I. Begriff


Das Wort "klassisch" stammt vom lateinischen classicus mit dem man Angehörige der höchsten Steuerklasse bezeichnete. In der Bedeutung erstrangig wurde dieses Wort bald auf andere Bereiche übertragen. Heute meint man mit "klassisch" etwas zeitlos Gültiges, Überragendes und Vorbildhaftes. Im schöpferischen Sinne bedeutet es die Orientierung an antiken Stil- und Formmustern. Mit "Klassik" verbindet man allgemein die Epoche des kulturellen Höhepunktes eines Landes. In Deutschland spricht man speziell von der Weimarer Klassik, da in Weimar der Höhepunkt im Schaffensprozess Goethes und Schillers lag. Das Jahr 1786 sieht man mit Goethes Italienreise als den Beginn der Epoche an, das Ende 1832, mit dem Tod Goethes.


II. Historischer Hintergrund


Im Jahre 1789 fand die große Französische Revolution statt. Es kommt zum Zusammentreten der Generalstände. Der Dritte Stand wählt eine Nationalversammlung. Am 14. Juli 1789 wird die Bastille gestürmt. Einen guten Monat später werden die Menschen- und Bürgerrechte erklärt. 1791 unternimmt Ludwig XVI. einen Fluchtversuch. 1792 wird die königliche Familie festgesetzt. Die Herrschaft der Jakobiner bricht an und gleichzeitig auch die Zeit des Terrors. Die Hinrichtung Ludwigs XVI. durch die Guillotine löst Empörung und Bestürzung zugleich in fast allen anderen europäischen Nationen aus. Die Monarchie in Frankreich wird durch die Schreckensherrschaft Robespierres abgelöst. Terrorgesetze, Todesurteile und zahllose Todesvollstreckungen prägen die Jahre 1793 und 1794, bis 1794 Robespierre gestürzt wird. Zwischen 1795 und 1799 ist in Frankreich eine Direktorialregierung eingesetzt.
Durch einen Staatsstreich gelangt Napoleon Bonaparte 1799 an die Macht in Frankreich, er wird zum ersten Konsul. 1804 wird Napoleon zum französischen Kaiser. Das bürgerliche Gesetzbuch, der Code Civil, wird zum Vorbild für die juristische Entwicklung in allen europäischen Nationen. In der Schlacht von Austerlitz 1805 besiegt Napoleon die österreichischen und russischen Truppen. 1806 wird mit der Errichtung einer Kontinentalsperre zur Ausgrenzung Englands begonnen. Im selben Jahr kommt es auch zur Gründung des Rheinbundes, der Schutzherrschaft Napoleons über die rheinischen Staaten, und zur Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. In den Schlachten bei Jena und Auerstedt werden die preußischen Truppen 1806 vernichtend geschlagen.
Zwischen 1807 und 1814 werden in Preußen wichtige Reformen durchgeführt, die wichtige Auswirkungen auf die Gesellschaft hatten: Bauernbefreiung, Selbstverwaltung der Städte, Gewerbefreiheit, Judenemanzipation, Bildungsreform und Heeresreform.
1812 zieht Napoleon gegen Rußland in den Krieg. Da der erhoffte Sieg ausbleibt, tritt er den Rückzug an. 1813 setzen die Befreiungskriege gegen Frankreich ein. Mit der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurde den französischen Truppen ein vernichtender Schlag versetzt. In der Schlacht bei Waterloo 1815 wird Napoleon endgültig besiegt.
1815 regelt der Wiener Kongreß die Neuordnung Europas. Es kommt zur Gründung der Heiligen Allianz zwischen Russland, Österreich und Preußen, und der Gründung des Deutschen Bundes. Damit wird das europäische Gleichgewicht wieder hergestellt und eine langfristige Sicherung des Friedens gewahrt. Die Prinzipien der Neuordnung Europas, wie Restauration, Legitimität und Solidarität, bestimmen die nächsten Jahrzehnte in Deutschland.


III. Philosophischer Hintergrund
Wichtig für die Herausbildung des Idealismus war die Philosophie Immanuel Kants. In seiner "Kritik der reinen Vernunft" (1781-87) untersuchte er die Erkenntnisfähigkeit des Menschen. In der "Kritik der praktischen Vernunft" (1788) versucht er, Gründe für das sittliche Handeln zu finden, das nicht nur auf Konventionen und Geboten beruhen kann, sondern vielmehr durch einen guten Willen bzw. sittlichen Willen resultiert. In der "Kritik der Urteilskraft" (1790) beschäftigte sich Kant auch mit der Ästhetik. Schöne Kunst ist für ihn Kunst eines Genies, denn sie ist exemplarisch.


1. Literatur der Klassik


Die Dichtung der Klassik war sehr vom Idealismus geprägt. Sie zielte auf eine geschlossene Form, auf Vollendung, auf Humanität, auf Sittlichkeit und auf Harmonie. In Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) forderte er eine Wahrnehmung der Kunst, die auch die Gesellschaft befördert. Durch die ästhetische Erziehung wurde die Natur durch die Kunst überwunden, die aber wieder Natur ist, um Harmonie zu erreichen. Ziel der klassischen Dichtung war nicht Abbildung oder Nachahmung der Natur, sondern, das Wesen der Dinge zu erfassen.


     1.1 Klassikverständnis


Das Klassikverständnis ging auf die Betrachtung antiker Bildkunst zurück. Von ihr wurde z.B. durch Winkelmann abgeleitet, was das Schönheitsideal ausmachte. Für Winkelmann war das Menschenbild geprägt durch "edle Einfalt und stille Größe". Edle Einfalt meint die Simplizität des behandelten Stoffes, "stille Größe" eine große Geisteshaltung. Das Verständnis der Tragödie ging auf Sokrates, der Epik auf Homer und der Politik auf die Polis zurück.
Winkelmann war Verwalter der Kunstsammlung des Vatikans. Dadurch wurden antike Bilder in Rom zugänglich. Eine Italienreise wurde so zu einer Bildungsreise, um die Kunstschätze der Antike mit eigenen Augen rezipieren zu können.
    
1.2 Goethe und Schiller als Dichtungstheoretiker

          1.2.1 Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil (1789, Goethe)


Diese Schrift stellt das Ergebnis Goethes Kunstlebens in Italien dar: des Studiums des Natur- und Volkslebens und dem Römischen Karneval. Goethe war selbst als Zeichner tätig. Goethe entwickelte eine Theorie am Beispiel der Bildenden Kunst, da sie am anschaulichsten ist und den Menschen zum Gegenstand hat. In dieser Theorie unterscheidet er zwischen drei Methoden des Kunstschaffens mit Stil als Höhepunkt.


Nachahmung:
Nachahmung (Mimesis) ist die empirische, natürliche Erfassung der Natur. Sie führt zu Realismus und Naturalismus. Nachahmung zeigt aber nur Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten. Bis zum 18. Jahrhundert galt in der Dichtung die Mimesis der Natur als Grundprinzip des Schaffens. Erst mit Herder und Lenz wurde dies abgeschafft.


Manier:
Durch den Gebrauch der Fantasie gelangt man zu Fantasievorstellungen, die nicht auf den Wesen der Dinge beruhen. Die Dinge werden benutzt, um die eigenen Ansichten darzustellen. Manier ist also der Ausdruck des individuellen Sicht der Dinge. Das freie Kunstschaffen des Sturm und Drang beruht auf diesem Dichtungsprinzip.


Stil:
Das Wesen der Dinge und der Gesetze, die es bestimmt, gilt es zu erfassen und darzustellen. Grundlage für Stil ist Mimesis (Realität, empirische Beobachtung) und Manier (Subjektivität). Die drei Dichtungsprinzipien bilden somit eine Synthese. Der Stil ist jedoch das höchste Mittel der Darstellung. Die Gesetzmäßigkeit in den Dingen der Natur erfolgt durch Metamorphose. Sie führt zur Höherentwicklung bis hin zur Vollkommenheit. Dadurch ergibt sich eine harmonische Kontinuität. Durch Mannigfaltigkeit und Polarität in den Dingen wird eine harmonische Einheit geschaffen.


          1.2.2 Einführung in die Propyläen (Goethe)


Die Zeitschrift "Die Propyläen" wurde nach dem Eingangstor der Akropolis benannt. Sie vollzieht den Übergang von Naturwirklichkeit zur Kunstwahrheit. Sie wendet sich an Künstler, um diese zu bilden, Stil zu erreichen. Handwerk ist nur ein Teil der Kunst, hinzu kommen geistiges Wissen und Empfindungen. Bezieht der Künstler sich nur auf sein Talent, kommt es zum Problem der Vereinseitigung. Mit der Darstellung der Schönheit des Menschen soll Vollkommenheit des Rezipienten erreicht werden. Das Stilkunstwerk stellt eine Möglichkeit dar, den schönen Menschen hervorzubringen und Harmonie zu schaffen.


          1.2.3 Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795, Schiller)


Die Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen stellen den Versuch dar, das Schöne zu bestimmen und die Frage nach der Funktion der Kunst innerhalb der Kulturentwicklung des Menschen zu klären, insbesondere in der Zeit nach der Französischen Revolution. Für Schiller ist eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft, wie die Französische Revolution, zum Scheitern verurteilt. Politische Veränderungen können erst erreicht werden, wenn der Mensch seine Harmonie wiedergefunden hat. Schiller fordert eine Erziehung hin zur Wahrnehmung der Kunst, die aus Fantasie und Vernunft das Ideal des selbstbestimmenden Menschen hervorbringt, der immer auch die Sache der Gesellschaft befördert.


          1.2.4 Über naive und sentimentale Dichtung (1795/96, Schiller)


Schiller versucht, in dieser Schrift Voraussetzungen und Merkmale moderner Kunst zu zeigen. Der moderne Dichter befindet sich in einer Welt, die ihm fremd ist: Trennung zwischen Mensch und Natur, Sinnlichkeit und Vernunft stehen der harmonischen Einheit der Antike gegenüber. Für den Dichter der Antike zeigte sich das Ganze seiner Natur in der Wirklichkeit, deshalb konnte der diese Wirklichkeit "naiv" nachahmen. Der moderne Dichter hingegen muss das durch Kultur und Zivilisation verlorene, ursprüngliche Ideal darstellen - sentimentalisch.


          1.2.5 Über Bürgers Gedichte (1791, Schiller)


Als literaturtheoretische Schrift zu Lyrik der Klassik kann Schillers "Über Bürgers Gedichte", eine Rezeption zu Bürgers Gedichten, gelten. Schiller unterscheidet zwischen einem Volkssänger, der zum Volk herabsteigt, und einem Volksdichter, der eine Verbindung zwischen Bildungs- und Massenpublikum herstellen muss. Um Interessen der Bildungselite und der Volksmassen zu treffen, benötigt es, nach Schiller, nach einer "Idealisierkunst", die den richtigen Stoff mit einfacher Darstellung verbindet. Kennzeichnend für den Volksdichter ist "glückliche Wahl des Stoffs und höchste Simplicität in Behandlung desselben". Der "Volkssänger" macht Popularität zu seinem höchsten Gesetz, wie Bürger. Der Abstand zwischen Bildungs- und Massenpublikum kann nur durch Rückgang aufs Allgemein-menschliche, Klarheit und Einfachheit überbrückt werden. Schiller kritisiert Bürger darin, dass er der Popularität die höchste Schönheit aufgeopfert hat. Schiller spielt dabei auch auf den Unterschied zwischen volkstümlicher und kunstvoller Sprache an. Durch die ideelle Ordnung des Weltbildes kommt es zur Entfernung von der Volkstümlichkeit.


     1.3 Beförderung der Humanität am Beispiel Goethes "Hermann und Dorothea" (1797)


Die bedeutenste Gattung für den Klassiker Goethe ist die Epik. Es soll daher in dieser Gattung versucht werden, die Beförderung der Humanität zu klären.


Stoff:
Der Stoff beruht auf der Flucht linksrheinischer Deutscher vor eindringenden französischen Revolutionstruppen zur Zeit der Revolutionskriege, als französische Truppen 1793 ins Ruhrgebiet einfielen. In "Hermann und Dorothea" wurde damit der Versuch unternommen, die jüngste Vergangenheit bzw. Gegenwart zu schildern.


Thema:
Das Thema greift die chaotische Zeiten durch den ersten Koalitionskrieg auf, in dem sich die Ordnung in Auflösung befindet. Der Einzelne ist den Massen unterworfen, das Harmonie-Ideal ist verletzt. Das harmonische Ideal kann nur durch Anteilnahme am Schicksal der anderen bewahrt werden. Die Anteilnahme des Einzelnen am Schicksal aller zeigt sich im Beistehen der Mitmenschen, z.B. durch das Schenken von Kleidern. Das Schicksal führt den Einzelnen wieder zur Gemeinschaft: der Revolutionskrieg ist der Auslöser für das Zusammenfinden Hermanns und Dorotheas und der Wiederherstellung der Harmonie durch Ehe der Beiden am Ende. Das Engagement des Einzelnen für das Gemeinwesen ist Ausdruck von Humanismus und der Vollkommenheit des Menschen. Das natürliche Verhalten des Menschen wird in existenziellen Grundsituationen, wie Ehe, Geburt oder Tod gezeigt. Dauer, Beständigkeit und Festigkeit sind wichtig, um der Auflösung der Ordnung entgegenzuwirken.


Form:
In der Form ähnelt Hermann und Dorothea einem Epos, das sich an der Ilias Homers orientiert, aufgrund der Verwendung klassischer Hexameter und die Unterteilung in Gesänge. Die Musenbezeichnungen für Gesänge ersetzen die Anrufung einer Muse zu Beginn eines Gesangs. Die Vollkommenheit des Inhalts kann nur durch die Vollkommenheit der Form gelingen. Die Handlung ist nicht chronologisch, sondern rückblickend. Die Missverständnisse sind konstruiert. Die Dialoge sind keine dramatische Dialoge, da keine Zielstrebigkeit und keine gegensätzlichen Standpunkte auftauchen. Die Dialoge tendieren zum Ausgleich, sie sind epische Dialoge. Hermann und Dorothea fehlt jedoch das Heroische, wie z.B. Achilles in der Ilias, daher wäre die Verwendung der Genrebezeichnung "Epos" falsch. Da Hermann und Dorothea etwas Alltägliches behandelt und sich um Ausgleich bemüht, ist es besser von einer Idylle, als von einem heroischen Epos, zu sprechen.
Herder versucht in seinen Briefen zur Beförderung der Humanität auf theoretische Weise zu klären, wie Humanität befördert werden kann. Goethe zeigt es praktisch z.B. an Hermann und Dorothea. Ehe, Freundschaft, geistige Übereinkunft führen zu einer harmonischen Menschengemeinschaft. Revolution wirkt sich darauf auflösend aus. Die Vervollkommnung des Menschen soll durch den Tatgedanken und vollkommene Menschen bewirkt werden, z.B. "und es versetze darauf die kluge verständige Hausfrau". Die Figuren repräsentieren das Ideal des Individuums. Sie sind tugendhaft, besitzen Modellcharakter, haben eine Rolle in der Gemeinschaft und sind Ausdruck des Allgemeinen, Wesenhaften, Charakteristischen => Stil. Die Figuren wirken verallgemeinernd und zeigen Grundzüge des menschlichen Verhaltens (z.B. "Geben ist Sache des Reichen").


     1.4 Die klassische Ballade


Um den Abstand zwischen Bildungselite und Volksmassen zu verringern, benötigt es nach Schiller nach einer "Idealisierkunst", die richtige Stoffwahl und höchste Simplizität der Darstellung vereint. Schillers Balladen sind der Versuch, den Abstand zwischen Bildungs- und Massenpublikum durch Rückgang aufs Allgemein-menschliche, Klarheit und Einfachheit zu überbrücken.
Die Balladenproduktion der Klassiker im Jahr 1797 waren Werkstatterfindungen. Die klassische Ballade beschränkt sich auf die Arbeiten Schillers und Goethe in den Jahren 1797 und 1798, die in den "Musenalmanach für das Jahr 1798" und "Musenalmanach für das Jahr 1799" veröffentlicht wurden. Im sog. "Balladenjahr" 1797 machten Schiller und Goethe die Ballade zum Gegenstand eines "bewussten Kunstwillens und ästhetischen Experiments". Im "Musenalmanach für das Jahr 1798" erschienen Goethes "Der Zauberlehrling", "Die Braut von Korinth"," Der Gott und die Bajadere" sowie Schillers "Der Ring des Polykrates", " Der Handschuh", "Ritter Toggenburg" , "Der Taucher" und "Die Kraniche des Ibykus". Im "Musenalmanach für das Jahr 1799" erschienen Schillers "Der Kampf mit dem Drachen" und "Die Bürgschaft".
Schillers Balladenproduktion fällt ganz in die klassische Phase, während sich Goethes Balladenproduktion über seine gesamte Schaffensperiode erstreckt. Die klassische Ballade hält Distanz zur volkstümlichen-germanischen, antik-klassischen, christlich-mittelalterlichen und orientalischen Welt.