Sturm und Drang (1767-1785)
1.) EPOCHENGRENZEN: Als Sturm und Drang wird im allgemeinen die Zeit vom Erscheinen der Herderschen "Fragmente" (1767) bis zur Wandlung Goethes und Schillers (1785) angesehen. Höhepunkt ist der Zeitraum zwischen Goethes "Götz "(1773) und Schillers "Kabale und Liebe" (1784).
2.) BEGRIFF und KENNZEICHEN: : Die Bezeichnung "Sturm und Drang" stammt von einem gleichnamigen Schauspiel Maximilian Klingers.
Ein Kennzeichen der Epoche wird an dem ebenfalls für sie verwendeten Begriff "Geniezeit" deutlich: die Überordnung des Genies über den kritischen Kopf. Sie wurde verfochten von der antiaufklärerischen Welle der "Originalgenies". Deutlich wird das am Sprachwandel von "Genie haben" (Aufklärung) zu "Genie sein".
- Typisch ist dementsprechend das Selbstbewusstsein des Einzelnen, die Hervorkehrung der Individualität.
- Ein weiterer Punkt ist die Aufwertung des irrationalen Bereichs. Dem bis dahin herrschenden Verstand werden Herz, Gefühl, Ahnung und Trieb gegenübergestellt.
- Mit dem Glauben an den Kulturfortschritt wird gebrochen. Dafür vergöttlicht man die Natur. Dem gebildeten Kulturmenschen wird der Naturmensch als etwas Höheres gegenübergestellt. Dementsprechend sympathisiert man mit unschuldigen Kindern, einfachen Frauen, der Landbevölkerung, mit den ersten Menschen, den alten Germanen.
- Neben dem natürlichen Menschen erstreben die Dichter des Sturm und Drang die natürliche Gesellschaftsordnung. Man sucht im Absolutismus zumindest künstlerische Lösungen der gesellschaftlichen und politischen Probleme.
- Neu ist das Verhältnis zur Geschichte und zu geschichtlichen Urkunden. Man bricht mit der Tradition und sucht seinen eigenen Zugang. So verwirft man folgerichtig den christlichen Dogmatismus und vertritt eher eine pantheistische Religion.
- Kennzeichnend für den Sturm und Drang ist auch sein nationaler Zug. Es gibt für ihn kein klassisches Muster mehr. Das Ausland wirkt weniger als nachzuahmendes Muster als als gedanklicher und formaler Anreger.
3.) DRAMA: Die Dichtungen des Sturm und Drang gehören überwiegend dem Drama an, da dieses am ehesten Aufruf zur Änderung der sittlichen und sozialen Zustände sein kann. Das Hauptthema ist der Konflikt zwischen dem Naturmenschen und der bestehenden Kultur. Dabei gibt es drei Erscheinungsformen des Konflikts:
1. den Kampf um die politische Freiheit,
2. den Kampf um die Freiheit der Liebe gegen ihre Beschränkung durch den Standesunterschied,
3. den Kampf um die metaphysische Freiheit gegen die christliche Kirche, für eine natürliche Religion und sittliche Weltordnung.
Vorbild ist Shakespeare mit seiner Technik der Fetzenszenen, dem Verzicht auf die sogenannten Einheiten, der Verherrlichung der Kraft, der Leidenschaft als solcher, dem Schaurigen und Krassenn.
4.) LYRIK: Die Lyrik wird im Gegensatz zur rein literarischen Lyrik der vorangegangenen Zeit endgültig Erlebnisdichtung, Bruchstück einer großen Konfession. Eine große Rolle spielen Volkslieder, Oden, Hymnen, und Balladen. Die Form ist nicht mehr äußerlich regelmäßig, sondern organisch gewachsen, individuell.
5.) Die erzählende Dichtung spielt eine völlig untergeordnete Rolle. Eine Ausnahme ist Goethes Briefroman "Werther", der mit seiner äußersten Subjektivierung ganz Europa begeistert und eine regelrechte Wertherwelle ("Wertherisme") hervorruft.
Thesen zur Zeit von Sturm und Drang:
1. Die Zeit des Sturm und Drang ist nicht nur als Vorbereitung auf die Klassik, sondern auch
von ihrer Vergangenheit der Aufklärung her zu verstehen.
2. Sturm und Drang im engeren Sinn ist eine politisch akzentuierte Bewegung. Sie ist das Aufbegehren
gegen gesellschaftliche Zwänge. Nicht die Abschaffung der Fürsten wird gefordert, sondern gute Fürsten. Klar ist, wogegen gekämpft wird, unklar, wofür.
3. Stürmer und Dränger verfechten und behaupten das Recht auf Verwirklichung des Individuums. Ziel ist die Aufklärung des Publikums. (Wirkungspoetik)
4. Sturm und Drang ist gegen die Aufklärung nicht mehr rationalistisch, sie ist aber auch keine
irrationalistische Bewegung. Sie will das vom Verstand nicht Erfassbare zur Geltung bringen.
5. Die Aufklärung endet nicht im Sturm und Drang, sondern tritt in ein neues dynamisches Stadium ein. (Spätaufklärung).
Exemplarische Stücke, zur Lektüre empfohlen: