Ein schwieriger Fall
 
Der Schüler, um den es im Folgenden gehen wird, war bereits in der sechsten Klasse und wurde seinem neuen Lehrer mit folgenden Worten vorgestellt: „Außerdem meine Gratulation! Da ist einer drunter, der ist der frechste Kerl, den ich in meinen dreißig Lehrerjahren je erlebt habe. An dem werden Sie Ihre neuen Ideen ausprobieren können.“
 Im Schülerbogen stand unter anderem folgendes: „ Der Schüler ist äußerst faul und nachlässig, er hat einen sehr großen Bewegungsdrang und ist lausbubenhaft. Er ist kurzsichtig, sehr unruhig und bedarf einer ständigen Überwachung.“
Der Schüler mit dem Namen Max ist sehr klein, der kleinste und schwächste der Klasse mit abweisendem und scheuen Blick. Von seinen Mitschülern wird er gemieden. In der Klasse ist er ein Außenseiter.
Sein Verhalten während des Unterrichts ist dadurch auffällig, dass er mit seinen Mitschülern, die in seiner Nähe sitzen, ständig in Zank und Streit lebt, seine Nachbarn ständig stört, sie zwickt, ihnen Bleistifte und Federhalter wegnimmt und zerbricht. Auf die geringste Berührung von anderen reagiert er mit Wut- und Zornesausbrüchen, er tritt um sich und beißt. Mit den herkömmlichen Erziehungsmitteln war ihm nicht beizukommen, Bestrafungen bewirkten keinerlei Verhaltensänderungen.
Dazu kommt noch, dass der Junge Erwachsene verspottet, kleinere Kinder (drei bis vier Jahre alt) misshandelt, mit der Faust ins Gesicht schlägt, den Rinnstein hinunter wirft und ihnen die Arme nach hinten umdreht.
Selbst Verständnis und Güte bleiben als pädagogisches Mittel wirkungslos. Ein drastisches Ereignis ergab sich, als Max ein dreijähriges Kind mit dem Gesicht an einer rau bemörtelten Wand hin und her drückte und dann damit an der Wand herunterfuhr. Die Mutter kam mit dem Blut überströmten Kind zu dessen Lehrer. In diesem Moment erhielt Max für sein sadistisches Verhaltne sechs Schläge mit dem Stock, worauf er mörderisch brüllte, sich zwei Tage in die Ecke verkroch und sich am dritten Tag wieder genau so verhielt wie zuvor. Ähnliche Vorgänge wiederholten sich und nach einigen Tagen war alles wieder beim Alten.
Zur Vorgeschichte des Jungen schreibt sein Lehrer: „Max ist das zweite uneheliche Kind seiner Mutter. Sie muss den Lebensunterhalt für sich und die zwei Kinder allein aufbringen. Sie geht in die Fabrik. Max wurde gleich nach der Geburt zur selben Kostfrau aufs Land gegeben, bei der auch sein zwei Jahre älterer Bruder untergebracht war. Max war von Geburt an auffallend klein und schwächlich und immer krank, hatte sehr viel mit Drüsen- und Mandelschwellungen zu tun und ist deswegen auch schon operiert worden. Weil er auch noch weit über die normale Zeit hinaus Bettnässer war, hatte die Kostfrau mit ihm unverhältnismäßig mehr Arbeit, als mit dem älteren Bruder. Deshalb liebte sie diesen mehr als Max, bevorzugte ihn überall und setzte den Kleinen ebenso oft zurück.“
Im Umgang mit anderen Kindern hat es Max immer schwer gehabt, als Spielkamerad war er unbeliebt.
Auf seinen Eintritt in die Schule hat er sich gefreut. Er kam aber zu einer eher groben Lehrerin und seine Vorfreude war schnell vorbei. Er bekam Strafen und sehr schlechte Noten.
Durch eine Heirat seiner Mutter kam Max im Alter von sechs Jahren zu ihr in eine Stadtwohnung. Bei einem verständnisvollen Lehrer in der Stadt verbesserten sich auch seine Noten.
Da der Stiefvater ein Trinker war und seine Frau mit dem Messer bedrohte, wurde die Ehe wegen schwerer Zerrüttung geschieden. Danach zieht sich die Mutter vollkommen zurück und pflegt kaum noch einen Kontakt mit anderen Personen, die sich ständig mit ihnen streitet. Als einziger Kontakt bleiben ihr da die beiden Kinder, denen sie alles erzählt, was sie sonst einem Partner erzählen würde. Der Mutter sind ihre Kinder zu einem Partnerersatz geworden.
Nach der Schule läuft der Junge jedes Mal sofort nach Hause und wird von seiner Mutter mit offenen Armen empfangen. Sie nimmt ihn gern gegen die sich bei ihr beschwerenden Mütter in Schutz. Dafür ist er ihr sehr dankbar und aufmerksam und verwöhnt sie mit kleinen Geschenken.
Die ersten sechs Lebensjahre verliefen für Max denkbar ungünstig, er wurde lieblos erzogen, von seiner Pflegemutter abgelehnt, bekam bei seinen Kameraden keine Anerkennung und zeigte darüber hinaus noch eine weitere neurotische Verhaltensstörung, indem er bettnässte. Sein Fehlverhalten ist gekennzeichnet durch sein unbewusstes Ziel: Rache und Vergeltung für alle erlittene Zurücksetzung, Demütigung und Bestrafung zu verfolgen. In seiner inneren Einstellung ist er feindselig gegenüber seinen Mitmenschen gestimmt und deshalb kämpft er ständig gegen seine Umwelt. Gegenüber kleineren Kindern lebt er seine Überlegenheit und Macht in brutaler Weise aus. Seine Mutter, die ihn ab dem sechsten Lebensjahr zu sich genommen hat, gewährt ihm zwar Schutz, aber da sie selbst unglücklich und vom Leben enttäuscht ist,  fügt ihr Verhalten ihm dauerhaft nur noch mehr Schaden zu. Gegenüber seinen Mitschülern und Lehrern verhält er sich ständig aggressiv und zeigt stärksten Widerstand und obwohl er Strafen fürchtet, provoziert er sie ständig. Es hat es in der Hand, durch sein aggressives Verhalten den Unterricht zu stören oder nicht. Hierdurch ergibt sich bei ihm unbewusst ein Gefühl der Macht. Sein Kampf gegen den Lehrer ist im Grund auch seine Art, wie er sich Anerkennung und Geltung zu verschaffen sucht. Seine unbewusste Leitlinie könnte lauten: „Alle Kinder und Lehrer sind gegen mich. Niemand will mich haben, deshalb werde ich mich an ihnen rächen.“ Jede Strafe, die er erhält, verstärkt seine unbewusste Einstellung aufs Neue.
 
Aufgaben:

  • Erläutere die frühkindliche Entwicklung mit den entsprechenden Fachtermini und verdeutliche Verhaltensschemata und deren Ursachen.
  • Erarbeite Erziehungsalternativen, mit denen Max eine positive Entwicklung seiner Persönlichkeit ermöglicht werden könnten.