DIE GESCHICHTE VOM DRACHEN
Ein Märchen für berufliche Helfer und andere, die es auch nicht lassen können.
Es war einmal vor langer Zeit ein Junge, der hieß Georg. Später nannte man ihn den heiligen Georg, aber das kam erst nach einem Missverständnis darüber, was eigentlich mit dem Drachen passiert ist. Georg wuchs auf und half gerne. Er half seiner Mutter, dem Koch und dem Gärtner, er half der Magd und kranken Tieren, kurz: er half einem jedem, der sich helfen ließ oder zu schwach war, um Nein zu sagen. Seinem Vater half er weniger, aber das kam daher, dass er wie sein Vater sein wollte und es nicht war. Auch dem alten Torwächter vom Schlosse seines Vaters half er nicht, weil der ihm nämlich sagte, dass er seine Sache lieber alleine mache. Das tat er Georg einmal ziemlich unwirsch kund, indem er ihn einfach hochhob und vor die Tür setzte, als Georg gerade dabei war, für ihn die Zugbrücke herabzulassen, um eine Schar fremder, bedrohl ich aussehender Ritter einzulassen. Solche kleinen Missverständnisse gab es ab und zu im Leben des jungen Georg — doch die meisten Leute, speziell die, denen er nicht geholfen hatte, meinten, er sei ein feiner Kerl. So wuchs Georg zum Ritter heran, der sich darauf spezialisierte, Jungfrauen zu retten, die von Drachen behütet wurden. Der Grund war, dass Georg merkte, dass er für all seine hilfreichen Handlungen immer weniger Dank bekam; die einen meinten, es sei selbstverständlich, dass er ihnen helfe, die anderen meinten, er könne ihnen helfen und bewiesen es ihm auch. Auf jeden Fall wurde ihm immer geringerer Dank zuteil und viel weniger, als er erwartete. So schienen ihm Drachen und Jungfrauen als eine gute Lösung; wenn er Drachen bekämpfte, zeigte er sich als Held (woran er in seinen schwachen Stunden doch manchmal zweifelte ... ) und Jungfrauen, die hilflos einem Drachen ausgeliefert waren, würden sich gewiss so dankbar erweisen, wie er es sich in seinen Traumen vorstellte. Eines Morgens, die Sonne schien gar hell und Georg hatte schon mehr als einen haIbenTag niemandem geholfen, da gelüstete es ihn, Gutes zu tun. Mit einem Drachen zu kämpfen und eine schöne Jungfrau zu retten, schien ihm genau das Richitige zu sein. Und so zog er sich den Harnisch an und seine besten Asbesthandschuhe — denn um qut mit Drachen zu kämpfen, muss man selbst recht unverletzlich sein. Er stieg auf sein Pferd und ritt aus der väterlichen Burg in den Wald hinein, wo er schon in der Ferne eine kleine Rauchwolke sich kräuseln sah. Er hatte dort einen Drachen vermutet, doch als er näher kam sah er, dass sich dort nur die Holzfäller ihr Süppchen wärmten und er war enttäuscht und etwas ärgerlich. Die Holzfäller hatten seine Ausrüstung zwar mit Neid, doch auch mit Spott betrachtet und hatten von Drachen und Jungfrauen keine Ahnung. Es waren auch recht grobe Kerle. So ritt er weiter und sah schließlich von einer Anhöhe aus ein Wölkchen Rauch aus einer Höhle steigen. Je näher er kam, um so höher schlug sein Herz und er war sich seiner ganzen Kraft bewusst. Er malte sich aus, wie er mit dem Drachen umgehen würde. Jahrelang hatte er sich im Drachentöten mit all seiner Vorstellungskraft geübt und es gab keinen Zweifel, dass er der armen Jungfrau helfen könnte. Schließlich sah er den Drachen - nicht ganz so groß, wie er ihn sich vorgestellt hatte, doch groß genug, um ihm ein Gefecht zu liefern. Der Drache schnob Feuer und sah recht eindrucksvoll aus und, was am Wichtigsten war, angekettet an eines seiner zahlreichen Gliedmaßen war eine wunderschöne Jungfrau. Wie er es im Drachentöterkurs gelernt hatte, fragte Georg, ob das arme Opfer denn auch gerettet werden wolle. Die Jungfrau nickte und schlug ihre Augen süß nieder. So war Georg nun doppelt eifrig, den Drachen zu töten, wusste er doch endlich, dass ihm jemand auf die lieblichste Weise danken würde. Er ritt auf den Drachen los, schwang sein Schwert so gewandt, dass er das Ungeheuer mit wenigen Hieben zum Tode beförderte und auch recht ritterlich dabei aussah. Als der Drache seinen letzten Schnaufer getan hatte, löste Georg die Jungfrau aus ihren Banden und setzte sie vor sich aufs Pferd. Sie dankte ihm herzlich und konnte sich gar nicht genug tun, zu schildern, wie wunderbar es war, als sie ihn zum ersten Mal erblickte und wie er dann näherkam und wie er sie artig gefragt und begrüßt hatte. Und zu Georgs größtem Vergnügen wiederholte sie die Geschichte mit immer neuen feinen Abwandlungen, ohne dass es ihm auch nur einen Moment langweilig geworden wäre. So ritten sie in die Welt hinein und es geschah, dass die Jungfrau eine Zeitlang schwieg. So erinnerte sie Georg an eine kleine Einzelheit in seinem Kampf um ihre Errettung, die sie wohl nicht bemerkt hatte und mit Vergnügen erzählte sie die Geschichte nun von Neuem. Georg war zufrieden. Aber nach dem dritten Tag ihres Rittes begann die Jungfrau, sich mehr und mehr für die Blumen am Wege, die Berge und die Flüsse zu interessieren und schon hatte sie einen halben Tag lang nicht mehr über ihre wunderbare Rettung durch Georg gesprochen. Es verdross ihn richtig, sie so froh zu sehen und ohne das Bewusstsein, dass sie diese ganze schöne Welt nur ihm verdankte. Und so fragte er: "Freust du dich, dass ich dich gerettet habe?" Und sie anwortete: "Ja, mein Ritter." Und sie umschlang ihn zärtlich. Doch ihn grämte es, dass sie die wundersame Geschichte nicht noch einmal wiederholte. Er fragte sie: "Hättest du es wohl alleine geschafft, dem Drachen zu entrinnen?" "Nein, mein Ritter," antwortete sie etwas beklommen. Georg grübelte weiter und kam schließlich zur Lösung seines Problemes. "Siehst du, du hättest dir nicht alleine helfen können und ich habe dich errettet und dir die schöne Welt wiedergegeben. Deshalb musst du mir nun auch recht dankbar sein und tun, was ich dir sage."Das Maidlein brauchte sich gar nicht umzudrehen - sie konnte den Schwefelgeruch, der ihr vom Drachen nur allzu bekannt war, schon riechen, schon konnte sie die Schuppen spüren und die grünlichen Gliedmaße schimmern sehen. Ein neuer Drachen war auf die Welt gekommen...
Gabor von Varga