Lebenserfahrung des Säuglings und Entwicklung der Persönlichkeit

Auch in diesem frühen Alter müssen die Lebensprobleme des jungen Kindes schon sehr ernst genommen werden, wenn das Kind sich gesund entwickeln soll. Die Lebenserfahrung, die der Mensch in seinem ersten Lebensjahr macht, ist für sein ganzes weiteres Leben meist entscheidender, als man schlechthin annimmt, eine Tatsache, auf die die Psychoanalyse mit allem Nachdruck immer wieder hingewiesen hat.
Die Erinnerung reicht zwar nur in ganz besonderen Ausnahmefällen bis in diese Zeit zurück. Man wird sich daher dessen, was diese Zeit für das weitere Leben bedeutet, selten bewusst. Trotzdem haben wir an den Folgen, die sich aus diesen im Anfang des Lebens gemachten Erfahrungen ergeben, oft ein ganzes Menschenleben lang zu tragen. Das Ausgestoßenwerden aus der Geborgenheit des Mutterschoßes in eine Welt, der man noch in keiner Weise gewachsen ist, steht zweifellos am Anfang der menschlichen Erfahrung. Dieses Geburtstrauma, dieses Ur-Erlebnis,  das sich im Urgefühl verdichtet hat, steht hinter dem Bilde des borgenden Mutterschoßes, nach dem wir auch als Erwachsene, wenn wir in Not geraten, zurück verlangen.

Das Schreien ist ein von Anfang an gebrauchsfertiges Mittel für das Baby, sich den anderen verständlich zu machen und diese Verständigung geschieht zuerst ohne, später mit einer gewissen Absicht seitens des Kindes. Das Kind veranlasst dadurch die Mitmenschen, ihm die Hilfe zuteil werden zu lassen, derer es bedarf (Auslösungsfunktion). Ebenso passt das Kind sein Geschrei instinktiv seiner augenblicklichen Lage an (Kundgabefunktion), so dass die Mutter ganz genau heraushört ob es Schmerzen hat, hungrig ist, oder ob es sich um „viel Lärm um nichts“ handelt. Es erfasst auch instinktiv den Ausdruck des anderen Menschen. Bis in die Mitte des ersten Lebensjahres hinein unterliegt es allerdings noch völlig der Suggestion des Gegenübers. Es weint mit den Traurigen und lacht mit den Lachenden. Mit etwa acht Monaten beginnt es den Ausdruck des anderen Menschen im Hinblick auf die Gesamtsituation zu deuten. Die ernste Miene, die der Vater nunmehr mitten im Spiel aufsetzt, kann es nicht einschüchtern. Es durchschaut sie als Scherz und beantwortet sie mit Lachen, während es umgekehrt recht genau merkt,  dass ‚die Luft dick ist, wenn die Mutter es aus irgendeinem Grunde zürnend anfährt. Dieses sich allmählich entwickelnde Verständnis , den Ausdruckes des anderen Menschen ist eine Vorstufe des eigentlichen Sprachverständnisses und Sprechens. Auch das Lallen, bei dem Erfahrung im Umgang mit dem Rohmaterial der Sprache, den Lauten, erworben wird und das Schreien, das ja schon von Anfang an in den Dienst der Verständigung gestellt ist, sind als Vorstufen des Sprechens anzusehen.
Vom Augenblick seiner Geburt an beginnen, von seinen Pflegern beabsichtigt oder ohne deren besondere Absicht, Einflüsse auf das Kind einzuwirken, die es an einem schrankenlosen Ausleben seiner Triebe hemmen, indem sie es dazu zwingen, sich anzupassen. Das Leben selbst, die Tatsache, dass das Kind mit anderen Personen Kontakt hat ist ebenso wirksam wie die absichtlichen Erziehungsmaßnahmen, mit denen man Gewöhnung an Ordnung und Reinlichkeit und ähnliches zu erreichen sucht. Diese vom Erzieher oft übersehenen Wirkungen des Lebens und miteinander Lebens sind oft sogar entscheidender als das, was in erzieherischer Absicht geschieht. Das Sich-Einfügen, das Verzichten, das von dem Kinde gefordert wird — man denke da zum Beispiel an das Absetzen von der Mutterbrust — ist für das Kind, wie man oft an seinem sehr heftigen und zähen Widerstand erkennen kann, vielfach schmerzlich. Geschick oder Ungeschick des menschlichen Erziehers, Gunst oder Ungunst der äußeren Umstände können dabei sehr viel Gewinn bringen oder Schaden anrichten. Zu große Härte oder zu große Nachgiebigkeit des Erwachsenen bei der Durchsetzung der Forderung nach Triebverzicht bestimmen oft die Einstellung, die ein Mensch für sein ganzes Leben der Umwelt gegenüber haben wird. Die Folgen von Überfütterung oder Mangel an Entwicklungsreizen in diesem Alter machen sich auf Jahre hinaus geltend. Seelisch-geistige Pflege ist angesichts der Bedeutung der frühkindlichen Erlebnisse auch beim Säugling ebenso notwendig wie körperliche Pflege. Vor allem ist in diesem frühen Alter die mütterliche Liebe als Entwicklungsreiz unersetzlich wie die Muttermilch.
Wir können mit Sicherheit annehmen, dass gerade die Kontaktfähigkeit im späteren Leben von den  Erfahrungen des Kindes mit diesen Fürsorgekontakten abhängt. Langzeitbeobachtungen an in dieser Hinsicht vernachlässigten Kindern sprechen dafür, dass auch sie in derselben Weise Schaden erleiden, wie der Wissenschaftler Harlow im Tierexperiment beobachtet hat. Die Rhesusaffen, die nach der Geburt nicht mit ihrer richtigen Mutter, sondern mit einer aus Draht hergestellten Ersatzmutter zusammen lebten, von der sie auch die Nahrung erhielten, waren in ihrer Kontaktfähigkeit so sehr beeinträchtigt, dass es nur in seltenen Fällen überhaupt gelang, sie mit anderen Affen zu paaren.
Sie beachteten auch in keiner Weise die Jungen, die sie zur Welt gebracht hatten. Individuelle Unterschiede zwischen einzelnen Kindern zeigen sich schon in diesem frühen Alter. Grundzüge ihres Charakters treten deutlich hervor. Unter „Charakter“ ist dabei das einem Menschen eigene Gepräge zu verstehen. Es wird bestimmt durch relativ beharrende Erlebnisformen. Die Grundlage des Charakters bilden die ererbten Anlagen (in der Anlage gegebenen ererbten Dispositionen). Er wird aber vom ersten Tage des Lebens an durch die Erfahrung, die das Kind macht, geformt (erworbene Dispositionen). Es handelt sich dabei um eine absichtliche Formung durch den Erzieher ebenso wie um eine unbeabsichtigte Beeinflussung, die sich aus der Tatsache des Lebens ergibt (funktionale Einwirkungen).
Man darf sich dabei allerdings das Kind nicht als ein passives Objekt vorstellen, das durch die Umwelt geformt wird. Diese Formung vollzieht sich vielmehr in einem Prozess, in dem äußere Einflüsse und Selbststeuerung des kindlichen Organismus ineinander greifen. Jede Wirkung eines äußeren Einflusses setzt dabei eine Empfänglichkeit des Kindes für diesen Einfluss voraus. Und es ist nicht nur so, dass die Umwelt das Kind beeinflusst, sondern es ist vielmehr auch so, dass auch das Kind auf seine Umwelt einen ganz bestimmten Einfluss ausübt. Es ist wichtig, diese Tatsache klar zu erkennen. Denn schon das kleine Kind übt einen Einfluss auf seine Pfleger und Erzieher aus, der ihr Verhalten ihm gegenüber entscheidend bestimmt. Die besonders große Hilfsbedürftigkeit des ganz jungen Kindes weckt zum Beispiel die Bereitschaft, sich seiner anzunehmen, in hohem Maße. Man spricht von dieser Wirkung des „Kindchenschemas“ als von einer der wenigen instinktiven Verhaltensweisen des an solchen instinktiven Verhaltensweisen armen Menschen. Das Menschenkind ist zwar unfertig und hilflos bei seiner Geburt. Es ist aber in besonderem Maße in der Lage, andere zu veranlassen, sich ihm helfend zuzuwenden und sein Leben zu sichern. Die Mütterlichkeit entfaltet sich an dem Kind als Entwicklungsreiz für die mütterliche Liebe und fließt ihm infolgedessen in erhöhtem Maße zu. Kinder, die in den ersten Lebensmonaten, in denen diese Reizwirkung, die das Kind auf die Mutter ausübt, besonders groß ist, von der Mutter getrennt waren, werden oft von ihren Müttern weniger geliebt, weil das ältere und selbstständigere Kind die mütterliche Hingabe nicht mehr in gleicher Weise anspricht. Kontaktfreudige, heitere Kinder erschließen sich die Herzen der Menschen, mit denen sie zusammenleben, schneller als schüchterne und mürrische. Praktisch wirkt sich die Tatsache, dass das Kind seine Umwelt durch das, was es in sie hineinträgt, verändert und dass seine Wirkung auf die Umwelt wieder aus dieser Umwelt auf es zurückstrahlt, so aus, dass die Veränderungen, die zu seinen Gunsten oder Ungunsten bewirkt werden dazu angetan sind, seine Eigenart in ihrer Ausprägung zu fördern. Das ist bei guten Anlagen zu begrüßen. Bei weniger guten Anlagen ist es, erzieherisch betrachtet, ein Nachteil.

Das nachfolgende Beispiel soll die eben besprochenen Zusammenhänge deutlich machen. Es handelt sich um einen Fall, in dem seitens der Pflegerinnen der Kinder nichts unternommen wurde, um die zum Teil erzieherisch wenig erfreulichen Folgen, die sich aus der Einflussnahme des Kindes auf seine Umwelt und dem Zurückstrahlen seiner Wirkung auf es selbst ergaben, abzuschwächen oder zu verhindern.
Drei Säuglinge im Alter von sechs Monaten hatten wenige Tage nacheinander in dem selben Säuglingsheim das Licht der Weit erblickt. Ihre Mütter stillten die Kinder kurze Zeit und überließen sie dann der Pflege des Heimes. Die drei Kinder waren in dem selben Raum untergebracht und wurden von den selben Pflegerinnen betreut. Sie fanden also in der Umwelt die selben Chancen vor. Sie verstanden diese allerdings, ihrer Eigenart entsprechend, sehr verschieden zu nutzen. Eine psychologische Untersuchung ergab, dass ihr Entwicklungsstand der selbe war, wenn man in Rechnung stellt, dass jedes von ihnen in individueller Weise kleine Rückstände auf dem einen Gebiet durch Vorsprünge auf einem anderen ausglich. Bernhard, von Geburt an der schwerste, hatte ein blendendes Gedächtnis und war in hohem Maße dressurfähig. Er hatte sein kurzes Leben lang immer gut gegessen und geschlafen, nicht viele Gemütsbewegungen gezeigt, keinerlei Erkrankungen durchgemacht. Er war ein schwerfälliges, träges Kind, das die Pflegerinnen als „langweilig“ abseits liegen ließen. Das Übersehenwerden nahm er gleichgültig hin. Er versuchte in keiner Weise, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und gegen sein Vergessenwerden zu protestieren.
Ganz anders Willi. Bei der Geburt und auch zur Zeit der Beobachtung wog er weniger als Bernhard. Er hatte in seinem kurzen Leben vorübergehend unter Ernährungsstörungen und Erkältungen zu leiden. Er war ein körperlich sehr ge¬schicktes lebendiges und an allem lebhaft interessiertes Kind. Durch seine Zugänglichkeit und Heiterkeit gewann er alle Herzen schnell für sich und galt als der ausgesprochene Liebling des Hauses.
Schließlich der dritte, Gerhard. Ein kleiner Pechvogel möchte man am liebsten sagen. Er war ein sehr zartes Kind, dessen Gewicht bei der Geburt und auch zur Zeit der Untersuchung nicht an das der beiden anderen Säuglinge heranreichte. Er hatte sich viel mit Erkältungskrankheiten und Ernährungs¬störungen abgequält, schlief unruhig, machte des öfteren Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme, erwies sich als anfällig und labil. Er weinte viel, war unruhig und schreckhaft, verdarb es sich mit den Erwachsenen, weil er als „launisch und unberechenbar“ galt. Er war deshalb ausgesprochen unbeliebt, obwohl er als äußerst ängstliches und in seinem seelischen Gleichgewicht leicht erschütterbares Kind besonders liebevoller Sorgfalt bedurft hätte. Genauso wie der an eigenen Antrieben arme Bernhard, den man links liegen ließ und der sich geduldig damit abfand, bedurfte er in höherem Maße der Hilfe seitens der Erwachsenen, als der von spontaner Aktivität überschäumende Willi. Dieser verstand sich die nötigen Entwicklungsreize sehr wohl zu verschaffen und konnte, auch ohne besonderes Entgegenkommen seitens der Erwachsenen, ein gutes Verhältnis zu seinen Mitmenschen gewinnen.
Das Beispiel zeigt uns nicht nur, wie wenig ein Säugling dem anderen gleicht, auch wenn alle drei Vergleichskinder gleich alt, annähernd altersentsprechend entwickelt und nach ärztlichem Urteil gesunde Kinder sind. Es zeigt uns auch nicht nur, dass bereits das junge Kind seine Lebensverhältnisse seiner Eigenart entsprechend in entscheidendem Maße mitbestimmt. Es zeigt uns vor allem noch ein Letztes: das gerade der Erzieher nie übersehen sollte: Die selbe objektive Umgebung, in der Menschen leben, kann für jeden dieser Menschen eine völlig andere subjektive Eigenwelt sein.

Beispiele für die gegenseitige Beeinflussung von Kind und Umwelt:

Beispiel für die Geschichte eines einsamen Kindes

Solche Geschichten gibt es in unzähligen verschiedenen Spielarten. Eine von ihnen, eine ganz alltägliche Geschichte, verlief so:
Schauplatz: Bremen. Hintergrund: Zwei Familien mit gutem Bildungs- und Sozialniveau -  Lehrer und Architekten. Die siebzehnjährige Tochter der Lehrerfamilie bekommt ein Kind. Der Vater ist ein einundzwanzigjähriger Student aus der Architektenfamilie. Die jungen Leute heiraten - unter dem Druck der Familien. Das Kind wird geboren: ein Junge, Bernd.
Der junge Vater gibt das Studium auf, um Geld zu verdienen. Er arbeitet in einer Werbeagentur in einer anderen Stadt. Seine Frau muss bei den Schwiegereltern wohnen; sie ist kindlich, labil, unselbständig. Darum nimmt die Großmutter den kleinen Bernd bald ganz unter ihre Obhut. Zur Mutter hat er keine Beziehung.
Dann schafft es der Vater, mit seiner Familie nach Bremerhaven zu ziehen. Bernd leidet sehr unter der Trennung von den Großeltern. Das erwartete Familienglück stellt sich nicht ein. Die junge Mutter leidet unter schweren Depressionen, kapselt sich von der Umwelt ab. Abends schließt sie ihr Kind mit einem kleinen Frühstück für den nächsten Morgen ein, sie selber steht erst gegen Mittag auf.
Bernd erlebt, wie seine Eltern sich häufig und heftig streiten. Einmal zerreißen sie ihm dabei den Schlafanzug, eine Szene, die er nicht vergisst. Eines Tages ist die Mutter verschwunden. Bernd kommt wieder zu den Großeltern nach Bremen. Der Vater, der sein Studium von neuem beginnt, wird für ihn zum großen Bruder, er kommt gelegentlich mal zum
Spielen, übernimmt aber keine Verantwortung. Mit fünf Jahren ist Bernd in seinem Kontakt zur Umwelt so stark gestört, dass er sich fast den ganzen Tag hinter einen großen Schrank verkriecht. Er hat keine eigenen Freunde. Er lebt in einer Fantasiewelt. Als er 16 Jahre alt ist, heiratet der Vater eine Lehrerin. Bernd bekommt einen Bruder. Der Vater holt ihn zu sich, aber die Stiefmutter bezieht ihn nicht wirklich in die Familie ein. Sie findet, als sechzehnjähriger müsse er für sich selber sorgen. Bernd fühlt sich als Untermieter. Der Vater hat inzwischen sein Studium abgeschlossen und arbeitet als Architekt, das lässt ihm keine Zeit für seinen ältesten Sohn.
Bernds Verhalten wird immer merkwürdiger. Wenn er nicht in der Schule ist, wirkt er vollkommen apathisch. Er schläft die meiste Zeit. Er sucht Halt in einer Gruppe junger Leute; sie sind drogensüchtig. Seine Sprache verfällt, er kann sich kaum noch verständlich ausdrücken. In diesem Zustand bringt ihn der Vater zu den Großeltern zurück. Hier wird er zunächst wieder zum kleinen Kind - er »regrediert« um fünf Jahre. Langsam wird seine Sprache wieder verständlich, sie bleibt jedoch wenig ausdrucksfähig. Die Schulleistungen des intelligenten Jungen bessern sich. Seine Kontaktschwierigkeiten hat er jetzt, mit siebzehn Jahren, nicht überwunden. Er ist fast immer zu Hause.