Die Frage nach der ‚Schuld’ an Neils Selbstmord
In diesem Abschnitt sollen zwei zentrale Fragen eingehend behandelt werden:
Zum einen: Wie ist es zu Neils Selbstmord gekommen und welche Faktoren können diesbezüglich identifiziert werden?
Zum zweiten: Wer trägt letztendlich die Verantwortung für Neils Selbstmord?
Neil lebt in einem Spannungsfeld, das sich aus ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen ergibt. Zum einen ist es geprägt durch seine Liebe zum Theater (in bezug auf seine eigenen Wünsche), zum anderen durch einen sehr hohen Leistungsdruck, da er in den Augen seines Vaters nie gut genug sein kann.
Diese beiden unterschiedlichen Vorstellungen sind miteinander nicht vereinbar und haben somit ein grundsätzliches Dilemma für Neil zur Folge, da dieser die Situation nicht entschärfen kann, indem er beispielsweise seine Gefühle vor seinem autoritären Vater zum Ausdruck bringt.
Sowohl Neil als auch sein Vater sind autoritär erzogen worden. Neil gibt seinem Vater in allen Konfliktsituationen nach und versucht, seine Enttäuschungen innerlich zu verarbeiten. Mit dem Auftreten von Keating und der schrittweisen Internalisierung von dessen romantischer Lebensphilosophie entsteht für Neil ein zunehmendes Spannungsverhältnis zwischen der augenblicklichen Situation und seinen eigenen Wünschen. Diese Situation wird noch dadurch verschärft, dass Neil eine Erlaubniserklärung seines Vaters fälscht, um die Rolle des ‚Puck’ überhaupt zu bekommen. Als sein Vater erfährt, dass Neil mit dem Theaterspielen begonnen hat, verbietet er es sofort in drastischer Weise. Da am nächsten Abend die Premiere stattfinden soll, sucht Neil daher Rat bei Keating.
Der Dialog zwischen beiden wird im Folgenden näher analysiert:
Text 1
Keating:
(in seinem Arbeitszimmer) „Was gibt`s?“
Neil:
„Ich habe eben mit meinem Vater gesprochen. Er hat mir das Theaterspielen untersagt. ... Aber das Theater bedeutet mir alles! ... Ich mein` ... aber er ... er weiß es nicht. Na ja, ich kann seinen Standpunkt gut verstehen. Wir sind nicht so reich wie Charlies Eltern, aber mein Vater ... verplant mein ganzes Leben und ich ... Er ... er hat mich nie gefragt, was ich will!“
Keating:
„Haben Sie das Ihrem Vater auch so gesagt wie mir? Ich meine, was Ihre Leidenschaft für`s Theater betrifft. Haben Sie ihm das klargemacht?“
Neil:
„Ich kann`s nicht!“
Keating:
„Warum nicht?“
Neil:
„Weil ich so mit ihm nicht sprechen kann!“
Keating:
„Dann spielen Sie ihm was vor! Sie spielen vor ihm die Rolle des gehorsamen Sohnes. Ich weiß, das klingt unmöglich, aber Sie müssen mit ihm reden! Sie müssen ihm zeigen, wer Sie sind und woran Ihr Herz hängt.“
Neil:
„Ich weiß, was er sagt. Die Schauspielerei ist `ne vorübergehende Laune, die ich vergessen soll.“ (den Tränen nahe) „Sie rechnen mit mir. Zu meinem eigenen Besten soll ich`s mir aus dem Kopf schlagen.“
Keating:
„Neil, Sie sind doch kein Leibeigener Ihrer Eltern! Und dass es keine Laune ist, können Sie Ihrem Vater beweisen, indem Sie ihn überzeugen und begeistern! Machen Sie`s ihm klar! Und wenn er`s dann immer noch nicht glauben will – nun ja -, bis dahin sind Sie mit der Schule fertig und können tun, was Sie wollen!“
Neil:
(schluchzt) „Und was wird aus dem Stück? Morgen Abend ist Premiere!“
Keating:
„Dann werden Sie vorher noch mit ihm reden müssen!“
Neil:
(weint) „Äh ... Gibt es keinen leichteren Weg?“
Keating:
„Nein!“
Neil:
„Ich sitz` in der Falle!“
Keating:
„Nein, bestimmt nicht!“
Keating:
(am folgenden Tag nach der Unterrichtsstunde) „Haben Sie Ihren Vater gesprochen?“
Neil:
(freudig) „Ja ... gefallen hat`s ihm nicht, aber wenigstens lässt er mich mitspielen. Er ... er wird zwar nicht kommen können, denn er ist in Chicago, aber ich denke, er lässt mich weiterspielen!“
Keating:
„Wirklich? ... Haben Sie ihm dasselbe wie mir gesagt?“
Neil:
(lächelnd) „Ja! ... Glücklich war er zwar nicht, aber er ist für wenigstens vier Tage weg.“ (flüstert) „Ich glaube nicht, dass er sich die Aufführung ansieht, aber ... er lässt mich sicher weitermachen. ... Die Schule hat Vorrang!“ (den Tränen nah) „Danke!“ (geht hinaus; Keating bleibt nachdenklich zurück)
Im Gegensatz zu seinem Vater kann Neil bei Keating seine Gefühle mitteilen. Keating analysiert und durchschaut das Verhalten von Neil und seinem Vater („Dann spielen sie ihm was vor! Sie spielen vor ihm die Rolle des gehorsamen Sohnes.“). Keating versucht, Neil Hoffnung zu machen („Nun ja, bis dahin sind Sie mit der Schule fertig.“), verdeutlicht ihm jedoch, dass er das Gespräch mit seinen Eltern suchen muss.
Im zweiten Teil des Gesprächs belügt Neil seinen Lehrer Keating am darauf folgenden Tag, indem er ihm erklärt, er habe mit seinem Vater gesprochen und dieser ließe ihn weiterspielen.
Man könnte vermuten, dass Keating diese Lüge zumindest ahnt, was daran deutlich wird, dass er mit ungläubigem Tonfall ein „Wirklich?“ murmelt. Er geht jedoch im Gespräch nicht weiter auf diese vermeintliche Lüge ein. Wenn Keating hier wirklich Zweifel an Neils Aussage gehabt hätte, dann könnte man ihm in der nachträglichen Beurteilung seines Lehrerverhalten an dieser Stelle einen groben Fehler nachweisen. Hätte Keating an dieser Stelle interveniert, wäre die Katastrophe und somit Neils Selbstmord unter Umständen vermeidbar gewesen.
Diesen Interpretationsansätze teile ich aber ganz und gar nicht. Es würde dem ganzen Verhalten Keatings widersprechen, wenn er Neil tatsächlich in eine solche Katastrophe hätte laufen lassen. Seiner Art des ganzheitlichen Lernens, seinem Bemühen, den Schülern den aufrechten Gang, den eigenen Gang, die Non-Komformität nahe zu legen, diesem ganzen pädagogischen Konzept würde eine solche kurzsichtige Leugnung entgegen stehen.
Zudem läuft Keating nach der Aufführung auf Neil zu, um ihm zu seiner Leistung zu gratulieren und ihn zum Weiterspielen zu ermuntern – und das ohne jede Scheu gegen den anwesenden Vater. Erst dessen Wutausbruch zeigt deutlich, dass Neil ohne väterliche Erlaubnis und ohne die Aussprache aufgetreten ist – offensichtlich in der naiven Hoffnung, sein Vater sei in Chicago und würde nichts von dem Theaterstück erfahren.
Vielmehr muss man aus dem Gang der Ereignisse schließen, dass Mr. Keating überrascht war, dass der Vater so schnell und unkompliziert seine Zustimmung gegeben haben sollte. Wenn diese Überraschung auch zu einer eher vorsichtigen Reaktion und dem ungläubigen „Wirklich?“ geführt hat, so vertraut der Lehrer seinem Vorzeigeschüler und bleibt an dieser Stelle zu vertrauensvoll und unkritisch. Dieses wird er sich im Nachhinein sicherlich vorwerfen – einen objektiven Regelbruch, ein pädagogisches Versagen oder einen objektiven Schuldvorwurf zu konstruieren halte ich aber für sehr zweifelhaft.
Zur Klärung der Frage nach der pädagogischen Verantwortung an Neils Tod sind daher zumindest folgende drei Faktoren zu berücksichtigen:
· Der Selbstmord war letztendlich Neils eigene Entscheidung auf Grund einer für ihn unerträglichen Situation. Seine Angst, auf eine Militärakademie geschickt zu werden, sowie die Enttäuschung über das schnelle Ende seiner Theaterkarriere führten bei Neil zu Panik und schließlich zur Kurzschlusshandlung. Es bleibt aber dabei, dass zunächst und in erster Linie jeder selbst die Verantwortung für sein Handeln trägt. In einer kritischen Betrachtung müsste man hier auch soweit gehen und letztlich feststellen, dass Neil den Ansatz von Mr. Keating nicht verstanden hat: der Selbstmord hat nichts mehr mit „Carpe diem“ oder dem Aufsaugen des Lebensmarks zu tun. Es bleibt – in aller Tragik – ein egozentrisches Verhalten, ohne Rücksicht auf sich und – das ist nicht zu unterschätzen – auf die anderen, die auf ihn bauen. Mut zu haben heißt zunächst ersteinmal, sich den Anforderungen des Lebens zu stellen.
· Schuld liegt in jedem Falle auch bei Neils Vater. Sein autoritäres Verhalten und der Druck, Neil auf eine Militärakademie zu schicken, sind der Auslöser für Neils Selbstmord. Neils Vater versucht – weil er es nicht besser weiß – über seinen Sohn das zu verwirklichen, was er selbst im Leben nicht geschafft hat. Eine in diesem Sinne rigorose und kompromisslose Erziehung zerbricht die Kinder. Dieses Zerbrechen und Zusammenfallen wird ganz deutlich in dem letzten Gespräch, indem Neil noch einmal aufbegehrt und für sich in Anspruch nimmt: „Aber ich muss dir doch erklären können...“ und von seinen Gefühlen sprechen müsste und möchte. Diese Emotionalität wird in einem letzten kühlen Schreiakt des Vaters zerstört – Neil ist mundtot, sprachlos gemacht und wird nie wieder das Wort ergreifen...
· Schuld – hier aber eher in einem abstrakten Sinn – trägt auch das Umfeld. So trägt – durchaus in dem Sinn des im Film zitierten Gedichtes – jeder, wirklich jeder – seinen „Vers“ zum Leben oder Sterben bei. So lässt sich sicherlich feststellen: wäre Keating nicht nach Welton gekommen, hätte Neil niemals die Chance erhalten bzw. wäre Neil niemals in die Situation geraten, dessen romantische Ideen zu verinnerlichen. So lautet ja am Ende der Vorwurf des Schülers Cameron. (Die sich daran anschließende Frage, ob sein ‚innerer Druck’ auf Grund des oben beschriebenen Spannungsverhältnisses dennoch irgendwann so groß geworden wäre, dass eine Katastrophe unvermeidbar geworden wäre, ist nur noch spekulativ.) Auch Mr. Nolan, die anderen Lehrer und die Mitschüler sind in diesem Sinne mitbeteiligt an Neils Verzweiflung. Ob hier jedoch der Begriff „Schuld“ zutrifft, kann angezweifelt werden.
Das Schüler-Lehrer-Verhältnis
oder: Balanceakt zwischen Nähe und Distanz
Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die sich in ihrem Unterricht schwerpunktmäßig auf die Aufgabe des Unterrichtens als Vermittlung von Inhalten beschränken und somit die Anforderungen der Welton-Institution voll erfüllen, versucht der neue Englischlehrer John Keating den Schülern seine auf Romantik und dem Wahlspruch ‚Carpe diem!’ basierende Lebensphilosophie zu vermitteln. Keating versucht, seine Schüler zu Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung sowie Emanzipation zu erziehen, Neil bei seinen Problemen mit seinem Vater zu unterstützen (Beratungsfunktion) sowie beispielsweise im Gespräch mit dem Lehrer McAllister seine Ideen weiterzugeben. Sein Repertoire an neuen innovativen Unterrichtsmethoden scheint unerschöpflich . In welcher Weise Keating in seinem Unterricht auch den Funktionen des Unterrichtens und Beurteilens nachkommt, lässt sich an dieser Stelle nicht weiter analysieren, da es im Film kaum eine Szene gibt, in der Keating Lerninhalte vermittelt oder Noten verteilt. Es lässt sich jedoch zusammenfassen, dass Keating grundsätzlich das Idealbild eines Lehrers verkörpert.
Die Erwartungen der Welton-Institution in den fünfziger Jahren des amerikanischen Bildungswesens beschränken sich im Film jedoch auf die Vermittlung von Unterrichtsinhalten mit dem Ziel, die Schüler auf dem Besuch von Elite-Universitäten vorzubereiten. Es überrascht daher nicht, dass Keating sowie seine Schüler mit diesen institutionellen Erwartungen immer mehr in Konflikt geraten. Dieser Rollenkonflikt auf Seiten des Lehrers und der Schüler mündet zudem in problematische Situationen: Da Keating besonders das Erziehen und Beraten in den Vordergrund stellt und zudem im Vergleich zu seinen Kollegen einen weniger autoritären Erziehungsstil benutzt, entwickelt sich zwischen ihm und seinen Schülern schnell ein Schüler-Lehrer-Verhältnis, das von Achtung und gegenseitiger Anerkennung bestimmt ist. Bei einigen Schülern, die Keatings Lebensphilosophie besonders stark internalisieren, wie z.B. den Mitgliedern des ‚Clubs der toten Dichter’, führt dies schnell zu Bewunderung und Verehrung. Diese gipfelt in einer Szene, in der Keating beim Sportunterricht von einigen seiner Schüler auf Händen getragen wird. Im Film wird diese Szene mit Beethovens Musik ‚Ode an die Freude’ („Freude schöner Götterfunken“) untermalt.
Betrachtet man die Schüler-Lehrer-Beziehung unter dem Aspekt des pädagogischen Bezugs, lässt sich feststellen, dass sie in einem Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz anzusiedeln sind. Problematisch sind in diesem Zusammenhang extreme Ausdrucksformen bezüglich dieses Spannungsfeldes, die besonders im ‚Club der toten Dichter’ auftauchen: Die normale, das heißt: erwünschte und geförderte Schüler-Lehrer-Beziehungen zwischen den Schülern und den Lehrern der Akademie sind durch große Distanz gekennzeichnet. Unterricht wird beschränkt auf Wissensvermittlung. Erziehung beschränkt sich auf Ermahnungen, Anweisungen und Bestrafungen.
Die Beziehung zwischen Keating und seinen Schülern ist jedoch geprägt von gegenseitiger Achtung und Anerkennung , somit von extremer Nähe im Vergleich zu den übrigen Lehrern. Dies kommt besonders in der Szene zum Ausdruck, in der Keating Todd von seinen Selbstzweifeln befreit: Keating berührt Todd mehrmals an Hals und Nacken, hält ihm die Augen zu und dreht ihn im Kreis. Er fiebert regelrecht mit bei den kleinsten Lernschritten seiner Schüler. Konflikte sind in diesem Spannungsfeld unvermeidlich.
Keatings Unterrichtsmethoden
oder: Zwischen Erziehung zur Selbstverwirklichung und Manipulation
Bevor in diesem Abschnitt Keatings Unterrichtsmethoden analysiert werden, sollen diese zunächst kurz beschrieben werden:
Schon Keatings erster Auftritt vor der Klasse ist ungewöhnlich: Er lugt aus seinem Vorbereitungsraum hinaus, bemerkt, dass die Jungen Platz genommen haben und schlendert durch die Reihen in Richtung Ausgang.
Dabei pfeift er die ersten Töne aus Tschaikowskys Ouvertüre - ein Sinnbild für seine romantische Einstellung. Die Jungen folgen ihm in die Eingangshalle. Mit einem Wechselspiel zwischen Witz und tiefgründigen Bemerkungen fordert er sie auf, sich alte Jahrgangsfotos anzusehen und führt sie in seine Lebensphilosophie ein: „Carpe diem! Nutze den Tag! Macht etwas Außergewöhnliches aus eurem Leben, da es vergänglich ist!“ In dieser wie auch in anderen Szenen, in denen Keating beispielsweise Shakespeare in der Tonlage und mit der Mimik von John Wayne rezitiert, wird deutlich: Keating sieht sich weniger als Lehrer, sondern eher als Akteur, Romantiker und Philosoph. Der englische Begriff ‚performer’ dürfte seiner Rollendarstellung am ehesten gerecht werden. Unterstützt wird diese Rolle durch die vortreffliche Ausgestaltung derselben durch Robin Williams, durch dessen schauspielerisches Talent die Person des Lehrers Keating sehr authentisch wirkt.
Keating scheint wenig von traditionellen Unterrichtsformen wie beispielsweise dem Frontalunterricht zu halten:
Er verlegt den Schauplatz seiner Unterrichtsstunden immer wieder ins Freie, beispielsweise auf den Sportplatz oder in den Innenhof der Akademie.
Um seinen Schülern Konfliktfähigkeit beizubringen und um vor zu starker Wissenschaftsgläubigkeit zu warnen, lässt er sie ein Einleitungskapitel zur Beurteilung lyrischer Qualität mit Hilfe eines Koordinatensystems aus den Schulbüchern herausreißen, was von den Schülern zunächst zweifelnd, später unter Beifall und Gejohle aufgenommen wird.
Auf dem Innenhof lässt er die Schüler im Gleichschritt marschieren, um auf die Gefahr der Konformität aufmerksam zu machen. Diese Szene erinnert stark an Formen des militärischen Drills.
Er lässt sie auf das Lehrerpult steigen, um ihnen zu zeigen, dass man die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann und verdeutlicht somit den Wert der Perspektiverweiterung.
Auf den Sportplatz lässt er sie zu klassischer Musik Verse aufsagen sowie Torschüsse ausführen und zeigt somit durch die Verbindung von Sport, Lyrik und Musik Möglichkeiten ganzheitlichen Unterrichts auf.
So pädagogisch wertvoll und interessant diese Methoden auch zunächst erscheinen mögen, erwecken einige dieser Szenen beim Zuschauer jedoch den Eindruck der Indoktrination und Manipulation, zumal Keating als Lehrer wenig in Zusammenarbeit mit den Schülern entwickelt, sondern versucht, seine Lebensphilosophie, die natürlich nicht kritisch von ihm hinterfragt wird, als Vorbild an seine Schüler weiterzugeben.
Es gibt eine Filmszene, die in diesem Zusammenhang besondere Beachtung verdient, da Keatings Unterrichtsmethoden in derselben eine extreme Form annehmen:
Keating: „Und nun, wer ist der nächste? Mr. Anderson!“ (Todd schaut verzweifelt hinauf zu Keating) „Sie scheinen in Agonie verfallen zu sein. Kommen Sie, Todd, treten Sie vor! Erlösen wir Sie von Ihrem Leid!“
Todd: (flüstert) „Es geht nicht. Ich hab’ kein Gedicht geschrieben.“
Keating: „Mr. Anderson hält sich und sein gesamtes Innenleben für wertlos und beschämend. Hab’ ich recht, Todd? Das ist doch Ihre größte Angst! Sie irren sich, glaube ich. Ich glaube, in Ihnen schlummern eine Menge Werte.“
(schreibt an die Tafel) „Ich – höre – mein – barbarisches – YAWP – über den Dächern – der Welt – erschallen – W.W. (Walt Whitman, Anm. ML).“
„Schon wieder mal Onkel Walt. Nun, für alle, die es nicht wissen, ein YAWP ist ein sehr lauter Ruf oder Schrei. Also, Todd, demonstrieren Sie uns jetzt mal, wie das klingt, so ein barbarischer Yawp.“ (Gekicher aus der Klasse) „Kommen Sie, stehen Sie auf, im Sitzen geht das nicht! Na, kommen Sie. Hopp! Nehmen Sie Yawp-Stellung ein!“ (Gelächter)
Todd: „Ein ... ein Yawp?“
Keating: „Nein, nicht irgendein Yawp. Ein barbarischer YAWP!“
Todd: „O.K. ... Yawp.“
Keating: Na machen Sie schon! Lauter!
Todd: „Yawp!“
Keating: „Das war das Piepsen einer Maus! Na los, lauter!“
Todd: „YAWP.“
Keating: (geht auf Todd zu) „Herrgott, Junge, schrei mich doch an!!!“
Todd: „YAWP!!!“
Keating: „Na also, es steckt also doch ein Barbar in Ihnen.“ (Todd will wieder zu seinem Platz gehen) „Nicht doch! So schnell entlass’ ich Sie nicht!“ (Keating hält Todd an der Schulter) „Dieses Photo von Onkel Walt da oben, an wen erinnert es Sie? Nicht denken, antworten!“
Todd: „An einen Verrückten, würd’ ich sagen.“
Keating: (umkreist Todd) „Was für einen Verrückten? Nicht denken, nur antworten!“
Todd: „An einen wahnsinnigen Verrückten.“
Keating: „Aaach! Das können Sie doch besser!“ (überschlägt sich fast im Reden) „Lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf! Setzen Sie Ihre Phantasie ein! Sagen Sie das erstbeste, was Ihnen einfällt! Selbst wenn es Quatsch ist!“
Todd: „Es ist ein ... zahnschwitzender Verrückter!“
Keating: „Gütiger Himmel! In Ihnen steckt ja doch ein Poet!“ ... (flüsternd) „Schließen Sie die Augen! Schließen Sie die Augen! Zumachen!“ (hält Todd mit einer Hand die Augen zu und dreht sich mit ihm im Kreis) „Und jetzt, beschreiben Sie, was Sie sehen!“
Todd: „Ich hab’ meine Augen geschlossen. Sein ... sein Bild treibt auf mich zu.“
Keating: „Ein zahnschwitzender Verrückter, nicht?“
Todd: „Ein zahnschwitzender Verrückter, mit einem Blick, der mein Gehirn durchbrennt.“
Keating: „Oh, das ist gut! Hauchen Sie ihm Leben ein! Lassen Sie ihn was machen!“
Todd: „Seine Hände greifen und würgen mich.“
Keating: (hört auf, Todd zu drehen und hält ihn am Revers seines Blazers) „Ja, gut so! Fabelhaft! Fabelhaft!“
Todd: „Denn er murmelte irgendwas.“
Keating: „Was murmelt er?“
Todd: „Er murmelt Wahrheit.“
Keating: „Jaaa!“
Todd: „Die Wahrheit ist wie ... wie ... wie eine Decke, bei der man immer kalte Füße bekommt.“ (Gelächter)
Keating: „Nicht d‘rum kümmern. Bleib’ bei der Decke. Erzähl’ mir was von der Decke!“
Todd: „Sie ... sie ... sie ist immer zu kurz, egal wie sehr man sie zieht ...“
Keating: „Weiter!“ (Keating kniet fasziniert vor Todd und verschränkt die Arme vor seiner Brust)
Todd: (selbstsicher) „Egal, was du tust, du kannst dich nie ganz mit ihr zudecken und vom Schrei bei der Geburt bis hin zu deinem Tod bedeckt sie nur dein Angesicht, so sehr du auch weinst und schreist in deiner Not.“ (Stille; Keating und Neil schauen begeistert zu Todd; Schüler applaudieren laut)
Keating: (berührt Todd erneut am Nacken) „Vergessen Sie das nicht!“
Keating versucht in dieser Szene, den schüchternen Todd Anderson von seinen Selbstzweifeln zu befreien. Durch die Aufforderung zu einem „barbarischen YAWP“ bringt er Todd zunächst dazu, Gefühle zu zeigen und herauszulassen, wählt dazu jedoch Methoden, die in der Realität fragwürdig wären und auf die sich wohl auch kein Lehrer einlassen würde. Einige der von Keating geäußerten Bemerkungen würden auf unsere Schüler und Schülerinnen wohl weniger selbstwertsteigernd, sondern eher zynisch und kränkend wirken (z. B. „Erlösen wir Sie von Ihrem Leid.“/ „Mr. Anderson hält sich und sein gesamtes Innenleben für wertlos und beschämend.“), zumal Todd in dieser Szene vor der gesamten Klasse - wenn auch mit emanzipatorischer Absicht von Seiten Keatings - bloßgestellt wird. Hier wollen wir dem Film im historischen Sinne gestalterische Freiheiten einräumen – denn ein solches Lehrerverhalten in den fünfziger Jahren wäre wohl immer noch dem autoritären Unterdrückungsapparat des damaligen Schulsystems vorzuziehen.
Zum zweiten hält Keating in dieser Szene an mehreren Stellen keine angemessene Distanz mehr zu seinen Schülern ein, besonders an der Stelle, an der er ihm die Augen zuhält und ihn im Kreis dreht. Auch wenn dieses Lehrerverhalten dem Zweck dient, Todds Konzentration zu verstärken und ihn vor Ablenkung durch seine Klassenkameraden zu schützen, wird von Keating hier eine angemessene Schwelle zwischen Nähe und Distanz durchbrochen. Das Resultat am Ende der Szene ist jedoch sehenswert: Todd hat endlich den „Durchbruch“ geschafft, Keating zeigt tiefste Ergriffenheit und Neil ist fasziniert und freut sich für seinen Zimmergefährten Todd.
Die Botschaft dieser Filmszene kann folglich nicht heißen: „Liebe Lehrer, macht das in Zukunft genauso.“ Vielmehr wird hier symbolisch und exemplarisch angesprochen, dass Schülerinnen und Schüler, wenn sie nicht gefordert und gefördert werden, wenn lediglich Verstand und nicht Geist angesprochen werden, dass dann unter Umständen wertvolles verschüttet bleibt. Außerdem wird deutlich, dass Lehrer, in ihrer Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler, sich einmischen dürfen, ja müssen. Sie können sich nicht zurück -ziehen in die Rolle des Stoffvermittlers. Wer seine Inhalte durchpauken will und dabei vergisst, dass vor ihm Menschen mit Schicksalen sitzen, Menschen in Lebenskrisen, Menschen, die müde oder munter sind, die mit dem Leben hadern oder sich daran freuen .. wenn Pädagogen diese ganzheitliche Menschenbild ausschalten, dann können sie auch nur einen Teil des Menschen erreichen.
Selbstverständlich gibt es hier auch Grenzen, die beachtet werden müssen – Grenzen, die sich aus der Institution Schule ergeben und Grenzen, die sich aus der Achtung vor der Privatsphäre des Anderen ergeben. Hier mit dem nötigen Fingerspitzengefühl zu agieren und in dieser „Grauzone“ den Überblick zu bewahren ist wahrscheinlich sowohl für die Schüler/innen, als auch für die Lehrer/innen jeden Tag wieder aufs neuste die größte Herausforderung.