Der Rote SchattenNidhögg |
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Fortführung einer Textstelle aus der „Unendlichen Geschichte“ |
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Felix Hohmeister |
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20.12.2007 |
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Die Hausarbeit wurde von mir in allen Teilen selbstständig angefertigt. Alle wörtlichen oder sinngemäßen Zitate sind im Text gekennzeichnet und alle von mir verwendeten Quellen im Quellenverzeichnis nachgewiesen. |
Thema: Fortführung der Geschichte „Die Schlacht um den Elfenbeinturm“ (S. 420)
Noch bis heute gibt es in Phantásien unzählige Lieder und Berichte, die von diesem Tag und dieser Nacht handeln, denn jeder, der daran teilgenommen hat, erlebte dabei etwas Anderes. Das alles sind Geschichten, die vielleicht ein andermal erzählt werden sollen…
Kapitel 1: Die Schatten
Surt stieß zu und traf den Nachtalb mit dem er sich schon seit längerer Zeit duelliert hatte. Das Schwert fuhr seinem unglücklichen Gegner tief in den Brustkorb, eine Fontäne aus Blut schoss Surt entgegen und ergoss sich über den zertretenen Boden. Der Nachtalb kippte mit einem entsetzten Blick zu Surt um und blieb reglos liegen. Surt stieß ein verächtliches Schnauben aus, setzte seinen Fuß auf den leblosen Körper des Nachtalben und zog das Schwert mit einem hässlichen Knirschen wieder heraus. Seine langen schwarzen Haare klebten ihm am Kopf. Das Kettenhemd aus schwarzem Metall hatte rote und grüne (das Blut der Nachtalben war grün) Flecken vom Blut der Erschlagenen bekommen. In seiner Rechten hielt er ein langes Schwert, dessen Klinge aus blau schimmerndem Kristall gefertigt war. Es hatte ihm oft gute Dienste geleistet und ihn mehrmals aus manch auswegloser Situation gerettet. Aber auch er hatte die vielen Zweikämpfe nicht unbeschadet überstanden und der zähe Nachtalb hatte ihm ziemlich zugesetzt. In seinem Arm klaffte eine Wunde und auch in seinem Gesicht hatte er unzählige Schnitte. Grimmig unterdrückte er den Schmerz, der bei jedem Schritt durch seine Glieder fuhr. Er stapfte über das Schlachtfeld in Richtung seiner Gefährten, die im Kampfgeschehen von ihm getrennt worden waren. Warum er hier war, wusste er nicht genau. Es hatte wohl etwas mit dem Retter Phantásiens zu tun, doch mehr wollte er auch nicht wissen. Seine Aufgabe war es, das zu tun, was die Oberhäupter seines Clans ihm befahlen. Er war nur ein Kommandant, eine Schachfigur in einem großen Machtspiel und musste diese Befehle ausführen. Der Befehl war klar gewesen. Verteidigt die Kindliche Kaiserin! Doch obwohl er zu dem wohl kriegerischsten und ausdauerndsten Volk Phantásiens gehörte, musste er feststellen, dass auch seine Kräfte allmählich nachließen. Er blieb einen Moment stehen, griff zu seiner Tasche am Gürtel und holte eine Flasche hervor. Diese Flasche und auch sein Schwert hatte ihm einst sein Vater geschenkt. Ein unheimlicher Krieger, der jedoch eines Tages spurlos verschwunden war. Surt war damals noch sehr klein gewesen und konnte sich deshalb kaum noch an seinen Vater erinnern. Umso mehr hielt er diese zwei Erinnerungsstücke in allen Ehren und hatte sie immer bei sich.
Er trank in raschen Zügen das würzige Gebräu. Schon nach ein paar Schlucken merkte er, wie neue Kraft in ihn strömte und seine Schmerzen nachließen. Erfrischt ging er weiter, stieg über einen Teppich aus toten Nachtalben, Irrlichtern, Winzlingen, Felsenbeißern und sogar einem weißen Magier. Es hatte wirklich sehr große Verluste gegeben, auf beiden Seiten. Über dem Schlachtfeld kreisten große schwarze Vögel. Es waren „Unheilschwingen“. Sie waren überall, wo es Tod und Verderben gab und sie ernährten sich vom Fleisch der vielen Gefallenen. Ihr Geschrei ging durch Mark und Bein und entmutigte jeden, der ihnen zu lange zuhörte. Schließlich kam er bei seinem Kampftrupp in dem kleinen provisorisch errichteten Lager an. Es war von hohen Bäumen umgeben und bot so genügend Schutz für die Nacht. Er musste sich ein wenig beeilen, da es bald dunkel werden würde und es auf solch einem großen Schlachtfeld alleine zu gefährlich wäre. Surt war wohl der Klügste und Stärkste seiner Rasse und gehörte zu den meist gefürchtetsten Kämpfern in der Schlacht. Als er auf die Gruppe zuging, wurde er schon von seinen Kameraden begrüßt. Man konnte wirklich sagen, dass die Thurgàl allein durch ihr Äußeres einem Angst einflößten. Sie trugen grazil gefertigte Rüstungen aus einem schwarzen unbekannten Metall. Ihre rauen Stimmen und ihr derber Umgangston machten das Gesamtbild nicht gerade besser. Doch das Unheimlichste an ihnen waren ihre Augen. Tagsüber waren sie je nach Stimmung blau, grau, grün, gelb oder noch anders gefärbt. Doch wenn es dunkel wurde, leuchteten sie blutrot. Die Thurgàl konnten im Dunkeln sehen und wussten anhand von kleinsten Erschütterungen des Erdbodens ein Ereignis oder ein feindliches Heer vorauszuahnen. Auch waren sie wahre Meister der Tarnung. Sie konnten sich ihrer Umgebung so gut anpassen, dass sie fast unsichtbar waren. Außerdem wurden viele von ihnen mehrere Jahrhunderte alt. Wegen dieser Eigenschaften wurden sie von vielen Leuten „Die Schatten“ genannt und waren allgemein gefürchtet.
Kapitel 2: Das Volk der Eisenberge
Ein Hüne löste sich aus einer Gruppe von Männern und kam zu Surt herübergelaufen. Es war Mordin, ein guter Freund Surts. Seine langen Haare hatte er zu einem Zopf zusammengebunden und an seinem Gürtel hing eine große Doppelstreitaxt. Mit ihren zwei rasiermesserscharfen Klingen sah sie sehr gefährlich aus. Wenn sie unter ihren Feinden wütete, brachte sie nichts als Verderben. „Surt, mein Freund, was gibt es Neues? Wir sind schon seit Stunden hier und haben nichts zu tun. Es scheint, als ob sich die Truppen mehr und mehr nach Norden zurückziehen würden“, antwortete Mordin. „Diese Bastarde wollen einfach nicht aufgeben. Und du hast Recht. Sie scheinen sich zurückzuziehen“, sagte Surt und lachte dabei laut. Auch Mordin lachte. „Nun ja, ich denke kaum, dass es noch lange dauern wird, bis sie sich heulend in ihre Löcher verkriechen werden, aus denen sie gekommen sind“, sagte Mordin und wieder lachten beide.
Plötzlich flüsterte Surt: „Ich muss gestehen, dass ich an der Richtigkeit unseres Auftrags zweifele“. Mordin machte ein erschrockenes Gesicht. „Willst du etwa die Autorität unseres Clanführers anzweifeln?!“ „Nein“, brüllte Surt und seine Augen funkelten bedrohlich rot in der Abenddämmerung. „Ich meine nur, dass es vielleicht nicht richtig ist was wir ALLE hier tun! Es gab riesige Verluste auf beiden Seiten, ich habe viele Freunde verloren, gute Freunde. Und wofür? Nur weil so ein durchgeknallter Mensch den Thron der Kindlichen Kaiserin besteigen will!“, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort. „Ich habe heute Mittag eine starke Erschütterung festgestellt. Der Elfenbeinturm wird sowieso nicht mehr lange halten. Wir sollten von hier verschwinden, bevor wir alle drauf gehen. Außerdem habe ich gehört, dass die Kindliche Kaiserin sich nicht mehr im Turm aufhält und somit ist unser Befehl nichtig.“ Er deutete mit dem Finger auf den Turm, der auch noch in seinem lädierten Zustand in der untergehenden Sonne wunderschön anzusehen war. Genau in diesem Augenblick mischte sich unter den Kriegslärm ein dumpfes Grollen. „Der Turm scheint wirklich bald zusammenzubrechen“, stellte Mordin trocken fest. „Naja mir soll es egal sein, ich hab meine Befehle und du auch. Wir bleiben so lange, bis alles vorbei ist.“ Damit wandte er sich um und wollte gehen. Surt setzte ihm nach und packte ihn an der Schulter, um ihn zur Rede zu stellen, doch plötzlich griff sich Mordin an die Seite und verzog das Gesicht. Ein roter Fleck begann sich langsam von der Stelle, an die Mordin eben noch gefasst hatte, auszubreiten. Er drehte sich mit geöffnetem Mund zu Surt um und blickte ihn stumm an. Dann brach er zusammen und seine Haut überzog sich mit einer glänzenden Schicht aus Metall. Augenblicklich war es mit der Ruhe der Männer vorbei. Diejenigen, die eben noch um kleine Feuer gesessen oder sich anders die Zeit vertrieben hatten, sprangen auf und suchten hinter ihren Schilden oder anderen Dingen Schutz. Auch Surt ging in Deckung und hockte sich hinter ein kleines Fass. Als er erkannte, was da um sie herum in den Boden einschlug, schloss er für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Es waren kleine Eisenkugeln. Solche Eisenkugeln verwendete nur die Leute aus den Eisenbergen, das „Eiserne Volk“. Sie kamen aus dem hohen Norden. Man hatte sie zuletzt vor hunderten von Jahren gesehen und immer wenn sie auftauchten, waren sie die Überbringer schlechter Nachrichten. Alle Angehörigen dieser Rasse hatten die Fähigkeit, jede Sorte Metalls durch Magie zu verformen und zu gebrauchen. Seien es Geschosse oder Schilde, sie brauchten keinen Schmied oder Werkzeuge, denn sie hatten ihre Magie. Sie waren trotz allem schlechte Schützen, aber wenn sie trafen, folgte fast immer der Tod. Sie hatten sich unbemerkt dem Lager nähern können und standen nun in der Mitte um ein kleines Feuer herum. Im Schein der rotflackernden Flammen wirkte ihre Haut noch metallähnlicher als zuvor. Sie glänzte wie ein glattpolierter Schild und ihre Haare sahen aus wie Metallspähne. Aus ihren ruhigen, starren Gesichtern ließ sich nicht die kleinste Kleinigkeit ablesen. Sie waren alle sehr dünn und nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Um ihren Bauch hingen kleine Taschen aus denen es metallern klimperte. Dort verwahrten sie ihre Eisenkugeln, die sie verschossen. All diese Geschöpfe sahen gleich aus. Auch ihr Geschlecht ließ sich anhand äußerer Merkmale nicht bestimmen. Surt richtete sich langsam auf und begann auf die Wand aus eisernen Geschöpfen zuzugehen. Die unzähligen Paare grau glänzender Augen, das Lebendigste an diesen Wesen, richteten sich langsam auf ihn. Surt ging vorsichtig weiter auf sie zu und musterte dabei jeden einzelnen von ihnen. Dann ging alles sehr schnell. Als sein Blick auf einen Eisenmann fiel, bemerkte Surt, dass dieser vor sich hinmurmelte. Surt hatte ihn zunächst nicht bemerkt, weil der Mann in der zweiten Reihe stand, aber jetzt wurde ihm klar was dieser da tat. Surt riss sein Schwert aus der Scheide und stürmte mit einem grollenden Kriegsschrei auf die Gestalten zu. Alle anderen Krieger aus seinem Trupp kamen ebenfalls hinter ihrer Deckung hervor und stürmten auf den Feind los. Als die Thurgál auf die Eisernen Männer trafen gab es einen lauten Knall und ein gleißender Blitz fuhr durch die Dunkelheit. Sie wurden zurückgeschleudert und landeten auf dem Boden. Während die Thurgáls verwirrt auf dem Boden lagen, hoben alle eisernen Wesen ihre Arme und augenblicklich sprangen den Thurgáls ihre Schwerter aus den Händen und richteten sich auf sie selbst. Sie schwebten vor ihnen in der Luft auf der Höhe ihrer Herzen und konnten sie jeden Moment töten. Für sie wäre es die größte Schmach, von ihrem eigenen Schwert getötet zu werden und das wussten die Wesen. Ein blechernes Lachen ertönte, tief und bedrohlich. Dann, urplötzlich, lichteten sich ihre Reihen und gaben den Blick auf einen kleinen Jungen preis. Er war höchstens zehn Jahre alt, jedoch vornehm gekleidet und er hatte sehr viel eisernen Schmuck im Gesicht und an seinen Händen. Seine Kleidung bestand aus einem hauchfeinen Metallgespinst, das wie aus einem Stück gefertigt erschien, sich beim Näherkommen jedoch als vielgliedriges Metallgewebe herausstellte. Verächtlich schaute Surt auf den Jungen herunter, als dieser zu sprechen begann. „Ich bin Urgál, Bruder meiner verhassten Schwester Xayde und Herrscher der Eisenberge. Entschuldigt bitte das schlechte Benehmen meiner Leute. Wir sind schon seit vielen Jahren auf der Suche nach euch.“ Verdutzt blickte Surt in das junge Gesicht. „Nun, ich bin Surt, Anführer unseres Kriegstrupps und wir sind hier, um die Kindliche Kaiserin zu schützen. Doch sagt, weshalb seid ihr hier und warum überrumpelt ihr uns auf diese Art?!“ „Es gibt eine uralte Prophezeiung, die sich nun zu erfüllen scheint. Sie stammt von dem Südlichen Orakel und wurde mir vor mehreren hundert Jahren überbracht,“ antwortete Urgál. „Doch was hat das alles mit uns zu tun?“, wunderte sich Surt. „Nun gut, ich werde sie euch erzählen. Hört gut zu, denn ein zweites Mal werde ich mich nicht wiederholen, ich habe wenig Zeit.
Einst wird es einen großen Krieg geben in dem viele Geschöpfe Phantásiens umkommen werden. Dies ist die Zeit, auf die ihr all die Jahre gewartet habt. Begebt euch in die südlichen Gefilde Phantásiens zum Elfenbeinturm. Dort werdet ihr auf einen Trupp Thurgáls treffen. Einer von ihnen ist der Erlöser, der uns alle retten wird. Findet einen Mann namens Surt, den letzten Nachfahren der Blutlinie. Handelt weise und schnell. Wenn sie uns nicht helfen, sind sie verloren und ganz Phantásien mit ihnen.
Urgál betrachtete Surt lange schweigend. Dann sagte er: „Nun, Ihr habt eine gefährliche Reise vor Euch und ich bin mir nicht sicher, ob Ihr es überstehen werdet. Euer Ziel ist es, Nidhögg, den Roten Schatten, zu töten. Doch seid gewarnt! Es ist das uralte Böse, das sich in Nidhögg manifestiert hat. Sein Biss ist absolut tödlich für jeden.“ Als Urgál den roten Schatten erwähnte, stieß Surt ein leises Grollen aus und seine Augen glommen für einen Moment stärker auf. „Was habt Ihr?“, fragte Urgál. „Es ist so“, antwortete Surt, „es gibt viele Sagen, Lieder und Geschichten in meinem Volk, die von dem Roten Schatten handeln. Einst war er einer von uns. Ein Schatten. Doch er wurde zu mächtig und sein ganzer boshafter Wille konzentrierte sich auf die Vernichtung Phantásiens und unseres Volkes. Als er schließlich unseren Herrscher angriff und den Thron besteigen wollte, verfluchten ihn unsere Magiere und Weisen. Er wurde verwandelt in den Roten Schatten und muss seitdem im Turm Asgard in der Eiswüste der Tränen leben. Niemand weiß jedoch, in welcher Gestalt er umherwandert, da niemals jemand wieder-gekehrt ist, der auszog, um den Roten Schatten zu besiegen.“ Beide schwiegen eine Zeit lang. Dann sagte Urgál: „Nun gut, du weißt, was du zu tun hast. Scheiterst du, so werden wir alle sterben. Tötest du jedoch Nidhögg, dann wirst du wohl der größte Held in ganz Phanátsien sein und es wird viele Lieder und Geschichten über dich geben, auch wenn du sterben wirst. Unsere Aufgabe ist nun erfüllt. Wir werden uns hoffentlich wiedersehen. Ich will dir etwas geben, das dir bei dem Versuch, Nidhögg zu töten, helfen könnte. Doch setze es weise ein, es wird dir nur einmal zur Verfügung stehen.“ Damit lächelte er Surt kurz zu und hob die Arme. Vor den Augen Surts lösten sich die eisernen Männer und auch der kleine Junge in dunklen, dichten Qualm auf und ließen einen verwirrten Surt zurück.
Kapitel 3: Die Schlammelfen
Surt schreckte auf. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust. Die Stimme des Jungen hallte noch in seinem Kopf nach. Hatte er das alles nur geträumt? Er schaute an sich herab und sah die Wunde die ihm der Nachtalb zugefügt hatte. Auch das Geschenk, das ihm Urgál überlassen hatte, lag neben ihm. Es war ein Stein. Genauer gesagt war es ein Kristall, in dem kleine Eisenkugeln eingeschlossen waren. Ein gespenstisches Leuchten ging vom Inneren des Steins aus. Also hatte er doch alles wirklich erlebt und nicht nur geträumt. Der kleine Junge musste irgendwie eine Art Zeittor geöffnet haben, in das Surt geraten war. Er hatte schon von solchen Toren gehört. Nicht viele waren im Stande solch einen mächtigen Zauber zu wirken. Er musste direkt hindurch gegangen sein, als der grelle Blitz alle geblendet hat. „Dann waren meine Kameraden auch nur eine Illusion und ich wurde getäuscht, während sie vielleicht alle in Lebensgefahr schwebten!“. Wütend ballte er die Faust. Surt schaute sich um. Er lag auf einem einfachen Feldbett in einem kleinen Zelt. Es war spärlich beleuchtet und es gab nur ein paar Gegenstände die entweder auf dem kleinen Tisch oder auf dem Boden verstreut lagen. Es sah aus wie das Zelt eines seiner Unteroffiziere. Was zum Teufel machte er hier? Langsam richtete er sich auf. Erst jetzt bemerkte Surt, dass in der Luft ein beißender Geruch lag. Er hatte so etwas noch niemals zuvor gerochen und doch wusste er, dass etwas nicht stimmte. Langsam ging er auf die Tücher die den Zelteingang verschlossen zu. Sie waren ganz verkohlt und strömten auch diesen unangenehmen Geruch aus. Als er sie berührte, zerfielen sie zu Staub und er trat ins Freie. Was er da sah übertraf alles, was er bisher an Grausamkeit gesehen hatte. Seine Kameraden, die mit ihm Seite an Seite gekämpft hatten, waren tot und auf große Pflöcke aufgespießt worden. Es waren etwa zehn Pflöcke in einem Kreis aufgestellt. In ihrer Mitte brannte ein blaues Feuer, die Quelle des beißenden Geruchs. Er ging langsam auf diesen Scheiterhaufen zu, ließ sich in den Staub fallen und schloss die Augen. Weshalb war dies alles passiert? Er hatte immer daran geglaubt, dass es in Phantásien kein Wesen gab, das solche Grausamkeiten vollbrachte. Was er da sah, ließ ein neues Gefühl in ihm aufsteigen. Blanke Wut und Rachedurst. Er öffnete die Augen wieder und stieß einen langen, markerschütternden Schrei aus. Während er noch so da kniete, bemerkte Surt eine schwache Bewegung in einer Ecke des Lagers. Er eilte hinüber und ließ sich neben einem kaum wiederzuerkennenden Mann nieder. Seine Haare waren völlig verkohlt, ebenso seine Augenbrauen und auch sein Bart. Von seiner verbrannten Haut ging ein süßlicher Geruch aus. „Wer bist du?“, fragte Surt den Unbekannten. „Erkennst du mich nicht mehr?“, sagte dieser matt. „Ich bin Mordin“. Vor Schmerz verzog er das Gesicht bevor er weitersprach. „Wir wurden überfallen…es war schrecklich…man hat uns angegriffen als du verschwandest.“ „Wer war es? Wie viele waren es?“, fragte Surt. Mordin packte ihn an der Schulter und sagte hastig, „mir bleibt nicht mehr viel Zeit …ich kann dir nur so viel sagen…es….war eigentlich nur ein einziges Geschöpf, das uns angegriffen hat. Es wollte wissen wo du seist. Erst war es nur ein harmloser alter Mann, doch dann verwandelte er sich in einen riesigen Drachen. Wir wollten es ihm nicht sagen und so griff er uns an. Die ganze Zeit über sah man nicht viel mehr als einen Schatten…einen roten Schatten. Es spie blaues Feuer und verbrannte alles. Zum Schluss zog er eine Art magischen Kreis und verschwand. Ich wollte, wir könnten…“ Mordins Blick brach und er sank zurück auf die verbrannte Erde. Surt packte Mordins Axt und legte sie ihm auf die Brust. Dann stand er auf und ging um das Feuer herum. Was sollte er nun tun? Schließlich beschloss er, heute Nacht hier zu bleiben und am nächsten Tag loszuziehen, um die Eiswüste der Tränen aufzusuchen, denn er wollte Rache an dem Schatten nehmen. Den restlichen Tag verbrachte er damit, seine toten Kameraden zu begraben. Wie es bei ihnen Brauch war, legte er immer die Waffe des Angehörigen auf dessen Brust und schloss ihm die Augen. Als die Dämmerung hereingebrochen war, legte er sich etwas abseits neben das Lager und zündete sich eine Pfeife an. Kleine, gelbe Wolken stiegen langsam auf. Surt genoss die berauschende Wirkung des Tabaks. Erst jetzt bemerkte er, wie müde er eigentlich war. Die Strapazen der letzten Tage machten sich nun deutlich bemerkbar. Als er schließlich langsam einschlief bemerkte er nicht mehr, wie etliche schwarz gekleidete Gestalten aus dem Feuer stiegen und sich auf dem Lagerplatz verteilten.
Surt schreckte auf. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hatte einen unruhigen Traum gehabt und fühlte sich nicht besonders ausgeruht. Er hatte ganz deutlich etwas rascheln gehört. Und waren da nicht auch Stimmen? Seine Sinne hatten ihn nicht getäuscht, dass wusste er. Es waren ganz deutlich Stimmen zu hören. Sie sprachen in einer fremden Sprache, die Surt nicht verstand. Die Nacht war sehr hell und so konnte er sich im Schatten der großen Bäume langsam an die kleine Gruppe heranschleichen. Sie hatten sich große Tücher ins Gesicht gezogen und nur ihre spitzen Ohren verrieten, um wen es sich hier handelte. Es waren Schlammelfen. Sie lebten in Tümpeln und abgestandenem Wasser. Durch ihre Schönheit und galante Art lockten sie ihre Opfer an, bis sie ihre tödlichste Waffe auspackten: rasiermesserscharfe, lange Zähne, die kein Wesen Phantásiens oder der Menschenwelt überstand. Deshalb trugen sie auch die Tücher über ihrem Gesicht. Ohne diesen Schutz hätte man von weitem schon die Zähne sehen können, da die Elfen keine Unterkiefer besaßen. Man konnte sagen, dass die Schlammelfen und die Thurgáls Erzfeinde waren. Doch was machten sie hier? Surt ging ein kleines Stück weiter und trat auf einen Ast. Er fluchte kurz und hielt dann die Luft an. Offensichtlich hatte man ihn noch nicht bemerkt. Plötzlich blickte ein Elf genau in Surts Richtung. Er konnte den durchdringenden Blick des Elfen auf seiner Haut spüren. Sofort drehten sich alle um und bewegten sich vorsichtig auf Surt zu. Surt, der sonst keinen Kampf scheute, war sich seiner vernichtenden Unterlegenheit bewusst. Er wusste nicht genau was er machen sollte. Wenn er kämpfte würde er verlieren und sterben, aber wenn er weg rannte, was nicht in Frage kam, so würden sie ihn erst recht töten. Surt faste einen schnellen Entschluss. Er zückte sein Schwert und trat aus dem Schatten. Die Elfen blieben stehen und schauten verwirrt auf Surt. „Du bist sehr mutig muss ich schon sagen!“, zischte einer der Elfen. „Aber auch sehr töricht!“, zischte ein anderer. „Was wollt ihr hier?“, fragte Surt und hob sein Schwert ein kleines Stück an. „Das geht dich nichts an. Wir haben einen Auftrag zu erledigen, und du wirst uns nicht in die Quere kommen.“ Mit diesen Worten zogen alle ihre Schwerter und gingen langsam aber energisch auf Surt zu. „Wartet!“, rief er und die Elfen blieben stehen. „Ich bin Surt und muss einen wichtigen Auftrag erfüllen der auch für euch alle von Bedeutung ist.“ Die Elfen guckten sich kurz an und sagten dann „Und wieso sollten wir dir Glauben schenken? Wenn du wirklich Surt bist, dann bist du von höchster Wichtigkeit für uns“. Das wollte Surt hören. Er wusste nun, dass er zumindest nicht gleich getötet werden würde. „Was wollt ihr dann von mir?“ „Vor vielen Jahren wurde uns eine Prophezeiung des Südlichen Orakels überbracht. Diese Prophezeiung erfüllt sich heute Nacht. Wir wissen nun, dass du es bist, der diese Prophezeiung erfüllen kann. Wir sollen dir untertänigst dienen und dich in die Eiswüste der Tränen begleiten, auch wenn es uns nicht gerade Freude bereitet. Doch gegen die weisen Worte unserer Herrscherin, deren Name zu heilig ist um ihn auszusprechen, darf niemand etwas einwenden.“ Bei diesen Worten schlugen die Elfen mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger ein Symbol vor sich in die Luft. Dann sprachen sie weiter. „Wenn du dich weigern solltest so werden wir dich mit Gewalt dorthin bringen.“ Surt überlegte einen Moment, dann sagte er: „Nun gut, ich werde euch folgen, doch ihr müsst mir euer Ehrenwort geben, dass ihr eure Boshaftigkeit und Niedertracht zum Wohle Phantásiens ablegt, bis wir unsere Mission erfüllt haben oder aber alle tot sind.“ Die Elfen blickten sich für einen Moment unsicher an, doch dann verneigten sie sich vor Surt und gaben ihr Ehrenwort. Trotzdem lag immer noch eine gewisse Spannung in der Luft, die sich erst jetzt allmählich abbaute und Surt lockerte seinen Griff um den Schwertknauf. „Nun, denn“, sagte einer der Elfen „folge uns und wir bringen diese Sache schnell zu Ende“. Sie machten eine einladende Bewegung in Richtung des Scheiterhaufens. Verwirrt blieb Surt stehen. Als die Elfen sein Zögern bemerkten, lächelten sie böse. „Du glaubst uns nicht! Du denkst wir würden dich in eine Falle locken?! Aber sage mir, siehst du hier irgendwo ein Reittier oder sonst irgendeine Art Fortbewegungsmittel?“ Surt blickte sich um, fand jedoch nichts, was auf eine Art Reittier hinwies. Ohne auf Surts Antwort zu warten fuhr der Elf fort „Einer von uns wird den Anfang machen, dann folgst du ihm und als letztes werde ich gehen!“. Surt, dem der befehlende Ton des Elfen nicht gefiel, er aber auch keinen Streit vom Zaun brechen wollte, bewegte sich langsam in Richtung des blauen Feuers. „Diese Feuer sind äußerst selten und schwer aufzufinden.“, sagte einer der Elfen, während Surt langsam darauf zu ging. „Man nennt sie auch die „Feuer der schnellen Reise“, die von Nidhögg, dem Roten Schatten, selbst heraufbeschworen und wieder vernichtet werden. Er benutzt sie um sehr schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen. Wir hatten Glück, dass Nidhögg heute dieses Feuer hergestellt hat. So konnten wir schnell zu dir gelangen.“ „Warum könnt ihr sie benutzen, wenn Nidhögg selbst darüber wacht?“, fragte Surt. „Nun, unsere Magiere sind sehr weise und sie können durch mächtige Zauber die Feuer benutzen um sehr schnell zu reisen. Die Flammen sind weder heiß noch kalt, man spürt nichts wenn man durch sie hindurch geht. Es ist einem, als würde man durch eine Tür gehen, mehr nicht. Doch brennen diese Feuer nicht ewig und wir sollten uns beeilen, wenn ihr hier nicht verenden wollt.“ In diesem Moment erzitterte die Erde für einen winzigen Moment.
Kapitel 4: Die Nogorath
Nur Surt bemerkte dies, doch zum ersten Mal in seinem Leben konnte er nicht sagen, wer die Erschütterung ausgelöst hatte . Dann sah er, was es war. Die Gräber, in die er vor Stunden seine toten Kammeraden gelegt hatte, bewegten sich. Hier und da stieß eine Hand oder ein Fuß durch die Erde. Immer mehr von diesen Wesen kamen zum Vorschein und bildeten inzwischen eine kleine Armee von fünfzig Mann. Der Elf, dem Surts Entsetzen und Überraschung aufgefallen war und dem die unheimlichen Gestalten nichts auszumachen schienen, blickte zu Surt und sagte dann. „Diese Wesen nennen wir die Nogorath. Es sind Nachtalben, Felsenbeißer, Thurgáls und manch andere Rasse unter ihnen vertreten. Nidhögg hat ihnen ihren eigenen Willen genommen und dafür seinen bösartigen Willen in sie eingepflanzt. Sie sind alle tot und doch scheinen sie zu leben. Manche von ihnen verirren sich in die Menschenwelt und dort nennt man sie Untote. Töten kann man sie nur, wenn man ihnen den Kopf abschlägt, sonst leben sie einfach weiter“ Ein ziemlich großer und wuchtiger Untoter kam auf den Elfen und Surt zugewankt. Als er ins Licht des Feuers trat erkannte Surt die blitzenden Klingen der großen Doppelaxt. „Mordin!?“, flüsterte Surt entgeistert. „Ich werde mich um ihn kümmern!“, sagte er energisch zu dem Elfen, als dieser seinen Bogen vom Rücken nahm und schießen wollte, „Er war mein Kamerad und außerdem mein bester Freund.“ Mit diesen Worten trat Surt auf den Nogorath zu, der einmal Mordin gewesen war. „Ich werde dich erlösen mein Freund. Lebe wohl!“, sagte er leise. Dann griff er an. Surt tauchte unter dem mächtigen Hieb Mordins weg und parierte seinen Schlag. Mordin, der Surt im Kampf ebenbürtig gewesen war, hatte seine ursprüngliche Schnelligkeit verloren und war nun eher unbeholfen und langsam. Nach ein paar weiteren parierten Schlägen, bot sich Surt eine Möglichkeit an, Mordin zu schlagen. Er holte weit aus und traf ihn genau am Hals. Als der Kopf Mordins in den Staub fiel sagte Surt traurig „Ruhe in Frieden mein alter Freund, wir werden uns im Jenseits wieder sehen!“. Der Elf, der das Schauspiel beobachtet hatte, rief zu Surt herüber: „Wir müssen nun wirklich gehen. Das Feuer beginnt bereits zu flackern“. Die ersten Elfen waren bereits vor dem Erschienen der Nogorath durch das Feuer verschwunden und nun war Surt an der Reihe. Er wollte gerade in die gleißend hellen Flammen treten, als der Elf sagte: „Ich glaube, es wäre doch besser wenn ich vorangehe!“ Surt, der noch durch den Kampf mit Mordin wie gelähmt war, stimmte ohne Murren zu. Der Elf trat in die Flammen und wurde augenblicklich verschlungen. Zurück blieben Surt und die unzähligen Nogorath. Surt starrte auf das Feuer. Es widerstrebte ihm, durch etwas Magisches hindurch zu gehen, da er sowieso jegliche Art von Magie ablehnte. Er vertraute auf sein Schwert und seine Intelligenz. Auf sie war Verlass, während Magie eine eher flüchtige Sache war. Als Surt so nachdachte begann das Feuer plötzlich stärker zu flackern und erlosch dann ohne Vorwarnung. Surt drehte sich um und sah nun, dass sich der gesamte Platz mit Nogoraths gefüllt hatte. Sie stießen dumpfe Laute aus und bewegten sich auf eine kriechende Art. Surt konnte die schemenhaften Gestalten nicht alle zählen doch es waren sehr viele. Die Nogorath hatten das Feuer beinahe erreicht. Surt wurde gewahr, dass sie ihn umzingelt hatten und es keinen Ausweg mehr gab. Als die ersten Nogorath bereits auf Armlänge heran waren, entzündete sich das Feuer plötzlich wieder. Diesmal war es jedoch tief rot. Surt stolperte mehr als er ging in die Flammen. Eine Welle aus Schmerz breitete sich in seinem Körper aus und das gleißend rote Licht blendete ihn. Dann wurde alles schwarz.
Kapitel 5: Der Turm Asgard
Als er erwachte, spürte er Schmerz und Kälte. Hatten diese verdammten Elfen nicht gesagt, es würde nicht wehtun? Und wo waren sie überhaupt? Er fand sich in einem dunklen Raum wieder, dessen verwitterte Steinwände an ein uraltes Verlies erinnerten. Als er die Ketten in den Wänden und die Skelette einiger früherer Gefangener sah, wusste er, dass sich seine Annahme bestätigt hatte. Doch wo um alles in der Welt war er? Durch das kleine vergitterte Fenster konnte Surt sehen, dass unter ihm eine Eisplatte lag, die bis zum Horizont reichte. Er war also irgendwo in einem Turm gefangen, der von Eis umschlossen war! Plötzlich fiel es ihm siedend heiß ein. Das Eis konnte nur aus der Eiswüste der Tränen stammen und der Kerker in dem er sich befand musste ganz eindeutig zum Turm Asgard gehören. Er hob sein Schwert vom Boden auf und trat an die Tür. Gerade, als er die Klinke nach unten drücken wollte, hörte er Stimmen auf dem Gang. Eilig legte er sich auf die spärlichen Reste aus Stroh und tat so als würde er schlafen. Als die Tür aufgeschlossen wurde hörte er einige Wortfetzen. „Da hat Nidhögg aber einen dicken Fisch gefangen. Ein richtiger Tölpel dieser Thurgál. Kann mir nicht vorstellen, dass dem sein Blut so besonders ist.“ Schallendes Gelächter war zu hören. Es klickte und die Tür schwang auf. Zwei Orger traten in den kleinen Raum ein. Diese Geschöpfe waren eine Kreuzung aus Ork und Oger, doch wie es schien, hatten sie von beiden nur das Schlechteste mitbekommen. Sie hatten die plumpen Gliedmasen eines Ogers, ihr Kopf war jedoch der eines Orks und auch ihr Gebiss glich dem der Orks. Sie stanken nach altem Fisch und waren sehr hässlich. Der zweite Orger, der noch nichts gesagt hatte, deutete mit dem Finger auf Surt und sagte zu seinem Kollegen: „Ich glaube, wir warten noch ein bisschen, der schläft noch!“ Der andere Orger schlug ihm mit der Faust in die Seite, wodurch der sich nicht sehr beeindruckt zeigte. „Natürlich werden wir das nicht tun. Er stellt sich nur schlafend. Pass auf.“ Er kam herüber zu Surt und trat ihm kräftig in den Rücken. Surt verzog keine Mine. Das Einzige, was er tat, war, sein Schwert langsam und unauffällig in Position zu bringen. „Siehst du!“, brüllte der Orger vor Lachen, „der muss erst mal ein bisschen verprügelt werden, damit er wach wird. Dann geht das schon.“ Beide brachen in schallendes Gelächter aus. Das Gelächter des Orgers der bei Surt stand brach jedoch jäh ab. Er blickte an sich hinab und sah eine blau schimmernde Klinge die ihm aus der Brust ragte. Schwarzes Blut lief in Strömen aus der Wunde und nach kurzer Zeit sank der Orger zu Boden und blieb liegen. Dass die Orger mutig sind war allgemein bekannt, doch dass sie kein bisschen Verstand besaßen wussten nur die Wenigsten. Anstatt Hilfe zu holen schaute der Orger immer wieder von seinem toten Kameraden zu Surt und wieder zurück. Dann stürmte er mit furchteinflößendem Gebrüll auf Surt zu. Dieser parierte den Faustschlag mit seinem Schwert wobei er dem Orger die Hand abtrennte. Vor Schmerz und Wut blind raste der Orger auf Surt zu, verfing sich in einer Pflanze die am Boden wuchs und landete ausgestreckt direkt vor Surt im Staub. Dieser stellte sich genüsslich langsam auf des Orgers Kreuz und hob sein Schwert. Wegen des großen Blutverlustes war der Orger wie in Trance und merkte nicht mehr, wie ihm das Schwert das Genick durchtrennte. Orgerblut roch genau so wie die Orger selbst. Surt hatte sich über und über damit beschmutzt und er roch wie einer von ihnen. Angewidert wischte er sein Schwert an dem dreckigen Wams des Orgers ab. Nun ging er erneut auf die Tür zu und öffnete sie. Er blickte in einen düsteren Gang, der mit spärlichen Fackeln beleuchtet war. Die Fackeln rußten so stark, dass Surt das Atmen schwer fiel und die Sicht auf ein paar Meter beschränkt war. Es war sehr still auf den Gängen und auch sonst war niemand zu sehen. Er kam zu einem Treppenhaus und stieg unzählige Stufen nach oben. Als er schließlich um eine Ecke bog, fand er sich in einer riesigen Halle wieder. Sie war über und über mit goldenen und silbernen Fahnen und Emblemen bedeckt, auf denen Drachen zu sehen waren. Sehr weit oben glaubte Surt auch eine Flagge seines Stammes zu erkennen, doch er hatte sich wohl getäuscht. In der Mitte der großen Halle stand ein riesenhafter Thron. Er hatte an seinen Seiten große Schwingen. Der Sitz hatte die Form eines Drachenkörpers und seine Klauen lasteten auf einer Schicht stilisierter Menschen. Das Auffälligste waren jedoch die Augen, die wie dunkelrote Rubine aussahen. Sie funkelten so hell und durchdringend, dass Surt die Augen für einen Moment schließen musste. Er durchschritt die große Halle und kam am Fuße des Throns an. Von hier gesehen war er noch viel größer als gedacht. Während Surt dastand und den Thron und die Halle bewunderte bemerkte er nicht, dass sich ihm ein Schatten näherte. Ein roter Schatten.
Kapitel 6: Der rote Schatten Nidhögg
Surt war, ohne es zu ahnen, in das Herz des Turms gelaufen. Treppe um Treppe, sodass er sich weit oben im Turm befand. „Was willst du von mir?“, fragte eine tiefe Stimme, irgendwo hinter Surt. Er drehte sich um und sah nun direkt in das Antlitz des Schattens. Es war ein alter Mann, dessen Haar und Bart dunkelrot waren. Surt hatte Nidhögg gefunden und er wusste, dass es schwer werden würde ihn zu besiegen. Er zeigte keine Gefühle und antwortete nüchtern: „Ich bin hier, um dich zu töten und ganz Phantásien zu retten.“ Nidhögg lachte dröhnend. Er war sich seiner Überlegenheit deutlich bewusst. „Was du vorhast ist nicht gerade leicht! Viele trachteten mir nach dem Leben, und doch habe ich sie alle besiegt und keiner hat je überlebt. Doch du bringst mir etwas, dass für mich von unschätzbarem Wert ist.“ Surt blickte verwundert drein und fragte sich, was Nidhögg damit meinte. Ohne eine Antwort Surts abzuwarten, sprach der Schatten weiter: „Es hat Jahre gedauert bis ich herausgefunden habe, wie ich Phantásien und die Menschenwelt zerstören kann. Dabei lag die Lösung meines Problems die ganze Zeit vor meiner Nase. Ich brauche dich. Genauer gesagt: dein Blut. Doch bevor du stirbst will ich dir erklären, was es damit auf sich hat. Alles begann mit deinem Vater. Er saß einst bei den weisen Männern in unserem Rat, als ich ihnen mehr und mehr ein Dorn im Auge wurde. Sie luden mich vor und wollten mir verbieten, weiterhin nach dem Thron und der Macht zu streben. Doch dies ist meine Natur und niemand hat mich je verstanden. Dein Vater, der der mächtigste Mann der Thurgáls war, belegte mich mit einem Fluch. Ich wurde verbannt und muss seitdem in diesem Turm hausen. Aber ich fand mich nicht mit meinem Schicksal ab und forschte nach einem Weg, um den Fluch zu brechen. Dabei entdeckte ich die Macht deiner Blutlinie. Jeder aus eurer Sippe trägt seit Jahrhunderten eine uralte Macht mit sich herum. Generation für Generation und zwar in eurem Blut. In der Zwischenzeit waren mehrere Jahrhunderte vergangen und der hohe Rat beschloss, mich umzubringen. Es war wieder dein Vater, der mich dieses Mal umbringen wollte. Doch ich war in den vielen Jahren um einiges mächtiger geworden und so besiegte ich ihn. Sein Blut hat mir viel Macht verliehen. Um jedoch völlige Macht zu erlangen brauchte ich dich, um mir den Rest der Macht, die von deinem Vater auf dich übergegangen war, zu holen. Jetzt kennst du die Geschichte. Ich hätte nie gedacht, dass es so einfach sein würde, dich hierher zu locken. Deine heldenhaften Begleiter, die Schlammelfen, haben dich übrigens jämmerlich im Stich gelassen. Ihre Magier haben ein weiteres Portal über mein Portal gelegt. Sie wollten nur sicher sein, dass du auch wirklich zu mir gelangst, aber selber kämpfen wollten sie nicht. Armselige Brut. Nun, ich denke, es wurde alles gesagt. Ich werde mir nun holen, was ich Jahrhunderte lang ersehnt habe. “ Mit diesen Worten löste sich Nidhögg in Luft auf und kam nun, als undeutlicher, rot schimmernder Schemen, mit unglaublicher Geschwindigkeit auf Surt zu. Ihm blieb nicht genug Zeit, um sein Schwert zu zücken und so schaffte es der Schatten vor ihm aufzutauchen und seine spitzen Zähne in Surts Arm zu rammen. Surt schrie auf und wehrte sich gegen Nidhögg, doch es half alles nichts. Als Nidhögg seinen Durst gestillt hatte fing er an böse zu lachen. „Endlich, nach all den Jahren!“ Nidhögg kauerte sich auf den Boden und begann plötzlich, seine Gestalt zu verändern. Seine Arme verformten sich und bildeten Schwingen. Sein Kopf wurde länglich und die Augen wurden zu Schlitzen. Qualm stieg aus seinen Nüstern und er funkelte Surt böse an. Vor Surt stand ein riesiger Drache. Er breitete seine blutroten Schwingen aus und spie eine meterlange Flamme. „Nun siehst du, was sie aus mir gemacht haben, doch es hat sich etwas geändert. Dieser verdammte Turm ist nicht mehr länger mein Gefängnis. Jetzt habe ich die Macht, und meine Rache wird furchtbar sein!“ Der Drache schlug so stark mit den Flügeln, dass Surt von den Beinen gerissen wurde und hart an die Wand krachte. Nidhögg hob ab und durchbrach mit einem ohrenbetäubenden Schlag die Außenmauer des Turms. Große Steinbrocken fielen von oben herab und drohten Surt zu erschlagen. Der Thron wurde getroffen und zerbarst in tausend Scherben. Surt rannte so schnell er konnte. Er rannte die Treppen hinab, eilte Gänge entlang und fand schließlich die kleine Vorhalle, in der das Tor nach draußen war. Gerade, als er die Halle durcheilte, kamen links und rechts aus den Gängen scharrenweiße Orger. Sie blockierten den Weg nach draußen! Surt überlegte nicht lange, sondern zog sein Schwert und mähte sich durch die Masse der Angreifer. Stinkendes Blut spritzte ihm entgegen, doch die Angriffe wollten und wollten nicht enden. Schließlich erreichte er die Tür, schob sie auf und sprang ins Freie. Er schlug sie hinter sich zu und verkeilte sie mit einem Brett, das vor der Tür lag. Er suchte verzweifelt nach einem Fluchtweg. Zu seiner Linken war ein steiler Abhang, der im Nichts zu enden schien. Auch zu seiner Rechten ging es steil bergab, obwohl man dort sehen konnte, dass weit unter ihm eine riesige Eisfläche begann. Vor ihm lag eine schmale Treppe, die in etlichen Windungen ins Tal hinab führte und nur durch kleinere Plateaus unterbrochen wurde. Surt nahm immer zwei Stufen auf einmal. Er rannte die Treppe in Windeseile hinab und erreichte das erste Plateau. Kaum hatte er einen Fuß auf den Stein gesetzt, da hörte er Flügelschläge in der Luft. Nidhögg kam im Sturzflug aus dem Himmel geschossen. Er landete vor Surt und breitete seine Schwingen aus. „Zeit zu sterben!“, brüllte er. Surt erspähte neben sich ein Haufen Ritterrüstungen, wahrscheinlich von den tapferen Männern, die versucht hatten den Drachen zu besiegen. Von dort nahm er sich ein Schild und ging so gewappnet auf Nidhögg zu. „Nicht so schnell!“, rief er dem Drachen entgegen. „Ich habe meinen Vater und viele meiner Freunde durch dich verloren. Sie werde ich rächen!“ Der Drache lachte nur und stürzte sich auf Surt. Verzweifelt versuchte dieser Nidhöggs Hiebe abzuwehren, doch schon nach dem ersten Schlag ging Surt in die Knie. Drachenfeuer ging auf ihn nieder und schmolz sein Schild. Er wich immer mehr zurück, in Richtung des Abgrunds. Plötzlich fiel ihm ein, dass er immer noch den mysteriösen Stein des Eisernen Volkes in der Tasche hatte. Hastig zog er ihn hervor und betrachtete ihn. Als Blut von seinem verletzten Arm auf den Stein tropfte, begann dieser plötzlich grell zu leuchten. Nidhögg, dem plötzlich bewusst wurde, dass da etwas nicht stimmte, probierte, auf der schmalen Treppe zu wenden, um wegzufliegen. Doch es war zu spät. Ein greller Lichtblitz fuhr durch die Luft. Nidhögg war geblendet und verwirrt. Als ihn das Zeittor einzusaugen begann, schlug er wild um sich und traf dabei mit seinem Schwanz Surt mitten in die Brust. Surt ging tödlich getroffen in die Knie. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Phantásien war gerettet. Nidhögg war in einer anderen Dimension gefangen. Dass sein Leben jetzt und so abrupt enden sollte, konnte er nicht verstehen, doch er fand sich damit ab. Er war ein Held und es würde viele Lieder und Sagen über seine Taten geben. Er drehte sich auf den Rücken, nahm sein Schwert legte es sich auf die Brust und schloss die Augen. „Mordin, mein alter Freund, ich komme zu dir in die Hallen unserer Väter“, flüsterte Surt. Dann hörte sein Herz auf zu schlagen.
Quellenverzeichnis
Illustrationen:
Titelbild: http://www.drachental.de/gallery/swzburg_.jpg
Alle weiteren Grafiken: http://www.google.de/bilder
Namen der Charaktere:
Surt, Asgard, Nidhögg aus „Die Edda“ von Felix Genzmer (Seite 458-472)