DIE ZAUBERHAUT
Eigentlich fühlte er sich wohl in seiner Haut. Fast immer. Sie war genau richtig für ihn, passte wie angegossen: sie stimmte oben und unten, war nicht zu eng und nicht zu weit und war auch fest und dick genug, um das empfindliche Innere zu schützen.
Manchmal war das auch nötig, denn, ohne dass er selbst es wahrnehmen konnte, erwehrte sich seine Haut selbstständig gegen überraschende Angriffe und Verletzungen. Es kam schon dann und wann vor, dass er sich stieß oder an einer rauen Stelle wund rieb oder dass ihn ein wuchtvoll geworfener Stein oder Stock traf - aber immer bot ihm seine Haut Schutz und, ohne dass er es recht bemerkte, war sie schon wieder nachgewachsen und bot ihm an den verhornten und vernarbten Stellen noch besseren, undurchlässigeren Schutz vor Verletzungen.
In dieser Haut pulsierte das warme Blut und dort waren seine Empfindungen und Gefühle zu Hause. Für jeden der vielen Freunde hatte er ein eigenes Herz, das angefüllt war mit Liebe und Zuneigung. Jedes Mal, wenn er mit einigen von ihnen zusammen sein konnte, waren schon die Tage vorher mit Freude auf das Treffen angefüllt - und es verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht mit jemanden traf.
Menschen, Beziehungen, Austausch; das war das Eigentliche, der eigentliche Sinn seines Lebens. Es war spannend und aufregend, den Lebensweg der anderen mit zu verfolgen, ihre Veränderungen zu beobachten und an ihren Erfahrungen teilhaben zu dürfen. So wurde es nie langweilig; alles blieb offen und in Bewegung.
Dabei war es nicht so, dass er die Bedürfnisse und Probleme seiner Freunde nicht Ernst genug nahm - im Gegenteil: es beschäftigte ihn wahrscheinlich sogar viel mehr als alle anderen, wenn etwa jemand mit einem Problem nicht weiterkam. Es wurde ja auch etwas - und das war nicht wenig - von ihm erwartet; oft genug hatte er schon bewiesen, dass er sehr gut zuhören konnte und schon manches Mal hatte sein Rat geholfen, getröstet, Lösungen aufgezeigt. Immer, wenn er das merken konnte, war er sehr zufrieden.
Trotzdem fehlte ihm noch etwas, was andere ihm voraus hatten: diejenigen, die um Rat nachsuchten, fühlten sich dann gerade meistens gar nicht so wohl in ihrer Haut. Dann schlotterte sie ihnen um die Knie, hing ihnen in Fetzen vom Leib und ließ manchmal so große Löcher offen, dass man tief in das verletzte Innere hineinschauen konnte, in dieses weiche, unbeschreiblich leicht verletzbare Herz, das dann so manches Mal den wilden Angriffen von außen schutzlos ausgeliefert war.
Und doch hatten es viele der Freunde immer wieder geschafft, mühsam und zäh sich vorwärts schleppend, die offenen Wunden mit Händen oder Lappen bedeckend, ihre Haut zu retten. Sie wuchs langsam und auf wunderbare Weise wieder so zusammen, dass kaum Narben zurück blieben und die Haut elastisch und schön blieb wie zuvor.
Als es nun eines Tages auch an ihm war, diese Verletzungen zu erleben, nahm er, in höchstem Maße erstaunt, den Schmerz wahr, den er bisher nur aus den Erzählungen der anderen kannte. Unzählige Male war er schon damit in Berührung gekommen und hatte doch nichts wirklich gespürt. Unzählige Male hatte er sich in Gesprächen damit auseinander gesetzt, hatte versucht zu helfen, war bemüht Verwundungen zu heilen, deren Ausmaße er nie gespürt hatte.
Jetzt erfuhr er es am eigenen Leib und war erstaunt und bestürzt über den tiefen, ja fast unerträglichen Schmerz, der ihn verletzte. Es war die Scham der Erniedrigung. Fast verwundert, versuchte er zunächst als Betrachter dieses Unbekannte, ihn wuchtig treffende Etwas zu sezieren und vernünftige Wege und Lösungen zu finden. Noch mitten in dieser Verwunderung erstarrt, traf ihn der Schmerz, schutzlos und sich ihm ausliefernd.
Es war wie eine Hand aus Eis, die sich um das warme, weiche Herz legte und erbarmungslos zudrückte. Die Kälte drang in ihn ein, bahnte sich auch durch die Haut einen mitleidlosen Weg, verteilte sich mühelos und erfüllte sein ganzes Wesen bis in die tiefsten und verborgensten Kammern. Unfähig, sich zu bewegen, unfähig, diese neue Erfahrung zu bedenken, zu diskutieren, zu bearbeiten, zu rationalisieren, wurde er hin und her gerissen und geworfen, verletzte sich immer mehr, riss die Haut immer weiter auf, bis er schließlich das Gefühl hatte, nur noch ein großer Berg Empfindungen zu sein, dem schon jeder Windhauch unermesslichen Schmerz zufügt.
In größter Verzweiflung, in Angst und Schrecken, begann er, sich eine neue Haut wachsen zu lassen. Es wurde eine mächtige Haut, weit und geräumig, dick und fast undurchlässig.
Zunächste schaffte er sich eine dicke Schicht über die Brust, breitete sie über Schultern und den Kopf über den Rücken und dann über den ganzen Körper aus. Die Haut fraß sich vorwärts wie ein hungriges Reptil, froh, wieder ein Opfer gefunden zu haben. Sie wuchs gleich in mehreren Lagen und als sie den ganzen Körper umschlossen hatte, legte sie zur Sicherheit noch einige Schichten auf.
So fand er sich später auch wieder: in einer tiefen Wärme, geborgen, geschützt in halber Dunkelheit, endlich wieder in Ruhe und nur schwer verletzbar. Diese Haut war für ihn wie ein mächtiger Schutzwall, nach außen fast alles abwehrend und im Inneren genügend Platz für ihn bietend sich zu bewegen und frei zu fühlen.
In der ersten Zeit konnte er sich wohl und aufgehoben fühlen und hatte genügend Zeit, um sich zu erholen. Ihm reichte es vollkommen, dass diese wunderbare Haut sich völlig selbstständig aufrecht halten konnte, nach außen unverändert erschien und dass er sich im Inneren dieser Haut ganz auf sich zurückziehen konnte.
So verging die Zeit, nichts und niemand konnte ihm zu nahe kommen, so dass er sich stärken und erholen konnte.
Als er eines Tages wieder durch seine Augen nach außen blicken wollte musste er überrascht feststellen, dass die Haut nun von alleine, ohne sein Zutun (so meinte er) immer weiter wuchs. Sie war mittlerweile schon so groß geworden, dass er sich nur mit Mühe und artistischem Einsatz bis zu den Augen emporschwingen konnte. Bestürzt stellte er fest, dass die Haut noch weitere fantastische Eigenschaften besaß: ohne dass er sich im geringsten bemühen musste, ja: sogar gegen seinen Willen, konnte sie reden und antworten. Sie war fast völlig selbstständig und nur mit großer Anstrengung, für die anderen fast nicht wahrnehmbar, konnte auch er selbst einige Worte stammeln. Diese passten aber so wenig zu dem Verhalten und dem Redefluss dieser ihm nun fremdgewordenen Haut, dass niemand sie verstehen konnte.
Als er sich an den Augenrändern nicht mehr halten konnte, stürzte er wieder hinab und verlor fast die Besinnung. Ihm kam die Haut nun nicht mehr wie ein Schutz, sondern wie ein einziges, großes Gefängnis vor. Betäubt lag er am Boden und hörte über sich Stimmengewirr, sah die Augen auf und zu gehen, manchmal erreichte etwas Helligkeit den Boden seines warmen Kerkers.
Verzweiflung und Ratlosigkeit ergriff ihn, denn was er nicht wusste, noch nicht wusste, vielleicht nie erfahren würde, war, wie er das unheimliche Wachstum der Haut aufhalten könnte. Er wusste nicht, dass dies nur von innen her gelingen konnte und dass nur er mit seinen Gefühlen, seinem Herz und seiner Verletzlichkeit selbst dazu in der Lage war. Davon hatte er noch nichts gehört und so wartete er hoffnungslos auf die unmögliche Hilfe von außen.
Aber selbst wenn er alles über die Haut und ihre Eigenschaften gewusst hätte - was hätte es ihm geholfen? Wer hätte ihm zeigen sollen was zu tun sei und wie es dann weitergehen sollte? Oft hatte er versucht, anderen zu helfen. Nun wusste er, dass er versucht hatte Rat zu geben, obwohl er selbst ratlos war. Er hatte versucht, Erfahrungen zu vermitteln, die er selbst noch nie erfahren hatte. Er hatte gelebt, geliebt und mitgelitten. Zumindest hatte er das gedacht. Aber es war wohl doch eher so, dass er sein Mitleid nur empfinden konnte, weil er schon damals tief in seinem Inneren geahnt haben musste, dass er mit Wahrheiten und Tiefen in Berührung kam, die er selbst für sich noch nie kennen gelernt hatte. So war sein Mitleiden damals schon nichts anderes als Angst vor dem, was noch vor ihm lag.
Nun hatte er selbst viel von diesen fremden Wahrheiten erfahren, durchlebt und erlitten. Und er litt noch immer. Aber es war wahrscheinlich zu spät. Denn nun war er fest und hoffnungslos in sich gefangen.