Thema: „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende
Fortführung der Geschichte von Seite 428:
„Bastian Balthasar Bux“, brummte er, „wenn ich mich nicht irre, dann wirst du noch manch einem den Weg nach Phantásien zeigen, damit er uns das Wasser des Lebens bringt.“
Und Herr Koreander irrte sich nicht.
Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden und zwar jetzt und hier:
Die Winterferien waren vorbei und somit fing die Schule auch wieder an. Maria, das kleine 9jährige Mädchen, hatte so gar keine Lust aus ihrem warmen kuscheligen Bett zu klettern, durch den kalten, grauen Wintermorgen zu laufen und in die Schule zu gehen. Sie hatte etwas Bammel vor der Schule. Na sagen wir eher, sie fühlte sich unwohl, wenn sie an ihre Mitschüler dachte. Die anderen Kinder aus ihrer Klasse hänselten sie oft, auf Grund ihrer roten Haare und ihres buckligen Vaters. Dabei fand Maria ihre langen kastanienroten Haare wunderschön und ihre Mutter und ihr Vater waren in ihren Augen die liebevollsten Eltern, die sie sich vorstellen konnte. Aber all die Gedanken die sie hegte, von wegen Bauchschmerzen und zu Hause bleiben hatten eh keinen Sinn und das wusste sie auch. Denn ihre Mutter hätte sie sofort durchschaut und ihr nie eine Entschuldigung geschrieben. Also wälzte sie sich aus ihrem warmen kuscheligen Bett, ging ins Badezimmer und wusch sich. Nachdem sie angezogen war und ihre Schultasche gepackt hatte, ging sie in die Küche und setzte sich an den gedeckten Frühstückstisch, wo der warme Kakao und ein geschmiertes Brötchen schon auf sie warteten. In aller Seelenruhe frühstückte Maria.
Sie verließ das Haus mit einem Lächeln auf dem Gesicht, denn sie hatte in den ersten beiden Stunden Naturkunde und dies war ihr absolutes Lieblingsfach. Sie lief schnellen Schrittes durch den blütenweißen, knarrenden Schnee und erreichte die Schule. Als sie den Schulhof betrat war dieser leer, und die letzten Schüler verschwanden im Gebäude. Maria beschleunigte ihren Schritt, und war froh heute nicht von ihren Mitschülern geärgert zu werden. Kaum war sie im Gebäude, fiel auch schon hinter ihr die schwere Eichentür ins Schloss. Sie betrat zusammen mit ihrer Lehrerin den Klassenraum. Als der Unterricht endlich begann und Ruhe in die Klasse kam, deutete Frau Prandtl Maria aus, um die alte ausgestopfte Eule vom Speicher zu holen. Maria ging sofort los.
Sie kannte den Weg, da sie sich des öfteren dort oben versteckte, denn dies war der einzige Ort, wo sie vor den anderen Kindern ihre Ruhe hatte.
Maria war nun oben angekommen und betätigte den alten klackenden Lichtschalter. Die Eule stand in der hintersten Ecke des Schulspeichers. Auf dem Weg, hin zur Eule, fiel ihr Augenmerk auf ein seltsames kupferfarbenes altes Buch, welches ihr vorher noch nie aufgefallen war. Sie nahm es in die Hand und blies behutsam den Staub vom Deckel, welcher wie von Zauberhand schwebte, man hörte förmlich wie die Staubkörner den Boden berührten. Nun konnte sie den Buchtitel lesen. Und dieser lautete „Die Unendliche Geschichte“. Sie fand diesen Titel sehr interessant und beschloss kurzerhand das Buch einfach mitzunehmen, denn wenn ein Buch so verstaubt war, dann würde es wohl auch keiner vermissen.
Also steckte sie sich das Buch unter ihren Rollkragenpullover, holte die Eule und brachte sie in den Klassenraum. Maria konnte es kaum erwarten nach Hause zu gehen. In den kommenden Schulstunden konnte sie sich nicht konzentrieren. Ihre Gedanken waren an das Buch gefesselt und somit fiel es ihr sehr schwer dem Unterricht zu folgen. Als sie endlich in ihrem Zimmer angekommen war, legte sie das Buch ganz vorsichtig auf ihr Bett, holte sich ein paar Decken aus dem Wäscheschrank der Mutter und sammelte im ganzen Haus die Kissen ein. Dann nahm sie sich die Gummibärchen aus dem Küchenschrank, welche von ihrer Mutter dort gut versteckt waren und auch ihre kleine blaue Taschenlampe. Nun hatte sie alle wichtigen Dinge bei sich um einen gemütlichen Lesenachmittag zu haben. Sie legte zwei Decken unter ihren Schreibtisch. Die anderen beiden Decken breitete sie über dem Schreibtisch so aus, dass die Tischseiten verhangen waren. Nun legte sie sich die Kissen unter dem Tisch so zurecht, dass man sofort beim hinsehen die Gemütlichkeit bemerkte. Danach krabbelte sie mit dem Buch, den Gummibärchen und der Taschenlampe unter den Tisch und schmiegte sich in die Kissen und Decken. Maria legte sich auf den Bauch und fing an zu lesen.
Das Buch begann mit der Geschichte eines 10jährigen Jungen namens Bastian Balthasar Bux, welcher ein Buch in einem Antiquariat gestohlen hatte und sich mit diesem auf dem Speicher der Schule versteckte. Als Maria den Vorspann gelesen hatte, dachte sie über das Gelesene nach:
War der Junge auf einer ähnlichen Schule wie ich?
Ist die Geschichte wirklich so passiert?
Wie lange ist es her?
Wie alt ist Bastian jetzt?
Maria fand das Buch sehr schön, besonders gefielen ihr die 26 Bilder im Buch, mit jedem Bild wurde ein neues Kapitel eröffnet. Beeindruckt sah Maria sich die Verzierungen des Buches an, so etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Das Buch war in zwei Farben gedruckt und mit viel Liebe entstanden, das erkannte sie trotz ihrer jungen Jahre sofort. Den Grund dafür konnte sie zwar nicht erklären, aber sie merkte sofort, dass dieses Buch etwas ganz Besonderes darstellte. Maria wurde vor lauter Begeisterung über das Buch so müde, dass sie einschlief.
Während sie schlief geschah etwas sehr Seltsames. Es war, als ob sich die Farben des Buches miteinander vermischten und neue entstanden. Es fand ein Festival der Farben von nie dagewesener Schönheit statt. Aber dies war noch lange nicht alles. Auch die Buchstaben blieben nicht auf ihrem ursprünglichen Platz. Sie vermischten sich ebenso. Es schien, als ob sie von einem Pinsel zur Buchmitte hingewischt wurden und von dort dann im Einklang mit den Farben, ohne eine Spur von Hektik sich auf ihren neuen Platz auf den einzelnen Seiten machten. Lemmingen gleich suchten die Buchstaben ihren vorbestimmten Platz. Erst entstanden nur kleine Silben, dann Worte und schließlich Sätze. Somit bildete sich eine ganz neue Geschichte, die ganz persönliche Geschichte von Maria.
Als Maria nach einiger Zeit aufwachte, nahm sie das Buch wieder in die Hand. Ihr fiel die Veränderung sofort auf. Sehr verwundert schaute sie sich das Buch an. Als sie es genauer betrachtete, sah sie, dass der Vorspann mit dem kleinen Jungen verschwunden war, statt dessen fing das Buch mit ihrer eigenen kleinen Geschichte an. Maria las behutsam die ersten Zeilen und schlug dann ganz vorsichtig das erste Kapitel auf. Auf der ersten Seite des ersten Kapitels war ein Clown mit einem Blumenstrauß abgebildet und in kunterbunten Lettern stand darüber „DER TRAUERCLOWN“.
Die kommenden Geschichten, Gedichte und Verse waren, je nachdem, spannend, heiter oder auch traurig. Aber all diese Dinge gehören zu Marias eigener Geschichte und können nur von ihr erzählt werden. Vielleicht wird uns irgendwann einmal die Möglichkeit gegeben, an ihrer Geschichte teilzuhaben.
Darstellung der Bedeutung und Stellungnahme zu meiner eigenen Geschichte
In meiner Geschichte, die von Maria und ihren ersten Erfahrungen mit der Unendlichen Geschichte erzählt, soll aufgezeigt werden, dass es immer jemanden geben wird, der sich auf die Bücher und ihre Inhalte einlässt. Es wird, selbst in unserer multimedialen Zeit, immer wieder junge oder alte Menschen geben, die sich in die Welt der Bücher hineinversetzen und dort neue Dinge für ihr Leben entdecken können. Für jeden stellen Bücher etwas anderes dar, jeder liest sie mit seinen eigenen Augen und schenkt ihnen die ganz spezielle Aufmerksamkeit.
In meiner Geschichte wird dieser differenzierte Blickwinkel durch den Wechsel der Farben und der Neuanordnung der Buchstaben angedeutet. Dies ist der Augenblick, in dem Maria in ihre eigene kleine Traumwelt eintritt. Sie gibt ihren Fantasien den Spielraum, den sie verdient haben. Sie lässt sich auf das Abenteuer ein, bei dem sie für sich und ihr eigenes Leben nur gewinnen kann. Beim Lesen der Geschichte ist mir im Nachhinein aufgefallen, dass ich bewusst oder unbewusst einige Parallelen zwischen Bastian und Maria gezogen habe. Beides sind heranwachsende Kinder und fühlen sich nicht recht wohl in ihrer Haut. Der Aufbau der Geschichte von Bastian verkörpert in meinen Augen eher die Wünsche und Sehnsüchte der Jungen, wie zum Beispiel die Attribute Macht und Stärke. Maria ist somit für mich der weibliche Gegenpart dazu. Sie sucht den Frieden und die Harmonie der Gefühle, welche sich in der Geschichte vom Trauerclown finden lassen.
Phantásien dient dazu, denen zu helfen, die in der sogenannten äußeren Welt nicht vollkommen sind und deren Lebensabläufe sich etwas schwieriger gestalten, auf Grund der Hänseleien zum Beispiel. Sie bauen sich ihre eigene Traumwelt auf und eignen sich dort all die Möglichkeiten und Fähigkeiten an, die sie sich schon immer wünschten. Diese Erfahrung im Unbewussten gibt ihnen die Fähigkeit, in der äußeren Welt einfacher und selbstbewusster mit sich und den Anderen umzugehen. Geschichten geben jedem die Möglichkeit die Welt und die Geschehnisse besser zu verarbeiten und zu verstehen.
In meiner Geschichte ist der Beginn des ersten Kapitels und somit auch das Ende der Geschichte sehr bewusst gewählt. Der abgebildete Clown mit dem Blumenstrauß und die kunterbunten Letter, welche die Worte „Der Trauerclown“ formen, stehen für mich für die äußere Fassade und die innere Wirklichkeit. Der Clown ist im Allgemeinen als fröhlicher Zeitgenosse bekannt und hat es sich zur Aufgabe gemacht die Menschen zu erheitern. Schon mit etwas Farbe im Gesicht verwandelt er sich zu einem ganz anderen Menschen. Dann ist er zum Beispiel nicht mehr Karl Müller sondern Jackomo, der Clown.
Nun wird von ihm grenzenlose Begeisterung erwartet und seine persönlichen Gefühle müssen hinten anstehen, denn wer lacht schon über einen traurigen Clown. Und ebenso fühlen auch wir uns oft.
Wir versuchen uns meistens den gesellschaftlichen Normen anzupassen, obwohl wir dann etwas von unserer eigenen Meinung einbüßen. Das Leben ist halt meistens einfacher und bequemer, wenn man mit dem Strom schwimmt.
Und genau dies versteht Maria bzw. ich nicht. Deshalb heißt das erste Kapitel auch: „Der Trauerclown“.
Es haben sich mir folgende Fragen gestellt:
Warum erwartet man immer, dass ein Clown fröhlich ist?
Warum darf er nicht auch traurig sein, wenn es ihm danach ist?
Warum kann er nicht seine Gefühle so zeigen, wie sie wirklich sind?
Warum kann die Gesellschaft, also wir, dies nicht akzeptieren und tolerieren?
Warum muss der Clown, wenn er seine Maske aufhat, nur noch funktionieren?
Diese und ähnliche Fragen versucht Maria für sich in der Welt Phantásiens zu ergründen und zu verstehen.
Deshalb hat sie ihre Reise und ihr Abenteuer dorthin begonnen.
Stellungnahme zur Unendlichen Geschichte von Michael Ende
Insgesamt finde ich das Werk „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende gut gelungen. ...
Michael Ende hat sich bei der Beschreibung der Wesen von Phantásien sehr viel Mühe gegeben. Ich konnte mir fast alle Wesen sehr detailliert vor meinem geistigen Auge ausmalen. Er hat aber immer noch genug Platz für meine eigenen Fantasien gelassen, was ja schließlich ein gutes Buch ausmacht. Man bekommt gerade so viele Informationen wie man braucht um sich eine Grundsituation vorzustellen und kann dann seiner Fantasie freien Lauf lassen. Denn erst durch die eigenen Gedanken wird das Buch zu einem wirklich guten Buch.
Die Person von Bastian kommt mir in manchen Phasen der Geschichte sehr bekannt vor. Ich denke die meisten Leser können einige Parallelen zu ihrem eigenen Leben ziehen, wenn sie sich genügend Zeit beim Lesen nehmen und vor allem ihre Gedanken in vollem Umfang zu lassen.
... Meine Einschränkung vom Anfang der Stellungnahme ist zum Beispiel auf die Länge des Buches bezogen. Für meine Lesevorstellungen ist das Buch insgesamt etwas zu langatmig geworden. Man hätte im Mittelteil die Geschichten etwas kürzen können.
Folglich fand ich den Anfang des Buches und das Ende der Geschichte sehr gut beschrieben. Ich konnte mich richtig in die Lage von Bastian hineinversetzen. Der letzte Teil des Buches, als Bastian keine Erinnerung mehr hat, ist sehr aufschlussreich und hat mir einige Denkanstöße gegeben.
Wie zum Beispiel: „Das Bergwerk der Bilder“. Dass Bastian all seine Erinnerungen und Wünsche hinter sich gelassen hat steht für mich für die Suche jedes Menschen nach dem Sinn des Lebens. Jeder Mensch strebt nach Erfüllung.
„Das Bergwerk der Bilder“ ist für mich vergleichbar mit unserem Herzen. Dort haben auch wir viele Bilder versteckt, die zum Großteil für uns und unser Leben kostbar geworden sind. All diese prägen unser Sein auf ihre ganz spezielle Weise. Einige machen unser Herz hell und andere wiederum verdunkeln es.
Die Summe aller hellen und dunklen Bilder geben eine Gesamterscheinung. Aus dieser Gesamterscheinung heraus bildet sich unser Charakter, unsere Seele und all unser Sein.
Manchmal vergessen wir leider die Dinge die uns am wichtigsten sein sollten und lassen wieder andere in den Vordergrund treten. Das Leben ist ein dynamischer Prozess und stetig werden neue Momente und Erlebnisse in unserem Herzen gemalt. Somit besinnt man sich eines Besseren und geht dann, ebenso wie Bastian, auf die Suche. Denn der Raum in unserem Herzen ist (leider) nur begrenzt und deshalb müssen wir die kostbaren, einzigartigen und wertvollen Gemälde bewahren und den ganzen wertlosen Plunder in den Raum des Vergessens stellen. Auf diese Art und Weise haben wir wieder genug Platz geschaffen um offen zu sein für neue Begegnungen und Erlebnisse mit anderen Menschen.
Nur weil Bastian sich auf den harten Weg der Suche gemacht hat um kostbare Bilder aus dem Felsen zu schlagen, konnte er sein Herz füllen. Da unser junger Protagonist die Hoffnung nie aufgegeben hat, kehrt er zurück zu dem Menschen, der ihm am Wichtigsten ist: Seinem Vater.
Eine weitere wichtige Aussage aus dem Buch ist folgende:
„Schrecken hatte den Glücksdrachen und seinen Reiter erfasst und sie waren ausgewichen und in andere Richtung weiter geflogen, um das Entsetzliche nicht anschauen zu müssen. Aber es ist eine seltsame Tatsache, dass das Entsetzliche seine Schrecken verliert, wenn es sich immer wiederholt. Und da die Stellen der Vernichtung nicht weniger wurden, sondern mehr und mehr, hatten sich Fuchur und Atréju nach und nach daran gewöhnt – oder vielmehr, es war eine Art Gleichgültigkeit über sie gekommen. Sie achteten kaum noch darauf.“
(Seite 122; Zeile 1 bis 9)
Diese Aussage steht meiner Meinung nach auch für unsere heutige Zeit. Leider haben sich heute schon viele Menschen an das Entsetzliche gewöhnt. Irgendwann ist der Punkt einfach erreicht, an dem man nur noch resigniert, kapituliert vor der Realität. Man will etwas ändern, kann es aber nicht, man denkt darüber nach und es macht einen kaputt, man will nicht mehr darüber nachdenken, aber man kann einfach nicht anders.
Man gelangt letztendlich an einen Punkt, wo uns nichts mehr richtig berührt. Man regt sich nicht mehr über Sachen auf, die man früher mit Vehemenz verteidigt hätte, man will die Sachen nicht mehr ändern, man nimmt sie einfach so hin wie sie sind und hat eigentlich resigniert, es ist alles egal. Ich würde mir wünschen, dass dieser Zustand sich nicht weiter ausbreitet, denn dies ist nicht der Idealzustand, den die Gesellschaft anstreben sollte.
Fazit:
Das Buch hat mir im ganzen gefallen und mich zum Nachdenken und Träumen animiert. Und was kann sich der Autor wohl schöneres wünschen, als dass sich die Leser mit seinem Werk beschäftigen und in Gedanken fortschreiben?
Und auf Grund dieses Fazits ist die Namensgebung „Die unendliche Geschichte“ durch den Schriftsteller vortrefflich gewählt worden, obwohl sie konträr zu seinem eigenen Namen läuft „Michael ENDE“. Durch dieses Wortspiel und die auf dem Buchumschlag abgebildeten Schlangen, wird vortrefflich aufgezeigt, wie der Anfang, der Lauf der Zeit und letztendlich auch das Ende ineinander übergehen und eine Einheit bilden.
S. Morkel