Traum und Deutung
 
Sigmund Freud wollte die Psychoanalyse mit der Naturwissenschaft verknüpfen. Er war seiner Zeit weit voraus. Heute prüfen Hirnforscher seine Theorien im Experiment.
 
 
Es muss am Freud-Jahr liegen, dass die Medien bei Hans Markowitsch Schlange stehen. Der Spiegel war schon da, 3sat dreht gerade, und auch der stern hat sich bei dem Bielefelder Gedächtnisforscher angemeldet. Denn Markowitschs Fallgeschichten eignen sich perfekt, um die moderne Erforschung der Psyche zu illustrieren. Der Experte für »psychogene Amnesie« untersucht Patienten, die plötzlich ihre Biografie vergessen, den Ehepartner für einen entfernten Bekannten halten oder gar ihre eigenen Kinder nicht mehr erkennen.
Da wäre zum Beispiel der junge Mann, der einen traumatischen Schock erlitt, als im Keller seines Hauses ein Feuer ausbrach. Der 23-Jährige wurde durch den Anblick des Feuers so verstört, dass er all seine persönlichen Erinnerungen verlor. Er wusste zwar noch, wer Bundeskanzler war, vermochte normal zu reden, zu lesen oder zu schreiben. Nur der Zugang zu seiner eigenen Biografie schien ihm mit einem Mal wie verbaut.
Was würde Sigmund Freud zu dieser Krankengeschichte sagen? Würde er eine Verdrängung diagnostizieren, nach unterdrückten sexuellen Wünschen Ausschau halten oder die Träume des Patienten analysieren?
Vermutlich würde er vor allem neugierig studieren, wie die Seelenärzte im 21. Jahrhundert einem solchen Fall zu Leibe rücken. Er würde sich die modernen bildgebenden Verfahren erklären lassen, das Arsenal pharmakologischer Stimmungsaufheller begutachten und aufmerksam den Befragungen beiwohnen, mit denen die Ärzte versuchen, Licht ins Dunkel der verlorenen Erinnerung zu bringen.
Nicht verwundern würde den Begründer der Psychoanalyse, wenn sich herausstellte, dass die eigentliche Krankengeschichte des jungen Mannes weit zurückreicht. Als Vierjähriger hatte er mit ansehen müssen, wie ein Mensch in seinem Auto verbrannte. Der Junge stand mit seiner Mutter am Straßenrand, hörte den Fahrer schreien und vergeblich gegen die Scheiben hämmern. Fortan galt Feuer für ihn als lebensbedrohlich. »Der Brand in seinem Haus hat dieses Trauma reaktiviert und zu einer Blockade geführt«, sagt Hans Markowitsch.
So weit würde auch Freud zustimmen. Neu wäre für ihn die moderne biochemische Erklärung: Traumatische Erlebnisse führen zu einem erhöhten Ausstoß an Stresshormonen; geschieht dies im Kindesalter, »ist die Biochemie des Gehirns - als hätte man an einer Schraube gedreht - lebenslang verstellt«, sagt Markowitsch. »Da reichen selbst kleinere Traumasituationen, um eine ganze Kaskade von Stresshormonen freizusetzen. Immer wenn man sich erinnert, werden diese wie ein Circulus vitiosus reaktiviert und blockieren den Abruf persönlicher Erinnerungen.« Sachliche Informationen (Bundeskanzler) sind davon nicht betroffen. Blockiert sind nur gefühlsmäßig gefärbte Gedächtnisinhalte (etwa das erste Rendezvous). »Gerade die Synchronisation emotionaler und kognitiver Stimuli gelingt nicht mehr«, erklärt Markowitsch.
Sigmund Freud könnte also konstatieren, dass die Forschung ein erhebliches Stück auf jenem Weg vorangekommen ist, den er einst als junger Mann zu beschreiten versuchte. 1895, als der Neurologe am Entwurf einer Psychologie arbeitet, ist er noch von der Hoffnung erfüllt, das seelische Erleben in der Sprache der Naturwissenschaft formulieren zu können. Freud ahnt, dass die Geheimnisse der Psyche in der Verschaltung des Gehirns verschlüsselt sind. Mit seinen Ideen ist er der Zeit weit voraus. Mit Skalpell und Mikroskop sind gerade erst die Nervenzellen (Neuronen) als zelluläre Einheiten identifiziert, ein halbes Jahrhundert soll es noch dauern, bis deren Verbindungsstellen (Synapsen) und die wichtigsten Botenstoffe (Neurotransmitter) entdeckt werden. Am Ende des 19. Jahrhunderts muss der angestrebte Brückenschlag zwischen Psychologie und Neurobiologie zwangsläufig scheitern. Der Entwurf einer Psychologie verschwindet in der Schublade, enttäuscht wendet sich der Autor von der Hirnforschung ab. Ihm bleibt nur die Hoffnung auf spätere Zeiten, in der »ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen« möglich mache.
Heute könnte der Nervenheilkundler seine Arbeit nahezu bruchlos an dem Punkt fortsetzen, an dem er sie unterbrochen hat. Die grobe Struktur des Gehirns ist aufgeklärt, das menschliche Genom entziffert, wichtige biochemische Stellschrauben sind bekannt. Zudem hat es die Revolution der bildgebenden Verfahren in den vergangenen 20 Jahren möglich gemacht, auch »weiche« Themen wie Emotionen, Affekte oder moralische Prägungen - deren Erforschung lange als unwissenschaftlich galt - in den Blick zu nehmen. Mit einem Mal scheint der große Graben, der die Psychoanalyse jahrzehntelang von der »harten« Naturwissenschaft trennte, kleiner geworden; hie und da werden sogar schon die ersten Pfeiler gesetzt, um ihn eines Tages ganz zu überbrücken.
So träumt etwa der südafrikanische Hirnforscher Mark Solms von einer »Neuro- Psychoanalyse«, die Freuds Denken rehabilitiert. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth will Ernst machen und als Erster eine komplette Psychoanalyse-Sitzung »live« im Kernspintomografen verfolgen.
Doch der Versuch, mit Hilfe der modernen Hirnforschung Freuds Theorien im Nachhinein zu beweisen, führt zu einem zwiespältigen Ergebnis: Einerseits zeigt sich, dass der Begründer der Psychoanalyse mit genialer Intuition grundlegende Mechanismen der menschlichen Seele beschrieb; andererseits liefert die Wissenschaft auch jenen Freud-Kritikern willkommene Belege, für die psychoanalytische Glaubenssätze nichts anderes als »Tiefenschwindel« sind.
So weist die Neurowissenschaft zwar nach, dass bis zu 95 Prozent aller Gedankentätigkeit unbewusst ablaufen. Allerdings hat dieses Unbewusste kaum mehr etwas mit jenem geheimnisvollen »Es« gemein, das Freud einst postulierte. Für ihn war dies gleichsam der verbotene Keller des Denkens, in dem die Triebwünsche wie in einem »Kessel voll brodelnder Erregung« ihr Unwesen trieben und das arme »Ich« unter Druck setzten. Ruhe herrschte demnach erst, wenn die verdrängten Wünsche in der Analyse ans Licht gehoben wurden (»Wo Es war, soll Ich werden«). Heute gilt die Trennung in bewusst und unbewusst als Frage der Informationsverarbeitung. Das Gehirn schiebt alle Denkprozesse, die automatisiert werden können - Schuhe zubinden, Rad fahren, Rechtschreibung prüfen -, möglichst rasch ins Unbewusste ab. »Wir sollten die Magie des Unbewussten beiseite lassen«, sagt Hans Förstl, Direktor der Münchner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie rechts der Isar. Für Förstl ist klar: Der breite Strom des Bewusstseins, in dem manches im Zentrum der Aufmerksamkeit liegt, anderes am Rande, manches dazwischen, lässt sich nicht willkürlich auf die zwei Kategorien bewusst und unbewusst reduzieren. Das sei ebenso ein unseliges Erbe Freuds wie die Ansicht, es benötige »höhere Weihen, um an den Schatz des Unbewussten heranzukommen«, sagt Förstl.
Auch Freuds Erkenntnis, dass in den ersten Lebensjahren die wichtigsten biologischen Fundamente gelegt werden, findet durch die Befunde von Entwicklungspsychologen, Genetikern und Hirnforschern ihre Bestätigung. Ein unausweichliches Schicksal lässt sich daraus allerdings nicht ableiten: Nicht jede, die einen abweisenden Vater hat, wird neurotisch; nicht jeder, der seine Mutter einmal nackt sah, hat daran – wie manche Psychoanalytiker glauben machen - sein Leben lang zu knabbern.
Ebenso antiquiert wirken die Überbetonung des Sexuellen in der Traumdeutung, Freuds Suche nach verdrängten Wünschen und seine Spekulationen über Eros und Thanatos. »Man kann mittlerweile naturwissenschaftlich erklären, warum etwa in Träumen häufig sexuelle Motive vorkommen«, sagt Hans Markowitsch. »Träume, die wir erinnern, sind jene am Morgen, kurz vor dem Aufwachen. Und morgens steigt der Sexualhormonspiegel eben am stärksten an.«
Auf einer grundlegenden Ebene gibt die Schlaf- und Traumforschung dem großen Seelendeuter allerdings Recht: Träume sind nicht einfach nur, wie man noch in den siebziger Jahren glaubte, zufällige physiologische Vorgänge, die dem Stammhirn entspringen. Mittlerweile weiß man, dass daran auch das Belohnungszentrum beteiligt ist, das unseren Lustgewinn - beim Essen, Trinken, Rauchen, Sex - steuert. Die von Freud postulierte Beziehung zwischen Träumen und Wünschen ist also berechtigt. Wie relevant allerdings solche Traumbilder sind, vermag die Hirnforschung nicht zu sagen.
Sigmund Freud könnte also konstatieren, dass Molekular- und Neurobiologie unser Verständnis des Menschen enorm erweitert haben, dass wir aber von einem ganzheitlichen Verständnis der menschlichen Psyche noch weit entfernt sind. Zwar kommen bei der Behandlung vieler psychischer Störungen heute selbstverständlich Pharmazeutika und Psychotherapie zum Einsatz. Und Nobelpreisträger Eric Kandel ist sicher: »Wenn die Psychoanalyse wirkt, wirkt sie auf derselben Ebene - derjenigen von neuronalen Kreisläufen und Verbindungen - wie Medikamente.« Doch wie genau diese Wirkungsweise aussieht, wie die Brücke von der Naturwissenschaft zur Psychotherapie aussieht, vermag auch Kandel nicht näher zu beschreiben.
So ist die »Neuro-Psychoanalyse« derzeit nur ein Schlagwort, hinter dem sich viele ungelöste Fragen verbergen. »Die einen wollen die Neurowissenschaft nur benutzen, um Freuds alte Metapsychologie zu belegen, andere glauben nur an reduktionistische Erklärungen auf der Ebene der Neurobiologie«, sagt der Münchner Neurologe und Psychosomatiker Peter Henningsen. »Doch der Brückenschlag kann nur gelingen, wenn auch die psychologischen Theorien ihre Erklärungskraft behalten.« Für Henningsen spielen zum Beispiel die »Kraft einer Beziehung zum Therapeuten« sowie die »Ausrichtung und Intentionalität« des Patienten eine entscheidende Rolle. »Doch die Aufklärung der neurophysiologischen Korrelate solcher Phänomene steht erst am Anfang.«
Wie schwierig das Verhältnis von Psychoanalyse und Neurobiologie noch immer ist, belegt auch ein Fall des Gedächtnisforschers Hans Markowitsch. Er wurde kürzlich von einer Frau um Rat gefragt, in deren Analyse ein angeblich früherer Missbrauch durch ihren Vater zutage kam. Ein klassischer Fall von verdrängter Erinnerung! Doch stimmt die Erinnerung auch? Oder beruht sie nur auf Einbildung, hat ihr der Analytiker gar etwas eingeredet? Um das zu prüfen, will sich die Frau von Markowitsch im Kernspintomografen untersuchen lassen. Denn der Bielefelder Psychologe konnte in früheren Experimenten zeigen, dass bei wahren Erinnerungen andere Hirnregionen aktiv sind als bei Episoden, die sich Versuchspersonen ausgedacht hatten.
Das Problem ist nur: Die früheren Probanden wussten,welche ihrer Geschichten erfunden waren. Die Frau dagegen glaubt an ihre Erinnerung. Und solche Geschehnisse, die man sich immer wieder selbst für wahr erzählt, sind im Gehirn von Ereignissen, die tatsächlich stattgefundenen haben, irgendwann nicht mehr zu unterscheiden. Wonach also will Markowitsch da Ausschau halten? »Das ist schon schwierig«, gibt der Gedächtnisforscher zu. »Doch wir versuchen, vielleicht doch etwas zu finden.«
Sigmund Freud würde ein solches Experiment vermutlich für gar zu szientistisch halten; auf das Ergebnis wäre er trotzdem neugierig.