Hausarbeit
 
                              E. T. A Hoffmann  Der Sandmann
 
Ronja Ballreich BG 12 B
 

 
»Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen, und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die  Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf«

 

Inhaltsverzeichnis

  • Prolog
  • Zum Autor: E. T. A. Hoffmann
  • Romantik & Historischer Hintergrund

 
Inhalt

  • Erzähler & Aufbau des Werks
  • Charakterisierung
  • Nathanael
  • Coppelius (Sandmann) & Giuseppe Coppola
  • Klara
  • Olimpia & Spalanzani

Interpretation

  • Augen
  • Wahnsinn
  • Feuer
  • Automaten

Epilog

  • Quellen & Eidesstattliche Versicherung

 

Anmerkung:
Jegliche Seiten- und Zeilenabgaben, solange nicht anders angegeben, beziehen sich auf das Hamburger Leseheft Nr. 174: Der Sandmannvon E. T. A. Hoffmann

 

Prolog
 
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der 1815 geschriebenen und 1816 veröffentlichten Novelle „Der Sandmann“ aus E. T. A. Hoffmanns erstem Band der „Nachtstücke“.
Selbst Sigmund Freud, der Hoffmann als den Meister des Unheimlichen bezeichnete, analysierte den „Sandmann“ 1918 in seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ und stellt unter anderem eine Verbindung zwischen der Angst vor dem Augenraub und der Kastrationsangst her. Inwiefern solche psychoanalytischen Analogien legitim und richtig sind, ist äußerst umstritten, denn wie Robert Musil schon sagte: „Personen eines Dichtwerks wie lebende Menschen zu behandeln ist die Naivität des Affen, der in den Spiegel greift.“

Autor: E. T. A. Hoffmann
 
Der bedeutende Vertreter der Romantik Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 in Königsberg, Preußen (heute: Kaliningrad, Russland) geboren. Er wächst bei seiner Mutter auf, da sich seine Eltern 1778 getrennt haben. Während seiner Schulzeit am Gymnasium besucht er zusätzlichen Musik- und Zeichenunterricht. Bei seinem Jurastudium lernt er Dorothea Hatt kennen. Die Verbindung wurde jedoch nach kurzer Zeit wieder aufgelöst wie auch seine Verlobung mit seiner Kusine Minna Doerffer 1798. Hoffmann arbeitet nun am Gericht in Berlin und heiratet 1802 Maria Rorer-Trzcińska mit der er eine Tochter bekommt, die aber im Alter von zwei Jahren stirbt. 1804 ändert Hoffmann, als Ausdruck der Verehrung für Mozart, seinen dritten Vornamen in Amadeus. Zwischen 1808 und 1813 wirkte er in Bamberg am Theater als Kapellmeister. 1807 wird Warschau von Napoleon besetzt und Hoffmann geht ohne Anstellung und Einkommen nach Berlin. Er hat oft finanzielle Probleme und schwankt ständig zwischen seinem Beruf als Jurist und seiner Karriere als Schriftsteller, Komponist und Zeichner. 1809 erschien sein erstes Werk „Ritter Gluck“. 1817 werden die „Nachtstücke“ veröffentlicht, darunter auch der „Sandmann“. Hoffmann verfasste zahlreiche phantastische Novellen. Nach einem sehr bewegten Leben stirbt Hoffmann am 25. Juni 1822 in Berlin.
 

 
„Ritter Gluck“
„Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden“
„Fantasiestücke in Callot’s Manier“ (4 Bände)
„Die Elixiere des Teufels“ (2 Bände)
„Nachtstücke“ (2 Bände)
„Seltsame Leiden eines Theater-Direktors“
„Klein Zaches genannt Zinnober“
„Die Serapions-Brüder“ (4 Bände)
„Lebens-Ansichten des Katers Murr“ (2 Bände)
„Meister Floh“
„Des Vetters Eckfenster“

Romantik & Historischer Hintergrund
 
Die Romantik (1795 – 1835) befasst sich nicht nur mit extremen Emotionen, idyllischen Landschaften, Sehnsucht, Leidenschaft und Schwärmerei, sondern auch mit der „Schwarzen Romantik“, dem Unheimlichen, Irrationalen, Rätselhaften, Unbewussten, Krankheiten (Wahnsinn, …) und der Nacht. Die Romantiker fliehen aus dem grauen und prosaischen Alltag. Sie begeistern sich sehr für die Schönheit und Wildheit der Natur und greifen damit auch auf das Denken und Fühlen im Mittelalter zurück. Außerdem sind für sie die Harmonisierung der Gesellschaft und die Universalität (Aufhebung der Grenzen zwischen den einzelnen literarischen Gattungen) und üben Kritik an der Vernunft der Aufklärer. Durch die Romantik wurde besonders die Volkspoesie (Märchen, Sagen, …) und die Weltliteratur (Übersetzungen der Shakespearewerke, …) gefördert. Bedeutende Autoren dieser Zeit sind unter anderen E. T. A. Hoffmann, C. Brentano, B. von Arnim, Novalis, Gebrüder Schlegel und Grimm, H. von Kleist, L. Tieck und J. von Eichendorff.
 
 
Inhalt
 
Die Novelle „Der Sandmann“ (1816) von E. T. A. Hoffmann beginnt mit einem Briefwechsel zwischen dem Studenten Nathanael, seiner Verlobten Klara und deren Bruder Lothar. Nathanael schreibt über eine merkwürdige Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola, die schlimme Erinnerungen an seine Kindheit hervorruft. Er sieht in Coppola den abscheulichen Advokaten Coppelius, der mit seinem Vater alchemistische Experimente durchführte. Dieser Coppelius ist für ihn der widerwärtige Sandmann aus dem grausigen Ammenmärchen, der seinen Vater ermordet und ihn misshandelt hat. Durch die falsche Adressierung des ersten Briefes erhält nicht Lothar ihn, sondern seine Schwester Klara. Die vernünftige Klara versucht nun Nathanael zu beruhigen und ihm die Angst zu nehmen. In dem dritten Brief drückt Nathanael seinen Unmut über Klara aus und beschreibt einige Dinge aus seinem Studienort. Nach diesem Briefwechsel schaltet sich ein Erzähler ein, der über den Aufbau des Werkes berichtet. Nathanael kehrt nach Hause zurück, wo es zu einem Konflikt zwischen Nathanael und Klara und dadurch fast zu einem Duell zwischen Nathanael und Lothar kommt. Sie versöhnen sich wieder und Nathanael kehrt zu seinem Studium zurück. Dort muss er in ein anderes Haus ziehen - das andere ist abgebrannt - von wo aus er Olimpia, die Tochter von Professor Spalanzani, durch ein Perspektiv von Coppola beobachtet. Olimpia wird auf Spalanzanis Fest öffentlich vorgestellt und Nathanael merkt nicht, dass er sich in eine leblose Puppe verliebt hat. Dann kommt es wegen Olimpia zu einem Kampf zwischen Coppola und Spalanzani in dessen Verlauf Nathanael ein Wahnanfall bekommt und ins Irrenhaus gebracht wird. Nach seiner Genesung wollen Klara und Nathanael wegziehen und besteigen zum Abschied den Ratsturm. Nathanael blickt durch das Perspektiv und will daraufhin Klara ermorden, die aber noch rechtzeitig von ihrem Bruder gerettet wird. Dann begeht Nathanael Selbstmord indem der sich vom Turm stürzt.


Erzähler & Aufbau des Werks
 
Die Novelle „Der Sandmann“ ist in zwei Textabschnitte gegliedert.
 
Der erste Textteil (S. 5 – 16) besteht aus drei Briefen, in denen die Geschehnisse von Nathanaels Kindheit bis zu seinem jetzigen Lebensmoment beschrieben werden und wo alle mitwirkenden Personen indirekt vorgestellt werden.
 
Der zweite Textabschnitt (S. 16 – 35) besteht aus Rückblenden eines Erzählers und dem weiteren Verlauf von Nathanaels Geschichte bis zu seinem Tod.
 
Das Kunstmärchen beginnt also ohne Erzähler, denn dieser tritt er nach den drei Briefen zuerst als Ich-Erzähler („was sich mit meinem armen Freunde […] zugetragen, und was ich dir […] zu erzählen unternommen“ (S. 16, Z. 20 – 22)) und später als beteiligter Beobachter, der die Hauptperson (vgl. S. 16) und dessen Umfeld bestens kennt, auf. Dieser Beobachter gehört also zur erzählten Welt und stellt die Geschehnisse dar, wobei er allerdings nicht allwissend ist. Er spricht des Öfteren den Leser an, so zum Beispiel fragt er: „Hast du, Geneigtester, wohl jemals etwas erlebt, das deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere daran verdrängend?“ (S. 16, Z. 22 – 24). Außerdem wendet sich der Erzähler an den Leser um den Akt des Erzählens, mit diesem indirekt, zu thematisieren. Durch diesen häufigen Wechsel der Erzählperspektive, vermischt sich, in diesem Schauerroman, Realität und Einbildung, entspricht also ganz der Welt Nathanaels, der zwischen der vernünftigen Welt von Klara und der unwirklichen Welt von Coppelius schwebt.


Charakterisierung
 
Nathanael
 
Nathanael, ein junger Student und Dichter, ist der Protagonist der Novelle. Im Gegensatz zu seiner Verlobten Klara ist er ein romantischer Typ – ein „Nebler und Schwebler“ (S. 18, Z. 31). Aufgrund einer Wahrnehmungskrise in seiner Kindheit, dem prägenden Vorfall im Studierzimmer seines Vaters (S. 9, Z. 25 – 43 und S. 10, Z. 1 –   22), wurde ein Schock – ein Trauma – in ihm ausgelöst, welcher zu seinem Wahnsinn und zu seiner Flucht in eine Fantasiewelt führte und dadurch zu seiner Unfähigkeit zu echter menschlicher Liebe und Verständigung. Durch das Zurückziehen von Familie und Freunden – „[Klara] – die Mutter – Lothar – alle waren aus seinem Gedächtnis entschwunden“ (S. 29, Z. 28 – 30) – wird er zunehmend narzisstischer und projiziert seine Gedanken und Gefühle auf seine Wahrnehmungen, so zum Beispiel auf Olimpia, die ihm einzig und allein als ein Spiegel seiner Selbst dient. Seine Wahrnehmungen sind unklar und verwischt, denn sie sind von Wahnvorstellungen und Illusionen überlagert. Zudem leidet er unter Verfolgungswahn, fühlt sich als Spielball dunkler Mächte, welche von Coppelius, dem Sandmann, und Coppola verkörpert werden (vgl. S. 12, Z. 1 – 9). Nathanael durchläuft also in dieser Novelle einen zunehmenden psychischen Verfall, der ihn in den Tod (vgl. S. 34, Z. 1 – 3) treibt.


 
Coppelius (Sandmann) & Giuseppe Coppola
 
Der deutsche Advokat Coppelius macht „alchemistische Versuche“ (S. 13, Z. 18) mit Nathanaels Vater. Er ist ein Mann von grässlicher Gestalt, ein „große[r] breitschultrige[r] Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschichten grauen Augenbrauen [mit] ein Paar grünliche[n] [stechenden] Katzenaugen“ (S. 8, Z. 21 – 24), mit altmodischer Kleidung (vgl. S. 8, Z. 29 – 39), der Kinder verabscheut (vgl. S. 13, Z. 10 – 12). Aber nicht nur die „ganze Figur war […] widrig und abscheulich“ (S. 8, Z. 36 / 37), sondern auch seine Physiognomie und sein „hämisches Lachen“ (S. 8, Z. 26) sind abscheulich. Aufgrund seines widerwärtigen Charakters verkörpert er für Nathanael das Unheimliche, den „Sandmann“ (vgl. S. 9, Z. 20). Wegen Nathanaels Überlagerungen von Realität und Einbildung steht es nicht fest, ob Coppelius mit dem Wetterglashändler Coppola identisch ist. Coppola ist zwar angeblich „Piemonteser“ (S. 15, Z. 23), aber auch er verkörpert für Nathanael das Unheimliche und ist, wie Coppelius, Mechaniker und Optiker (arbeitet ebenso an einem menschlichen Automaten, in diesem Fall Olimpia). Er hat ebenfalls dessen „hämisches Lachen“ (S. 24, Z. 41 / 42) und ein „widerwärtiges Gesicht“ (S. 23, Z. 26 / 27) mit „kleinen [stechenden] Augen“ (S. 23, Z. 36 / 37). Coppola und Coppelius können also durchaus eine identische Person sein, besonders da bei dem Streit um die Puppe Olimpia einmal Coppelius (vgl. S. 31, Z. 4 /5 und Z. 27 /  28) und einmal Coppola (vgl. S. 31, Z. 8 und Z. 12) in Erscheinung tritt.

 

Klara
 
Klara ist die Gegenfigur Nathanaels und seine Verlobte (vgl. S. 18, Z. 2). Sie ist eine sehr prosaische Person mit rationalem, aufklärerischem Denken, welche die rege Gefühlswelt von Nathanael nicht nachvollziehen kann. So rät sie ihm auch sein Gedicht, über die düsteren Machenschaften die Coppelius angeblich gegen Nathanael und Klara hegt, fortzuwerfen: „wirf das tolle – unsinnige – wahnsinnige Märchen ins Feuer“ (S. 21, Z. 36 / 37). Sie hat einen hellen, klaren Blick (vgl. S. 18, Z. 33) und ist stets heiter und lebendig mit einer „lebenskräftigen Fantasie des heitern unbefangenen, kindischen Kindes“ (S. 18, Z. 28 – 30). Nathanaels „mystische Schwärmerei“ (S. 19, Z. 22) ist ihr „im höchsten Grade zuwider“ (S. 19, Z. 22 / 23), denn allem Rätselhaften und Irrealen, allem was nicht mit ihrem rationalen Weltbild vereinbar ist, steht sie abgeneigt gegenüber. Klara ist eine aufklärerische Person mit einem „hellen […] Verstand“ (S. 18, Z. 30 / 31) und einem nicht schönen, aber reinen Wuchs (vgl. S. 18, Z. 30 / 31). Ferner hat sie noch einen Bruder, Lothar, der ein Freund Nathanaels ist.


Olimpia & Spalanzani
 
Olimpia ist die angebliche Tochter des italienischen Professors Spalanzani, einem „kleine[n] rundliche[n] Mann […] [mit] kleinen stechenden Augen“ (S. 15, Z. 29 – 31), denn sie ist nur eine „leblose Puppe“ (S. 31, Z. 23 / 24), ein Automat. Sie hat zwar einen reinen Wuchs, hat aber starre tote Augen, steife Schritte (vgl. S. 29, Z. 1 – 3) und ein künstliches Aussehen, zum Beispiel ein „Wachsgesicht“ (S. 28, Z. 29). Allen, außer Nathanael, erscheint sie „starr und seelenlos“ (S. 28, Z. 41) und der Physikprofessor Spalanzani – „ein wunderlicher Kauz“ (S. 15, Z. 28 / 29) – ist mit seinem, und Coppolas, Werk nicht recht zufrieden, denn er bezeichnet Olimpia als „blödes Mädchen“ (S. 28, Z. 13). Olimpia kann nicht richtig kommunizieren und repliziert immer dieselben Worte: „Ach – Ach – Ach“ (S. 27, Z. 25). Sie dient als Projektionsfigur Nathanaels, als Spiegel seiner Seele, denn er projiziert all seine Gedanken und Gefühle auf sie und liebt sie deswegen auf seine narzisstische Weise.


Interpretation
 
Augen
 
Das Motiv der Augen ist ein zentrales Motiv, welches auch schon mit dem Titel des Buches, aufgrund des Volksmythos vom Sandmann, verbunden ist. Das Auge ist sowohl ein visuelles Sinnes- und Wahrnehmungsorgan als auch ein Medium des Ausdrucks. Als Organ der Wahrnehmung dient es zur Orientierung und zum Erkennen der äußeren Erscheinungswelt, also zum Beispiel zum Erkennen von Personen, Gegenständen, Vorgängen, etc. So wird Nathanaels subjektive Wahrnehmung als Wirklichkeit dargestellt, jedoch ist die Wirklichkeit etwas anderes als ihre Wahrnehmung durch unsere Sinne und unser Denken. Als Medium des Ausdrucks zeigt es die innere Befindlichkeit des Menschen, denn es ist ein Sprachorgan des Gefühls und dient als Spiegel der Seele. Die Augen dienen also als Verbindungsstelle zwischen der Seele des Menschen (Innenwelt) und der äußeren Realität (Außenwelt). Im „Sandmann“ werden die Augen aller Hauptpersonen, mit Ausnahme derer Nathanaels, besonders zur besseren Charakterdarstellung, beschrieben. Die Augen, und alles was mit Sehen und Erkennen zusammenhängt, werden oft erwähnt, sowohl positiv als auch negativ und in den unterschiedlichsten Situationen. So hat Coppelius „grünliche [stechende] Katzenaugen“ (S. 8, Z. 24), Coppola „kleine[…] [stechende] Augen“ (S. 23, Z. 36 / 37) und Spalanzani „kleine[…] stechende[…] Augen“ (S. 15, Z. 30 / 31). Die stechenden Augen zeigen den schlechten Charakter der drei Personen und zeichnen sie somit als das Böse aus. Klara hingegen hat helle Augen die dem „See von Ruisdael [gleichen], in dem sich des wolkenlosen Himmels reines Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes, heitres Leben spiegelt“ (S. 18, Z. 15 – 18). Bei Olimpia hingegen ist die Darstellung der Augen zwiespältig, denn einmal werden ihre Augen als etwas „Starres“ (S. 16, Z. 3) und ohne „Sehkraft“ (S. 16, Z. 3) beschrieben, aber ein andermal gehen in Olimpias Augen „feuchte Mondesstrahlen“ (S. 24, Z. 34) auf und es „schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke“ (S. 24, Z. 34 – 36). Die Bedeutung der Augen wird sehr deutlich in der Beziehung zwischen Nathanael und Olimpia, denn alle halten Olimpia, besonders aufgrund ihres starren und toten Blicks für seelenlos, aber Nathanael nimmt sie durch den Wahn verstellt wahr und hält sie deswegen für sehr lebendig und einfühlsam. Nathanael projiziert seine eigenen Gefühle auf die Augen, so sieht er zum Beispiel seinen eigenen Wahnsinn in Klaras Augen kurz vor seinem eigenen Tod (vgl. S. 34, Z. 9 – 11). Auch in Nathanaels Gedicht sind Wahnvorstellungen mit den Augen verbunden und sieht sogar in Klaras Augen „de[n] Tod, der mit Klaras Augen ihn freundlich anschaut“ (S. 21, Z. 3 / 4). Diese schrecklichen Fantasien, besonders im Zusammenhang mit Coppelius, sind durch die Angst, die Augen zu verlieren entstanden. In Nathanaels Kindheit standen die Augen im Mittelpunkt, besonders nachdem er das grausige Ammenmärchen über den Sandmann von der Wartefrau erzählt bekommen hatte (vgl. S. 6, Z. 35 – 41). Als Coppelius Nathanael die Augen stehlen wollte (vgl. S. 10, Z. 8 – 14), hatte dies eine traumatisierende Wirkung für ihn. Da der Advokat Coppelius der böse Sandmann und Augendieb ist, identifiziert Nathanael Giuseppe Coppola mit Coppelius, da dieser ebenfalls Optiker ist und sich somit mit den Augen beschäftigt. Selbst die Namen Coppelius und Coppola sind sprechend für das Augenmotiv, denn die Namen bedeuten soviel wie Augenhöhle (aus dem Italienischen von ‚coppa’ abgeleitet). Die Angst vor dem Augenverlust ist durch unverstandene und unverarbeitete Kindheitserlebnisse entstanden und ist nach Sigmund Freud (1856 – 1939) eine Abschwächung der Kastrationsangst. Das Auge ist nämlich ein ebenso kostbares Organ wie das männliche Glied und auch der Ausspruch ‚Etwas hüten wie seinen Augapfel’ weist auf die Wichtigkeit und Kostbarkeit der Augen hin. Nathanael hat ständige Wahrnehmungskrisen und bekommt Halluzinationen beim Anblick der vielen Brillen, den „skönen Oken“ (S. 23, Z. 38), die Coppola ihm zeigt (vgl. S. 24, Z. 1- 8). Nach dem Kauf des Perspektivs und dessen Nutzung wird Nathanaels Wahrnehmung der Realität nun vollständig verfälscht und verfremdet. Das Perspektiv dient Nathanael nicht zur Unterstützung der Sehkraft, sondern zur Verzerrung ins Irrationale. Von dieser, durch seinen Wahn verstelle, andere Perspektive der Welt, wird er erst beim Streit zwischen Coppola und Spalanzani brutal in die Realität zurückgestoßen, als er erkennt, dass Olimpia eine Puppe ist. Als Spalanzani Nathanael die blutigen Augen Olimpias gegen die Brust wirft, verfällt Nathanael seinem Wahn gänzlich und bekommt einen Anfall (vgl. S. 31, Z. 32 – 37). Nach seinem zweiten Anfall beim Erkennen Klaras als Holzpuppe (vgl. S. 34, Z. 6 – 15) stürzt er sich mit dem Schrei „sköne Oke“ (S. 35, Z. 1 / 2) in den Tod. Nathanael kann nicht zwischen Realität und Einbildung unterscheiden und es bleibt  offen, welcher Teil der Geschichte die Wirklichkeit ist und welcher die Wahrnehmungen und Einbildungen Nathanaels sind.

 
Wahnsinn
 
Der Wahnsinn ist eng mit der Romantik verbunden, besonders mit der „Schwarzen Romantik“, die sich außerdem mit Irrationalität und finsteren Mächten beschäftigt. Wahnsinn und Geisteskrankheiten kannte Hoffmann auch aus eigener Anschauung, denn er war eng mit einem Nervenarzt und einem Leiter einer Irrenanstalt befreundet. Im „Sandmann“ wird Nathanaels Krankheitsgeschichte, Entstehung, Ausbruch und zerstörerischer Verlauf einer seelischen Krankheit, dargestellt. Durch ein Trauma, welches durch die Gruselgeschichte vom Sandmann (vgl. S. 6, Z. 35 – 41) und die daraus folgenden Geschehnisse in seiner Kindheit entsteht, verfällt er immer mehr dem Wahn. Nicht nur die Zusammenarbeit vom bösen Sandmann und Nathanaels Vater (S. 9, Z. 27 – 31) war für Nathanael eine schwere psychische Belastung, sondern auch die gespannte Atmosphäre zwischen seinen Eltern: „[der Vater] saß stumm und starr in seinem Lehnstuhl […]. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig“ (S. 6, Z. 13 - 16). Durch die Verdrängung der schrecklichen Ereignisse, die böse Sandmannvision, die schwere körperliche Fiebererkrankung (vgl. S. 10, Z. 32) und der Tod seines Vaters (vgl. S. 11, Z. 30), steigert sich sein Wahn und kommt als Verfolgungswahn, beim Zusammentreffen mit dem „Wetterglashändler [Coppola, der] eben der verruchte Coppelius war“ (S. 12, Z. 1 / 2) und in dem Gedicht für Klara, die es selbst als „wahnsinnige[s] Märchen“  (S. 21, Z. 37) bezeichnet, zum Vorschein. Er verliert immer mehr den Bezug zur Realität und bekommt Wahnvorstellungen und Halluzinationen, so zum Beispiel vor dem Kauf des Perspektivs: „immer mehr Brillen legte Coppola hin, immer wilder und wilder sprangen flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutroten Strahlen in Nathanaels Brust“ (S. 24, Z. 5 – 7). Des Weiteren kommt es zu Störungen in seinem Gefühlsleben, er schwankt zwischen Klara und Olimpia, bis er ganz versessen auf Olimpia ist und sich immer mehr von seiner Familie, seinen Freunden und seiner Verlobten Klara zurückzieht. Als er Olimpias wahres Wesen entdeckt, kommt es zum Zusammenbruch in Spalanzanis Haus – „da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen“ (S. 31, Z. 35 / 36) – und zu Nathanaels Einlieferung ins „Tollhaus“ (S. 32, Z. 7). Jedoch bekommt er, nach seiner scheinbaren Genesung, einen weiteren Tobsuchtsanfall, bei dem er erst versucht Klara zu ermorden – „sie [vom Ratsturm] herabschleudern“ (S. 34, Z. 15) – und sich dann selbst umbringt: „und mit gellendem Schrei […] sprang er über das Geländer“ (S. 35, Z. 1 / 2).


Feuer
 
Das Feuermotiv ist ebenfalls von großer Bedeutung, denn zum einen dient es als Ausdrucksmittel für Nathanaels intensive romantische Gefühlsregungen und zum anderen steht es für das Diabolische, Unheimliche und als Zeichen für Nathanaels Wahnsinn, der ihn mit „glühenden Krallen“ (S. 31, Z. 35 / 36) ergreift. Das Feuer tritt an zentralen Stellen der Novelle auf, so zum Beispiel beim Auftreten von Nathanaels Wahn (in Nathanaels Gedicht, bei der Entwendung von Olimpia und beim Mordversuch an  Klara). Bei solchen Wahnausbrüchen benutzt er Wort wie „Feuerkreis“ (S. 31, Z. 37) und „Feuerkreis dreh dich“ (S. 34, Z. 35 / 36). Daran sieht man, dass er sich mit seinen Gefühlen und Gedanken, auf sein Gedicht bezieht, in dem er von „Coppelius […] in einen flammenden Feuerkreis“ (S. 20, Z. 32 / 33) geworfen wird. Außerdem hat er ständig phantastische Vorstellungen, bei denen er „flammende Blicke“ (S. 24, Z. 26), „blutige Funken“ (S. 20, Z. 31 / 32) und „[glühende] Feuerströme“ (S. 34, Z. 10 / 11) sieht. So bildet er sich auch ein, von Olimpia einen „Liebesblick [zu erhalten], der zündend sein Inneres durchfährt“ (S. 26, Z. 25 / 26). Zudem sollen die Flammen und das Feuer das Teuflische, insbesondere an Coppelius und Coppola, verkörpern. Das passt auch gut zu Nathanaels romantischer Vorstellung, die Menschen seien den Gewalten ausgeliefert. Das Feuer ist nämlich eine Naturgewalt, die der Mensch sich zwar zunutze macht, sie aber nicht wirklich beherrschen kann. So ist zum Beispiel das Haus, in dem Nathanael während seiner Studienzeit wohnt, einfach abgebrannt, ohne dass man dem Feuer Einhalt gebieten konnte und zudem fühlt sich Nathanael dem teuflischen Sandmann hilflos ausgeliefert.


Automaten
 
Die Hochblüte der Androiden war im 18. Jahrhundert. Die Entwicklung der Automaten war für die Menschen sowohl ein Faszinosum als auch ein Schrecken. Die Menschen waren fasziniert von der Vorstellung künstliche Menschen zu konstruieren, dem größten Geheimnis der Natur. Jedoch hatten sie auch Angst vor dieser Entwicklung, denn sie fürchteten, man könnte Mensch und Maschine irgendwann nicht mehr voneinander unterscheiden und die Automaten würden dann den Menschen ersetzen. In dieser Zeit, der Zeit der Industrialisierung, ist ein Ordnungsschema der Welt, Belebtes und Unbelebtes, durcheinander geraten. Auch Hoffmann war über Androiden informiert und kannte diese auch aus eigener Anschauung, zum Beispiel den „Schachtürken“ von Baron Wolfgang von Kempelen (Bezug: „Die Automate“ von E. T. A. Hoffmann). Die Automaten wurden immer mehr zum Ebenbild der Menschen und nehmen daher eine Spiegelfunktion ein. So auch bei Olimpia, die Nathanael nur als Spiegel seiner Seele dient, nachdem Klara, durch ihr Unverständnis für seine „mystische Schwärmerei“ (S. 19, Z. 22), sein Selbstwertgefühl kränkte. So sind auch seine Gefühle für Olimpia bei ihrem ersten Anblick gleichgültig (vgl. S. 16, Z. 2 – 5), aber nach einem Blick durch Coppolas Perspektiv wird seine Wahrnehmung verzerrt, fühlt sich von Olimpia magisch angezogen, und erweckt sie durch seine Fantasien zum Leben (vgl. S. 24, Z. 30 – 36). Die mechanische Holzpuppe Olimpia – „Zwanzig Jahre daran gearbeitet“ (S. 31, Z. 28 / 29), wurde von Spalanzani, zuständig für die Mechanik, und Coppola, zuständig für die  Augen, erschaffen (vgl. S. 30, Z. 43 und S. 31, Z. 1). Olimpia dient dazu, den Forscherdrang der Alchemisten zu befriedigen. Der Bau von Olimpia ist eine Variation der Kindheitserlebnisse Nathanaels, denn auch sein Vater und Coppelius haben Experimente mit dem menschlichen Leben durchgeführt (vgl. S. 9, Z. 41 – 43 und S. 10, Z. 1 – 19). Durch diese Ereignisse ist auch sein Wahn geprägt, denn bei seinem Anfall in Spalanzanis Haus (vgl. S. 31, Z. 39 / 40) und seinem Mordversuch an Klara (S. 34, Z. 14 / 15) ruft er: „Holzpüppchen dreh dich“ (S. 31, Z. 38 / 39 und S. 34, Z. 13 / 14). Dieser Ausruf zeigt sein irrwitziges Verlieben in einen Automaten, welches durch seinen Narzissmus entstanden ist. Eine besondere Ironie der Novelle ist Nathanaels Bezeichnung von Klara als „lebloses, verdammtes Automat“ (S. 21, Z. 38 / 39) und die Ansicht von Olimpia als liebreizendes Mädchen (vgl. S. 28, Z. 33). Olimpia unterscheidet sich, durch ihre Perfektion, von der Gesellschaft, wird aber trotzdem nicht sofort als Automat entlarvt. Olimpia dient als satirisches Sinnbild der Gesellschaft, denn für die Gesellschaft zählt nur der äußere Schein. Und eben Olimpia gibt vor etwas zu sein, was sie nicht ist, wie auch die meisten Menschen darauf bedacht sind perfekt und vollkommen zu erscheinen. Dies sind sie aber nicht, denn Mensch sein bedeutet auch immer unvollkommen und mit Fehlern behaftet zu sein. Der Unterschied zwischen Automat und Mensch lässt sich nicht am Äußeren und der Kommunikation festmachen, denn das alles ist nur äußerer Schein und ist keine notwendige Vorraussetzung für menschliches Empfinden. So auch im „Sandmann“, denn nach der Entdeckung von Olimpias wahrem Wesen, verlangen die Bürger von ihren Geliebten sich unkorrekt (taktloses singen und tanzen, in einer Art sprechen die Denken und Empfinden voraussetzt) zu verhalten (vgl. S. 32, Z. 33 – 42), um die Lebendigkeit zu beweisen.
 
 
Epilog
 
Bei dem Titel des Buches würde man zuerst nicht vermuten, dass es um Wahnsinn und finstere Mächte geht, sondern eher, dass es sich um ein schönes Märchen vom kleinen Sandmännchen handelt.
 
Insgesamt ist der „Sandmann“ recht einfach zu lesen, aber zum besseren Verständnis muss man sehr auf den häufigen Perspektivwechsel achten. Einige Schwierigkeiten bereitet einem auch der Unterschied zwischen Realität und Einbildung, der auch nie vollständig aufgeklärt wird. Interessant sind die Auswirkungen von Nathanaels Kindheitstrauma auf sein weiteres Leben, auch wenn die „Liebesbeziehung“ zu der Puppe Olimpia ein wenig absurd klingt. Je öfter man das Buch liest, desto besser kann man die Handlung nachvollziehen, obwohl man immer wieder neue Aspekte erkennen kann. In dem Buch findet man viele Motive, zum Beispiel die Augen und der Wahnsinn, die einen weiten Spielraum und viele Deutungsmöglichkeiten zur Interpretation bieten. Außerdem ist der „Sandmann“ eine kurze Novelle, so dass man es in kürzester Zeit lesen kann, was für die Verwendung im Unterricht ganz praktisch ist. Ich habe das Buch schon einmal vor der Behandlung im Unterricht gelesen und fand es damals schon ansprechend, so dass ich die Vertiefung mittels der Hausarbeit ziemlich interessant  fand.


Quellen und Versicherung
 
Textquellen
 
            www.literaturwelt.com
        www.vonarndt.de/sandmann-x.htm
            www.cdrnet.net/kb/data/DE_Hoffmann.asp
             www.in-output.de/AKE/akeFreud.html
        www.carsten-reichert.de/das_unheimliche_nach_freud.pdf
 
[Alle Internetquellen wurden am 22. Dezember 2006 abgerufen]
 
           Multimedia Enzyklopädie, WISSEN digital, 2004: E. T. A. Hoffmann
             Multimedia Enzyklopädie, WISSEN digital, 2004: Sigmund Freud
             Multimedia Enzyklopädie, WISSEN digital, 2004: Romantik
 
             Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, 7. Band: Freud, Sigmund
             Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, 10. Band: Hoffmann, E. T. A.
             Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, 18. Band: Romantik
            E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, Hamburger Leseheft, 174. Heft
 
Bildquellen
 
              eta.staatsbibliothek-berlin.de/de/bildergalerie/index.html
             de.wikipedia.org/wiki/Der_Sandmann_%28Hoffmann%29
 
[Alle Internetquellen wurden am 22. Dezember 2006 abgerufen]
 
Versicherung
 
Ich, Ronja Ballreich, versichere nach bestem Wissen und Gewissen, dass diese Hausarbeit aus einer absolut eigenständigen Leistung entstanden ist und ausnahmslos alle Angaben (Quellen, etc.) richtig und vollständig sind.