, auf dem steht:
„Kirche zur wunderbaren Brotvermehrung“.
Unser Reiseleiter, ein sehr verständiger und kompetenter Israelkenner, fragte uns dann in der Kirche, ob wir denn den Fehler bemerkt hätten, der bei der Ausstattung der Kirche begangen worden sei. Nun – eigentlich sei es nicht direkt ein Fehler, aber es biete doch breiten Raum für unnötige Missverständnisse.
Gemeint hatte er damit natürlich die Aufschrift auf jener Tafel. Deutlicher, korrekter und dem Wesen entsprechender wäre die Überschrift, die auch in der Einheitsübersetzung der Bibel gewählt wurde:
„Die Speisung der Fünftausend“(Mk 6,30 ff).
In dieser Bibelstelle ist also die Rede davon, dass Jesus, nachdem er vergeblich versucht hat, Ruhe zu finden und den Volksmassen zu entfliehen, es auf wunderbare Art und Weise schafft, all diesen Menschen etwas zum Essen zu verschaffen, obwohl nur wenige Lebensmittelvorräte zur Verfügung stehen.
Nach meiner Auffassung wird häufig schon bei der Wiedergabe dieses Wunders ein entscheidender Fehler gemacht: Immer wieder wird fast die ganze Aufmerksamkeit dem Höhepunkt dieser Erzählung geschenkt, eben der „Brotvermehrung“. Dabei wird aber der Zusammenhang übersehen:
Jesus zieht nämlich nicht über das Land und zaubert Brote herbei, damit die notleidende Bevölkerung zu essen hat. Es ist vielmehr so, dass er sich zunächst einmal zurückziehen will. Er ist ausgebrannt, müde, erschöpft. Die anstrengende Zeit als Wanderprediger, der den Menschen von der Nähe und der Liebe Gottes erzählt, macht sich bemerkbar. Aber die Menschen lassen ihm diese Ruhe nicht. Sie laufen ihm nach, auch in die Täler und Berge. Sie haben von ihm gehört und nun wollen sie ihn selbst predigen hören. Nichts kann sie aufhalten. In der Bibel steht dann, dass Jesus Mitleid mit ihnen hat. Er sieht ihre Not und ihr Bedürfnis nach Trost und nach Gottesnähe. Also predigt er wieder. Er erzählt ihnen von diesem Gott, der schon ganz nahe ist und auf den sie im Leben und im Sterben bauen können. Er erzählt von ihrem Gott, der sie nicht versklaven, sondern befreien will; der ihnen in ihrer Angst helfen will, damit sie in wirklicher Menschlichkeit und Nächstenliebe selbstlos handeln können.
Am Ende dieser Predigt ist es sehr spät geworden. Er müsste die Menschen wieder fortschicken, jedenfalls fordern seine Jünger das von ihm, damit sie sich in den umliegenden Dörfern etwas zu essen besorgen. Aber Jesus will sie nicht einfach wegschicken. Er hat ihnen doch erzählt, dass, wenn sie auf Gott vertrauen und zusammenhalten, alles möglich ist. Also teilt er sie in kleine Gruppen auf (Mk 6,39), Tischgruppen. Er selbst macht den Anfang: Er segnet Brote und Fische, die ihm ein kleiner Junge gebracht hat. Selbst dieses Kind hat Jesus schon verstanden und es ist bereit, selbstlos mit den anderen zu teilen. Jesus verteilt die Speisen und fordert alle anderen auf, es ebenso zu machen.
Und das Wunder geschieht: Viele von denen, die ihm so lange zugehört haben, lassen es nicht bei der Theorie, sondern sie setzen seine Lehre um: Sie teilen miteinander das Wenige, das sie selbst zur Verfügung haben. Sie überwinden das Sicherungsdenken – „Was soll ich denn morgen essen?“ – und auch ihr egozentrisches Verhalten: „Sollen doch die anderen für sich selber sorgen. Hauptsache, ich bin versorgt.“ Der Erfolg dieses Verhaltens ist deutlich: Alle werden satt und es bleibt sogar noch genügend übrig für den nächsten Morgen.
Allerdings haben offenbar nicht alle, die bei diesem Ereignis zugegen waren, den tieferen Sinn begriffen; denn einige gehen unmittelbar danach zu Jesus und fragen ihn, welche Zeichen er vollbringen könne, damit sie ihm glauben sollen (Joh 6,20).
Das wäre doch ein wirklich sehr merkwürdiges Verhalten, wenn Jesus direkt vorher einen Zauber vollbracht hätte, der selbst einen David Copperfield unserer heutigen Zeit verblüffen würde.
Nein – es ist vielmehr so, dass diese Wunder, die Jesus vollbringt, nur im Glauben erkannt und auch angenommen werden können. Nur wer offen ist für den Glauben, kann auch erkennen, was dort wirklich geschieht.
Ein Vergleich, der gerade Jugendlichen dieses Geschehen sehr gut verdeutlichen kann, ist folgender:
Wenn wir einmal annehmen, dass die fünf bekanntesten Rockgruppen der Welt sich zusammentun und auf der Lorelei ein Wohltätigkeitskonzert für zwei Tage anbieten würden, dann würden sich für dieses Ereignis sicherlich viele Menschen interessieren. Viele würden ihre Sachen packen, inklusive Proviant und Rucksack und sich zum Konzertort begeben. Nehmen wir weiter an, dass die Stimmung dermaßen gut ist, dass das Konzert um zwei Tage verlängert wird. Natürlich hat jetzt nicht mehr jeder genügend Proviant dabei, um diese zwei Tage satt werden zu können. Wenn nun in dieser Situation einer der Organisatoren auf der Bühne dazu aufrufen würde, alles miteinander zu teilen, damit alle bleiben könnten und weil ja sonst auch die Stimmung nicht mehr so gut wäre – ich fürchte, das Konzert müsste doch schon nach zwei Tagen beendet werden.
Die meisten Jugendlichen erkennen das auch sehr offen und sehr selbstkritisch. „Es könnte ja sein, dass ich teile, die anderen aber nicht. Dann stehe ich aber ganz schön blöd da. Oder aber alle teilen, es reicht aber dann doch nicht für alle und es hat dann keiner mehr etwas ._._.“
Diese Einwände sind sehr realistisch und entsprechen unseren Erfahrungen in dieser Welt. Es gibt auch viele vernünftige Gründe, die für ein zurückhaltendes Verhalten sprechen könnten.
Aber Jesus ermöglicht mehr: Im Vertrauen auf sein Wort teilen die Menschen tatsächlich alles, was sie haben. Und das ist im wörtlichen Sinn zu verstehen. Es ist ja nicht etwa so, dass sie noch irgendwo eine Bank oder Reserven haben. Eigentlich sind sie auf das, was sie weggeben, angewiesen. Wenn sie nichts anderes bekommen, dann müssen sie hungern. Dieser Hintergrund ist vielen von uns, die immer Sparbücher, Sparverträge oder andere Sicherheiten haben, nur noch sehr schwer verständlich. Aber genau diese Art von „Teilen“ ist es, zu der Jesus aufruft.
Das macht er auch deutlich in der Begegnung mit der armen Witwe, die „nur“ zwei kleine Münzen in den Opferkorb wirft. Aber Jesus erkennt die Ungeheuerlichkeit dieses Vorganges, da diese Münzen alles waren, was die Frau besaß. Daher hat sie auch „mehr in den Opferkasten geworfen, als alle anderen“ (Mk 12,41 ff.).
Wenn wir das Wunder der Speisung so verstehen können, dann ist es auch ein Ereignis, das bis in die heutige Zeit hineinstrahlt, ein Ereignis, das auch für heutige Menschen eine wesentliche Bedeutung haben kann.
Denn: Stellen wir uns doch einmal vor, dass Jesus damals tatsächlich „gezaubert“ hätte – was hätte sich dadurch geändert? Gut, er hätte bewiesen, dass er sehr ungewöhnliche Dinge tun kann. Aber was weiter? Warum hat er dann nicht alle Notleidenden gespeist? Wäre das nicht geradezu ein nicht mehr zu verstehendes und auch nicht mehr zu verantwortendes Versäumnis, wenn Jesus, obwohl er es hätte ändern können, so viele Menschen, bis in unsere heutige Zeit hinein, zum Hungertod verurteilt hätte? Ich könnte dieses Verhalten jedenfalls nicht verstehen und auch nicht gutheißen. Für mich und mein Leben hätte diese Form von Mirakel jedenfalls keine Bedeutung, denn es ist ja schon lange her, dass das geschehen ist. Wozu sollte und wozu könnte mich ein solches Geschehen aufrufen?
Ganz ähnlich verhält es sich auch mit einem anderen Wunder, von dem in der Bibel berichtet wird: dem Wandel Jesu auf dem Wasser (Mth 14,22 ff.). Jesus hat das Boot mit seinen Freunden verpasst und eilt ihnen bei Nacht über die stürmische See nach. Als Petrus ihn sieht, wagt er sich ebenfalls auf die Wellen und geht auf Jesus zu. Alles gelingt und geht gut, bis in Petrus doch Furcht und Zweifel auftauchen und er langsam im Wasser versinkt. Traurig sagt Jesus zu ihm: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ (Mth 14,31).
Wer sich nach dieser Geschichte nun aufgefordert sieht, über den nächsten Swimmingpool zu wandern, der muss auf jeden Fall gut schwimmen können. Es besteht nun einmal keine andere Möglichkeit, sich im Wasser fortzubewegen.
 Auch bei diesem Wunderbericht stoße ich, wenn ich ihn wörtlich als Mirakel verstehe, auf große Schwierigkeiten. Welche Offenbarung Gottes soll denn in einem solchen „Seewandel“ liegen? Was wird über die Gemeinschaft mit Gott deutlich? Welche Bedeutung, welchen Aufruf zur Lebensgestaltung birgt diese Geschichte dann noch für mich, heute, in sich, nach 2000 Jahren?
Nein, so geht es also nicht.
Den eigentlichen und tiefen Sinn dieses Gleichnisses hat Thomas Morus, der Lordkanzler unter Heinrich VIII., immerhin der zweite Mann im Staat nach dem König, eindrucksvoll deutlich gemacht:
König Heinrich hatte sich mit dem Papst überworfen, weil dieser einer Neuverheiratung des Königs nicht zustimmen wollte. Daraufhin sagte sich der König von Rom los und ließ alle Beamten im Land den sogenannten „Suprematseid“ schwören, mit dem sie sich hinter seine Entscheidung stellen und sich ebenfalls von der römisch-katholischen Kirche lossagen mussten.
Thomas Morus weigerte sich allerdings und trat 1532 von seinem Amt zurück. Der erboste König ließ diesen Rebellen in den Tower werfen und schließlich 1535 enthaupten.
Aus dieser Kerkerzeit sind noch einige Briefe überliefert, die Morus seiner Tochter hinterließ. Dort schrieb er, gedemütigt und entmachtet, den Tod vor Augen, dass er trotz seines Schicksals auch in der Haft ruhig und gefaßt sei. Er fühle sich getragen von der Liebe Got­tes und sei mit sich und seinem Leben im Reinen. Allerdings erlebe auch er Zeiten der Anfechtung. Er fühle sich dann immer wie Petrus auf dem See. Wenn er voll Vertrauen auf Gott über dieses stürmische Lebensmeer schreite, dann sei ihm trotz seines bevorstehenden Schicksals nicht bange. Wenn dann aber die Zweifel und die Angst in ihm hochstiegen, dann spüre er förmlich, wie die Wellen über ihm zusammenschlügen und Jesus zu ihm sage: „Du Kleingläubiger ._._.“
Wer will denn angesichts dieser Situation ernsthaft bestreiten, dass sich Thomas Morus tatsächlich auf einer solchen stürmischen See befand? Wahrscheinlich wäre ihm im Vergleich ein stürmisches Meer immer noch lieber gewesen als der Tower von England.
Nur wenn wir lernen, die Bilder der Bibel in unser Leben zu übertragen, nur dann bleiben diese Bilder auch in uns lebendig und werden nicht zur starren Glaubensdoktrin, die man auswendig lernen und „glauben“ muss.
Ich möchte noch einmal betonen, dass es sich bei diesem Textverständnis in keinem Fall um eine Aufweichung oder Öffnung der Interpretationsmöglichkeiten der Bibel handelt, aus der sich dann jeder das heraussuchen kann, was er gerade gut brauchen kann.
Im Gegenteil:
Ein solches Verständnis ist eine entscheidende Radikalisierung, weil hier der ganze Mensch mit seiner Verantwortung gefordert ist. Wir heute sind die Betroffenen, nicht lediglich die Menschen vor vielen Jahren.
Magische und christliche Gebete
Eine sehr wichtige und unverzichtbare Grundlage des christlichen Glaubens ist auch das Gebet als Hinwendung zu Gott. Allerdings ist es auch hierbei wichtig, Missverständnisse auszuschließen und auf den eigentlichen Kern hinzuweisen.
Ich habe in den ersten Kapiteln schon darauf hingewiesen, dass eine magische Handlung ein Ritual ist, das darauf abzielt, jenseitige Mächte zum direkten Eingreifen ins Diesseits zu bringen.
Offenbar gibt es immer noch viele Menschen, die auch das Gebet als ein solches Ritual missverstehen. Dort wird Gott zu einer „Wunscherfüllungsmaschine“, bei der ich vorne meinen Wunsch (Gebet) einwerfe und hinten dann die Erfüllung herauskommt. Das gipfelt dann auch in solchen Zeitungsartikeln:
 
TOTOKÖNIG VERSCHENKT 250000 MARK
Wenn Pfarrer James Curtin auf der Kanzel steht und die Predigt hält, ist die Kirche in Walsall in der englischen Grafschaft Staffordshire bis auf den letzten Platz besetzt. Denn Hochwürden betete für einen Volltreffer im Fußballtoto und gewann fast eine Million Mark!
Jetzt hoffen viele Gläubige, die in seine Kirche strömen, dass auch ihre Bitten um einen Gewinn im Toto nicht umsonst sind.    _Der schlanke Gottesmann erzählt erfreut:      _,Ich brauchte nur ein paar tausend Mark für unsere Kirche. Darum bat  ich. Und mein Gebet wurde erhört.‘
Der „Totokönig“ wollte allerdings nicht lange reich und auf seinem Geld sitzen bleiben. Zuerst sollten die Schulden, die auf seiner Kirche lasteten, abgetragen werden. Dann sollte etwas für ihre Unterhaltung getan werden.
Als Pfarrer James Curtin damals von dem Unglück im Fußballstadion von Glasgow erfuhr, bei dem 66 Menschen sterben mussten, spendete er sofort einen großen Betrag.
Und die beachtliche Summe von einer Viertelmillion Mark hatte er schon zuvor an die Pakistani verschenkt, die durch eine Flutkatastrophe in Not gerieten und ihr Hab und Gut verloren.
Wer hier tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Gebet des Pfarrers und seinem Lottogewinn sieht und als Ursache für dieses Ereignis ein direktes Eingreifen Gottes unterstellt, der reduziert die Allmacht Gottes auf ein unberechenbares und völlig willkürliches Handeln. Auch hier ergeben sich im Endeffekt mehr Fragen, als Antworten zu erhalten sind. Dieser Pfarrer ist ja mit Sicherheit nicht der einzige Mensch, der von sich meint, sein Leben auf Gott hin auszurichten und der seine Gebete ganz aufrichtig und selbstlos spricht. Warum schenkt Gott dann ausgerechnet ihm den Lottogewinn? Warum nicht auch noch anderen? Liegt es daran, dass der Pfarrer mit dem Geld die Kirche renovieren will? Kann Gott dann nicht über seinen eigenen Kirchturm hinausschauen und denkt ganz egozentrisch nur an sich und den Kirchbau? Wäre es nicht wichtiger, dass z.B. eine hungernde Familie den Gewinn bekäme, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten kann? Und überhaupt: Haben etwa alle Lottogewinner jede Woche erst zu Gott gebetet, damit er sie hat gewinnen lassen? Wenn nicht, warum lässt er dann manchmal Menschen gewinnen, die gebetet haben, ein anderes mal gewinnt der überzeugteste Atheist?
Noch schlimmer und menschenverachtender wird die Konsequenz dieses Wunscherfüllungsdenkens, wenn wir uns die Gebete für Kranke anschauen. Wenn  Gott, aufgrund eines Gebetes, die einen heilt, die anderen nicht, welche Maßstäbe legt er an?
An diesem Punkt musste ich einmal eine Diskussion abbrechen, weil ein Teilnehmer allen ernstes behauptet hat, dass, wenn eine Mutter für die Gesundheit ihres Kindes betet und das Kind aber nicht gesund wird, sondern stirbt, dass diese Mutter dann nicht genug vertraut oder nicht aufrichtig genug gebetet habe.
Für mich ist das in einer Diskussion der Punkt, an dem ich nicht mehr diskutieren möchte. Jemand der diese Meinung vertritt, ist in seiner Überheblichkeit so sehr davon überzeugt, dass er für andere Argumente nicht mehr zugänglich ist. Ich hatte damals den Eindruck, dass sich dieser junge Mann über die Konsequenz seiner Denkrichtung gar nicht bewusst war. Ein Gott, den ich durch Gebete beeinflussen kann? Den ich mir geneigt machen kann? Dessen Liebe und Zuwendung ich mir verdienen kann? Da muss man dann schon eindeutig sagen: Das ist zwar ein weitverbreitetes Gottesbild, aber es hat mit dem christlichen Gott nichts mehr zu tun.
Auch hierbei ist es sehr hilfreich zu überlegen, was denn Jesus über den Glauben und das Beten gesagt hat:
„Jesus sagte zu ihnen: Ihr müsst Glauben an Gott haben. Amen, das sage ich euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Hebe dich empor und stürze dich ins Meer! und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dann wird es geschehen. Darum sage ich euch: alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Mk 11,22 ff.)
Jesus führt also das Gebet ganz deutlich auf seine Grundlage zurück: „Leere Worthülsen als laute oder lautlose Gebete nutzen nicht. Ihr müsst Glauben an Gott haben. Ihr müsst mit Herz und Seele dabei sein. Ihr müsst euch mitbringen. Dann ist tatsächlich kein Ding unmöglich. Wenn ihr in diesem Sinn betet, dann werdet ihr erkennen, dass ihr alles schon längst in euch tragt.“
Denn wer in Jesu Namen betet, wer ein wirklich christliches Gebet vor Gott bringen will, der kann sich gar nicht mehr auf oberflächliche Formulierungen zurückziehen. Einem solchen Beter wird bewusst, dass es immer um die Gemeinschaft mit Gott geht, die das Leben trägt und erhält. Es geht nicht um weniger.
Dahingegen muss jenes Gebetsverständnis, das sich nach einem Lottogewinn, nach gutem oder schlechtem Wetter für mein persönliches Wohlergehen sehnt, als nicht in der Nachfolge Jesu, als nicht in seinem Namen stehend bezeichnet werden.
Jemand, der sein Gebet und seinen Wunsch aufrichtig ernst meint und sich Hilfe von Gott erwartet, der nimmt sich immer in das Gebet mit hinein. Dann heißt es auch nicht mehr: „Hilf du den Hungernden und sorge für eine gerechtere Welt“, sondern: „Gib du mir die Kraft, dass ich mich in deinem Namen für die Hungernden einsetze und die Welt zur Gerechtigkeit hin verändere.“ Wer so betet und glaubt, dass er alles schon erhalten hat, dessen Wunsch ist bereits bei der Formulierung in Erfüllung gegangen. Ein wesentlicher Bestandteil des Gebetes ist also der Beter selbst. Auf ihn und seine „Selbstreflexion“ kommt es im wesentlichen an.
Bestandteile des christlichen Gebetes sind also:
 
1.  der lebendige Austausch mit Gott als Ansprechpartner,
2.  die Besinnung auf die „Allmacht“ Gottes,
3.  die Selbstreflexion, die
4.  zum Handeln im Sinne Jesu führt.
 
Gott ist bei diesem Verständnis nicht mehr derjenige, bei dem ich meine Verantwortung abgeben kann: „Tu du mal, ich bin jetzt zu müde“. Ein christliches Gebet setzt voraus, dass ich auch die Möglichkeit zum Umdenken offenhalte und dass ich bereit bin, mich für Gottes gute Welt einzusetzen. Mithin ist also ein christliches Gebet ein ziemlich unbequemes Gebet, weil es auch die Bereitschaft zum Handeln voraussetzt und letztlich das „tätige Gebet“ zur Folge hat.
 
         Das Gebet ändert nicht Gott,                                                              
sondern den Menschen.

Jesus – ein Zauberer?        12
Nach den Vorbemerkungen und Anmerkungen in den letzten Kapiteln stellt sich natürlich auch die Frage nach der Person Jesu:
Letztlich lässt sich das Christentum ja auf den Glauben daran zurückführen, dass Jesus aus Nazareth der „Sohn Gottes“ ist.42
Diese Überzeugung feiern die Christen bis zum heutigen Tag als ihr zentrales Fest:
Es ist vielleicht wichtig, dass wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Jesus, auch schon zur Zeit seines kurzen irdischen Wirkens, recht umstritten war und dass ihn niemand richtig verstanden hatte, noch nicht einmal seine engsten Vertrauten, auch nicht der Sprecher seiner Apostel, Petrus.
Dabei hatte Jesus im Laufe von nur wenigen Monaten eine immer weiter zunehmende Popularität erreicht. Viele Menschen hatten von ihm gehört und einige hatten sogar ihren Beruf und ihren festen Wohnsitz aufgegeben und zogen mit ihm durch das Land.
Jesu Botschaft polarisierte aber auch und provozierte Streit. „Ich bin nicht gekommen, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“, sagte er dazu.
Das hatte schließlich aber auch zur Folge, dass die Anforderungen und Erwartungen an ihn stiegen. Die Menschen wurden unruhig und unzufrieden.
Als dieser Druck von außen immer mehr zunahm, als die Forderungen der Menschen nach einem sichtbaren politischen oder religiösen Zeichen zu groß wurden und Jesus diese Zeichen verweigerte, da löste sich die Jesusbewegung nach und nach auf.
Die Menschen, die ihm noch vor kurzem als dem Messias zugejubelt hatten, wandten sich ab, weil sie mehr erwartet hatten: Judas verließ Jesus aus Enttäuschung und verriet sogar noch seinen nächtlichen Aufenthaltsort, damit ihn die Obrigkeit ohne Aufsehen festsetzen konnte, und Petrus behauptete aus lauter Angst davor, auch verhaftet und hingerichtet zu werden, dass er diesen Mann noch nie zuvor gesehen habe.
Hier ist noch nichts von diesem Glauben zu spüren, der in späterer Zeit die Menschen dazu befähigte, über den Tod hinaus zu denken, und der die Gewissheit vermitteln konnte, dass die Liebe Gottes auf ewig und ohne Ende ist.
Offensichtlich ist aber in der Zeit nach dem Tod Jesu noch Wesentliches geschehen: Zunächst zerstreuten sich seine ehemaligen Freunde, sie versteckten sich, und „die Sache Jesu“ war für sie zunächst definitiv beendet. Der, den sie für den „Messias“ gehalten hatten, war tot – der Anspruch, Bote Gottes gewesen zu sein, entscheidend widerlegt.
Auf einmal aber, zaghaft zunächst, fanden sich ehemalige Weggefährten wieder zusammen, um sich über unterschiedliche „Erfahrungen“ auszutauschen.
Verschiedene Menschen behaupteten, sie hätten Begegnungen mit dem „toten“ Jesus gehabt.
Diese Erlebnisse mit einem „Auferweckten“ sind aber zunächst alles andere als befreiend, sie verwirren, werfen Fragen auf, verängstigen.
Wiederum erst später bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass Jesus tatsächlich der Messias, der Befreier gewesen sein muss – allerdings ein anderer Befreier, als man zunächst vermutet hatte. Er war kein politischer oder militärischer Heerführer, der sich an die Spitze einer gewaltigen und göttlichen Heerschar setzte, um im Kampf die Gottesherrschaft auf der Welt durchzusetzen.
Nein, die „Befreiung“ durch Jesus geht wesentlich weiter, sie macht noch nicht einmal vor dem Tod halt.
Diese Erfahrung veränderte die Menschen von Grund auf. Nachdem sie sich zunächst furchtsam versteckt hielten, drängten sie nun in die Öffentlichkeit, um ihre tiefe Überzeugung, ihren Glauben, weiterzutragen.
Es ist aber schwierig, diese Erfahrung mit Leben, Tod und nun sogar mit der Auferweckung zu vermitteln und sie Menschen mitzuteilen, die aus ganz anderen Lebensbereichen und zum Teil aus ganz verschiedenen Kulturen kommen.
Um ihre Worte und die Wirklichkeit der Ereignisse zu verdeutlichen, erzählten die ersten Christen rückblickend und werbend in Gleichnissen, Geschichten und Berichten von ihren Erfahrungen mit Jesus, von Missverständnissen und ihrem langen Weg zum Begreifen: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“
Die Geschichte der Entstehung dieser rückblickenden Glaubenszeugnisse verdeutlicht folgendes Bild:
Dieser Glaube ist die Grundlage des Christentums, denn, wie Paulus es ausdrückt:
„Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und unser Glaube sinnlos ._._._Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (1 Kor 15,13 ff.)
So ist also die Auferweckung Jesu, der Glaube daran, dass sich Gott in dieser Tat eindeutig und unüberbietbar geoffenbart hat, das Wunder schlechthin. Es gibt zwei Möglichkeiten, mit diesem Glaubensbekenntnis umzugehen: Entweder ich nehme es an, oder ich lehne es ab.
Noch zu Lebzeiten der ersten Blutzeugen des christlichen Glaubens gab es, wie oben schon erwähnt, heftige Auseinandersetzungen über die Bedeutung dieses Ereignisses: Zunächst konnten selbst die, die die Zeichen der Auferweckung sahen, nicht verstehen, was da passiert war. Im Gegenteil: Die Frauen, die als erste mit dem Unfassbaren konfrontiert wurden, erschraken, und die Apostel hielten alles, was sie erzählten, für Geschwätz und glaubten ihnen nicht (Lk 25,5 ff.).
Auch der oben zitierte Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth setzt sich im wesentlichen mit der Frage nach dem richtigen Verständnis der Auferweckung auseinander. Eine eindeutige und verbindliche Auslegung und eine gemeinsame, unumstrittene Überzeugung gab es auch in den folgenden Jahrhunderten nicht:
Diese unterschiedlichen Auffassungen, gerade in dieser grundlegenden und zentralen Frage, brachten ganz erheblich Unruhe in die noch junge Christenheit. Daher formulierten die Vertreter der Gläubigen im 5. Jh. auf einem der ersten Konzilien (451 in Chalkedon) das grundlegende Glaubensbekenntnis, dass
Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, in allem uns gleich, außer der Sünde.(vgl. auch Hebr 4,15)
Mit diesem Dogma soll deutlich werden, dass Jesus in seinem ganzen Wesen sowohl Mensch, als auch Gott war – und zwar zugleich ganz und gar Mensch und auch ganz und gar Gott – ohne Vermischung und ohne Trennung. Mensch insofern, als er uns in allem gleicht; Gott insofern, als sich seine Gottessohnschaft darin  zeigte, dass er ohne Sünde war.
Diese Aussagen bedeuten dann aber auch nicht weniger, als dass Jesus in seiner irdischen Existenz auch allen irdischen Bedingungen unterworfen war. Für den irdischen Jesus galten demnach auch die gleichen irdischen Naturgesetze, wie für jeden anderen Erdenbürger auch. Das Verständnis seiner „Gottessohnschaft“ macht sich an etwas wesentlich Grundlegenderem und Bedeutenderem fest: nämlich, dass er vom ersten Moment seiner Existenz an aus dem Vertrauen heraus gelebt hat, dass ihn diese Gemeinschaft mit Gott trägt. Und dieses Vertrauen befähigte ihn wiederum  dazu, ohne Sünde, d.h. selbstlos, zu handeln und zu leben (vgl. auch Kapitel 10).
Dieses Vertrauen war es, das ihn sein ganzes Leben lang trug und durch das er, nach langem und schmerzvollem Ringen, am Ende seiner irdischen Existenz angelangt und von Todesangst gepeinigt, letztlich doch sagen kann:
„Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ (Lk 22,42).
Um es nochmals ganz deutlich zu machen:
Offensichtlich haben sich auch schon die ersten Christen darüber auseinandergesetzt, wie denn nun das Besondere an Jesus zu verstehen sei und – genauso wichtig: wie es sich in menschlichen Begriffen und Vorstellungen vermitteln lässt. Dabei haben sie sich deutlich gegen das Missverständnis abgegrenzt, dass Jesus einen willkürlichen Gott verkörpert, der, wenn er es aus unerfindlichen Gründen für richtig hält, einige Naturgesetze außer Kraft setzt. Genauso deutlich haben sie aber auch der Vorstellung eine Absage erteilt, in der Jesus auf ein menschliches Vorbild reduziert und sein Gott-Sein geleugnet wird.
Um bei dieser mirakulösen Vorstellung zu bleiben, dass Jesus mit den Naturgesetzen hätte umgehen können, wie es ihm gerade beliebe: Was hätten wir damit gewonnen, wenn Jesus sich in die Reihe der Leute einreihen ließe, die durch unerklärliche, anscheinend magische Handlungen eine Zeit lang von sich reden machen? Letztlich könnte uns diese Auffassung zwar in Staunen versetzen, sie könnte uns auch Angst einjagen. Aber was könnte sie uns von der Liebe Gottes mitteilen?
Nichts.
Welche Bedeutung könnte sie in unserem Leben haben, wozu uns aufrufen, welche Fähigkeiten in uns wecken?
Nein, die Vorstellung, dass Jesus außerhalb unserer Wirklichkeit gelebt habe und dass er deshalb mirakulös handeln könnte, hebt ihn auf eine andere Stufe und entfernt ihn von den Menschen, denen er doch so nahe sein will. Denn:
„Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ (Joh 14,12)
Hierbei kann es sich ja wohl kaum um die Zusage von übermenschlichen oder magischen Fähigkeiten handeln. Es soll vielmehr, auch noch für uns in der heutigen Zeit, deutlich werden: Für den, der sich ganz auf die Gemeinschaft mit Gott einlässt, für den haben andere Werte eine Bedeutung, für den beginnt das ewige Leben, für den ist nichts mehr unmöglich. Und der hat auch die Augen offen für die Wunder der Nächstenliebe und des selbstlosen Handelns, die noch heute geschehen.

Glaube – Mythos – Vernunft        13
Für viele Menschen scheint sich offenbar, aus den unterschiedlichsten Gründen, die menschliche Vernunft nicht mit dem inneren Bedürfnis nach Religiosität zu  vereinbaren.
Häufig schlägt dabei entweder ein platter Rationalismus zu, der den Verstand als das oberste Gebot aller weltlichen Wirklichkeit sehen möchte, oder aber es bekommt eine blinde, fundamentalistische und mystische Einstellung die Oberhand, die den Blick für die weltliche Realität verstellt.
Der Weg, der am weitesten führt, liegt, wie so oft, in der Mitte.
Das menschliche Bedürfnis nach Mythen, nach Symbolen, nach Emotionalität, das auch noch Raum für Geheimnisse und deutende Zeichen lässt, ist unübersehbar. Wer sich auf diesen Weg des Erlebens, des Spürens einlässt, der kann und wird sich der Erkenntnis nicht verschließen, dass wir mit unserem menschlichen Verstand immer nur Teile der Wirklichkeit erfassen können, die uns umfängt.
Es gibt viele „innere Wirklichkeiten“, die genauso real sind, wie die unseren äußeren Sinnen zugänglichen Realitäten. Hinweisende und deutende Träger dieser tiefen menschlichen Erfahrungen sind die Märchen, Legenden, Träume ._._., die uns oft genug im Inneren anrühren und die auch die Kraft besitzen, Leben zu verändern.
So ist auch die christliche Religion eine Lebenshilfe, die ganz sicher nicht mit den Methoden der Naturwissenschaft gemessen werden kann oder die sich gar auf diesen naturwissenschaftlichen Rahmen eingrenzen ließe.
Nein – Religion kann, darf und muss weitergehen. Sie hat die Aufgabe, wenn sie denn einen Sinn haben soll, Menschen bei der Suche nach dem Sinn des Lebens und bei der Bewältigung der Existenzkrisen zu helfen und sie zum Einsatz für eine menschliche Welt und Gesellschaft zu ermutigen.
Das heißt aber keinesfalls, dass sich die Religionen nicht um die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften zu kümmern brauchen.
Wer die Naturgesetze, die auf den Grundlagen der modernen Forschung bewiesen  sind, der Beliebigkeit anheim stellt, der macht eine Unterscheidung zwischen Glaube und Aberglaube unmöglich und verhindert letztlich jede Logik.
Denn: Wenn etwas bewiesen ist, folglich also der objektiven Realität entspricht, gleichzeitig aber dennoch behauptet wird, dass diese Wirklichkeit unter Umständen aufgehoben werden kann, dann kann alles zugleich wahr und auch falsch sein, und dann gibt es keine Möglichkeit der logischen Kommunikation mehr. (Ein Beispiel, um diese Gedanken etwas deutlicher werden zu lassen: Wenn ich die naturgesetzliche Schwerkraft auf der einen Seite, im Normalfall, akzeptiere – ich kann mich ja auch schlecht einer alltäglichen Erfahrung verschließen – zugleich aber behaupte, dass z.B. Uri Geller die Schwerkraft aufheben kann, wenn er seine „Kräfte“ einsetzt, dann hat sich die naturwissenschaftliche Forschung erledigt, denn sie hat keinen Anspruch auf Gültigkeit mehr. Physik, Chemie, Mathematik – überflüssig, denn es gibt keine Regelmäßigkeit mehr und zwei plus zwei kann dann auch fünf, und die Höhe des schiefen Turms von Pisa kann lila sein – denn dann gibt es keine logischen, kausalen, ableitbaren Gesetzmäßigkeiten mehr.)
So geht es also nicht.
Ich denke aber, dass sich an diesem Punkt der Glaube und die Naturwissenschaften nicht nur nicht im Wege stehen, sondern dass sie sehr sinnvoll zusammenspielen und sich ergänzen können (s. auch Kapitel 1).
Die Naturwissenschaften können hier eine hervorragende „Filterfunktion“ wahrnehmen und dadurch unterscheiden helfen, was als Glaubensgegenstand möglich und was als Gegenstand des Aberglaubens nicht möglich ist.
Ich bin der festen Überzeugung, dass, wenn wir diese einfache Möglichkeit der Trennung und Unterscheidung konsequent anwenden, viele Formen von menschenverachtenden und lebenszerstörenden Ideologien von vornherein ausscheiden.
Allzu oft wurde der Glaube an Gott in der Geschichte immer wieder als Lückenbüßer missbraucht (s.o.). Immer, wenn die menschliche Wahrnehmung bzw. die gerade aktuelle wissenschaftliche Forschung an eine unbekannte Grenze stieß, wurde dahinter „Gott“ vermutet.
Das Prinzip blieb dabei immer das gleiche: „Gott“ besetzte solange die Lücken des menschlichen Wissens, bis die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ihn von dort wieder vertrieben und „Er“ sich eine neue Lücke suchen musste. Zurück blieb nach jeder „Vertreibung“ ein großer Verlust an Glaubwürdigkeit. Und die Verfechter der Religion erwiesen, wenn auch in gutem Glauben und aus tiefster Überzeugung, ihrer Sache einen Bärendienst: Es wurde ein Kampf zwischen Religion und Wissenschaft konstruiert, in dem es immer „entweder“/„oder“ hieß. „Entweder“ du glaubst an Gott „oder“ du erkennst die Forschung an. „Entweder“ Gott hat die Welt, die Menschen und die Tiere geschaffen „oder“ es gab die kosmische, chemische und biologische Evolution, die dann nach Jahrtausenden zur Gattung „Mensch“ führte.
Ich kann Religionskritiker sehr gut verstehen, wenn sie diese Form der „Argumentation“ ablehnen. Leider wird durch eine solche verzerrende Form der Darstellung immer wieder der Blick auf das Eigentliche verstellt: Im Kern geht es allen Religionen immer wieder um die Frage nach dem absoluten „Woher“ und „Wohin“. Dieses Absolute kann aber nicht Teil unserer Wirklichkeit sein, sondern muss – insofern es überhaupt als Ursprung und als unvergänglich denkbar sein soll – außerhalb der vergänglichen Wirklichkeit existieren, auch außerhalb von Raum und Zeit.
Diese Erkenntnis ist ja auch keineswegs eine ganz neue Feststellung, die wir dem modernen Verstand zu verdanken haben. Schon Thomas von Aquin war sich sicher, dass der christliche Schöpfergott an nichts Vergänglichem Anteil hat und er daher auch schon vor allem anderen eine Wirklichkeit war, und zwar nicht selbst als Teil einer anderen, vergänglichen Wirklichkeit.
Vielleicht ist es in unserer westlichen und technisierten Welt etwas ungewohnt und schwierig, den Menschen mit seinem Verstand und seinem Gefühl als Einheit zu sehen und zudem noch die vom Gefühl/Herzen erkannten Wirklichkeiten zu akzeptieren.
Jesus hat aber immer wieder genau das gefordert: dass sich Menschen mit ihrem ganzen Wesen und mit Verstand und Gefühl um den Glauben an Gott und die Hinwendung zu ihm bemühen:
„Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“_(Mk 12,29 f.)
Jesus meint den ganzen Menschen, mit Herz und Verstand. Alle Gedanken und die ganze Kraft gehören dazu, wenn ich in meinem Glauben lebe. Ja, noch mehr: Die Gedanken, der Verstand können den Weg bereiten, sie können Grundlagen schaffen, auf die ich weiter aufbauen kann. Aber lebendig, erfüllt, tragend, wärmend wird dieses Gerüst erst, wenn das Herz, die Gefühle dazukommen.
Das mag auch damit gemeint sein, wenn Antoine de Saint-Exupéry seinen „kleinen Prinzen“ sagen lässt:
Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“43
Auch Klaus Hoffmann besingt in seinem Lied „Blinde Katharina“ diesen Unterschied zwischen „sehen“ und „erkennen“:
„Nur weil ich vermute, dass ich sehend bin, brauch ich doch nichts erkennen.“
So möchte ich als Fazit festhalten:
Anthony de Mello, zu seiner Zeit ein Jesuit und erfahrener indischer Exerzitienmeister, schrieb, dass er immer wieder nach seinen Erlebnissen während der Meditation und nach sogenannten „Gotteserfahrungen“ gefragt wurde. Er führte weiter aus, dass er die Fragenden dann immer gern zur Meditation einlud und ihnen empfahl, den  eigenen, inneren, spirituellen und meditativen Weg einzuschlagen. „Denn“, so erklärte er (sinngemäß), „wenn ich auf einen Berg steige und mich vom schönsten Sonnenaufgang gefangennehmen lasse und dieses unbeschreibliche Erlebnis mit allen Sinnen genieße und mich treiben lasse, wenn ich anschließend wieder am Fuß des Berges angelangt bin und ich soll dir beschreiben, was ich erlebt habe: Es kann immer nur einen Bruchteil dessen widerspiegeln, was ich in meinem Herzen erkannt habe. Deshalb: Wenn du wissen willst, wie es auf dem Berg ist, dann musst du selbst hinaufsteigen.“
Diese Erklärung stellt in ihrer Bildhaftigkeit die Wirklichkeit von Gebet und Meditation sehr gut dar.
Daher bin ich mir auch bewusst, dass ich mit diesem Buch vielleicht einige Anhaltspunkte weitergeben kann, was mit Glaube und Religion im positiven Sinn gemeint ist. Vielleicht kann ich auch etwas dazu beitragen, einige Missverständnisse auszuräumen, die eine positive Auseinandersetzung mit dem Christentum und der spirituellen, religiösen Gefühlswelt behindern.
Ich kann aber ganz sicher nicht die Lebendigkeit des Glaubens vermitteln, die die Botschaft Jesu zu einer fundamentalen Lebenshilfe werden lassen kann. Dazu muss sich jeder, der suchen will, selber auf den Weg machen.
 
Literatur

 

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Lohfink, G.: Jetzt verstehe ich die Bibel_kbw, Stuttgart
Lukas: Vier Jahre Hölle und zurück_2. Aufl. 1995, Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach
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Prokop, O. und Wimmer, W.: Der moderne Okkultismus_2. Aufl. 1987, Fischer Verlag, Stuttgart
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