Wie das Kind von früher das Leben des Erwachsenen beeinflusst
 
Hier soll an einigen Beispielen gezeigt werden, wie das Kind in uns, das wir einmal waren, im Leben des Erwachsenen weiter existiert. Diese Vorfälle können die Rolle des „Kindes von früher“ klären helfen.
 
Aus seinem Kindheitsgefühl wächst niemand heraus
 
Niemand wird zu groß oder zu alt für „das Kind von früher“. Vor mehreren Jahren, als Dwight D. Eisenhower einen neuen Rekordetat ankündigte, fragten einige Reporter umgehend seinen älteren Bruder Edgar um seine Meinung. Edgar kritisierte das Budget heftig und meinte, es sei inflationär. Am anderen Morgen wurde der Präsident befragt, was er über die Kommentare seines Bruders denke. Der New York Times zufolge lächelte der Präsident breit und sagte: „Edgar kritisiert mich seit meinem fünften Lebensjahr.“ Seine Bemerkung, die menschlich so offen war, deutet an, dass er in seiner Kindheit gelernt hatte, Edgar nicht zu beachten; sie brachte die Korrespondenten zum Lachen. Sie enthüllte eine Seite von Dwights „Kind von früher“ – die Haltung Edgars gegenüber seinem jüngeren Bruder und die Haltung, die der junge Dwight entwickelt hatte, um mit der Kritik Edgars fertig zu werden. Mehr als ein halbes Jahrhundert später waren diese Haltungen immer noch voll wirksam.
 
Ein Mann, der seine Frau nicht lieben konnte
 
Manchmal kann das innere „Kind von früher“ das erwachsene Selbst so beherrschen, dass alle Möglichkeiten, sich zu äußern und Befriedigung zu finden, zunichte gemacht werden. Viele von uns haben irgendwann gesehen, wie ein jähzorniges und unzufriedenes Kind seine verlegenen und geplagten Eltern beherrscht. Das ist genau die Art von Kampf, wie sie im Inneren vieler Leute vor sich geht, ohne dass sie es erkennen.
Fred zum Beispiel, ein junger Geschäftsmann, hat erfolgreich eine eigene Firma gegründet. Obwohl er nach außen hin aufgeweckt und munter wirkt, selbstbewusst und auf Konkurrenz eingestellt, ist er bei seiner Frau Helen impotent. Er schaut ihr hübsches Gesicht an, die glänzende Überfülle ihres braunen Haares, ihre volle Figur – und fragt sich, warum er nichts fühlt. Das beunruhigt und bedrückt ihn. „Jeder Mann wäre zu ihr hingezogen“, sagt er und fügt voller Selbstverachtung hinzu: Das heißt, jeder Mann außer mir.“
Er weiß, dass Helen ihn liebt und sich gerne von ihm umarmen lassen würde. Doch sie schlafen nicht miteinander. Das Ritual eines nichts sagenden kurzen Gespräches ist im Grunde alles, woraus ihre Ehe im Augenblick besteht. Helen denkt besorgt darüber nach, was nicht in Ordnung sein könnte und wartet so geduldig sie kann, bis er die Arme um sie legt. Er sagt sich, er sollte es eigentlich tun, aber aus irgendeinem Grund kann er sich nicht dazu bringen. Von anderen Frauen fühlt er sich jedoch angezogen. Zu Hause, wenn das Alltagsgespräch missrät, nörgelt Fredwegen jeder Lappalie gereizt an Helen herum und er hat sie sogar schon geschlagen. Er macht sich dann Vorwürfe, dass er sie heruntermacht, doch seine Reizbarkeit scheint zuzunehmen.
Schließlich ging er zur Beratung in eine Therapie und fragte: „Warum passiert mir das? Es war doch nicht so, als wir heirateten. Aber jetzt, wo ich zu Hause so viel Liebe habe, scheint es, als müsse ich sie zurückweisen. Trotz Helens Bereitschaft mich zu lieben, bin ich einsam, elend und unfähig, ihr oder mir zu helfen. Warum?“
Natürlich ergab sein Verhalten keinen Sinn. Gab es auch andere Probleme? Nein, keine. In seiner Arbeit kam er gut voran. Jeder mochte ihn. Er konnte sich einfach nicht dazu bringen, mit seiner Frau zu schlafen. Nur darin bestand sein Problem. Unsinn, könnte man vielleicht denken. Er kann, wenn er sich nur ein bisschen zusammenreißt, denn so kann man nun wirklich nicht reagieren.
So reagieren aber manche Menschen – unglücklicher Weise – auf ihre Ehepartner. So stört das „Kind von früher“, das in uns weiter lebt, manchmal in der Gegenwart.
            Eine Untersuchung von Freds Kindheit half dabei, sein Verhalten zu erklären. Er war in einem Zuhause aufgewachsen, in dem sein Vater oft voller Verachtung redete, in gemeine Wut ausbrach und seine Frau und Fred verprügelte. Als Fred schließlich heiratete, war zunächst alles in bester Ordnung. Als er sich jedoch in seinem eigenen Heim niedergelassen hatte fing er an, sich selbst mit den früheren Handlungen seines Vaters zu behandeln. Das bedeutete, dass er streng mit sich umgehen musste. Ging er nun streng mit sich um, dann musste er genau so reagieren, wie er es getan hatte, als sein Vater in der Kindheit streng mit ihm umgegangen war. Er fing an  auf den einzigen anderen Erwachsenen in seinem jetzigen Zuhause wütend zu sein auf seine Frau Helen. Und somit konnte er auf seine attraktive, liebevolle Helen nicht reagieren. Je mehr er sich wegen der Behandlung seiner Frau Vorwürfe machte, desto gereizter reagierte er – als ob sein Vater ihn beschimpfte – und desto reizbarer wurde er gegenüber seiner Frau. So beeinflusste das „Kind von früher“ Freds Leben in einem entscheidenden Maße, ohne dass er sich zunächst darüber bewusst war.