7. Die AUFKLÄRUNG
J.J. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag
Ich unterstelle, dass die Menschen jenen Punkt erreicht haben, an dem die Hindernisse, die ihrem Fortbestehen im Naturzustand schaden, in ihrem Widerstand den Sieg davontragen über die Kräfte, die jedes Individuum einsetzen kann, um sich in diesem Zustand zu halten. Dann kann dieser ursprüngliche Zustand nicht weiterbestehen, und das Menschengeschlecht würde zugrunde gehen, wenn es die Art seines Daseins nicht änderte.
Da die Menschen nun keine neuen Kräfte hervorbringen, sondern nur die vorhandenen vereinen und lenken können, haben sie kein anderes Mittel, sich zu erhalten, als durch Zusammenschluss eine Summe von Kräften zu bilden, stärker als jener Widerstand, und diese aus einem einzigen Antrieb einzusetzen und gemeinsam wirken zu lassen.
Diese Summe von Kräften kann nur durch das Zusammenwirken mehrerer entstehen: da aber Kraft und Freiheit jedes Menschen die ersten Werkzeuge für seine Erhaltung sind - wie kann er sie verpfänden, ohne sich zu schaden und ohne die Pflichten gegen sich selbst zu vernachlässigen? Diese Schwierigkeit lässt sich, auf meinen Gegenstand angewandt, so ausdrücken: „Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt und durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor.“ Das ist das grundlegende Problem, dessen Lösung der Gesellschaftsvertrag darstellt.
Die Bestimmungen dieses Vertrages sind durch die Natur des Aktes so vorgegeben, dass die geringste Abänderung sie null und nichtig machen würde: so dass sie, wiewohl sie vielleicht niemals förmlich ausgesprochen wurden, allenthalben die gleichen sind, allenthalben stillschweigend in Kraft und anerkannt: bis dann, wenn der Gesellschaftsvertrag verletzt wird, jeder wieder in seine ursprünglichen Rechte eintritt, seine natürliche Freiheit wiedererlangt und dadurch die auf Vertrag beruhende Freiheit verliert, für die er die seine aufgegeben hatte.
Diese Bestimmungen lassen sich bei richtigem Verständnis sämtlich auf eine einzige zurückführen, nämlich die völlige Entäußerung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes. Denn erstens ist die Ausgangslage, da jeder sich voll und ganz gibt, für alle die gleiche, und da sie für alle gleich ist, hat keiner ein Interesse daran, sie für die anderen beschwerlich zu machen.
Darüber hinaus ist die Vereinigung, da die Entäußerung ohne Vorbehalt geschah, so vollkommen, wie sie nur sein kann, und kein Mitglied hat mehr etwas zu fordern: denn wenn den einzelnen einige Rechte blieben, würde jeder - da es keine allen übergeordnete Instanz gäbe, die zwischen ihm und der Öffentlichkeit entscheiden könnte - bald den Anspruch erheben, weil er in manchen Punkten sein eigener Richter ist, es auch in allen zu sein; der Naturzustand würde fortdauern, und der Zusammenschluss wäre dann notwendig tyrannisch oder inhaltslos.
Schließlich gibt sich jeder, da er sich allen gibt, niemandem, und da kein Mitglied existiert, über das man nicht das gleiche Recht erwirbt, das man ihm über sich einräumt, gewinnt man den Gegenwert für alles, was man aufgibt, und mehr Kraft, um zu bewahren, was man hat.
Wenn man also beim Gesellschaftsvertrag von allem absieht, was nicht zu seinem Wesen gehört, wird man finden, dass er sich auf folgendes beschränkt: Gemeinsam stellen wir alle, jeder von uns seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Richtschnur des Gemeinwillens; und wir nehmen, als Körper, jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.
Dieser Akt des Zusammenschlusses schafft augenblicklich anstelle der Einzelperson jedes Vertragspartners eine sittliche Gesamtkörperschaft, die aus ebenso vielen Gliedern besteht, wie die Versammlung Stimmen hat, und die durch ebendiesen Akt ihre Einheit, ihr gemeinschaftliches Ich, ihr Leben und ihren Willen erhält. Diese öffentliche Person, die so aus dem Zusammenschluss aller zu Stande kommt, trug früher den Namen Polis, heute trägt sie den der Republik oder der staatlichen Körperschaft, die von ihren Gliedern Staat genannt wird, wenn sie passiv, Souverän, wenn sie aktiv ist, und Macht im Vergleich mit ihresgleichen. Was die Mitglieder betrifft, so tragen sie als Gesamtheit den Namen Volk, als einzelne nennen sie sich Bürger, sofern sie Teilhaber an der Souveränität, und Untertanen, sofern sie den Gesetzen des Staates unterworfen sind.
Rousseau, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag. Übersetzt und hrsg. von Hans Brockard. Stuttgart: Philipp Reclam jun. Verlag 1977, S. 16 ff.
Arbeitsaufträge
1. Charakterisiere die Situation des Menschen im Naturzustand.
2. Wie sieht Rousseaus Konzept des Gesellschaftsvertrags aus?
3. Was für ein Demokratieverständnis liegt hier vor?
G. E. Lessing: Nathan der Weise (Ausschnitt)
ZWEYTER AUFTRITT.
RECHA, und die VORIGEN.
RECHA.
So seyd Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
Ich glaubet’, Ihr hättet Eure Stimme nur
Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge,
Für Wüsten, was für Ströme trennen uns
Denn noch? Ihr athmet Wand an Wand mit ihr,
Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?
Die arme Recha, die indeß verbrannte! -
Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!
Es ist ein garst’ger Tod, verbrennen. O!
NATHAN.
Mein Kind! mein liebes Kind!
RECHA.
Ihr musstet über
Den Euphrat, Tygris, Jordan; über - wer
Weiß was für Wasser all? - Wie oft hab’ ich
Um Euch gezittert, eh das Feuer mir
So nahe kam! Denn seit das Feuer mir
So nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben
Erquickung, Labsal, Rettung. - Doch Ihr seyd
Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht
Verbrannt. Wie wollen wir uns freuen, und GOtt,
GOtt loben! Er, er trug Euch und den Nachen
Auf Flügeln seiner u n s i c h t b a r e n Engel
Die ungetreuen Ström’ hinüber. Er,
Er winkte meinem Engel, dass er s i c h t b a r
Auf seinem weißen Fittiche, mich durch
Das Feuer trüge -
NATHAN. (bey Seite.)
Weißem Fittiche!
Ja, ja! der weiße vorgespreitzte Mantel
Des Tempelherrn.
RECHA.
Er sichtbar, sichtbar mich
Durchs Feuer trüg’, von seinem Fittiche
Verweht. - Ich also, ich hab’ einen Engel
Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
Und m e i n e n Engel.
NATHAN.
Recha wär’ es werth;
Und würd’ an ihm nichts schönres sehn, als er
An ihr.
RECHA. (lächelnd.)
Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem?
Dem Engel, oder Euch?
NATHAN.
Doch hätt’ auch nur
Ein Mensch - ein Mensch, wie die Natur sie täglich
Gewährt, dir diesen Dienst erzeigt: er müßte
Für dich ein Engel seyn. Er müßt’ und würde.
RECHA.
Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;
Es war gewiß ein wirklicher! - Habt Ihr,
Ihr selbst die Möglichkeit, dass Engel sind,
dass GOtt zum Besten derer, die ihn lieben,
Auch Wunder könne thun, mich nicht gelehrt?
Ich lieb’ ihn ja.
NATHAN.
Und er liebt dich; und thut
Für dich, und deines gleichen, stündlich Wunder;
Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit
Für euch gethan.
RECHA.
Das hör’ ich gern.
NATHAN.
Wie? weil
Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge,
Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
Gerettet hätte: sollt’ es darum weniger
Ein Wunder seyn? - Der Wunder höchstes ist,
dass uns die wahren, echten Wunder so
Alltäglich werden können, werden sollen.
Ohn’ dieses allgemeine Wunder, hätte
Ein denkender wohl schwerlich Wunder je
Genannt, was Kindern bloß so heißen müßte,
Die gaffend nur das Ungewöhnlichste,
Das Neuste nur verfolgen.
DAJA. (zu NATHAN.)
Wollt Ihr denn
Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn
Durch solcherley Subtilitäten ganz
Zersprengen?
NATHAN.
Laß mich! - Meiner Recha wär’
Es Wunders nicht genug, dass sie ein M e n s c h
Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder!
Denn wer hat schon gehört, dass Saladin
Je eines Tempelherrn verschont? dass je
Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freyheit
Mehr als den ledern Gurt gebothen, der
Sein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch?
RECHA.
Das schließt für mich, mein Vater. - Darum eben
War das kein Tempelherr; er schien es nur. -
Kömmt kein gefangner Tempelherr je anders
Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;
Geht keiner in Jerusalem so frey
Umher: wie hätte mich des Nachts freywillig
Denn einer retten können?
NATHAN.
Sieh! wie sinnreich.
Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab’ es ja
Von dir, dass er gefangen hergeschickt
Ist worden. Ohne Zweifel weißt du mehr.
DAJA.
Nun ja. - So sagt man freylich; - doch man sagt
Zugleich, dass Saladin den Tempelherrn
Begnadigt, weil er seiner Brüder einem,
Den er besonders lieb gehabt, so ähnlich sehe.
Doch da es viele zwanzig Jahre her,
dass dieser Bruder nicht mehr lebt, - er hieß,
Ich weiß nicht wie; - er blieb, ich weiß nicht wo: -
So klingt das ja so gar - so gar unglaublich,
dass an der ganzen Sache wohl nichts ist.
NATHAN.
Ey, Daja! Warum wäre denn das so
Unglaublich? doch wohl nicht - wie’s wohl geschieht -
Um lieber etwas noch unglaublichers
Zu glauben? - Warum hätte Saladin,
Der sein Geschwister insgesammt so liebt,
In jüngern Jahren einen Bruder nicht
Noch ganz besonders lieben können? - Pflegen
Sich zwey Gesichter nicht zu ähneln? - Ist
Ein alter Eindruck ein verlorner? - Wirkt
Das Nehmliche nicht mehr das Nehmliche? –
Seit wenn? - Wo steckt hier das Unglaubliche?–
Ey freylich, weise Daja, wär’s für dich
Kein Wunder mehr; und d e i n e Wunder nur
Bedürf - verdienen, will ich sagen, Glauben.
DAJA.
Ihr spottet.
NATHAN.
Weil du meiner spottest. - Doch
Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung
Ein Wunder, dem nur möglich, der die strengsten
Entschlüsse, die unbändigsten Entwürfe
Der Könige, sein Spiel - wenn nicht sein Spott -
Gern an den schwächsten Fäden lenkt.
RECHA.
Mein Vater!
Mein Vater, wenn ich irr’, Ihr wißt, ich irre
Nicht gern.
NATHAN.
Vielmehr, du läßst dich gern belehren. -
Sieh! eine Stirn, so oder so gewölbt;
Der Rücken einer Nase, so vielmehr
Als so geführet; Augenbraunen, die
Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen
So oder so sich schlängeln; eine Linie,
Ein Bug, ein Winkel, eine Falt’, ein Mahl,
Ein Nichts, auf eines wilden Europäers
Gesicht: - und du entkömmst dem Feur, in Asien?
Das wär’ kein Wunder, wundersücht’ges Volk?
Warum bemüht ihr denn noch einen Engel?
DAJA.
Was schadets - Nathan, wenn ich sprechen darf -
Bey alle dem, von einem Engel lieber
Als einem Menschen sich gerettet denken?
Fühlt man der ersten unbegreiflichen
Ursache seiner Rettung nicht sich so
Viel näher?
NATHAN.
Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf
Von Eisen will mit einer silbern Zange
Gern aus der Gluth gehoben seyn, um selbst
Ein Topf von Silber sich zu dünken. - Pah! -
Und was es schadet, fragst du? was es schadet?
Was hilft es? dürft ich nur hinwieder fragen. -
Denn dein „Sich Gott um so viel näher fühlen,“
Ist Unsinn oder Gotteslästerung. -
Allein es schadet; ja, es schadet allerdings. -
Kommt! hört mir zu. - Nicht wahr? dem Wesen, das
Dich rettete, - es sey ein Engel oder
Ein Mensch, - dem möchtet ihr, und du besonders,
Gern wieder viele große Dienste thun? -
Nicht wahr? - Nun, einem Engel, was für Dienste,
Für große Dienste könnt ihr dem wohl thun?
Ihr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen;
Könnt an dem Tage seiner Feyer fasten,
Almosen spenden. - Alles nichts. - Denn mich
Deucht immer, dass ihr selbst und euer Nächster
Hierbey weit mehr gewinnt, als er. Er wird
Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
Durch eur Entzücken; wird nicht mächtiger
Durch eur Vertrauen. Nicht wahr? Allein ein Mensch!
DAJA.
Ey freylich hätt’ ein Mensch, etwas für ihn
Zu t h u n, uns mehr Gelegenheit verschafft.
Und GOtt weiß, wie bereit wir dazu waren!
Allein er wollte ja, bedurfte ja
So völlig nichts; war in sich, mit sich so
Vergnügsam, als nur Engel sind, nur Engel
Seyn können.
RECHA.
Endlich, als er gar verschwand ...
NATHAN.
Verschwand? - Wie denn verschwand? - Sich untern Palmen
Nicht ferner sehen ließ? - Wie? oder habt
Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?
DAJA.
Das nun wohl nicht.
NATHAN.
Nicht, Daja? nicht? - Da sieh
Nun was es schadt! - Grausame Schwärmerinnen! -
Wenn dieser Engel nun - nun krank geworden! ...
RECHA.
Krank!
DAJA.
Krank! Er wird doch nicht!
RECHA.
Welch kalter Schauer
Befällt mich! - Daja! - Meine Stirne, sonst
So warm, fühl! ist auf einmahl Eis.
NATHAN.
Er ist
Ein Franke, dieses Klima’s ungewohnt;
Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,
Des Hungerns, Wachens ungewohnt.
RECHA.
Krank! krank!
DAJA.
Das wäre möglich, meint ja Nathan nur.
NATHAN.
Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld
Sich Freunde zu besolden.
RECHA.
Ah, mein Vater!
NATHAN.
Liegt ohne Wartung, ohne Rath und Zusprach,
Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!
RECHA.
Wo? wo?
NATHAN.
Er, der für eine, die er nie
Gekannt, gesehn - genug, es war ein Mensch -
Ins Feur sich stürzte ...
DAJA.
Nathan, schonet ihrer!
NATHAN.
Der, was er rettete, nicht näher kennen,
Nicht weiter sehen mocht’, - um ihm den Dank
Zu sparen ...
DAJA.
Schonet ihrer, Nathan!
NATHAN.
Weiter
Auch nicht zu sehn verlangt’, - es wäre denn,
dass er zum zweyten Mahl es retten sollte -
Denn gnug, es ist ein Mensch ...
DAJA.
Hört auf, und seht!
NATHAN.
Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts -
Als das Bewußtseyn dieser That!
DAJA.
Hört auf!
Ihr tödtet sie?
NATHAN.
Und du hast ihn getödtet? -
Hättst so ihn tödten können. - Recha! Recha!
Es ist Arzney, nicht Gift, was ich dir reiche.
Er lebt! - komm zu dir! - ist auch wohl nicht krank;
Nicht einmahl krank!
RECHA.
Gewiß? - nicht todt? nicht krank?
NATHAN.
Gewiß, nicht todt! - denn GOtt lohnt Gutes, hier
Gethan, auch hier noch. - Geh! - Begreifst du aber,
Wie viel a n d ä c h t i g s c h w ä r m e n leichter, als
G u t h a n d e l n ist? wie gern der schlaffste Mensch
Andächtig schwärmt, um nur, - ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt -
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?
RECHA.
Ah,
Mein Vater! laßt, laßt Eure Recha doch
Nie wiederum allein! - Nicht wahr, er kann
Auch wohl verreist nur seyn? -
Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1997, S. 19 ff.
M 1.1E
Die Ringparabel [Nathan der Weise III, 7]
Gotthold Ephraim Lessing
M 1.1E Leitfragen/Arbeitsaufträge
Der Sultan Saladin, ein Muselmann, fragt den Juden Nathan, welche der Religionen, Islam, Christentum oder Judentum, die wahre sei. Nathan, der Jude, antwortet als Weiser mit einer Geschichte, der Ringparabel.
A Referieren Sie knapp den Inhalt der Geschichte mit den Ringen.
B Wie will Nathan die Geschichte verstanden wissen? Nennen Sie damit die Deutung der Parabel.
C Was will Lessing mit der Ringparabel, dem Kernstück seines Dramas „Nathan der Weise“, aussagen?
3. Aufzug, 7. Auftritt
[...]
NATHAN.
Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Werth’
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
dass ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bey seinem Hause zu
Erhalten? Nehmlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem Geliebtesten;
Und setzte fest, dass dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sey; und stets der Liebste,
Ohn’ Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. -
Versteh mich, Sultan.
SALADIN.
Ich versteh dich. Weiter!
NATHAN.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drey Söhnen;
Die alle drey ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drey er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, - so wie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergiessend Herz
Die andern zwey nicht theilten, - würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, so lang es ging. - Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwey
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. - Was zu thun? -
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bey dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwey andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden ins besondre;
Giebt jedem ins besondre seinen Seegen, -
Und seinen Ring, - und stirbt. - Du hörst doch, Sultan?
SALADIN. (der sich betroffen von ihm gewandt)
Ich hör, ich höre! - Komm mit deinem Mährchen
Nur bald zu Ende. - Wirds?
NATHAN.
Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. -
Kaum war der Vater todt, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring’, und jeder will der Fürst
Des Hauses seyn. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; -
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt – der rechte Glaube.
SALADIN.
Wie? das soll
Die Antwort seyn auf meine Frage? ..
NATHAN.
Soll
Mich blos entschuldigen, wenn ich die Ringe,
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.
SALADIN.
Die Ringe! - Spiele nicht mit mir! - Ich dächte,
dass die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!
NATHAN.
Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. -
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! - Und
Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? - Nicht? -
Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -
Wie kann ich meinen Vätern weniger,
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. -
Kann ich von dir verlangen, dass du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nehmliche gilt von den Christen. Nicht? -
SALADIN.
(Bey dem Lebendigen! Der Mann hat Recht.
Ich muss verstummen.)
NATHAN.
Laß auf unsre Ring’
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. - Wie auch wahr! - Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Geniessen. - Wie nicht minder wahr! - Der Vater,
Betheu’rte jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen seyn; und eh’ er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen laß’: eh’ müß’ er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sey, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräther
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.
SALADIN.
Und nun, der Richter? - Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!
NATHAN.
Der Richter sprach: wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis’ ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich Räthsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis dass der rechte Ring den Mund eröffne? -
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! - Nun; wen lieben zwey
Von euch am meisten? - Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach aussen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? - O so seyd ihre alle drey
Betrogene Betrieger! Eure Ringe
Sind alle drey nicht echt. Der echte Ring
Vemuthlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drey für einen machen.
SALADIN.
Herrlich! herrlich!
NATHAN.
Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rath, statt meines Spruches,
wollt: Geht nur! - Mein Rath ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. - Möglich; dass der Vater nun
Die Tyranney des Einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden wollen! - Und gewiß;
dass er euch alle drey geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwey nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. - Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurtheilen freyen Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmuth,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott,
Zu Hülf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bey euern Kindes-Kindeskindern äussern:
So lad’ ich über tausend tausend Jahre,
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
Als ich; und sprechen. Geht! - So sagte der
Bescheidne Richter.
Lessing, Gotthold Ephraim: Nathan der Weise. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1997, S. 135 ff.
Arbeitsaufträge:
1. Wie stellt Recha ihre Rettung dar?
2. Wie reagiert Nathan auf die Darstellung ihrer Rettung durch den Tempelherrn?
3. Welche Intention Lessings lässt sich aus dieser Szene ableiten?
4. Erläutere die Funktion der drei Ringe in der Ringparabel.
5. Welche Ansprüche an das Wesen von Religion lässt sich daraus ableiten?
Lessing zu seinem Stück „Emilia Galotti“
Wolfenbüttel, 25. Oktober 1772
[...] dass meine Emilia auch bei der Vorstellung in Wien nicht mißfallen, ist mir sehr lieb gewesen. Aber über einen einzigen Umstand dabei kann ich mich unmöglich enthalten, mein äußerstes Befremden zu bezeugen. Wien hat jetzt die einzige Person, von welcher ich glaube, dass sie die Orsina würde gut gemacht haben; und diese einzige Person hat gerade diese Rolle nicht gemacht, hat überhaupt keine Rolle in dem Stücke gemacht. Was soll ich davon denken? Entweder ist das Wiener Theater auf einer Staffel der Vollkommenheit, von der ich mir keinen Begriff machen kann; oder auf einer Staffel der Mittelmäßigkeit, von der ich mir keinen Begriff machen will. Ich bin kein persönlicher Freund von Madame Henselin. Aber ich muss ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass ich noch keine Aktrice gefunden, die das, was sie zu sagen hat, mehr versteht, und mehr empfinden lässt, dass sie es versteht. Wo man dieser Vollkommenheit, die ich für die höchste eines Schauspielers halte, ein wenig mehr Jugend und Schönheit, ein wenig mehr Anstand, ein wenig mehr von dem elenden Dinge, das man Air der großen Welt nennet, vorziehen kann, da ist man sicherlich in der Empfindung des Wahren noch sehr weit zurück. Ich will nicht glauben, dass dieses so ganz der Fall in Wien ist [...].
Nur eines möchte ich, in Betreff der Emilia, von Eur Hochwohlgeb. noch wissen: Ob und mit was für Veränderungen man sie aufgeführet? Denn dass man ein Stück von mir in Wien ohne Veränderungen aufführen werde; das habe ich nach dem, was meine Stücke beständig daselbst erfahren, gar nicht zu erwarten. Selbst aus dem einen Theaterkalender habe ich gesehen, dass man noch kein einziges aufgeführt, ohne dass es nicht dieser oder jener Herr entweder überarbeitet, oder verkürzt, oder für das dasige Theater eingerichtet hätte. Ich erinnere mich, dass ich vor einigen Jahren, als ich einmal die Ehre hatte, dem Hrn. von Sonnenfels zu antworten, mich nicht entbrechen konnte, ihm meine Empfindlichkeit über ein solches Verfahren zu bezeigen, dem auf keinem andern Theater auch nicht der geringste Stümper ausgesetzt ist, ja dieser auch selbst nicht auf dem Wiener Theater. Doch der Hr. von Sonnenfels fand für gut, lieber seine Korrespondenz ganz aufzuheben, als mir hierauf zu antworten. [...]
Lessing, Gotthold Ephraim: Brief an Philipp Tobias Gebler. In: Briefe deutscher Klassiker. Mit der Ungeduld des ganzen Herzens. Hrsg. von Kurt Fassmann. Herrsching, Wien: Manfred Pawlak Verlagsgesellschaft mbH 1981, S. 141 f.
Arbeitsaufträge:
1. Mit welchen Problemen ist Lessing bezüglich der zeitgenössischen Aufführungspraxis seines Stückes „Emilia Galotti“ befasst?
2. Verfasse einen Brief, in dem Lessing beim Theaterdirektor seine Vorstellungen zur Konzeption einer Figur auf dem Theater vorbringt.