5. RENAISSANCE/REFORMATION (1470-1600)
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Der historische Hintergrund ist geprägt durch die allgemeine Zeitenwende vom Mittelalter zur Neuzeit. Es entsteht vor allem didaktische Literatur und Ansätze zur Schriftprosa. Die Herausbildung modernerer Dramenstrukturen (Einteilung in Akte und Szenen) nimmt deutliche Formen an.
Anm. zur Sprache: Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen, wobei es Luther ist, der mit seiner Bibelübersetzung erstmals eine einheitliche deutsche Hochsprache schafft, die grundlegend bis zur Gegenwart ist.
Von Ulrich von Hutten stammt der Ausruf: „O Jahrhundert, o Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben... Die Studien blühen, die Geister regen sich. Barbarei, nimm dir einen Strick und mach dich auf die Verbannung gefasst.“
Thema der Literatur ist vor allem der Bruch mit der Despotie des Mittelalters. Die kirchliche Prägung der Weltanschauung wird abgelehnt: Im Mittelpunkt steht die Erforschung des Menschen, nicht mehr die Entschlüsselung der Geheimnisse Gottes.
Zurück ( „Renaissance“ = Wiedergeburt) zur antiken Anschauung des Menschen (Humanismus) in der Verstrickung seiner persönlichen und sozialen Beschaffenheit. Politisch stellt sich diese Epoche als Bestandteil der ersten frühbürgerlichen Angriffe auf das politische und geistliche Primat von Adel und Kirche dar.
Eine Revolution mit unabsehbaren Folgen und geistigen und politischen Konsequenzen war die Erfindung des Buchdrucks (Gutenberg; erste Gutenberg-Bibel begonnen 1448, vollendet 1450)
Schriften der Renaissance sind auch heute noch Teil der Weltliteratur und in ihren Auswirkungen spürbar:
Dante, Göttliche Komödie (1307 – 1321)
Boccaccio: Decamerone (Novellensammlung) 1349 – 1353
Aufgabe: Lies die Inhaltsangabe des Romans “Helmbrecht” und mache dich mit den gesellschaftspolitischen Hintergründen vertraut.
Wernher der Gartenaere: HeImbrecht
Autor und Entstehungsgeschichte
Vom Autor ist zu vermuten, dass er, wie so viele Dichter des Mittelalters, ein Wanderleben geführt haben dürfte. Fest steht, dass er alle literarischen Werke seiner Zeit kannte und über eine bemerkenswerte philosophisch-theologische Bildung verfügte.
Dass er Gärtner - was der Name andeutet- in einem Kloster an der Salzach gewesen sei, ist nicht bewiesen, das Wort „garten“ kann auch (bettelnd) umherziehen bedeuten. Wohl aber ist aus dem Werk eine Fülle von Ortsnamen herauszulesen, was erlaubt, das Geschehen im sogenannten lnnviertel, südöstlich der Salzach anzusiedeln. Aus Texthinweisen kann auf eine Entstehungszeit zwischen 1250 und 1280 geschlossen werden.
Inhalt
Helmbrecht, der Sohn eines Bauern und Verwalters eines adeligen Gutes (Meier), setzt sich über die Kleiderordnung, die damals für die Bauern galt, hinweg. Er trägt sein lockiges Haar lang über die Schultern und darüber eine Haube, kunstvoll bestickt mit Szenen aus dem Ritterleben. Die Mutter spart sich vieles vom Munde ab und staffiert ihn großzügig weiter aus: mit Hemd und Hose feinster Qualität, mit Rüstung und Schwert, schließlich mit einem Rock mit kristallenen Knöpfen und Glöckchen besetzt. In dieser Aufmachung tritt Helmbrecht vor den Vater und eröffnet ihm, dass sein Sinn nach Höherem strebe: Er will Ritter werden. In dem folgenden Dialog bittet nun der Vater den Sohn, Bauer zu bleiben, der Sohn aber äußert sich nur abfällig über die harte Bauernarbeit. Der Vater spricht von der möglichen Heirat des Sohnes mit einer reichen Bauerntochter, von einem glücklichen, erfüllten Bauernleben, von der Not bei Hofe, davon, dass den Bauernsohn dort niemand ernst nimmt. Er ist sogar bereit, den Hof vorzeitig zu übergeben, um den Sohn davon zu überzeugen:,, din ordenunge ist der phluoc“. Doch alles ist vergebens, so wie er aussehe, glaubt der Sohn, müsse er Ritter werden. Der Vater kauft schließlich zu einem Wucherpreis ein Reitpferd, bittet den Sohn aber weiter inständig zu bleiben, denn wer adelig sein will, muss adelig handeln. Der Sohn träumt aber nur vom künftigen Wohlleben bei Hofe.
Als letztes Argument führt der Vater mehrere Träume an: er hat seinen Sohn blind und verkrüppelt herumziehen sehen. Den Sohn beeindruckt dieser Traum ebenso wenig wie der, in dem der Vater ihn an einem Baume aufgehängt sah. Helmbrecht verlässt den Hof und kommt bei einem Raubritter unter, mit seinen Spießgesellen terrorisiert er das Land.
Nach einem Jahr kommt Helmbrecht nach Hause, gibt sich als großer Herr erst nicht zu erkennen, wirft mit Brocken aus fremden Sprachen um sich und muss schließlich seine Identität an Hand der Namen der väterlichen Ochsen beweisen. Er wird nun bewirtet wie der verlorene Sohn, ein Festmahl wird ihm vorgesetzt. Während des Essens sprechen sie über das Ritterleben früher und jetzt, der Vater entwirft das Idealbild, wie es aus der Literatur des Hochmittelalters bekannt ist. Der Sohn schockiert mit dem völligen Gegenteil: nur von saufen, rauben, betrügen, töten ist die Rede. Nach sieben Tagen will Helmbrecht wieder hinaus, er erzählt von vermeintlichen Untaten anderer, für die er sich rächen muss, alles nur ein Vorwand für das Rauben und Morden. Stolz bekennt er sich zu seinem Räubernamen: Schlingsland (Slintezgeu). Als der Vater vom Gericht spricht, gibt sich Helmbrecht beleidigt, er will den Hof des Vaters nicht mehr schützen und auch die Schwester Gotelind nicht mehr mit einem Spießgesellen verheiraten. Gotelind ist jedoch begierig, den Lämmerschling zu heiraten, sie glaubt wie Helmbrecht daran, von einem Ritter abzustammen, beide verleugnen den Vater. Für die Hochzeit beginnt ein großes Rauben im Land. Als sie vollzogen wird, gibt sich das Raubgesindel vornehm — das Zeremoniell, die Speisen, die Hofämter vom Mundschenk bis zum Truchseß (für die Küche zuständiger Bediensteter): alles wie bei Hofe. Während des Festmahls aber überrascht der Richter mit seinen vier Bütteln die Gesellschaft. Wer sich vorher seines Mutes rühmte, versucht jämmerlich zu fliehen. Alle Raubritter werden hingerichtet, Helmbrecht als warnendes Beispiel kommt verstümmelt und geblendet mit dem Leben davon. Als er nun so vor dem Hof des Vaters steht, erinnert ihn dieser voller bitterem Spott an seine Schandtaten, auch
swie im sin herze krachte:
er was sin verch und sin kint.
Obwohl dem Vater fast das Herz bricht, jagt er ihn davon. Fast ein Jahr schleppt sich Helmbrecht durch die Gegend, als er von fünf Bauern, denen er Schlimmes angetan hatte, gestellt, furchtbar misshandelt und schließlich aufgehängt wird.
Helmbrecht als bedeutendes sozialkritisches Werk des Mittelalters
Zu Unrecht stand „Helmbrecht“ lange Zeit im Schatten der großen Epen des Mittelalters. Einmalig in der Literatur dieser Zeit sind verschiedene Aspekte:
1. „Helmbrecht ist kein höfischer Roman, sondern die erste deutsche Dorfgeschichte.
2. Der Ausgang ist tragisch: Bis auf das Nibelungenlied haben alle Werke dieser Zeit ein „happy end“:
Also standen sie um den Helmbrecht in einem Ring und sprachen:
Sag deine Beicht du Schächer!
Da sagt er ihnen seine Beicht.
Und sprachen aber: Mach Reu und Leid!
Da macht er Reu und Leid.
Während dem brach einer von dem nassen Acker einen Brocken Erden und gab dem
Helmbrecht den Brocken Erden in seine Hand für unseres Herren Leib. Ließen ihm auch eine Frist so lang wie ein Vater Unser.
Taten ihm alsdann einen Strick um seinen Hals, und henkten ihn auf an einem dürren Baum.
Also ist der Traum, der noch ausstand, wahr worden und endt sich die Mär von dem Helmbrecht.
3. Das Alltagsleben der Bauern und Raubritter im 13. Jahrhundert wird prägnant wie sonst kaum dargestellt.
4. Es herrscht ein Konflikt zwischen Rittertum und Bauernstand und vor allem zwischen zwei Generationen.
5. Es zeigt das Weltbild, das im Mittelalter herrschte: Alle Dinge stammen von Gott, wer sich über die gottgewollte Ordnung hinwegsetzt, revoltiert, versündigt sich gegen Gott, ihm kann nicht geholfen werden. Deshalb weist auch der Meier den verstümmelten Sohn von seinem Bauernhof.
Martin Luther
1483 im thüringischen Eisleben geboren, wurde er gegen den Willen des Vaters 1505 Augustinermönch und lehrte als Professor ab 1512 Theologie an der Universität Wittenberg. Die damaligen Praktiken des Ablasshandels, das heißt der Erlass von Sündenstrafen gegen Geld, erregte jedoch bald seine Kritik. 1517 veröffentlichte Luther darüber seine berühmten 95 reformatorischen Thesen. Mit der katholischen Kirche in Konflikt geraten, verbrannte er 1520 inmitten seiner Anhänger eine päpstliche Bannandrohungsbulle, in der er vor dem Ausschluss aus der Kirche gewarnt wurde.
Die Druckereien konnten nach Gutenbergs Erfindung der aus Blei gegossenen beweglichen Lettern Mitte des 15. Jahrhunderts die ÜÜberzeugungen Luthers verbreiten und machten den Inhalt und damit Luthers ostmitteldeutsche Sprache in ganz Deutschland auf Flugschriften (den Vorläufern der Zeitungen) bekannt. Das gilt in noch stärkerem Maß für die Bibelübersetzung, die Luther 1522 nach dem Reichstag von Worms auf der Wartburg begann.
Luthers Bibelübersetzung unterscheidet sich grundlegend von der seiner Vorgänger. Diese hatten sich auf eine frühchristliche Übersetzung ins Lateinische gestützt, die Vulgata, übersetzten also einen bereits übersetzten Text in eine dritte Sprache. Aus Angst, das Wort Gottes zu verfälschen, wurde vielfach Wort für Wort entsprechend der lateinischen Satzkonstruktionen übersetzt, worunter die Verständlichkeit im Deutschen sehr litt. Luther hingegen griff auf den hebräischen und griechischen Urtext zurück und versuchte, den Text einzudeutschen, ohne dessen Sinn zu verfälschen.
In seinem „Sentbrief vom Dolmetschen“ (1530) erklärt Luther seine Sprache, seine Übersetzungstechniken und Mühen:
Ich habe keine (...) eigene Sprache im Deutschen, sondern brauche der gemeinen deutschen Sprache, dass mich beide, Ober- und Niederländer, verstehen mögen. Ich rede nach der sächsischen Kanzlei, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland (...)
Ich hab mich des geflissen im Dolmetschen, dass ich rein und klar Deutsch geben möchte. Und ist uns wohl oft begegnet, dass wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben ein einziges Wort gesucht und gefragt, habens dennoch zuweilen nicht funden (...) Lieber. nu es verdeutscht und bereit ist, kanns ein jeder lesen und meistern (...) wird nicht gewahr, welche Wacken und Klötze da gelegen sind, da er itzt über hin gehet wie über ein gehoffelt Brett (...)
(...) Als wenn Christus spricht.,, Ex abundantia cordis os loquitur‘. Wenn ich den Eseln (Luthers Vorgänger beim Übersetzen; die Verf.) soll folgen, die werden (...) also dolmetschen: „Aus dem Überfluß des Herzens redet der Mund“. Sage mir, ist das deutsch geredt? Welcher Deutscher verstehet solchs? Was ist „Überfluß des Herzens“ für ein Ding? (...) „Überfluß des Herzens“ ist kein Deutsch, so wenig, als das Deutsch ist: (...) „Überfluß des Kachelofens, Überfluß der Bank“, sondern also redet die Mutter im Haus und der gemeine Mann:
„Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über!“
Das heißt gut deutsch geredt (...) Denn man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprachen fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Haus, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drumb fragen und densetbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet.
Aus der ersten, 1446 in Straßburg gedruckten Bibel:
13. Und er sprach zuo in. es ist geschriben: mein haus ist geroufen ein haus des gebets: wann ir habt es gemacht ein gruob der diebe.
14. Und die blinden und die amen gemachten sich zuo im in dem tempel und er gesunt sy.
15. Wann die fursten der pfaffen und die schreiber die sachen die wunder die er tet und die kind rieffen im tempel und sprachen: osanna der sun dauids: sie verunwürdigtens.
Der Erfolg der Lutherbibel war enorm: Von 1522 bis 1534 erschienen 85 Auflagen des Neuen Testaments, bis 1534 die ganze Bibel in Luthers Übersetzung vorlag. Ein Wittenberger Buchdrucker verkaufte allein in 50 Jahren 100 000 Exemplare trotz eines Preises, der den Jahreslohn einer Dienstmagd ausmachte, nämlich zwei Gulden acht Groschen. Ganze Generationen lernten mit der Lutherbibel das Lesen, auch die katholische Seite stützte sich bald bei Neuausgaben auf Luthers Übersetzung.
Luther-Bibel, Ausgabe 1546:
13. Und sprach zu inen. Es stehet geschrieben, Mein Haus soll ein Bethaus heissen, Ir aber habt eine Mördergrube draus gemacht.
14. Und es giengen zu jm Blinde und Lame im Tempel, und er heilete sie.
15. Da aber die Hohenpriester und Schriftgelerten sahen die Wunder, die er that, und die Kinder im Tempel schreien und sagen, Hosianna dem Sohn Davids, wurden sie entrüstet.
Zusammenfassung:
Zwischen dem 14. und 16. Jh. Erlebte Europa große gesellschaftliche Veränderungen: Niedergang des Rittertums und der höfischen Kultur, Aufkommen der Städte mit dem neuen Stand der Bürger. Diese Ereignisse hatten auch Auswirkungen auf die Sprache. Die mittelhochdeutsche Sprache verschwand allmählich, Dialekte herrschten wieder vor. Luthers Bibelübersetzung sorgte für die Verbreitung der neuhochdeutschen Sprache. Luther hat das Neuhochdeutsche nicht entwickelt – doch ihm höchst wirkungsvoll den Weg durch ganz Deutschland zur gemeinsamen Hochsprache geebnet.
Aufgaben:
Erstell eine Liste mit den epochalen Ereignissen der Forschung, der Politik und der Gesellschaft in der Zeit der Renaissance.
Beschreibe die Bedeutung von Martin Luther für die Entwicklung der deutschen Sprache und Literatur.
Übersicht:
Das Zeitalter der Reformation ------------Aufbruch
Das Zeitalter des Barock -----------------relative Geschlossenheit
Das Zeitalter der Aufklärung -------------Fortführung des reformatorischen Aufbruchgedankens
Zusammenfassende Aufgaben und Reflexionsfragen:
Erkläre die Herkunft der Wörter „Rune“, „Buchstabe“ und „lesen“.
Nenne Beispiele moderner Magie und Zauberei. Welchem Zweck sollten solche Praktiken damals und heute dienen?
Suche Werbeslogans mit Stabreim.
Warum kommt es zum Kampf zwischen Hildebrand und seinem Sohn?
Welche Sagen anderer Völker kennst du?
Vergleiche den Ausschnitt aus dem „Heliand“ mit Matthäus 26, 51 f. und begründe den Unterschied.
Woran ist die Herkunft des Nibelungenliedes aus der Völkerwanderungszeit erkennbar?
Erkläre den Aufbau der Nibelungenstrophe
Was ist ein Entwicklungsroman?
Welche Wertvorstellungen vermittelt Gurnemanz seinem Schüler Parzival?
Nimm zur Schuld Parzivals Stellung.
Wie unterscheiden sich hohe und niedere Minne? Warum ist die hohe Minne eine idealisierte Form?
Suche traditionelle und neue Minnesangvorstellungen in „Ir sult sprechen willekomen‘
Bestimme in dem selben Lied Auf- und Abgesang sowie das Reimschema.
Übertrage das Lied „Under der linden‘ in die neuhochdeutsche Sprache.
Im „Helmbrecht“ wird der Verfall des Rittertums aufgezeigt. Weise dies anhand geeigneter Textstellen nach.
Welches mittelalterliche Weltbild liegt dem „Helm brecht” zugrunde?
Welcher Aspekt aus dem „Helmbrecht“ ist heute noch aktuell?
Erkläre den Übergang von der mittel- zur neuhochdeutschen Sprache.
Worin unterscheidet sich die Lutherbibel von früheren Übersetzungen? Erläutere dies anhand des „Sentbriefs vom Dolmetschen“.